Google
This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct
to make the world's books discoverablc online.
It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books
are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover.
Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the
publisher to a library and finally to you.
Usage guidelines
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying.
We also ask that you:
+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for
personal, non-commercial purposes.
+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the
use of public domain materials for these purposes and may be able to help.
+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.
+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe.
Äbout Google Book Search
Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web
at |http: //books. google .com/l
Google
IJber dieses Buch
Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde.
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch,
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist.
Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin-
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat.
Nu tzungsrichtlinien
Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen.
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien:
+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden.
+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen
unter Umständen helfen.
+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht.
+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein,
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben.
Über Google Buchsuche
Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen.
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen.
rt\n'
/
i
Dr. Max Freiherr von Oppenheim
VOM JMITTELMEER ZUM PERSISCHEN GOLF.
Öl.. ...
i
Yom B[ittelmeer zum Persischen Golf
DURCH DEN HAURÄN,
DIE SYRISCHE WÜSTE UND MESOPOTAMIEN.
Dr. Max Freiherrn von Oppenheim.
MIT VIER ORIGINALKARTKN VON' DR. RICHARD KIliPERT.
EINER UEÜER.SICinSKARTE
UND ZAHLREICHEN .AliUlLDUXGE.N.
EHSTEI; BAHD.
HERLIX iS(;9.
DIETRICH REIHER (ERNST VOHSEN).
c
Jli!e flechte der Uebersetzung und der Vervielfältigung vorbehalten.
Druck von Otto Eltner, Berlin S.
Vorwort.
Das vorliegende Werk baut sich auf den Tagebüchern auf, die ich
im Sommer 1893 während einer Reise von Berüt durch den Haurän, die
Syrische Wüste und Mesopotamien nach Bardäd und dem Persischen
Golf geführt habe. Doch wollte ich keine blosse Reisebeschreibung
geben, sondern war bemüht, Land und Leute in ihrer geschichtlichen
Entwickelung und in ihrer ethnographischen und religiösen Eigenart zu
schildern. Dabei habe ich es für meine Pflicht gehalten, die reichhaltige
Litteratur, welche Geschichte und Geographie von Syrien und Mesopo-
tamien behandelt und welche neben Werken klassischer griechisch -
römischer und arabischer Autoren sowie moderner arabischer Chronisten
eine ganze Reihe älterer europäischer Reisewerke und sehr zahlreiche
neuere wissenschaftliche Arbeiten umfasst — die zum Teil in schwer zu-
gänglichen Zeitschriften verstreut sind — von F'all zu Fall anzuziehen.
Bei meinen Aufzeichnungen habe ich auf die genaue Feststellung
der arabischen Orts- und Personennamen Bedacht genommen, die ich
an Ort und Stelle von einem gebildeten Syrier in arabischen Lettern
niederschreiben Hess. Diese Arbeit wurde von mir dauernd überwacht
und bereits unterwegs, wenn sich die Gelegenheit bot, auf ihre Richtigkeit
geprüft.
Die dem Buch beigegebenen Karten sind von Herrn Dr. Richard
Kiepert gezeichnet, den ich dazu gewinnen konnte, ein kartographisches
Gesamtbild von Syrien und Mesopotamien auszuführen, für welches ausser
den Ergebnissen meiner Reise auch die übrigen bisher veröflentlichten
Resultate der geographischen Wissenschaft über jene Gebiete und zahl-
reiche bisher unedierte Manuskriptkarten verwertet sind. Die mühevolle
Arbeit, der sich Herr Dr. Kiepert in dankenswertester Weise unterzog,
hat ihn länger als anderthalb Jahre in Anspruch genommen.
\''[ Vorwort.
Besonderen Dank schulde ich meinem verehrten Lehrer, Herrn
Professor Dr. Moritz, der die Güte hatte, die von mir mitgebrachten
arabischen Namen und die Transskriptionen im Text und in den Karten
zu kontrollieren. Ebenso bin ich Herrn Professor Dr. Hart mann für die
Revision eines grossen Teiles der vorkommenden Namen während der
Drucklegung verpflichtet.
Die von mir gesammelten Pflanzen, die mir als Vertreter der
Sommerflora der Syrischen Wüste und Mesopotamiens von Interesse
schienen, sind durch Herrn Professor Dr. Ascherson bestimmt, und ich
verweise diesbezüglich auf den dem zweiten Bande beigegebenen bota-
nischen Kxkurs. Die Pflanzen haben in dem Herbarium des Herrn Pro-
fessor Dr. Schweinfurth Aufnahme gefunden. Die dem Werke bei-
gegebenen Illustrationen sind zum Teil nach eigenen Aufnahmen, zum
Teil nach Photographien und Zeichnungen angefertigt, die von den Herren
Burchardt, v. Carnap, Koldewey, Konsul Lütticke, Dr. Reinhardt.
Dr. S tu bei in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt oder ander-
weitig erworben wurden.
Wiederholt habe ich die Welt des Islam durchstreift: meine Reisen
haben mich vom Atlantischen Occan bis zum Ganges und nach Zanzibar
und Deutsch -Ostafrika geführt, und in Kairo habe ich, im arabischen
Viertel wohnend, mehrere Monate hindurch in ausschliesslichem Verkehr
mit Kingeborencn meine Studien des Arabischen und der muhamme-
danischen Sitten und Anschauungen zu vervollständigen gesucht. Ein
vorläufiger Bericht über die Reise, die den Gegenstand dieser Blätter
bildet, i.st nebst einer Routenkarte in Petermanns Geographischen Mit-
teilungen 1896 erschienen. Dass die Herausgabe des vorliegenden Werkes
sich bis jetzt verzögert hat, erklärt sich dadurch, dass die ganze Anlage
meines Buches mich zu eingehenden Studien nötigte. Dazu kam, dass
ich im Frühling des Jahres 1896 meinen Wohnsitz nach Kairo verlegen
musste, wo mich meine amtlichen Obliegenheiten völlig in Anspruch
nahmen. Inzwischen habe ich wiederholt in Svrien greweilt und da-
durch Gelegenheit gehabt, mich über die neuesten F*ortschritte und
Ereignisse im Lande, insbesondere die Aufstände der Haurandrusen, zu
unterrichten.
Der erste Teil meiner Darstellung umfasst den Weg von Bcrut
durch den Ijaurän und die dahinterliegendc Steinwüste il Harra, welche
ich von Sali bis Dumer auf einer fast durchweg neuen Route durch-
kreuzte, wobei es mir gelang, die Safavulkane zu besteigen (Kap. I — VI).
Der zweite Teil führt von Dumer zunächst nach dem Bir Zubede, so-
dann nach Karjeten durch ebenfalls noch unbekanntes Terrain und darauf
über Palmyra durch die Syrische Wüste nach Der ez Zur am h^uphrat
(Kap. VII bis IX). Hiermit schliesst der erste Band.
Vorwort. VII
Den dritten Teil bildet die zum grrossen Teil neue Route durch
Mesopotamien, an den Flüssen Chabür und C^arg^ar entlang nach Xe:5ibin,
zu dem damals nördlich des Sin^ar lagernden Schanimarschech Färis
und weiter durch die mesopotamische Steppe nach Mösul (Kap. X bis XIII).
Der vierte und letzte Teil umfasst die Flossfahrt den Tigris stromabwärts
nach Bardäd und die Fahrt nach Ba.sra und durch den Persischen Golf
(Kap. XIV bis XVIII).
Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass die folgenden Blätter als
Beitrag zur Kenntnis des heutigen Syriens und Mesopotamiens einer nach-
sichtigen Aufnahme begegnen werden.
Kairo, im März 1899.
Max Freiherr von Oppenheim.
Transskription des arabischen Alphabets.
Für die Umschreibung der arabischen Buchstaben ist das folgende
System angenommen worden, das sich im allgemeinen der von den
meisten deutschen Orientalisten und namentlich der Deutschen Morgen-
ländischen Gesellschaft befolgten Transskription anschliesst. Es dürfte
fiir die deutsche Wiedergabe der arabischen I^ute genügen, wiewohl die
Anwendung von Doppelbuchstaben (mit Ausnahme von ch und seh),
sowie griechischer Buchstaben etc., welche vielfach beliebt sind, ver-
mieden worden ist.
b
t
t ^wie d;Ls enji^lischo th)
g jneist wie französisches j.
ilaneben auch wie dj, d.sch.
fj oder j"
b wie scharfes h
ch wie im deutschen Worte
Rache«
d
d .'wie weiches t
r Zungen-r, K dramatique]
Z wie das fran/. weiche z"^
s
seh
S .wie verstärktes s'
Q .^mit l'Jmphase zu sprechen]
t mit Emphase zu sprechen
d, Z
/ein eigentümlicher, scharfer
Kehllaut;
r ^weiches, in der Kehle zu
sjirechendes r
f
k dialektisch g, isch
k
I
m
n
h
w, li
Der arabische Artikel wird in Syrien il (id, ir, is, it etc.), in
Mesopotamien dagegen gewöhnlich el (ed, er, es, et etc.) ausgesprochen.
Da viele Kigennamen im Arabischen ursprünglich Appellativa sind, so
sollten diese eigentlich sämtlich mit dem Artikel versehen sein. Da
aber über diesen Punkt bei den Arabern selbst keine Uebereinstimmunj:^
herrscht und auch bekannte Ortsnamen, wie Mösul, von den einen mit.
von den andern ohne Artikel gesprochen werden, habe ich in dem
vorliegenden Buche solche Namen bald mit, bald ohne Artikel wieder-
gegeben, je nachdem, wie sie gerade in den betreffenden Gegenden
selbst gewöhnlich gesi)rochen wurden.
is des ersten Bandes.
>citc
[. Kapitel. Berüt und das Libanon-Gebiet i
Die Stadt Berüt. — Stmssenleben. — Baustil. — Geschichte von Berüt. —
Der Hafen. — Nach ("^lünije. — Die syrische Bevölkerung. — Keli^onen und
Sekten in Syrien. — Missionen. — Schulbildung-. — Die christlichen Syrier. —
Die Auswanderung. — Die arabische Presse. — Französische Sprache in
Syrien. — Frankreich und die Maroniten. — Sonstige internationale Be-
ziehungen. — Deutsche in Syrien. — Handel und Schiffahrt. - - Syrische
Eisenbahnen. - Der Schienenweg Berüt — Damaskus. — Libanon und Anti-
libanon. — Syrische Sommerfrischen. — Bet id Dm, die Sommerresidenz des
Libanon -Gouverneurs. — Ba^al^lin und Der il Kamar. — Das Reglement
organique des Libanon -Bezirkes: Verwaltung, Gerichtsverfassung, Finanzen,
Militär. — Mein Aufenthalt in Berüt 1893. — Mit der Diligence nach Schtörn.
— Syrischer Weinbau. — Ba'albek. — Im Hause des Habib Pascha Mufrän. —
Ankunft in Damaskus.
IL Kapitel. Damaskus und Aufbruch zur Reise 49
Die Lage der Stadt. — Geschichte von Damaskus. - Alte Baudenkmäler.
— ■ Die Häuser und ihr Inneres. — Europäischer Kinfluss. — Bazare und
Chane. — Damaskus als Sammelpunkt der Pilgerkarawanen. — Gewerbfleiss. —
Handel. — Die (>ärten. — Einwohnerzahl. — Christen und Muhammedaner. —
Europäische Kolonie. — Kleidung und Strassenleben. — Der wilde Hund. —
Erholungsstätten. — Genussmiltel im Orient. - Schech Seijid il Giläni. —
Bruderschaften in der arabischen Türkei. — Verwaltung und Garnison. — Die
. Umgebung. — Organisation meiner Karawane. — Mein Personal. — Die
Wasserfrage. — Sonstige Ausrüstungsgegenstände. — Der .Aufbruch. — Mit
der Eisenbahn nach Schech Miskin. — Ungünstige Xachrichten. — .Vnkunft
ira Zeltlager.
III. Kapitel. Der H^turan und seine Hauten Sj
Haurän als geographischer und politischer Name. — Die I.lauran-Ebene
(NuVra). — Der (iebel I.Iauran. — Die Trachone. — Die Leyja. — Die Harra
und die Diret it Tulül. — Die Städtewüste des Haurän. — (reschichte des
Haurän. — Höhlenbewohner. — Jemenische Einwanderer. — Tenuchiden,
Gafniden, Rassaniden. — Korns Oberhoheit, die Aera Bostrensis. — Die
Sassanidcn im Haurän. - Die muhammedanische Invasion. — Die zweite
Blütezeit des Haurän zur Zeit der Kreuzfahrer. — (ränzliche Verödung. —
Die Neubesiedlung durch die Drusen. — Die Ilauränbauten. — Vermischung
X Inhaltsverzeichnis.
Seite
griechisch-römischer Kunst mit jemenischen Gedanken. — Babylonisch-assyrische
Anklänge. — Persische Einflüsse oder selbständige Weiterentwicklung. — Syrien
und der Haurnn als Wiege der arabischen Kunst.
IV. Kapitel. Die Drusen und ihre Geschichte 109
Allgemeine Charakteristik der drusichen Religion und des Drusenvolkes. —
Ethnographische Stellung. — Die Litteratur. — Mündliche Mitteilungen eines
gebildeten Drusen als Quelle der folgenden Darstellung. — Einzug der süd-
arabischen Hirenser unter Emir *Aun in Svrien. — Emir Arslnn führt seine
Leute in den Libanon, in das Gebiet der Marditen. — Weitere arabische Ein-
wanderungen. — Tenüch, *Alem id Din, Ma*n. — Nichtarabische Zuzüge:
(lumblät. *Amäd, Nakad. — Der Stammbaum der Arslan. — Der Mangel einer
Erbfolgebestimmung als Grund der Auflösung des Reiches Mubamme<1s. —
Die Kämpfe der Omaijaden und der Abbasiden. — Die Stellung der Perser. —
Sektenbildung in Persien. — Die Inkamutionstheorien und der Chalif Man^ür. —
Die Zindi|>. — Die Idee des Mahdi. — IsmaMlier. — 'Abdallah ibn Maimün. —
Sein l^hrsystem. — Flucht aus Persien und Festsetzung in Salamja in Syrien.
— I.Iamdän der Karma( ibn Abmed. — Sa*id *(;)beidalläh il Mahdi begründet
<lie Herrschaft der Karmaten in Nordafrika. — Salamja von den Abbasiden
aufgehoben. — Karma^ische Beduinen suchen Zuflucht im Libanon. — Lahsa
in Bahren, Sitz des Karmatentums. — Zusammenstoss der Fatimiden und ilor
Babrener. — Die Chalifen Mo'izz und '.\ziz. — Der Chalife lläkim, «1er
Wiederbeleber des IsmaMliertums. — Sein Priester id Darazi flüchtet nach
Svrien und findet am Wädi it Tem die ersten Anhänyrer. — Uamza. Der
Alte vom Berge und die Assassinen. - Die Noseirier. — Die Dnisen. —
Statistik. — Das dru.sischc Religionssystem. — Beziehungen zum Islam. —
Drusischo Moral. — Feudalsystem. — Familien und Kasten. — Die Tracht. - -
— Die (ieschichte des Libanon. — Die Ma'n. — Die Schihab. - Fachr iil Dm I.,
Korkmas und Fachr id Dm II. — Kaisi und Jemeni. — Die Schlacht bei
*Aindära, Auswanderung der Jemeni nach dem I.Iaurnn. — Jczbeki und (iumblaji.
— Die egyptische Invasion. - Emir Beschir Schihab I. — Zweimalige Flucht
nach Eir>'pten. — Aufstaml und Ende des Beschir Guniblai. — Mubammed *Ali
wird Herr in Syrien. - Aufstand der I.Iaurandruseu. — Das Ende der egy]>-
tischen Herrschaft in Svrien. — Emir Beschir Schihäb wird nach Malta
gebracht. — Die Entwicklung der Beziehungen /wischen Drusen und Maroniten.
— Emir Beschir Schihäb II. — Kämpfe zwischen Christen und Drusen. —
Verwaltung.srefi)rm im Libanon. — Der französische Generalkonsul und «ler
maronitische Patriarch. — Die Blutbäder in Hasbejä und Der il Kamar. —
Die Intervention Europas, die Neuordnung der Dinge im Libanon. — Neue
Parteibildungen, Scha|>räwi und Samadi. — Frankreichs und Englands Stellung
zur syrischen Frage. — Die I.Iaurändrusen. -- Plünderung von Bu.^r il Harin.
— Erstes Eingreifen der Türkei und Verwaltungsreform im llaurän. — Schibli
il Atrasch. — Die Belagerung der Türken in Mezrä'a. — Generalpardon untl
neue* Flmpörung. - Die K:issara und die Zarräba. — Die Mission Edhem
Paschas. — Die Schlacht bei Kirate. — Umgestaltung der Vorwaltung und
Demütigung der Drusen. — Die Schlacht bei *Ijün. — Die Belagerung von
Suwedä. — Die .Vufregung in Damaskus. — Der Kampf am Teil il Hadid. - -
Der Fall Suwedäs. - Die Schlacht am Teil il Kuleb. — Der Fall von .Schuh ba.
1— Unterwerfung der Drusen. — Gegenwärtiger Zustand im Haurän.
InhalUTcnekhiiii.
V. Kapitel. Durch das Haurän-Gebirgc (Oebel id Dniz) . . 184
Bufr il l^ariri. — [1 Meira'a. — SnwedS. — IbmhEm P;ischa i1 Alraich. —
Gin Feitmahl bei den Drusen, — II RanawSl. — 'Ire. — ^ieiDcrrin. — Boi^rn
Eski SchSni. -_ fisJchad. — Schcch Mnbnmined il A^tkich, — Körneratrosseii.
— Sali. — Die Nekropole bei Siili.
VI. Kapitel. Harra und SafS 213
EnropäJBche Forschungsreisende in der Kntibc. — Die Kis;. — Aufbruch
von Sali. — Sa'ne. — Der Eintritt in die l.lurra. — Die Wusserslelle il
Ijafaie. — Die l^leb. — Ein Zwiachenfall. — Ein Znsummenitoss mit den Kint. —
Friedliche Lösunir. — Netnüra. — Sehech SerSIf. — Die Ruljbe. — Im Zeltlager
der V.xi(. — Die Ucsteij.'UDil der Siifnberue- — I'ie Choschiw. — Tulul if Safn.
— Die Zuncla'u. — Niederlassungen auf der ^ata. — Klora und I''.iuna, — Kaft
il Abjad. — Schlechte Gaatfreunile. — N'eui.' Sch«ierii.'keilen. ~ IIlt Aufliruch
aus der Rabbe. _ Der Bir Lmm il Räljil. — Der t'lebel Sea und seine Kuinen. —
Der östliche 'I'rachon. — Ankunft in l.lumer.
VII. Kapitel. Von IJumcr nach I'almyra 252
Dumer. — Tempel. — Nürdlichste nabatäischc Inscbrilt. — W liste npost. —
Abschied von Dablän. — Durch diu »Thidmuldc« des llamnd. — 11 Mak^ura. —
Chan Abü'sch Schnmät. — Chane und Kischlas in der Wüsle. — Der Zubcdu-
Brunnen. — Abu '1 llajaja. — Das Gi;birge iwischeii Duinör und I'almyra. —
Die Vulkane il 'Abd wil '.\bdc. — Der kaiu am Ilufeijir. — 11 Karjeten. — Das
Wüslenschlosa Ka^r il l.lcr. — 'Ain il Uuclä. — Snndslurm. Das Gräberlhal
von Palniyra.
VIII. Kapitel. I'almyra 2;S
Der Name l'almvrn - Tudiiiur, — Die [.ai;i-' und die hntsli-hunc der
Stadt. — PalmjTa als Centrum tles 'rranailhandcls der .Syrischeu WUste, —
Wohliland und Kürgersion. - Trjchten der allen Halmyrener, ^ Thi.nsiej.tl
und Inschriften. — Sprache und Kinwulinersühafl. — Die Stellung l'almyraa
lu Rom. - Hairanrs I„ Odenath [., Ilairanes II., ndenalh 11. -- Kampfe diT
Römer und Palmyrener get'en den Peraerkünii; Sapor. — Die IJIan/.ieii
Palmyras. — Die K^migin Zcnobia. — Ihre A^s'^mmunu und Persönlichkeit. —
Kämpfe mit Kum. — Kaiser Aurclian. ~ Niederlage Zeiiobias in Kßypten. —
Die Schlacht in der Ebene von "Amt. — Zenobias Flucht. — Bclacerung und
Fall Pal myras. — Zenobias DcmütiipinK und Enilc. — l'abnyra wird ehriatlieh,
— Der Isiuzug des Islam. — P^ilmyra bei den arabischen Ucographen di'S
Mittelalters. — Wieilerentdeckun^ der ' lasenstadt durch europäische Reisende. —
Die Ruinen von Palmyr». — Die Säuleiialleen und der Sonnen loinpel. - - Die
Grubtürmc. — Mumien. — Das i>al-al ibn Ma'n. — Quellen und Itninnen. —
Das moderne Tudmur.
IX. Kapitel. Von Palmyra durch die Syrische Wü.stc zum
Kuphrat 3^'^
Aufbruch von I'almyra. — Der SalMee, — Der Mama.!. — Hiiheniiluc im
llamäd, — Krck. — Suchne. — II Mul)«fir. — Eine Karawane in der Steppe.
— Fat« Morcana. ■ - It Gabagib. — Ankunft in Der ci Zur ain Euphrat. —
Der e* Znr einst und jetit. ^ Der Verwaltungsbeiirk von ed l)er, —
.Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mntejarrif Snlifi Pascha. — Nä'iira und Gird.
Verzeichnis der Abbildungen im ersten Band.
Mein Zelt rilelbild
I. Kapitel.
Seile
Berüt 2
FeUeninschriften am Nähr il Kelh . . .... 7
Syrische Typen 13
Christliche Syrierin . 15
Maronitischer Patriarch ... 16
Libanon-Landschaft ^Vollbild' 22
Auf einer Kisenbahnstation im Libanon 23
Schwefät im Libanon (Vollbild' .... 26
Das Serai von Bteddin ... 28
Bteddin 29
Das Serai von Bteddin A'ollbild' .... .... 30
Der il Kamar .... 31
Na'*üm Pascha, Gouverneur des Libanongebietes, in seiner Drat^oner-Kaseme ... 34
Libanon-Militär .... 40
Syrische Typen . . 42
Ba'albek ^VoUbild; 42
Der Jupitcrtempel von Ba*albek . . ... 44
Das Innere des Jupitertempels in B:i*albck Vollbild] . . 46
Bild des Helios aus Ba'albck (im Besitze des Berliner Museums' 47
II. KapiteL
Damaskus .... 50
Damaskus und die Vorstadt Sälibije .^Vollbild; ... 50
Damaskus: die Omaijadcn-Moschee vor dem Brande . .... ... 54
Damaskus: das Innere der Omaijaden-Moschee vor dem Brande ^Vollbild, .... 54
Damaskus: Reste eines Portals der alten Kirche (im Bazar neben der Omaiiaden-
Moschee} . 55
Damaskus: Inneres eines Hauses 5^
Damaskus: Hof eines Hauses (Vollbild) 58
Strasse in Damaskus 60
Arabischer Gelehrter in seiner Bibliothek 61
Damaskus: die ^osse Tekkije am Baradä 62
Damaskus: die alten Bazare I lalle des sop^enannten Griechen- Bazar^ 63
Aus dem Midän in Damaskus 64
Verzeichnis der Abbildungen.
XIII
S«ic«
Damaskus: CitadcUe und Bazare (Vollbild) 64
Strasse in der Vorstadt Sälibije (Vollbild) 66
Damaskus: Frauen im Strasscnkostüm 6$
Damaskus: chrislliche Frauen 69
Damaskus: der Serai-Platz 75
Türkisches Militär, Syrisches Bataillon in Konstantinopel (Vollbild) 76
Mein Bef^lciter Man^ür 78
Modell eines Wasserkastens 82
Bemalter marokkanischer Thonkrufr, eine Zemzemije darstellend (Vollbild) .... 82
Emir »Abd U Kädir 85
III. Kapitel.
Muhammedanischcr Hauränbauer 88
Steinernes llaus aus dem ilaurän 92
Inschriftenstein aus Negrän am Südrand der Lcgä 93
I9 Sanamen 94
Aus der christlichen Zeit des Ilaurän 95
Sabäische Bauten im Haurnn .^Vollbild^ 96
Stein mit nabatäischer Inschrift aus 'Ire 97
*Atil im Haurän (VollbilcO 100
Aus den Ruinen von *Atil im Ilaurän 101
Aus den Ruinen von Teil Lö .;im Besitze des Louvre' 102
Ruinen von 'Atil .Vollbild' 102
Hütten in Der bäfir bei Aleppo 103
Rohkonstruktion von Bauten aus assyrischer Zeit (nach Layard) 103
Aus den Ruinen von Meschitta (VollbiUr; 104
Aus den Ruinen des Kasr il Abjacl 105
Aus den Ruinen von 'Atil im Ilaurän 106
Aus den Ruinen von Teil il 'A^fiir (^östlich der Legä) 107
IV. Kapitel.
Druse aus dem IJbanon
Glassief^cl des Chalifen iläkini
Burg Salima im Libanon
Drusen aus dem Libanon
Dnisenmädchen aus dem Libanon (Vollbild)
Dnisisches Paar in Damaskus ....
Der il Kamar und Bteddin .Vollbild' .
Druse ans <!eni Ilaurän
Hauränbeduine iNa'emi"^ ......
Haurändrusen (Schech Hu^en il Atrasch)
Beduine aus dem Haurän ....
Schibli il Atrasch
Drusen aus Megdel Schems ....
Schech Hasan il Hagari von Kanawät .
III
129
>39
141
142
»43
162
166
166
167
168
170
172
«74
V. Kapitel.
Ruine Dubesc bei Suwedä
Stein aus Suwedä . . .
187
18S
XIV Verzeichnis der Abbildangen.
Seite
Mitglieder der Familie A(rasch und dmsische Zaptije in Sawedä 190
Dmsenmahlzeit 192
Tempel bei Kanawät 194
Die *Omar-Mo8chec in Bo^rä (Vollbild) 19S
Bosrö ,'Vollbild^ 200
Aus den Ruinen von Bo?rä 201
Die Burg von Salchad 204
Minaret in Salchad 207
Schech Mubammed Na^^är 211
VI. Kapitel.
sieb (Vollbild) 220
Kiät-Beduinen bei der Kamelschur ^Vollbild' 224
Zelt der Riät-Beduinen 225
Die Oase Kubbe und das Lobf der SsLfh ;^ Vollbild; 226
Das Weisse Schloss in der Rubbe 226
1$ Safä 229
Plateau der Safä mit dem Krater Meräti 232
Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 235
Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe A'oUbild' 236
Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 236
Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Ruhbe 237
Aus den Ruinen des Weissen Schlosses in der Rubbe 237
Beduinenfrauen, Wasser holend 241
^Jebel Ses (VoUbUd^ 242
Die Umgegend des (itbcl Ses (Kartenskizze^ 244
Ruinen am Cicbel Ses 245
Grundriss einer Ruine am (iebel Ses 246
Das Kastell am (iebel Ses 247
VII. Kapitel.
Tempel in Dumer .Vollbild) 252
Plan eines Hauses in I)umer 253
Syrische Bauern .... 254
Syrische Dorfbewohner (Vollbild' 254
Modemer Chan 261
Bir, Ziehbrunnen in der Wüsie 262
Karjeten (Vollbild^ 26S
Karjeten 269
Palmyrenische Figur im Hause des Schech zu Karjelcn 270
Steppe von Karjeten (Vollbild] 272
Kischla bei »Ain il Bedä 274
Da» Wädi il Kubür 276
VIII. Kapitel.
Palmyra (Vollbild) 27S
Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 279
Au» den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 282
Palmyra: Säulenstrasse (Vollbild) 2S2
Verzcichnifl der Abbildunf^en. XV
Soite
Die pjosse Säulenstrasse in Palmyra 283
Männliche Büste aus Palmyra 284
Ans den Ruinen von P«ilin>Ta (nach Wood, Vollbild' 284
Weibliche Büste, Grabrelief aus Palmyra (im Besitze des Berliner Museums) .... 2S5
Weibliche Büste, Grabrelief aus Palmyra, 230 n. Chr. (im Besitze des Berliner Museums) 2S5
Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood, Vollbild) 2S6
Ans den Ruinen von Palmyra (nach Wood, Vollbild) 28S
Thorboj^en (nach Wood) 290
Münze des Wahballät, in Alexandrien gepräc^t (aus dem Kgl. Münzkabinett zu Berlin) 296
Münze der Zenobia, in Alexandrien geprägt (aus dem Kgl. Münzkabinett zu Berlin) 296
Der Sonnentempcl von Palmyra 300
Plalmjrra: Triumphbogen 302
Aus den Ruinen von Palmyra .^nach Wood) 309
Palm3rra: Triumphbogen 310
Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood, Vollbild; 310
Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood, Vollbild) 310
Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) ....311
Deckenstücke aus Palmyra (nach Wood) 311
Der Sonnentempel von Palmyra 312
Palmyra: Eingangsthor des Sonnentempels ^Vollbild) 312
Aus den Ruinen von Palmyra (.nach Wood) 313
Aus den Ruinen von Palmyra (nach Wood) 314
* Locnli eines Grabturmes 314
Loculi mit Büsten 314
Schech Mubammed 'Abdallah von Palmyra 316
IX. Kapitel.
Das Wasserholen bei einem Bir in der Wüste 325
Armenische Kirche in Der ez Zör (Vollbild) 330
.Syrischer Geistlicher mit Familie in Der ez Zör «33'
Chan in Der ez Zör (Vollbild) 332
Nä»üra 333
öird 334
Stammtafel der Emire aus dem Hause Arslan 116
Karte der Verwaltungseinteilung des autonomen Bezirks des Libanon .... 32
Uebersichtsskizze am Schluss des Bandes in Tasche
Karte von Syrien und Mesopotamien, Westliches Blatt » >> » » » »
I. KAPITEL.
Berut und das Libanon -Gebiet.
Pie Stadt Berüt. — Strassenleben. — Baustil. — Geschichte von Bcriit. — Der Hafen. —
Nach fjünije. — Die syrische Bevöikerunjj. — Reliß^ioncn und Sekten in Syrien. — Missionen.
— Schulbildung^. — Die christlichen Syrier. — Die Auswanderuni^. — Die arabische
Presse. — ^französische Sprache in Syrien. — Frankreich und die Maroniten. — Sonstij^e
internationale Beziehungfen. — Deutsche in Syrien. — Handel und SchifTuhrt. — Syrisclie
Eisenbahnen. — Der Schienenweg Berüt — Damaskus. — Libanon und Antilibanon. —
Syrische Sommerfrischen. — Bet id Dln, die Sommerresidenz des Libanon-Gouverneurs. —
Ba'a!|j:lTn und Der il Kamar. — Das R^j^lement orjjanique des Liljanon- Bezirkes: Verwaltun;^,
Gerichtsverfassung:]^, Finanzen, Militär. — Mein Aufenthalt in Berüt 1893. — Mit <ler Diligence
nach Schtörä. — Syrischer Weinbau. — Ba'albek. — Im Hause des Habib Pascha Mu|rän.
— Ankunft in Damaskus.
Berut C^ir' ^^^ gegenwärtig die grösste und bedeutendste Hafenstadt
Syriens. Ihre Lage am Mittelländischen Meer ist ausserordentlich reizvoll.
Sanft steigen die Häusermassen auf welligem Terrain das Uferplateau
hinan. Die eng gebaute, kleine Altstadt wird von ausgedehnten neuen
Vierteln und Vororten umgeben, die sich mehr und mehr mit Baum-
gruppen und Gartenanlagen schmücken. Im Hintergrunde wird die Stadt
von dem malerischen Höhenzuge des Libanon abgeschlossen, der zahllose
kleine, mit üppigster Vegetation bedeckte Thaleinschnitte, Olivenwäldchen
und zwischen dem Grün hervorblitzende Dörfer und einzelne Häuser dem
Blicke zeigt. Die ganze Umgegend von Berüt bietet ein Bild äusscrster
Fruchtbarkeit und fleissigster Kulturarbeit.
Zw^ei Kilometer landeinwärts hinter der Stadt zieht sich eine isolierte,
langgezogene, schmale Sandzone hin. Auf dieser liess der mächtige
Fürst der Drusen aus dem Hause der Ma'n^), Fachr id Din, im sieb-
zehnten Jahrhundert Pinienwaldungen anlegen, um das benachbarte
") Vcrffl. Kap. IV dieses Werkes S. 143 ff.
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer iura Persischen Golf.
2 Kap. I. Die Siadt Berat. — Struieiilebeii.
Humu^ebiet vor weiterer Versandung zu schützen'). Die eigenartiKen
Bäume mit ihren herrhchen, dunkelgrünen Gipfelkronen haben sich
ausgezeichnet entwickelt und sind von der fast allgemeinen Waldver-
wüstung in Syrien verschont geblieben. Unweit davon liegt am Nähr Kerüt
Ojj- ji ein mit den mannigfaltigsten Blumen und Zierbäumen ge-
schmückter öffentlicher Garten, der den Namen seines kürzlich in London
als türkischer Botschafter verstorbenen Begründers trägt, des heute noch
in Syrien In bestem Andenken stehenden Rustem Pascha. Hier liebt es
die elegante Welt Berüts, sich nachmittag.* zu vereinigen, um den Klängen
der Kapelle des Libanon-Militärs zu lauschen.
Das Gepräge der in stetem Aufblühen begriffenen Stadt Biinit ist
fast ganz europäisch geworden. Wohl la.s,sen uns die bunten, von dem
I Teile der Bevölkerung beibehaltenen Trachten und die zahl-
losen roten Fez*) -Tarbusche im übrigen schon nach abendlandischem
Brauch gekleideter Muhammedaner und eingeborener Christen nicht ver-
gessen, dass wir uns im Orient befinden. Aber statt der flachen Terrassen-
dächer und vergitterten Haremsfenster vieler anderer Städte der islamischen
Welt erbhckt man überwiegend mit roten Ziegeln gedeckte Giebel und
an den Fenstern luftige, grüne, zweiteilige Läden, die bei muhamme-
'' Vercl. Kitter. Die Enlkunde im VerhiUlnis zur Nilur und iiir (jeschichtc des
Menachen. oder Alluremelne vercl eichen Je Geoir'aphie. XVII. Teil, Berlin 1854, S. 430 u. 431.
*) Die heule in Europa allcemein f>ebräuchlichc BeieichnnDC iFe» für die in den
verschiedensten Formen vorkommende, lost in der ^nten maharamedanischeu Well übliche
rote Kopfbedeckung hal niit Fes, der Hauptstadt von Marokko, nichts mehr zu than, »euii
auch der Name auf Fes als den ursprüngliche u F.nbrikatioDiort hindeuten mag. Die heutigi-n
Feze stammen fast durchwein ans Furop:i. insheaoodere *a* Oesterreich; in der Stadt Fes
werden nur apilz lulaufende Tarhusche aus iriobeni rotem Fils mit kleiner blauer .Seiden-
quBste herceBleilt, welche hauptsächlich von den marokknnischen Soldaten unter einem
irrossen weissen 'l'nrban gctraeen werden.
Kap. I. Baustil. ^
danischen Häusern in den für die Frauen bestimmten Gemächern natürHch
stets verschlossen gehalten werden.
Die neuen Strassen in Berüt sind breit angelegt und abends mit
Gas beleuchtet. In den älteren und ärmeren Stadtteilen muss man sich
auf abendlichen Gängen in den engen, krummen Gässchen noch mit dem
Fänüs, der Laterne, voranleuchten lassen. In einer und derselben Strasse
stehen oft neben niedrigen kleinen Hütten zwei- und mehrstöckige grosse
Gebäude.
Berüt hat bereits gut eingerichtete Klubs, sowie zahlreiche, prächtig
ausgestattete Paläste, welche völlig den Charakter unserer europäischen
Privathäuser tragen, so beispielsweise diejenigen, welche von den reichen
einheimischen christlichen Familien Sursock, Bustros, Tweni bewohnt
werden. Dagegen haben sich merkwürdigerweise die Hotels trotz des
starken Fremden- und Touristenverkehrs, mit Kairo und Konstantinopel
verglichen, auf einem primitiven Standpunkt erhalten.
Der Baustil der neuen Häuser in Berüt sucht sich dem Klima
in ähnlicher Weise wie in vielen Gegenden Südeuropas anzupassen.
Besonders charakteristisch ist die im Parterre und dem oberen Stock-
werke vorkommende grosse Mittelhalle, Dar, die oft die ganze Tiefe des
Hauses einnimmt und in welche sämtliche Zimmer einmünden. Die sehr
grossen und hohen, nach oben meist bogenförmig verlaufenden Fenster
des Dar pflegt man nach der Strasse zu mit kunstvollem Eisengitterwerk
zu zieren. Manchmal ist die Halle durch Säulen und Glasfenster ge-
teilt, die in einen nach hinten gelegenen Raum (Liwän) führen.
Ein europäisches Theater besitzt Bcrut nicht, wohl aber mehrere
Caf^s chantants, in denen Bänkelsänger, französische Chansonetten und
böhmische Damenkapellen sich hören lassen. Die Mitglieder der letzteren
sollen in der Levante vielfach ihr Glück machen und hier in den Hafen
der Ehe einlaufen. Selbstredend fehlt es auch nicht an orientalischen
Kaffeehäusern, in welchen arabische Musik gemacht wird. Viele Läden
sind nach europäischem Muster eingerichtet; mehrere Apotheken, fran-
zösische Schneiderinnen und Modistinnen sind am Orte. Fast alle euro-
päischen Artikel, allerdings meist nicht in bester Qualität, werden verkauft»
und der Reisende kann sich, mit Ausnahme wissenschaftlicher Instrumente,
mit aUem Nötigen versehen. Der Buchhandel ist dagegen noch sehr
zurückgeblieben, von europäischen Werken dürften schwerlich andere als
fromme Schriften und französische Romane ^) zu haben sein.
') Uebrigens fand ich später bei nieineni Eintritt in Indien in der jjrossen Hafen-
stadt Karatschi eine kaum grössere Auswahl von europäischen Büchern, und es war mir un-
möglich, dort irgendwelche wissenschaftliche oder auch nur touristische Littenitur über Indien
zu beschafifen.
A Kap. L Geschichte von Berüt.
Berüt') ist eine uralte phönizische Handelsstadt. Zur Römerzeit
blühte hier eine berühmte Rechtsschule, die mit denen von Athen und
Alexandria wetteiferte und an welcher unter anderen Ulpian lehrte.
Schon damals war Berüt durch seine ausgedehnte Seidenraupenzucht
und seinen Seidcnhandel bekannt Unter Justinian, am 20. Mai 529,
wurde die Stadt durch ein grosses Erdbeben, dem auch viele andere
Städte Syriens zum Opfer fielen, vollständig zerstört
Im Mittelalter hat Berüt keine besondere Rolle gespielt Nach dem
Verfalle von Antiochien war das reiche Damaskus die alles absorbierende
Kapitale Syriens, und bis in dieses Jahrhundert war Tripolis der belebteste
Ankerplatz der syrischen Küste. Einerseits gewährte Tripolis den Schiffen
besseren Schutz als Berüt mit seiner unsicheren Rhede, andererseits bot
sich von dort durch die natürliche Einsenkung zwischen dem Libanon
und dem Noscirier - Gebirg^e (öebel in Nu§airije <> jvurjl , lu>-)*) ein
leichterer Zugang zum Hinterlande.
Im Jahre 1832 fiel Berüt mit Syrien in die Hände der siegreichen
egyptischen Truppen unter Ibrahim Pascha und verblieb bis 1840 unter
egyj)tischer Herrschaft. Erst seit dieser Zeit datiert das eigentliche Auf-
blühen der Stadt. Bald nach dem Wegzuge der Eg\pter begannen die
Streitigkeiten zwischen den libanesischen Christen und Drusen, und viele
Christen des Libanon siedelten schon damals nach Berüt über. Unter
dem Schutze der konsularischen Vertretungen Hessen sich auch zahlreiche
Europäer dort nieder. Als die Streitigkeiten zwischen den Drusen und
Christen zu den Massacrcs von 1860 führten, flohen die eingeborenen
Christen in grosser Anzahl aus dem Innern nach der Küste, und es er-
folgte eine weitere Masseneinwanderung nach Berüt. Die Einwohnerzahl
der Stadt, welche im Anfange dieses Jahrhunderts nur wenige Tausend
betrug, wird gegenwärtig auf 100 000 geschätzt, von denen mehr als
zwei Drittel Christen sind. Das Verhältnis zwischen den Christen und
Muhanimedanern ist in Berüt kein gutes, im Gegensatze zu manchen
anderen Städten des Orients, in welchen die Muhammedaner das
Uebcrgewicht haben. Blutige Zusammenstösse zwischen Angehörigen
der beiden Religionsgemeinschaften gehören in Berüt nicht zu den
Seltenheiten.
Berut ist die Hauptstadt eines türkischen Wilajets (Provinz). Dem
Wali (unserem Oberpräsidenten etwa entsprechend) von Berut unterstchen
'; Vertjl. Ritter a. a. O. S. 55 ff., 62 ff., 432 ff.
*'* Die Eingeborenen dieses Gebirges nennen sich jedoch nicht Noseirier. sondern
»Fille^iD« (Felläbin, d. h. Kauern;. Vergl. Hartmann, in der Zeitschrift des Deutsclien
Palästina -Vereins, W., S. 152.
Kap. I. Der Hafen. c
die vier Mute§arrifs (Regierungspräsidenten) von *Akkä, Nablus, Tripolis
und Lädiljifje. Regierungsgebäude (Serai) und Kaserne sind neue prächtige
Bauten.
Dem Uebelstande der schlechten Landungsstellc hat man durch
den Bau eines Kunsthafens abzuhelfen versucht, der jedoch in viel zu
kleinem Massstab ausgeführt worden ist. Die von einer französischen
Gesellschaft hergestellten Anlagen waren trotzdem so kostspielig, dass
die Hafen- und Quaigebühren, denen sowohl die einlaufenden Schiffe,
als auch die einzelnen ein- und ausgehenden WarenkoUi unterliegen,
ausserordentlich hoch sind. Um einen Teil dieser Auflage zu ersparen,
halten sich die Dampfer vielfach ausserhalb des Kunsthafens auf,
während zahlreiche Segelschiffe mit Waren, die für den nördlichen
Libanon bestimmt sind, einen etwa zwei Stunden nördlich von Berüt,
schon im Libanon-Gebiet gelegenen, kleinen, natürlichen Hafen, Günije
., aufsuchen. Günije, das in der letzten Zeit bereits zu einer
stattlichen kleinen Stadt herangewachsen ist, wird noch mehr an Be-
deutung gewinnen und Berüt weiteren Abbruch thun, sobald die im
Bau begriffene, einer französischen Gesellschaft gehörige Dampftram way-
Bahn Saidä — Berüt— Tripolis vollendet sein wird^). Gegenwärtig geht
die Bahn nur von Saidä bis Günije ; alle zwei Stunden fährt ein Zug,
und die Gesellschaft macht bei dem regen Güter- und Personenverkehr
gute Geschäfte.
Günije ist bereits seit einiger Zeit mit Berüt durch eine an der Küste
sich hinziehende gute Fahrstrasse verbunden, welche jetzt bis Batrün
03 J^ , dem alten Botrys, führt und gleichfalls bis Tripolis J^ \^
weiter ausgebaut werden soll. Dieselbe überschreitet auf einer schönen
Steinbrücke den malerischen Nähr il Kelb »^Jl^l j^ (»Hundeflussc).
•
Unmittelbar südUch der Mündung des Hundeflusses treten die Ausläufer
des Gebirges als jäh abfallende Felsen dicht an das Meer heran. Hier,
wo schon seit dem frühesten Altertume die Verkehrs- und Heerstrasse
von dem nördlichen Syrien nach dem Süden entlang führte, haben sich
eine grosse Anzahl von Königen und Heerführern durch Inschriften ver-
ewigt*). Neben den Hieroglyphentafeln egyptischer Pharaonen finden sich
Keilschrifttexte der assyrischen Grosskönige und Inschriften römischer
Imperatoren, sowie auch eine allerdings schlecht erhaltene griechische
Inschrift. Auch ein General Napoleons III. hat seine Landung in Syrien
*) VergL unten S. 22.
*) Vergl. A. T. Kremer, Mittelsyrien und Damaskus, Wien 1853, S. 229 ff. Lortet,
La Syrie d'aajonrd'hni, Paris 1884, S. 657.
6 Kap. I. Nach <^!ünije.
im Jahre 1860 «in dieser Stelle verzeichnet Die Inschrift*) lautet.
wie folgt:
1860— 1861.
Napoleon III.
Kmperkur des Fran^ais.
ARMKE FRANgAISE.
General de Beaufort de Halttoll.
COMMANDANT KN CHEK.
Colonel Osmont.
f.'KEF D'EtAT MAJOR-GtN^RAL.
Gf^nkral Ducrot.
(.'OMMANIJANT l/ INFANTERIE.
50 UE Lh;NK. 2e Gf.NIE. icr HUSSARDS.
13c DE Lignf:. IC d' Artillerie. icr Ciiassei'rs d'Afriqle.
i6e Bat^^ Chasseirs. io« d' Artillerie. 3^ Chasseurs dWfrique.
icr ZoiAVEs. Services Admlnistratifs. 2c Spahis.
Die heutigen Syrier sind zum grössten Teil als Nachkommen der
alten Aramäer anzusehen, die im Lande angesessen waren, soweit wir
die Geschichte zuriickverfolgen können. Inzwischen hat das aramäische
Blut aber vielfach Beimischungen erhalten. Die griechisch-römische Zeit
wird nicht vorübergegangen sein, ohne Spuren in dem Rassenverhältnisse
der Bevölkerung zu hinterlassen. In den leicht zugängHchen Ebenen,
sowie in den grossen Städten der östlichen Landesteile ist das aramäische
Element schon in der vorislamischen Zeit mit arabischen Einwanderern
stark vermischt worden.
Zur Zeit Muhammeds war Syrien, abgesehen von einzelnen jüdischen
Gemeinden, christlich, eine Provinz des byzantinischen Kaiserreichs. Seit-
dem ist ein grosser Teil der einheimischen Bevölkerung zum Islam über-
getreten. Bald nach der Hi^ra wird aus Arabien und der ganzen
islamischen Welt ein grosser Zuzug nach dem zur Chalifenstadt der
Omaijaden erhobenen Damaskus und überhaupt nach Sxrien stattgefunden
haben, während andererseits von hier zahlreiche Syrier mit den Heeren
der ersten Glaubenseiferer nach dem Norden und Osten, vor allem aber
nach Nordafrika und Spanien gewandert sein mögen. Die im Lande
verbliebene syrisch -muhammedanische Bevölkerung hat im Laufe der
Jahrhunderte sodann naturgemäss durch Beziehungen und Verheiratungen
^) Ich venlanko die Abschrift dem früheren danischen Konsul Herrn Loyived
zu Berüt. Professor Hartmann teilt mir mit, duss die französische Inschrift ersichtlich aut
ricr Stelle einer früheren IIierogl)'phentafel eingemeisselt ist.
Kap. I.
e »yrische Bevöllcerunf:.
mit türkischen, tscherkessischen , vereinzelt auch mit schwarzen Frauen
namentlich in den Städten starke Beimischungen erfahren; im grossen und
ganzen zeigt sie gegenwärtig arabischen Charakter. Die Türken sind fast
nur als Beamte und Offiziere in Syrien vertreten, die kurdischen, tscher-
kessischen und bulgarischen Gemeinden, aus Einwanderungen der jüngsten
Zeit stammend, sind untergeordneter Art. Die alte aramäische Rasse hat
sich am reinsten in den gebirgigen Teilen des Libanon und Antihbanon,
und zwar vorzüglich bei der dortigen christlich gebliebenen') Bevölkerung,
erhalten.
Mit der Einführung des Islam gewann die arabische Sprache immer
mehr die Oberhand. Gegenwärtig spricht und schreibt fast die ganxe
Bevölkerung Syriens, welchen Glauben sie auch bekennen mag, aus-
schlies-shch arabisch; nur in einigen wenigen, abgelegenen Bergdörfern
des Antihbanon wird noch heute aramäisch gesprochen. Im übrigen
ist das Aramäische in Syrien nur noch als Kirchensprache bei einzelnen
Sekten gebräuchlich*). Auch die Juden, welche in Syrien vielfach, so
z. B. in Damaskus, seit Jahrtausenden bestehende Gemeinden bilden,
sprechen, abgesehen von den in den letzten Jahrzehnten in immer
') Eimelne ehrislliche syrische Fii
das heilige Land gekommeiieD fränkische
*) Gewisse Teile des Messbuches der
Dnd die Epiilcln, werden in nrabiacher Spmchi
Schreibart wird Kanchäni Kenannt.
Rittern ob stammen.
er Maronilen, Jas EvHngclium , das l'.iler
syriüchen Itachstabeo geschriebea.
S Kap. I. Religionen und Sekten in Syrien.
Stärker werdender Einwanderung aus Europa nach Palästina zurück-
kehrenden Israeliten*), ausschliesslich arabisch.
Unter den Muhammedanern Syriens haben verschiedene ultra-
schiitische Sekten fruchtbaren Boden gefunden, von welchen diejenige
der Assassinen, der Anhänger des »Alten vom Berge c, infolge der Kreuz-
züge in Europa am meisten von sich reden gemacht hat*). Bis auf die
heutige Zeit haben sich sogen. Isma*ilier, Metäwile (PI. von Mutwäli),
Noseirier und Jeziden (sogen. »Teufelsanbeter«) in Syrien erhalten; im
Libanongebiet und im Haurän leben die Drusen zu vielen Tausenden.
Alle diese Religionsgemeinschaften stehen in mehr oder minder enger
Beziehung zu den in den ersten Jahrhunderten der Hig^ra besonders in
Persien entstandenen mystischen Sekten, die aus der Verquickung von
Ideen und Gebräuchen des Christentums, des Islam und der Ueberreste
heidnischer Lehren, des Zoroastrismus und des Buddhismus, verbunden
mit ganz neuen Erfindungen, hervorgegangen sind^).
Ueberhaupt scheint Syrien von jeher einen fruchtbaren Boden für
das Sektenwesen abgegeben zu haben. Die zahlreichen, heute noch dort
vorkommenden christlichen Sekten*) legen hierfür Zeugnis ab. Neben
lateinischen (römischen) Katholiken finden wir in besonders grosser
Anzahl und vorzüglich im Libanongebiet Maroniten, ferner Jakobiten,
unirte Syrier, griechisch -Orthodoxe und griechisch -Katholische (Melkiten),
Armenier teils von der nationalen gregorianischen Kirche, teils katho-
lische und protestantische; schliesslich Kopten und einige wenige Abessinier.
Bei der Entstehung der Religionsgemeinschaften, welche Zweige der
römisch-katholischen Kirche bilden, sind seitens der Kurie verschiedene
Konzessionen gemacht worden; die meisten haben ihren orientalischen
Ritus beibehalten. Die Maroniten z. B. haben die Berechtigung, Priester
zu werden, auch wenn sie schon verheiratet sind; eine nachträgliche
Priesterehe ist jedoch verboten. In letzter Zeit werden besonders grosse
Anstrengungen gemacht, die sämtlichen orientalischen Kirchen wieder
unter Rom zu vereinigen; indessen ist es ausdrücklich untersagt und
mit schweren Kirchenstrafen bedroht, die Angehörigen einer der orien-
talischen, bereits mit Rom vereinigten Riten zum Uebertritt in die
lateinische Kirchengemeinde zu bewegen. Es soll vorgekommen sein,
^) In letzter Zeit sind ^osse Länderkomplexe am Ostabhange des Hermon von
Baron Alfred Rothschild in Paris angekauft, die Ansiedelung neu einwandernder Juden ist
jedoch in letzter Zeit verboten worden. Ueber jüdische Kolonien in Syrien vergl. Zeitschr.
des deutschen Palästina-Vereins passim.
«) Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 130 ff.
») VerfirL Kap. IV S. 120 f. und Kap. XIII dieses Werkes.
*} Vergl. Parisot, Les rites orientaux, Amiens 1896 Extrait de la Re\Tie des Sciences
cccl^siastiques).
Kap. I. SchulbililuD);. o
dass ein ganzes maronitisches Dorf zum Protestantismus übergetreten ist,
um dann erst lateinisch zu werden.
Die Bildung des Klerus der orientalischen Sekten steht zum grossen
Teil auf einer ausserordentlich niedrigen Stufe, und sie zu heben,
ist eine Hauptaufgabe der von den verschiedenen christlichen Bekennt-
nissen unterhaltenen Missionen. Eine eigentliche Propaganda wird von
letzteren mit Erfolg nur bei Anhängern anderer christlicher Konfessionen
gemacht. Die Versuche, Muhammcdaner und Drusen zu bekehren,
müssen als nahezu aussichtslos bezeichnet werden.
Von katholischen Missionen finden wir vor allem die ausserordent-
lich mächtige Jesuitenmission mit dem Sitze in Berüt und Stationen in
Ksärä \jLj bei Schtörä \jJili\, Zahle aU-J» Bekfeijä LiA», Damaskus,
Razlr ^ j^j Hammänä \i\^ \ ferner Franziskaner in Jerusalem und in
Berüt; Kapuziner in Damaskus und Berut; Lazaristcn, Vinzenz- und
barmherzige Schwestern in Berüt, Brummänä lUj' u. s. w.; Schwestern
vom guten Hirten in Berüt, Hammänä u. s. w. ; Frcres des ecoles chrc-
tiennes in Berüt, Jaffa vil, Jerusalem, Haifa U.j>-, Nazareth, Tripolis
-Jl \^, Lädikije O^^t u. s. w. Amerikanische Missionen sind in
Berüt, Schwefat Cj^ »-^^ und Hammänä stationiert; Anglikaner in Saidä,
Damaskus und in einigen, insbesondere drusischen, Dörfern; deutsche
Diakonissinnen befinden sich in Berüt, endlich Russen in verschiedenen
Orten Syriens, wenn auch vorzüglich im eigentlichen Palästina ^).
Die meisten der vorgedachten Missionen sind mit niederen Schulen
verbunden. Die höchste Schulbildung vermitteln die Jesuiten und die amerika-
nischen Protestanten in Berüt, sowie die Lazaristen in *Antüra (*Ain Türä
\j A^jjlP) oberhalb Günije im Kesrawän. Die Jesuiten haben in ihrem
prächtigen, palastartigen Gebäudekomplex in herrlicher Lage der Stadt die
sogenannte Josephs-Universität errichtet. Hier werden ausser dem gewöhn-
lichen Unterricht medizinische, theologische und philosophische Fachstudien
betrieben, die freilich schon wegen der geringen Vorbildung der
Studenten sich in ihren Resultaten nicht mit den europäischen messen
^) Unter der Bezeichnung^ »Syrien« wird im allj;emeinen die Gej^end verstanden, die
im Westen vom Mittelmeer, im Norden vom Taurus, im Osten von Nordmesopotamien bezw.
der arabischen Wüste begrenzt wird, und zwar vielfach mit Einschluss von Palästina; in
diesem Werke ist Palästina unter dem geographischen Namen »Syrien« nicht mit einbegriffen.
lO Kup. I. Die christlichen Syrier.
können. Die Universität erteilt den Doktorgrad. In der amerikanischen
Hochschule, die gleichfalls weite, luftige Gebäude besitzt und ebenso
wie die Jesuitenanstalt Schüler im Internat aufnimmt, wird namentlich
Medizin gelehrt Die Berechtigung, dass die Zöglinge nach bestandenem
Examen in der Türkei ohne weiteres als Aerzte zugelassen werden, haben
beide Anstalten noch nicht erlangt, die Studierenden müssen sich viel-
mehr zu diesem Zweck noch einer staatlichen Prüfung in Konstantinopel
unterziehen. Sowohl Jesuiten wie Amerikaner besitzen Druckereien, von
denen sich besonders die katholische um die Verbreitung arabischer
Lehrbücher und Schriften ausserordentlich verdient gemacht hat. Die
Missionsschulen können von Mitgliedern aller Religionsparteien auf-
gesucht werden.
Ausserdem bestehen noch zahlreiche muhammedanische Schulen in
Syrien. Es ist jedoch nicht zu verkennen, dass gerade die Christen in
Syrien sich besonders stark zum Unterricht herandrängen. Die mannig-
fachen Gelegenheiten, sich bilden zu können, und die Billigkeit des
Unterrichtes haben allerdings zur Folge gehabt, dass die christlichen
Syrier sich immer mehr vom Ackerbau abwenden. Nach Absolvierung
des elementaren Unterrichtes ziehen sie möglichst nach den Städten, um
höhere Schulen zu besuchen, oder auch sich sofort dem Kaufmannsstande
und verwandten Berufen zu widmen. Im allgemeinen ist die Bildung,
mit welcher sie sich begnügen, keine sehr tief gehende: kaum sind
einige Sprachkenntnissc erlangt, so sollen diese nutzbar gemacht werden,
und der Gelderwerb beginnt. An dem Unterricht nehmen die syrischen
Frauen, sowohl Christinnen, als Muhammedanerinnen*), noch weniger
Teil als die Männer.
Der Wandertrieb der alten Phönizier scheint noch heute in der
christlichen Bevölkerung Syriens fortzuleben. Besonders seit den Christen-
Massacres von 1860 hat eine steigende Wanderung, und zwar namentlich
aus dem Libanon über das Meer, stattgefunden, wiewohl das Libanon-
gebiet seit 1861 unter eigenem christlichen Regiment steht. In den
letzten Jahren richtete sich die Wanderung vorzugsweise nach Nord-
amerika; in Chicago, New- York u. s. w. haben sich schon seit längerer
^) Ich möchte aber diese Gelegenheit benutzen, um der in Kuropa vielfach ver-
breiteten Ansicht ent^^^e^enzutreten, als ob die modernen muhammedanischen Frauen in allen
Teilen der islamischen Welt in ihren Harems ein Leben führen, das noch nichts von der Kultur
des XIX. Jahrhunderts anji^cnommen habe. Sowohl in Konstantinopel, wie in den türkischen
Provinzen und in Kopten bestehen Schulen für muhammedanische Frauen. In einzelnen
reicheren Häusern wird durch Privatunterricht für eine möglichst j^te Erziehunj; der junjjeii
Fräulein in ähnlicher Weise ^esorf^^t, wie in den christlichen Familien. Die durch den Koran
{gegebene Erlaubnis, vier Frauen ^leichzeiti^^ zu halten, wird in den gebildeten Kreisen nur
äusserst selten benutzt, und schon die Vorschrift des Koran, dass der Gatte alle seine Frauen
in jeder Beziehunfir gleichmässi^ zu behandeln hat, weist die Muhammedaner, welche nicht
Kap. L Die Auswanderung. I i
Zeit grössere syrische Kolonien festgesetzt, die jetzt mehrere eigene, in
arabischer Sprache erscheinende Zeitungen besitzen. Auch in Süd-
amerika und sogar in Australien und Japan finden sich Syrier in Mengen ;
vereinzelt sind sie auch in verschiedenen Badeorten Europas zur Zeit der
Saison zu treffen. Sie betreiben hauptsächlich Hausierhandel mit orienta-
lischen Kuriositäten, angeblich in Jerusalem geweihten Rosenkränzen und
Holzartikeln, welche Reminiscenzen an das heilige Land und den Libanon
darstellen, Gegenstände, die sie teils aus der Heimat mitbringen, teils in
Marseille vorfinden. Zuweilen verschleissen sie auch billige Waren der
betreffenden Gegenden. In Australien ist die Konkurrenz der Syrier
bereits als gefährlich für die Händler kleinerer Städte bezeichnet worden.
Hin und wieder lassen sich Syrier auch im Auslande nieder, um von
dort aus den Export der in dem betreffenden Lande fabrizierten Gegen-
stände nach ihrer Heimat in die Hand zu nehmen. So haben sich zu
diesem Zwecke in verschiedenen Orten Englands mehrere vermögende
christliche, aber auch muhammedanische syrische Kaufleute etabliert.
Im allgemeinen aber kehren die christlichen syrischen Auswanderer nach
einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurück. Es dürfte vielleicht schon
zu hoch gerechnet sein, wenn man alles in allem die Zahl der Aus-
wanderer, die im Auslande verbleiben, auf ein Eünftel beziffert. Allein
nach Amerika sollen in der letzten Zeit bis zu loooo Syrier jährlich aus-
gewandert sein. Der weitaus grösste Teil der Auswanderer sind Männer.
Der Grund für die Auswanderung eines grossen Teils der Libanon -
Bevölkerung lag zunächst darin, dass der Boden des Libanon-Gebietes,
trotzdem er bis in die kleinsten bebaubaren Parzellen ausgenutzt wird,
nicht genügend Erträgnisse lieferte, um die sich immer mehr steigernden
Bedürfnisse seiner Bewohner zu befriedigen. Die Preise für die Produkte
verschiedener Kulturen, so vor allem des Maulbeerbaumes und der
Seidenraupenzucht^), sowie des Olivenbaumes, sind in den letzten Jahren
stark gesunken. Das Beispiel der guten Erfolge der Wanderungsreisen der
sehr vermöjjend sind, darauf hin, meist mit einer Frau sich zu bepfnüp^en, die an dem Wohl
und Wehe ihres Gatten auch in peistij^er Beziehung: teil nimmt Die Möjrlichkeit, männliche
Verwandte zu sehen, jjiebt den Damen auch im Harem Gelegenheit, nicht ausschliesslich
mit Geschlechtspfenossinnen ihre Gedanken auszutauschen. In Konstantinopel bestellt sop^ar
eine zweimal wöchentlich erscheinende , für muhammedanische Frauen bestimmte Zeitunir
»Hanymlara Mach$üs Gazetta«, deren Inhalt ausschliesslich von muhammedanischen F*rauen
verfasst wird. Nur der Modenteil brinp^t Uebersetzunjijen aus europäischen Fachzeituni^en.
Die Damen der elep^anteren Harems in Konstantinopel und Kcrypten haben bereits wie im
Haushalt so auch in der Kleidung^ europäische Sitten angenommen und sollen leider auch
anfangen, an den einenj^enden Toilettenstücken unserer Frauenwelt Gefallen zu finden.
*) Im allgemeinen werden die Cocons nach Lyon zur Weiterverarbeitung^ f^esaudt, in
letzter Zeit sind jedoch mehrere Seidenfabriken in Syrien und speziell im Libanon selbst
entstanden.
1 2 Kap. I. Die Auswandeninj:^.
Libanesen wirkte geradezu magisch auf die unternehmungslustigen christ-
lichen Syrier, so dass jetzt oft ganze Dörfer nahezu vollständig von ihrer
im kräftigsten Mannesalter stehenden Bevölkerung verlassen werden.
Allein aus Za^le, einem der grössten Orte des Libanon-Gebietes, sollen
mehrere tausend Einwohner in Amerika und anderen Ländern abwesend sein.
Thatsächlich bringen es die Syrier in der Fremde sehr bald zu einem für
ihre Verhältnisse leidlichen Wohlstande, der es ihnen ermöglicht, während
der Zeit ihrer Abwesenheit mehr oder weniger grosse Geldbeträge an
ihre Familien zu senden, und nach ihrer Rückkehr in ihrem Heimatsdorf
oder in einer der Küstenstädte sich ein Haus zu bauen und ein Geschäft
zu betreiben. Die Ottomanische Hank soll in der letzten Zeit gegen
200 000 türkische Pfund jährlich an Beträgen, welche im Ausland lebende
Syrier eingezahlt haben, an deren in der Heimat zurückverbliebene \"er-
wandte übermitteln.
Der maronitische Klerus sieht diese Bewegung mit scheelen Augen
an. Er hatte sich gewöhnt, eine durchaus leitende Rolle selbst in den
Familienangelegenheiten der Bewohner des Libanon-Gebirges zu spielen,
und fürchtet mit Recht, dass der Aufenthalt in der Fremde dem Eingang
freier Ideen günstig ist, und dass nicht nur die Heimgekehrten,
sondern auch deren Familienangehörige sich immer mehr von der
Geistlichkeit emanzipieren. Aber auch die türkische Regierung steht der
Auswanderung feindlich gegenüber, insbesondere deshalb, weil es häufig
vorgekommen ist, dass Syrier im Auslande unter gänzlicher Entstellung
der wirklichen Thatsachen und obwohl sie aus dem unter einem christ-
lichen Gouverneur stehenden Libanon -Gebiete stammen, sich als Märt>Ter
der türkischen Beamten darstellen, um das Mitleid der Fremden zu er-
wecken und dadurch Geld zu verdienen. Die Regierung hat deshalb
die Auswanderung verboten. Doch gelingt es den Syriern immer wieder,
Mittel und Wege zu finden, um die Heimat zu verlassen. Vielfach wird
das Verbot dadurch umgangen, dass die Auswanderungslustigen sich zu
Lande nach Mersina, Alexandrette oder Jaffa begeben, da nur die Häfen
von Berüt, Tripolis und Haifä-'Akkä in dieser Hinsicht regierungsseitig
überwacht werden. Fast sämtliche Auswanderer benutzen die Schiffe der
Messageries Maritimes, auf welchen sie, ohne in Egypten umsteigen zu
müssen, nach Marseille befördert werden, von wo aus die nach Nord-
amerika Weiterreisenden zunächst den kostspieligen Landweg nach Havre
einschlagen.
Die Auswanderung der Syrier nach anderen Gegenden der Levante,
namentlich nach Egypten, trägt einen ganz anderen Charakter. Besonders
in dem letztgenannten Lande finden die Syrier dieselbe Sprache, dieselben
Sitten, ein ähnliches Klima wie in ihrer Heimat vor, und viel häufiger
als in den entlegeneren Ländern anderer Zunge machen sie sich hier
Kap. I. Die AiiiwiinderuD}r.
13
sesshaft. Die Einwanderung von Syriern nach Egypten, vvelclie schon /iir
Zeit Muhammed 'Alis eine nicht unbedeutende war, hat seit den Kreignis.-ien
von 1860 einen grösseren Umfang gewonnen. Seit der Olckupation
Egyptens durch England erfuhr diese Hewegung eine weitere Steigerung:
die in Egypten angestellten hohen englischen ISeamten schenkten den
christlichen Syriern, die im Lande, trotzdem sie arabisch sprachen, als
Fremde betrachtet wurden und bei den lüngeborenen im allgemeinen
wenig behebt waren, besonderes Vertrauen, und viele Syrier erhielten auf
Grund ihrer in Herut erworbenen Kenntnisse des Französischen oder
Englischen eine amtliche Anstellung im Nillandc. Man Undet sie jetzt in
fast allen egyptischen Ministerien i\n(\ provinziellen Kegicrungsämtern,
sowie als Dolmetscher in der Armee u. .s. w,, meist jedoch nur als mittlere
oder niedere Beamte, in seltenen Fällen in den hüchstcn Aemtern. Im
G^eusatz zu den Armeniern und Kopten hat es in Eg\])tcn noch kein
Syrier zu einem Ministcrportefeuillc gebracht. Die Zahl der im egyptischen
Staatsdienst thatigen Syrier dürfte gegenwärtig mehrere Tausend betragen,
trotzdem vor einigen Jahren gewisse erschwerende Bedingungen für ihre
Anstellung eingeführt worden sind'). Ein gros.ser Teil der Redakteure
*) Id jÜDf^ler Zeit streben Hie in J^ii^plen
trelODg in der Aiiemblfe g^niirale und dem Cuns
woh:
irisllichen Syri
Ic^islatif Eu7pten9 an.
eine Ver-
Ij. Kap. I. Die arabische Presse.
der in arabischer Sprache erscheinenden egyptischen Zeitungen sind
christliche Syrier^).
Einzelne der in Berüt, Egypten und überhaupt in der Levante an-
sässigen syrischen Kaufleute haben es zu grossem Reichtum gebracht
und zeichnen sich durch europäische Bildung und vollendete Umgangs-
formen aus. Im eigenen Lande aber leben die syrischen Christen zum
grossen Teil noch nach ihren altpatriarchalischen Gewohnheiten, die \or
allem in den abgelegenen Dörfern mit denen der dortigen Muhammedancr
fast übereinstimmen. Nach gethaner Arbeit sieht man dort die christlichen
Frauen wie die Männer häufig in süssem Nichtsthun auf Polstern oder auf dem
blossen Boden kauern und die Wasserpfeife rauchen. Der Hausherr
nimmt seine Mahlzeiten vielfach noch fiir sich, mit seinen Gästen oder
mit seinen envachsenen Söhnen ein, während die Frauen nach den
Männern mit den jüngeren Kindern zusammen essen. Es wird nicht
gern gesehen, wenn erwachsene, unverheiratete Christinnen beiTage Besuche
machen, und in Orten, wo Christen mit Muhammedanern zusammen wohnen,
verschleiern sich auch die christlichen Frauen vielfach heute noch.
Die Einrichtung der christlichen wie der muhammedanischen Häuser
in den syrischen Dörfern ist nach unseren Begriffen in den meisten
Fällen sehr dürftig. Sie besteht fast ausschliesslich aus Matten und
Teppichen auf dem Estrich, ferner aus Divanen und niedrigen Taburetts.
Die Bettmatratzen werden in Mauernischen aufbewahrt und abend-^
*) Die arabische Presse hat sich in E^'pten in der letzten Zeit ausserordentlich stark
entwickelt. An der arabistischen Bewcjifun)^: hatten muhammedanische Schechs durch die
GrUndauf^ von Zeitan}i;'en einen nicht unwesentlichen Anteil. Als die en;;^lische Okkupation
der Niederwerfung des Militär-Anfstandes folj^te, kam das Zeitunc^swesen fast i^anz in die
Hände christlicher Syrier, die auch heute noch zum weitaus überwiei^enden Teil die Sache
der englischen Besetzung des Nilthaies verfechten. Die «belesenste arabische Zeilum^ dieser
Richtung, von Syriern redigiert, ist der Kairenser Mol^attam. — Gegcnwärtii^ erscheinen in
Kairo allein über 60 arabische Tageszeitungen, Wochenschriften und wissenschaftliche Revuen,
die zum Teil eine recht beträchtliche Auflage haben. Einige eg>'ptische, von Muhammedanern
in streng religiösem Sinne geleitete Zeitungen, so der Moaijud, finden, da sie auf Arabisch,
in der Sprache des Koran, geschrieben sind und von jedem wirklich Gebildeten in der ganzen
muhammedanischen Welt verstanden werden, ihre Leser nicht nur in Egypten, sondern von
Marokko bis nach Indien und den Malayen, von Konsiantinopel bis nach Zanzibar und dem
Kaplande. Diese Zeitungen entbehren nicht einer gewissen Bedeutung. Sie suchen den
panislamischen Gedanken nach Kräften zu festigen, und sie haben wälirend des let7teii
griechisch- türkischen Krieges in erheblichem Masse zum Erfolge der Geldsamnilungen für
den Kriegsschatz des Sultans beigetragen. In Berüt selbst, sowie in anderen grosseren
syrischen Städten erscheinen nur weniger bedeutende arabische Lokalblätter. .Seit Anfang
dieses Jahres geben die Jesuitenmissionare in Berüt die Halbmonatsschrift il Maschrik,
d. h. der Orient, heraus, die nach Form und Inhalt Ausgezeichnetes leistet, jedoch einstweilen
noch vorwiegend Aufsätze europäischer Gelehrten enthält. Ein Verzeichnis der 1SS9 in
Syrien und Mesopotamien erschienenen Zeitungen giebt Schröder Z. D. P. V. Xll S. I24!V.
Kap. 1
Framösische Sprache in -Syrien.
auf dem Boden ausgebreitet. Der Syrier zeigt aber eine grosse Kmplang-
lichkeit fiir unsere Civilisation; in der Nähe von europäisclien Missionen
und selbst in entlegenen Bergdörfern, in denen aus der Fremde zurück-
gekehrte Auswanderer sich wieder niederlassen, bürgern sich unsere Sitten
und Gewohnheiten und gleichzeitig unsere Gebrau ch.sgegenstände immer
mehr ein.
Die syrischen Christen gelten als besonders rührig und gewandt,
aber auch als eitel und verschlagen, ihre
Frauen zeichnen sich oft durch über-
raschende Schönheit aus.
Das Italienische, das in früherer
Zeit in der Levante die verbreitetste euro-
päische Sprache war, ist in Syrien jetzt
nahezu vergessen und durch das Fran-
zösische verdrängt. Einen Hauptanteil
an dieser Umwandlung haben die zahl-
reichen katholischen Missionsanstalten,
deren fast regelmässig in französischer
Sprache erteilter und dazu oft unent-
geltlicher Unterricht dem in neuerer
Zeit immer .stärker werdenden Biidung--i-
bedürfnisse auch der ärmeren Bevölke-
rung Syriens entgegenkommt. Die Kin-
der mancher reicher christlicher Familien
Syriens werden durch französische Gou-
vernanten erzogen. Die Mitglieder der
römisch-katholischen Missionen sind in
Syrien, übrigens auch in Mesopotamien,
nahezu ausschliesslich Franzosen und
französisch sprechende Elsässer. Es ist
bemerkenswert, wie Frankreich, das im
eigenen Hause nicht immer sehr freund-
lich gegen die Kirche ist, im Orient
stets mit beträchtlichen Geldmitteln und i
die dortigen Missionen unterstützt.
Wenn auch der Handel Frankreichs i
erste Stelle einnimmt, so liegen doch die wichtigsten industriellen
Unternehmungen und öffentlichen Anstalten aller Art {Chaus.seen. Hafen-
bauten, Gasanstalten, Weinbau im grossen Stil u. s, w.) hauptsächlich in
den Händen von Franzosen'); das Gleiche gilt von den syrischen Fjsen-
Christlichr .Syrier
mit seinem ganzen ^'influ^
[ .Syrien durchaus nicht
') Die WasaerleilQn
enelischet) d
■ich tot worden.
16
K>p. I. Krankreicb und die MarODileo.
bahnen. Als Inbegriff des Luxus gilt Paris und eine Reise dorthin als
erstrebenswertestes Ziel.
Die Beziehungen Frankreichs zu Syrien und insbesondere zu den
Maroniten') des Libanon- Gebietes datieren aus alter Zeit. Während der
Kreuzzüge fochten die Maroniten verschiedentlich auf Seiten der •fränki-
schen« Ritter, denen sie sich auch im übrigen bei vielen Gelegenheiten
Rützhch erwiesen. Seit dieser Zeit gewöhnte man sich in Syrien und
überhaupt in der Levante daran, dem Euro-
päer die Bezeichnung »Franke« (Afrangi)
7.a geben, wie denn die bis in die jüngste
Zeit in der Levante im Verkehr der Kin-
heimischen mit den des Arabischen oder
Türkischen unkundigen Fremden allgemein
gebräuchliche, aus allen möglichen roma-
nischen, namentlich italienischen Worten
zusammengesetzte Sprache lingna francu
genannt wurde.
Ludwig IX. spricht in einem Briefe,
welcher sich in den Archiven des maroni-
tischen Patriarchats befindet*}, dem maroni-
tischen Volke seinen Dank für 35000 Mann
Hilfstruppen und wertvolle Geschenke aus.
Er fährt dann fort: »Wir sind der Ansicht,
dass die Maroniten einen Bestandteil der
französischen Xation bilden, denn ihre Liebe
Maronitischer I'aDriaTch.
'_ Die Maronilcn ^ J' f*
Rinak'dlcr Nan
le MiruD JJjL* (verfil. Geschichte der
1 Istifan Ud-Ilv
yhi
'L-Ihdioi herauij;e^. tod Raschid el-Chari el-ScharluDi, Bcrül, Druckerei der Jeiuitcn, iSi^o-
.S. 10 IT., S. 17), luriick, welcher im VIL Jahrhnaderl nach Christus ceUbt hat. Die Miiro-
niten sind mil Rom anierte Katholiken, welche sich jedoch ihren orien tauschen Ritus bewahrt
haben und (;e*i**e Sonderfreiheiten besilicn (vercl. oben S. S'; sie bewohnen KeHeowäni;;
hauptsachlich den Libanon, und iwar innerhalb desselben vorzüglich die Kacjäs Kesrawän,
Batrün, Iiletn, Schuf und öeizfu. Ferner ünden sich besonders starke maronitisohc Kolonioii
in Aleppo, DamnskuB, Berüt und den übrigen syrischen KUstenBlädlen bis Jaffa hin, souic
in Cypem und Ecypten. Ihre CesamlEahl dürfte nicht viel über 300000 hinausgehen, von
denen etwa jjoooo auf daa Libanon- Gebiet entfallen. Der moronilische Klerus unterstellt
einem Patiiarchen, welcher die Krzbischöfe and Bischöfe ernennt und weiht, während er
selbst wiederum von diesen eewäblt und vom Papste beslätict wird. I>er Pairiarch residiert
in Knnnöbin und Bekirke. In Kom hat ein maronitischer Bischof dauernden Wuhnsil^. Von
älterer Lilteratur über die Maroniten Tercl. n. a. Voya^e du Mont Liban, traduit de 1' Italien
du R. P. Jerosme Dandini, Paris 1635.
*; I^t Schaituni a.a.O. S. tll.
Kap. I. Frankreich und die Maroniten. 17
für die Franzosen gleicht derjenigen, welche die Franzosen einander
entgegenbringen. Es ist daher recht und biUig, dass Ihr unseres Schutzes
teilhaftig werdet in derselben Art wie die Franzosen, und dass Ihr die-
selben Aemter bekleiden könnt wie die Franzosen« u. s. w.
Welchen Wert die französischen Könige auf die guten Beziehungen
zu den im Libanon wohnenden Maroniten auch in späteren Jahrhunderten
gelegt haben, zeigt ein Brief Ludwigs XIV., datiert vom Jahre 1649, ^^
welchem er für jetzt und in Zukunft dem maronitischen Patriarchen, den
Bischöfen, dem Klerus und allen Maroniten, insbesondere denjenigen des
Libanon, den Schutz des französischen Botschafters in Konstantinopel
sowie seiner Konsuln zusichert^).
Im Jahre 1652 wurde der Schech Abu Nä§if v^Ju»^b y\^ Sohn des
Abu Nadir j^L ^1, aus dem Geschlechte der im Dienste Facl.ir id Dins
zu grossem Reichtum gelangten Chäzin jjli, zum französischen Vice-
konsul in Berüt ernannt^) und im Jahre 1657 eines direkten Anschreibens
des Königs Ludwig XIV. gewürdigt^). Im Jahre 1659 wird darauf Abu
Naufal il Chäzin jjVi-\ A^y y\ für sich und seine Nachkommen in
den französischen Adelsstand erhoben auf Grund der Verdienste, welche
er sich »um die Befestigung des Einflusses des Königs und des heiligen
Glaubens, sowie um das Wohl der französischen Unterthanen« erworben
hat.*) Schech Abu Naufal hatte nämlich im Jahre 1652 den Jesuiten das
Kloster Der Mär Jüsui in *Ain Türä zum Geschenk gemacht, und dadurch
zum ersten Male europäischen Mönchen die Möglichkeit geschaffen, sich
im Libanon festzusetzen^). Verschiedene andere Mitglieder derselben
Familie wurden zu französischen konsularischen Vertretern in Berüt
ernannt®). In der Folge hat der französische Botschafter in Konstantinopel
sich wiederholt für das Los der christlichen Syrier und insbesondere
der Maroniten beim Sultan verwandt.
Als Napoleon I. die Belagerung von St. Jean d'Acre unternahm,
sandten ihm die Maroniten des Libanon Geschenke und Proviant, und
*) El Schartuni a. a. O. S. 220.
') El Schartuni a. iu O. S. 229.
') El Schartuni a. a. O. S. 230.
*) El Schartuni a. a. O. S. 233.
*; Aus Dankbarkeit wurden nach Europa reisende syrische Christen vielfach mit Empfeh-
lungen der Mönche versehen. Vergl. Kortens, Reise nach dem gelobten Lande, Halle 1 743, S. 465.
Eine absprechende Kritik der sogenannten christlichen Prinzen des Libanon, die im 17. und
1 8. Jahrhundert verschiedentlich in Europa auftauchten, oft jjenug nicht einmal den angeseheneren
rouronitischen Famiüen angehörten und angaben, dass sie unter der Verfolgung der Türken zu
leiden hätten und infolgedessen gezwungen seien, die öffentliche Mildthätigkeit anzurufen,
siehe bei Niebuhr, Voyage en Arabie, Amsterdam 1780, Bd. II, S. 374 ff.
•) El Schartuni a. a. O. S. 237, 255—258.
Frhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Goh. 2
l3 Kap. I. Sonstige intemationale Beziehungen.
als die englische und österreichische Flotte Berüt und öünije beschossen,
um diese Häfen von den Egyptem, welche als die Verbündeten Frank-
reichs galten, den Türken wieder zurückzuerobern, soll der maronitische
Patriarch einen Jeden, welcher den Engländern Wasser, Proviant und
sonstige Gegenstände zubringen würde, mit der Exkommunikation bedroht
haben. Während der nach dem Abzüge der Egypter sich entwickelnden
Streitigkeiten zwischen Drusen und Maroniten standen die Franzosen
regelmässig auf Seiten der letzteren; dieses Verhältnis führte infolge der
Christen massacres von Damaskus im Jahre 1860 zur Landung fran-
zösischer Truppen, sowie später zur Unterstützung der aus Anlass dieser
Ereignisse erhobenen Forderungen der Maroniten durch Frankreich,
während die Engländer die Partei der Drusen nahmen*).
Thatsächlich betrachten die Maroniten und mit ihnen viele
anderen christlichen Syrier die Franzosen auch gegenwärtig noch als
eine Art von Protektoren, und viele von ihnen lieben es, ihre Franzosen-
freundlichkeit geradezu ostentativ und gewiss nicht zu Gunsten der Türkei
an den Tag zu legen. Frankreich, das bis auf den heutigen Tag seinen
alten Traditionen treu geblieben ist, unterstützt in Syrien noch immer
in erster Linie die Maroniten, die breite Masse der Bevölkerung .speziell
im Libanon-Gebiete, obwohl gerade in letzter Zeit zahlreiche griechische
Katholiken zu Einfluss und Vermögen gelangt sind.
Die maronitische Geisthchkeit, die über einen grossen, mit be-
sonderen Vorrechten ausgestatteten Grundbesitz verfügt und die Führung
der maronitischen » Nation c ganz in Händen hat, seitdem ihre Emire
und Schechs infolge der Libanesischen Parteikämpfe der letzten Jahr-
hunderte Ansehen und Einfluss eingebüsst hatten, steht einmütig auf
Seiten Frankreichs. Die Besuche, welche der französische Konsul dem
maronitischen Patriarchen abstattet, bilden fiir die Maroniten ein Ereignis
und werden mit dem grössten Pomp begangen.
Die Anstrengungen der Engländer und Amerikaner, durch ihre
Missionen und Schulen für die englische Sprache Propaganda zu
machen, sind von weit geringerem Erfolge begleitet gewesen.
In letzterer Zeit suchen auch die Russen, welche bisher nur im
eigentlichen Palästina Missionen unterhielten, in Syrien Einfluss zu ge-
winnen, und zwar durch Subventionierung griechisch-orthodoxer Schulen,
in denen, soweit angängig, auch das Russische gelehrt wird. In ver-
schiedenen Lehrerseminaren wird eine grosse Anzahl von jungen Ein-
geborenen, insbesondere Söhne von griechisch-orthodoxen*) Geistlichen,
unentgeltlich erzogen; dieselben werden auf jede Weise, auch durch
*) Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 165 f.
') Bei den griechisch-orthodoxen Christen Syriens ist das Arabische ilie Kirchen-
sprache. Die Zahl der in Syrien lebenden Griechen hellenischer Nationalität ist Sterin ^.
Kap. L Deutsche in Syrien. Iq
militärische Uebungen, an unbedingten Gehorsam ihren Vorgesetzten
gegenüber gewöhnt; ist ihre Erziehung beendet, so werden sie zu-
nächst in grössere Schulen als Lehrer entsandt, oder es wird ihnen alsbald
die Gründung einer neuen Schule in ihrer Heimatgegend übertragen,
selbst da, wo auch nur eine oder zwei griechisch-orthodoxe Familien
leben, sofern nicht bereits die Schule eines anderen Ritus am Orte be-
steht. Die Kosten werden von der unter dem Schutze der russischen
Regierung stehenden Palästina-Gesellschaft aufgebracht^).
Als sehr erfreuliche Bethätigung deutschen Geistes bestehen in Berüt
eine von Diakonissinnen aus Käiserswerth geleitete deutsche Töchter-
schule und ein Waisenhaus, sowie ein Hospital des Preussischen Johan-
niterordens, Anstalten, welche die allgemeine Sympathie und Hoch-
achtung gemessen. Im eigentlichen Syrien sind die Deutschen nur in Berüt
durch eine grössere Kolonie vertreten, während bekanntlich in Jerusalem,
Jaffa und Haifa grosse süddeutsche Ackerbaukolonien bestehen, deren An-
gehörige meist Württemberger und Mitglieder der Templergemeinde sind.
Deutsche Kaufhäuser bestehen ferner ausser in Berüt noch in Damaskus
und Aleppo, ihre Beziehungen erstrecken sich weit nach dem östlichen
Kleinasien und Mesopotamien hinein.
Schon heute ist der Handel Europas mit Syrien ein recht bedeutender.
Allein in Berüt wurden im Jahre 1895/96 für 35 257 750 Francs Waaren
eingeführt (1894/95 sogar für 49 674 750 Francs); die Ausfuhr von Seide,
deren jährliche Produktion (1894/95) etwa 466000 kg. beträgt, hatte im
Jahre 1895 einen Wert von 1372 Mill. Francs. Andere Ausfuhrartikel
sind Getreide, Sesam, Olivenöl, Wein, Aprikosenkerne und Aprikosen-
teig, Schafwolle, Erdpech''*).
^) Es ist bemerkenswert, wie in Syrien und Palästina die unter französischem Schatz
stehende katholische Geistlichkeit gerade in dem griechisch-orthodoxen Klerus ihren gefähr-
lichsten Gegner sieht Das früher von Frankreich verfolgte Prinzip, eo ipso allen katholischen
Instituten in der Levante seinen Schutz angedeihen zu lassen bezw. zu verlangen, dass die-
selben sich unter französische Protektion stellen sollen', wird nicht mehr anerkannt So
werden die Jesuiten und Franziskaner in Egypten, sowie die dortige mit Rom unierte koptische
Kirche von Oesterreich-Ungam protegiert, und über den deutschen katholischen Anstalten in
Palästina weht die deutsche Flagge. Während der Reise Seiner Majestät des deutschen
Kaisers nach Palästina und Syrien im Jahre 1898 ist das Deutschland rechtmässig zustehende
Protektorat über die Katholiken deutscher Staatsangehörigkeit und deren Institute im tür-
kischen Reiche voll zum Ausdruck gelangt.
') Im einzelnen wurden im Jahre 1895 aus Deutschland in Berüt eingeführt (vergl.
Handelsarchiv 1896 II. S. 557):
Wert in 1000 Francs
Flanelle (wollene und halbwollene) . .100
Wollene und halbwollene Kopftücher . 250
Wollene Jagdwesten 50
Wirkwaren 60
Strumpfwaren 250
Wert in 1000 Francs
Seidenwaren, halbseidene Sammete und
Plüsche (Crefeld) 100
Jerse3rtai]len und Damen -Konfektions-
waren 50
Wollstoffe (Merinos, Cachemirs u. dergl.) 250
20
Kap. I. Handel UDd Schiflfahrt.
Um dem Handel Deutschlands den ihm zukommenden Platz sichern zu
helfen, wäre es sehr wünschenswert, wenn einige der im Mittelländischen
Meere verkehrenden deutschen Dampfschiffe Berüt anlaufen und Syrien
in direkten Schiffsverkehr mit Deutschland bringen würden. Frank-
reich, England, Oesterreich, Russland und Egypten besitzen bereits seit
Jahrzehnten direkte Dampferverbindungen mit Syrien. Ihre Schiffe be-
suchen hier mit Erfolg nicht nur Berüt, sondern auch verschiedene andere
syrische und palästinensische Küstenstädte').
Wert in looo Francs
Baumwollene und wollene bedruckte
Gewebe 40
Drille (für Herrenkleider) 20
Seidene Bänder 20
Stickereien und Spitzen 40
Schnüre und Bindfaden ..... 15
Posamentierwaren 70
Handschuhe 5
Tuche, orientalische 250
Desgl., soj^en. Nouveaut^s 250
Nähfaden 50
Türkisch Rotjjarn 200
Wert in looo Francs
Näh- und Packnadeln 80
Kurzwaren, Quincailleries u. s. w. . .150
Lampen und Lampenteile 50
Drojjen- und Apothekerwaren . . .250
Farben (Anilin- und andere) .... 70
Leder 300
Porzellan und Glaswaren 50
Bijouterie waren, Uhren und dergl. . .100
Gold- und Silberdrähte 60
Bier und Spirituosen 50
Parfümerien, Seifen und dergl. ... 20
Eisenwaren 200
^) Nachstehende Tabelle giebt eine Uebersicht über die Beteiligung der einzelnen
Nationen an dem Schiffsverkehr in Berüt (Vergl. Handelsarchiv 1894 II, S. 14, 1896 II, S. 563;.:
Nationalität
Deutsche
Englische
Egyptische
Dampfer
1892 I
1892 130
1895 149
1892 102
1895 98
Französische 1892 77
1895 97
Griechische 1892 i
Italienische 1892 14
1895 16
Norwegische 1892 4
1895 I
Oesterr.-Ung. 1892 96
1895 120
Türkische 1 892 90
1895 86
1892 45
1895 49
1892 6
1895 2
Schwedische 1895 8
Belgische 1895 i
Russische
Spanische
Tonnen-Gew.
I 113
89744
117 864
92941
loi 684
124598
157 667
555 Griechische 1892
8050 1895
10 171 Italienische 1S92
4050 1895
589
X013418
156538
821526 Türkische 1892
71 397 1895
60731
72 168
4 188
I 870
4084 Jerusalem. 1895
5 023 Montenegr. 1895
Segelschiffe Tonnen-Gew.
50
40
19
4
13030
12678
5 717
836
2485
I 977
43223
40072
5
I
173
360
Summa: 1892
1895
566
627
569914
699055
2554
2 027
61 970
54 "9
Kap. I. S3rri8che Efsenbahnen. 21
Berüt ist mit Damaskus durch eine im August 1895 eröffnete
Eisenbahn verbunden; der Schienenweg ist schmalspurig und 138 km lang;
die Strecke wird in etwa neun Stunden zurückgelegt Die Bahn ist von
der Compagnie des chemins de fer de la Syrie et de l'Euphrate, Beyrouth,
Damas, Hauran et prolongements gebaut worden, deren Präsident, der
Comte Edmond de Perthuis, in Berüt lebt. Graf Perthuis ist gleichzeitig
Präsident des Verwaltungsrats der Compagnie du port, des quais et entre-
pots de Beyrouth. An der Hafen- und der letztgenannten Eisenbahn-
gesellschaft sind die gleichen Finanzgruppen beteiligt, vornehmlich die
Compagnie de la Chaussee de Beyrouth ä Damas, das Comptoir d'Escompte
in Paris, die Ottomanische Bank und die Banque de Paris et des Pays-Bas.
Ausser der Linie Berüt — Damaskus sind noch die folgenden Bahnen^)
in Syrien konzessioniert^ bezw. fertiggestellt:
1 . Damaskus — Mezerf b s,^ -^ ^ J^ ~ f *-**^ ^ »
2. Damaskus — Aleppo — Biregik ctA>- öj^ — c.JL>- — ^UÜl,
3. 'Akkä — Damaskus ^uÜ\ — |^,
4. Saidä — Berüt — Tripolis ^r^» ^^ "~ «^J jry — IJU^.*)
Die Linie Damaskus — Mezerfb (Haurän-Bahn), in einer Länge von
103 km, war zunächst einer belgischen Gesellschaft konzessioniert, ist
jedoch von der die Linie Berüt — Damaskus besitzenden vorerwähnten
französischen Eisenbahngesellschaft übernommen worden. Die Haurän-
Bahn ist seit Januar 1894 in Betrieb. Da die Strecke Damaskus — Berüt
zur Zeit des Baues der Haurän-Bahn noch nicht fertiggestellt war, musste
das gesamte Arbeitsmaterial, Schienen, Wagenpark u. s. w. mittels Last-
karren auf der französischen Chaussee nach Damaskus transportiert
werden.
Die Eisenbahnlinie, welche Damaskus über Hom§ und Hamä mit
Aleppo und Bire^ik am Euphrat verbinden soll, ist bis jetzt nur ein
^) Ueber das Bahnnetz Mittelsyriens vergl. Martin Hartmann in der Zeitschrift des
DeutscbeD Palästina -Vereins, XVII,, S. 56 ff., und J. Couran: La Locomotive en Turquie
d'Asie (Extrait du Monitenr des int^r^ts matöriels), BrüsselCt895, S- ^S — 30, S. 100 ff.
*) Die Pforte pÜeg't die syrischen Eisenbahn-, Hafen-, Chaussee- u. s. w. Konzessionen
nicht direkt an die eigentlichen Unternehmer zu vergeben. Gewöhnlich erhält dieselben ein
türkischer Unterthan, meistens ein reicher syrischer Christ, der sie dann für schweres Geld
den europäischen Finanzkonsortien verkauft.
') Die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem in einer Länge von 87 km ist von einer
französischen Gesellschaft bereits seit einigen Jahren fertiggestellt Das Unternehmen war
eine Zeitlang in Vermögensverfall geraten, wird aber weiter betrieben.
22 Kap. I. Syrisohe Eisenbahnen.
Projekt; die Konzession liegt in derselben Hand wie die der Linien
Berüt — Damaskus und Damaskus — Mezerfb. Die Bahn wird etwa 500 km
lang werden und den Anschluss an die deutsche Linie Konstantinopel
bezw. Scutari — Konia bilden, welch letztere bis Bardäd weitergeführt
werden soll, und sie ist schon deshalb die wichtigste der syrischen
Bahnlinien ^).
Eine gleichfalls französische Gesellschaft hat sich mit einem Aktien-
kapital von I 750 000 Franken unter dem Namen Society Ottomane des
tramways Libanais Nord et Sud de Beyrouth konstituiert, um eine die Meeres-
küste entlang laufende Dampfbahn zu bauen, welche die Städte Saidä, Berüt
und Tripolis miteinander verbinden soll. Die Bahn ist, wie bereits erwähnt,
ziemlich weit fortgeschritten und wird binnen Kurzem fertiggestellt sein*).
Die Eisenbahn Haifa — *Akkä — Damaskus ist von einer englischen
Gesellschaft (The Syrian Ottoman Railway Company, London) als Kon-
kurrenzbahn für die Strecke Berüt — Damaskus — Haurän geplant. Nach
den der erteilten Konzession zu gründe liegenden Plänen würde sie eine
Länge von 230 km haben und von Haifa — *Akkä durch die Ebene Jesreel
(Zer*in ^yS'JJ^)) zum Rör jjßi\ laufen, den Jordan bei der Brücke
öisr il Mag^ämi* ma\^\j.^ überschreiten und nach Passierung des
Jarmük tl y^j das Südende des Tiberiassees erreichen, um dann durch
das Wädi Ffk 1^ ^^^ i ^^^ Hochplateau des öölän zu ersteigen
und sich über il *Ä1 Ju)l, Chisfin J;U-^, Schech Sa*d JU-w pixiJ^,
Nawä \j>, Rabärib ,^^Lp und il Kiswc i^^*.<Xj\ nach Damaskus fortzu-
setzen. Die letzten 80 km von Schech Sa*d nach Damaskus würden der
französischen Haurän-Bahn parallel laufen. Es sind von Haifa aus jedoch
bisher nur 8 km fertiggestellt, und zwar als Normalspurbahn. Die Fort-
setzung des Unternehmens scheint vollständig ins Stocken geraten zu
sein; dem Unternehmer Robert Pilling soll es bisher nicht gelungen sein,
die nötigen Kapitalien für den Ausbau der Bahn, deren Vorarbeiten
schon 50 OCX) £ verschlungen haben, in England aufzubringen. Diese
englische Linie könnte, wenn sie wirklich ausgeführt würde, möglicher-
weise einen Teil des Hajpnverkehrs von Berüt nach Haifa ablenken und
^) Verji^l. Kecueil consnlaire contenant les rapports cominerciaux des agents beiges
a r^tranger, tome LXXXV, 3 livr., Brüssel 1894, S. 116.
*) Vergl. oben S. 5.
•) Heute wird die Ebene gewöhnlich nicht nach dem Orte Zer*in genannt, sondern
Merjf Ibn 'Amir j\^ ^ \ r"^
W i
Kap. L Der Schieoenvreg DerSi-Damatkii*.
23
namentlich den gesamten Getreideexport des Haurän an sich ziehen,
welcher durch eine Bahnverbindung mit Haifa einen wesentlich kürzeren
Transportweg zum Meer finden würde als auf dem Umwege über Damaskus.
Allerdings wird vielfach angenommen, dass sich die syrischen Bahnen
nach Damaskus und dem Haurän, so lange sie nur Lokalbahnen sind und
noch keinen Anschluss nach dem Innern von Klcin-Asien und Mesopo-
tamien haben, schwerlich rentieren werden, da für die Getreidefrachten,
die hier besonders in Betracht kommen, der billige Transport auf Kamelen
noch auf lange Zeit bevor-
zugt werden wird. Abge- ' '
sehen davon, dürften die Ein-
geborenen sich nur langsam
von der Jahrtausende alten
Gewohnheit des Verkehrs-
mittels Lasttiere trennen. Wie
dem auch sei, die Tarife sind
noch zu teuer und der Ver-
waltungsapparat zu kost-
spielig, als dass eine Renta-
bilität schon Jetzt eintreten
könnte.
Die Beriit mit Damaskus
verbindende Bahn gehört zu
den landschaftlich schönsten
der Welt Von dem im Osten
der Stadt unweit des Meeres
gelegenen Bahnhof wendet
sich der Schienenweg sehr
bald südhch, dem Nähr Berüt
folgend, in die das Ras Beriit
umziehende Ebene, beginnt abei
den Anstieg des Gebirges unter Zuhilfenahme eines Zahnradgcleises,
welches mit wenigen Unterbrechungen auf der ganzen von West nach
Ost erfolgenden Ueberwindung des Libanon beibehalten ist. Insgesamt
sind 35 km der Linie als Zahnradbahn ausgeführt.
Herrlich ist der Rückblick auf das Meer, che Stadt, den merk-
würdigen Sandstreifen, der sie umgürtet, und die Pinien- und
Olivenhaine der Ebene. Je höher man steigt, desto romantischer wird
die Aussicht. Bei jeder Biegung der Bahn bieten sich neue Bilder. Das
Gebirge scheint aus lauter Schluchten, Felsen und Erdwallen zu be-
stehen. Immer häufiger zeigen sich Häusergruppen und Dörfer, in der
schon vor der Station I ladet
'^jI\
24 Kap. I. Ueber den Libanon; Syrische Sommerfrischen.
Tiefe der Thäler oder' terrassenförmig sich aufbauend bis zur Spitze, aui
den Rücken der Höhenzüge. Einzelne besonders hohe Bergspitzen tragen
Klöster, die den Eindruck trotziger Festungen hervorrufen. Hin und
wieder sieht man mitten aus einem Dorfe aufragend oder auch ver-
einzelt stehend das burgartige Haus eines Drusenschechs oder eines
reichen maronitischen Grundbesitzers. Durch unausgesetzte Terrassen-
anlagen wird die Bebauung jedes kultivierbaren Fleckchens Erde des
Gebirges ermöglicht. Maulbeer- und Olivenpartien beleben die Landschaft,
und im Sommer ist die leichte und dünne Luft von dem köstlichsten
Aroma erfüllt, das den verschiedenfarbigsten Blumen und Blüten entströmt.
In der Höhe von 'Aleih aJW (820 m) liegen die meisten sommer-
liehen Villegiaturen der reichen Syrier, der europäischen Konsuln und
Kaufleute der Küste. In *Ain Söfar J^ y^ ^J^> einem Orte, der schon
vor Vollendung des Bahnbaues aus einer kleinen Villenkolonie bestand, auf
einer Höhe von 1280 m, ist ein prächtiger* Gasthof im Stile der grossen
europäischen Hotels errichtet, welcher mit einem Kasino und mit allem,
was dazu gehört, verbunden und im Jahre 1897 eröffnet worden ist. Frei-
lich glaubt man vielfach in Syrien, dem Unternehmen eine glänzende Zu-
kunft nicht voraussagen zu können, es sei denn, dass die Spielgelder den"
Unterhalt des Etablissements ermöglichen. Die Begründer haben auf den
Besuch der wohlhabenden Bcrüter und der in Eg>'pten ansässigen reichen
Syrier gerechnet, vergessen aber, dass diese letzteren den Sommer in
Europa zuzubringen lieben; dazu kommt, dass in den Libanon-Dörfern
jetzt eine grosse Reihe moderner Häuser zur \'crfügung steht, welche
von ehemaligen syrischen Auswanderern, die in der Fremde zum Wohl-
stand gelangten, erbaut sind und von ihren Besitzern während der
Sommermonate vermietet werden. Der Mietpreis eines solchen Hauses
das mit seinem roten Ziegeldach ein ganz europäisches Aussehen hat,
beträgt 30 — 50 £ für die »Saison '. Allerdings sind diese Villen meistens
unmöbliert. Zu Beginn des Sommers sieht man regelmässig auf den
Strassen zahlreiche Maultiere von Berut nach den Bergen ziehen, die
das notwendige Meublqment der Sommerfrischler, einige Matratzen, Stühle
und Tische, tragen.
'Ain Söfar gfilt mit Recht für einen der schönsten Punkte der
ganzen Bahnlinie. Von hier aus hat man einen wundervollen Blick in
ein jäh abfallendes Thal, dessen abseits der .Strasse gelegene Dörfer
noch Häuser in der alten Bauart, mit flachen Dächern und Bogengängen,
aus starkem Stein gefiigt, zeigen.
Bald hinter 'Ain S()far wechselt das Lan<Isrha<*tsbil(l wie mit einem
Schlage. Man nähert sich der Passhöhe de-; (icbir^e>, -.ind die steilen.
Kap. I. Durch die Bi|^ä und über den Antilibanon. 2 5
in der Entfernung im Nordosten vom schneebedeckten öebel Sannln
J;Cw!> L>- überragten Felsen sind nicht mehr 'mit Humus bedeckt und
tragen keine Vegetation mehr. Der Temperaturunterschied, selbst gegen
*Ain Söfar, ist merklich. Die Wasserscheide bei Kilometer 38,5 ist
i486 m hoch. Dicht bei der Passhöhe sind einige kleine Tunnels
zu passieren. Kaum ist sie überwunden, sieht man zu seinen
Füssen die fruchtbare, langgestreckte Ebene der Bikä' pli, welche sich
zwischen Libanon und Antilibanon und dem mächtigen, schneebedeckten
Rücken des Hermon im Süden des eigentlichen Antilibanon hinzieht. In
grossen Windungen steigt die Bahn den Ostabhang des Libanon in die
Bil^ä* hinab. Bis zum Fusse des Gebirges, unweit Schtörä \jjxl)\, war die
Strecke im grossen und ganzen dem Zuge der alten, von Berüt nach
Damaskus führenden Chaussee gefolgt. Nun verlässt der Schienenweg die
Strasse, um die Bikä' in ostnordöstlicher Richtung zu durchschneiden,
während die Chaussee südöstlich läuft.
Wenige Kilometer hinter Schtörä wird Mu'allaka <iLal (920 m üb. M.)
erreicht, die Station für Zahle, eine fast ganz maronitischc oder doch christ-
liche Stadt, die durch ihre allerdings erfolglose Verteidigung während
der Ereignisse von 1860 bekannt geworden ist. Zahle, das durch den
Libanon vor den feuchten Seewinden geschützt ist, geniesst als Sommer-
aufenthalt einen Ruf wegen seiner guten trockenen Luft; der rasch aufstrebende
Ort besitzt bereits mehrere Gasthäuser. In Mu*allaka verlas.sen die Be-
sucher von Ba*albek cUJu» die Bahn. Hier ist längerer Aufenthalt und
Gelegenheit zum Frühstück.
Nach Ueberschreitung des in der Bikä' sich hinziehenden, wenig
Wasser haltenden Nähr il Litäni ^UaJül j^ tritt die Bahn bei dem
gartenreichen Dorfe Rajäk (Jlj (929 m üb. M.) in das Thal des Wädi
Jabfüfe A5yi>' (^^^3 ein, welchem sie folgt, um den bald darauf be-
ginnenden Anstieg des Antilibanon auszuführen. Bei der in nahezu süd-
licher Richtung erfolgenden Ueberwindung dieses Gebirgsrückens wird ein
Zahnradgeleise nicht zu Hilfe genommen. Die Pitsshöhe (1405 m) befindet
sich bei Kilometer 89,5. Sie erscheint ebener und weniger wild als die-
jenige des Libanon; der Terrassenbau für die I^odenkulturen ist weniger
notwendig, und grosse Strecken sind mit (ictrcidc bestellt.
Jenseits der Passhöhe folgt die Bahn dem Laufe des Wädi Baradä
\^j (^^^J bis zu ihrem P3ndziel. Bei Zebedäni ^^Ji» j^ beginnen die
20 Kap. I. Die Residenzen des Libanon-Goavemeurs.
den Wädi Haradä auszeichnenden Baumanlagen, die sich bis Damaskus fort-
setzen und der syrischen Hauptstadt das Holz für ihre Bauten liefern. Kurz
hinter der Station ZebedänT nimmt die Bahnlinie südöstliche Richtung an.
Bei dem Dorfe Sül^ Wädi Baradä \^j ^^\j Oy^ sieht man an den
■
Bergwänden zahlreiche Oeffnungen alter Felsengräber. Von nun an
sind die an der Bahn am Ostabhange des Antilibanon gelegenen Dörfer
nicht mehr ausschliesslich aus Stein, sondern häufig auch aus Holz
und Lehmfachwerk gebaut. Aber auch der Charakter der Bevölkerung ist
ein anderer geworden. In der Bikä* und bis Sük Wädi Baradä kam man
durch vorzugsweise christliches Gebiet; nur hin und wieder begegnete
man kleinen Beduinen-Zeltlagern, ^) während von nun an muhammedanische
Bauerndörfer vorwiegen. Je mehr man sich Damaskus nähert, desto mehr
machen die Waldungen eingefassten Gärten Platz. Bei Häme Aß\j^
wird die alte Chaussee wieder erreicht und überschritten; von da an
läuft der Schienenweg derselben parallel an Mühlen, Landhäusern und
Cafes vorbei, immer den Wädi Baradä entlang, bis nach Damaskus.
Schon bald hinter Berüt tritt die Bahn in das Gebiet des autonomen
Libanon -Bezirkes ein, welches bei Zable — Mu'allaka wieder verlassen
wird. Der Regierungssitz des Bezirks während des Winters ist die zweite
Station hinter Berüt (9,8 km), Ba*abdä \juw. Das mit Türmen flan-
kierte neue Regierungsgebäude von Ba'abdä nimmt sich auf dem Ab-
hang des Gebirges stattlich aus.
Bis jetzt hatte der gegenwärtige Gouverneur der Libanon -Provinz,
Na**üm Pascha LlL ^ yo seine Privat -Winterwohnung in Berüt Die
Sommerdienstresidenz und Wohnung befindet sich in Bet id Din
cTJüI sl^^ (ausgesprochen Bteddin J/JCL), das südlich der Bahnhnie,
mitten im Libanon -Gebirge, liegt. Bteddin wird am besten von der
Station 'Äleih aus erreicht, von welchem Orte eine ausgezeichnete
Fahrstrasse dorthin führt. Dieselbe geht zunächst an den mit
vielen prächtigen Villen reicher Berater besetzten Dörfern 'Aleih,
Bmekkin /;\X*j , Sük il Rarb und Schimlän vorbei und bietet die präch-
tigste Aussicht auf die dörfergeschmückten Libanon -Abhänge bis zum
Meer hin. Aber bald verschwindet dieser Ausblick, die Strasse wendet
sich weiter landeinwärts und führt in steilen Windungen in das Thal
') In der Bi^ä* nomadisieren jjejjenwärtig einige versprengte Beduinen- und Turk-
manenstämme, welche sich hier sehr friedlich verhalten müssen. Im Jahre 189S haben
Teile der 'Aneze gegen Entgelt von den Bauern die Erlaubnis erhalten, Stoppeln abzuweiden.
Kap. I. Wege nach Bteddin. 27
des Nähr il Käcji ^a\jv\ j^ hinab. Dort, wo sie den Bach über-
schreitet, ist ein ausserordentlich reizvoller Ort mit herrlichem Blick
auf verschiedene, noch in älterem Stil gehaltene Dörfer und Klöster der
umgebenden Höhen sowie auf die den Bach einrahmenden Bergzüge, die
hier mehrfach noch Waldparzellen aufweisen. Bei der Brücke öisr
il Kädi ^^^^ wT*^ befinden sich einige Wassermühlen. Mehrere kleine
Caf^ in bogengeschmückten Steinhäusern laden zum Verweilen ein. Der
Ort hat seine Bedeutung in der älteren Geschichte des Libanon. Wiederholt
haben hier Kämpfe stattgefunden. An verschiedenen Stellen kreuzt
die Landstrasse treppenartig gelegte Steinplatten, welche den alten,
übrigens auch gegenwärtig von den Packtiertreibern bevorzugten kürzeren,
aber ausserordentlich steilen Saumpfad bedecken. Nachdem man
das jenseitige Randgebirge des Nähr il Kädi J?U)\ j^ erklommen hat,
ist Der il Kamar jkj!\ j^ bald erreicht. Die Fahrt von 'Älcih dorthin
beträgt etwa fünf Stunden. Hier ist man von Bteddin nur noch durch
eine tief eingeschnittene Thalschlucht getrennt, die jedoch die Fahr-
strasse zu einem grossen Bogen thalaufwärts zwingt und ungefähr eine
weitere halbe Stunde Fahrzeit beansprucht. Die gebräuchlichste direkte
Wagenverbindung von Bteddin mit Berüt zweigt sich unweit Schimlän
von dieser Strasse ab und führt an mehreren malerischen Ortschaften,
unter anderen *Ain 'Anüb s^^yS- ,j^, woselbst Emir Mustafa Arslän^)
J^wjl 4k.,i2>» , gegenwärtig der mächtigste Mann unter den Drusen des
Libanongebirges, geboren wurde, sowie an Schwefät, dem alten Stammsitz
der Arslän, vorbei in die Ebene, welche bei Hadet, dem letzten Dorfe vor
Berüt, erreicht wird. An den Abhängen des Gebirges beginnen hier die
ganze Quadratmeilen umfassenden Olivenhaine, welche .sich südlich von Berüt
hinziehen. Auch die Strasse von Bteddin nach Berüt ist ausgezeichnet.
Ueberhaupt wird seitens der Libanon -Regierung viel für Strassenbau
gethan. Fliegende Cafehäuser, in welchen Früchte, Brot, saure Milch,
auch Arak verabfolgt wird, befinden sich mehrfach an den Strassen in
der Nähe von Wasser, unter Bäumen oder auch am Eingang von Dörfern.
Als Serai von Bteddin dient das Schloss, welches der gewaltige Herr
des Libanon, der Emir Beschir Schihäb,^) im Anfang dieses Jahr-
hunderts errichtet hat. Es liegt auf einem Vorsprung in das erwähnte
Thal, welches Bteddin von Der il Kamar trennt. Um in das Innere
des Serai zu gelangen, muss man zunächst mehrere Thorwege und Höfe
*) VergL Kap. IV. dieses Werkes S. 164.
^ VergL Kap. IV. dieses Werkes S. 153 ff.
28 Kap. I, BteddiD, die Soinmerreudeiu d«« Libuon-Gouvemeart.
durchschreiten. Der erste, sehr geräumige Hof dient als Uebungsplatz
für das Libanon -Militär, und die ihn umgebenden Gebäude sind haupt-
sächlich Kaseraements für einen Teil dieser Truppen. Ueber mehrere
Stufen gelangt man sodann durch einen neuen langen Thorweg, von dem
aus Seitenwege zu den Diensträumen der Regierung, des Gerichts u. s. w.
führen, in einen zweiten grossen Hof und befindet sich einem herrlichen,
in arabischem Stil in Mosaik ausgeführten Eingangsportal und einem
kunstvoll gearbeiteten Allan gegenüber, \velche die Aussenfront der
Privatwohnung des Gouverneurs schmücken. Diese hat herrliche Säle und
Zimmer, pfeilergeschmückte Korridore sowie einen eigenen, mit einem
Springbrunnen versehenen inneren (dritten) Hof. Neben dem erwähnten
Altan springt ein mit einem Krker versehener kleiner Vorbau in den
mittleren Hot. Von diesem Erker aus pflegte der Emir Beschir seine
Befehle zu erteilen und oft durch eine einzige Handbewegung die
Beseitigung vieler Hunderter von Widersachern anzuordnen.
Durch kleine überbaute Seitenpfade gelangt man vom dritten
Hofe aus in den grö,sseren der das Palais umgebenden Gärten und zu
einem noch wohlerhaltenen Bade, welches an Schönheit .seinesgleichen
gesucht haben dürfte. Der Bau ist aus buntem Marmor und anderem
edlen Gestein in glänzendster Arabesken arbeit ausgeführt. Hin besonders
Kap. I. BleddiD, die Sommerregident des LibiDon-Guuvc
29
luftiger Kuppelbau, der innen mit Mosaiken und Freskomalereien ge-
. schmückt ist und dessen Mittelpunkt ein plätschernder Springbrunnen
gebildet hat , galt der Ruhe nach dem Bade. Von hier aus führte
ein unterirdischer Gang nach der unweit des Schlosses befindlichen
Mar oniten- Kirche, welche der Emir Heschir zu der Zeit benutzte, als
er aus politischen Gründen zum Christentum übergetreten, für die Welt
jedoch Muselman geblieben war. Unweit des Hades befindet sich,
von Cypressen umgeben, das aus weissem Marmor errichtete Grab der
ersten Gattin Beschirs. Das Schtoss, sein Inneres und seine Umgebung
macht einen geradezu zauberhaften Eindruck; unwillkürlich j^laubt man
sich in eine vergangene Welt versetzt. Die kunstliebende, geistreiche
Gattin des gegenwärtigen Gouverneurs hat es verstanden, für alle Be-
quemlichkeit im Schlosse zu sorgen und reizende Aussichtspunkte im
Garten zu schaffen, ohne den romantischen Eindruck des Ganzen zu
beeinträchtigen. '}
>) Ich selbsl habe im Sommer 1S97 währcn.f eines iwtilen licsu.
Bteddin mehrere Tage lang die fUräÜiche GaslfremuUchufl Na"Uiii P.iscli.is um
der Tochter dea früheren Libanon-Gouverneurs Irnnko Küsa Pascha, ßcnc
mich mit VcTgaÜRen nnd Dankbarkeit des ange nehmen AufenthuUa ;
LibaDott-Resideoz.
1. Syri.
^O Kap. I. Ba*a|Müi.
Das Leben des Libanon -Gouverneurs ist dasjenige eines kleinen
Fürsten; er besitzt eine Art aus Christen, Drusen und Muhammedanern
zusammengesetzten Hofstaat, eine eigene Truppe und ist in sämtlichen
Ressorts, mit alleiniger Ausnahme der Gerichtsbarkeit, die in letzter Linie
entscheidende Instanz.
In der nächsten Nähe des eigentlichen Serai von Bteddln erblickt
man vier weitere Schlösser, welche Emir Beschir Schihäb für seine
Söhne hat erbauen lassen. Das eine derselben ist zu einer Kaserne
eingerichtet; das zweite befindet sich zwischen der Maroniten - Kirche
und dem Regierungspalaste und ist durch Rustem Pascha in das
Gefängnis dir den Libanon -Distrikt umgewandelt; die beiden übrigen
Schlösser liegen etwas höher als das Palais, auf derselben Seite des
Thaies, sie sind in noch ziemlich gutem Zustande und mit ihren Terrassen-
bauten, Bogenfenstern und Säulengängen ausserordentlich malerische
Burgen. Beide gehören dem maronitischen Bischof Butros Bustänl; das
eine bewohnt er selbst, in dem anderen residiert während der Sommer-
monate der bereits erwähnte Emir Mu?tafa Arslän, der Käimmal^äm des
Schuf, des einzigen Bezirks der Libanon -Provinz, in welchem noch ein
Druse an der Spitze der Verwaltung steht.
Der eigentliche Amtssitz von Schuf Oj-ij\ ist jedoch in Ba*atj:lin
etwa eine Stunde von Bteddin südwestlich gelegen, wo dem Käimmal^äm ein
prächtiges Gebäude errichtet wird. In Ba*al^lin /nUiw , einem hauptsäch-
lieh von Drusen bewohnten Orte mit vielen Häusern in altem Stil, wohnt
auch einer der beiden geistlichen Führer der Drusen des Libanon -Ge-
birges. Der andere lebt in dem Dorfe 6edede, welches zwischen Bteddin
und il Muchtära S j tjil liegt, dem Stammsitz der Familie 6umblät ^^Li^,
der heutigen Rivalin der Familie Arslän im Libanon. Das eigentliche
Schloss von il Muchtära, in welchem der Vater des gegenwärtigen Familien-
hauptes in den sechziger Jahren einen prunkvollen Haushalt führte, ist
heute verlassen. Der gegenwärtige Chef Nesib Bey öumblät wohnt dauernd
in einem ihm gehörigen grossen Stadthause in Berüt; dagegen residiert
seine Mutter, eine alte, ausserordentlich energisch ausschauende Frau,
welche übrigens ganz auf Seiten der Arslän steht, noch in il Muchtära in
einem eigenen, neu gebauten, grossen Hause. Das Thal von il Muchtära
mit seinen vielen Waldungen und Dörfern gehört zu den schönsten
Teilen des Libanon -Gebietes.
Der Ort Bteddin ist nicht sehr gross. Er besteht fast ausschliesslich
aus Häusern, welche die verschiedenen Beamten des Gouvernements
mit ihren Familien bewohnen, aus einigen Gasthäusern geringerer Art
und Läden für die Libanesen, die nach Hteddin kommen, um ihre
Angelegenheiten /-u ordnen.
Weit grösser ist Der il Kamar, heute ein fast ganz christlicher Ort,
der übrigens eine kleine Moschee mit hübschem Minaret') besitzt- Das
Serai von Der il Kamar sowie mehrere andere Häuser sind sehr alten
Datums; sie stammen noch aus der Zeit der Ma'n
O^'
eines Fürsten-
geschlechts, das mehrere Jahrhunderte lang im Libanon regierte und be-
sonders durch den Emir Fachr id Din bekannt wurde. Das Serai
von Der il Kamar wurde im XV. Jahrhundert von dem Sohne des Emir
Haidar jXa- Ma'n, dem Emir Melheni *äL> gebaut, die heutigeSchule von
dessen Sohn Jüsif ^Ja^y. Das Haus, in welchem der gegenwartige Mudir
von Der il Kamar, Emir Chalil Schihäb i.jl#.w AJ^i ein Urenkel Emir
Beschir Schihäbs t_}\4^ j^ . wohnt, wurde von dessen Familie beim
Aussterben der Ma'n ererbt.') Der grosse Fachr id Din Jr j!\ jit», ein
') OleB ist wohl die einzige Moachee im Libanon; sie diirfle von den Ma'n
entdilet sein.
») VergL K«p. IV die«« Werkes S. 148.
^2 Kap. I. Das Reglement orgonique du Liban.
Mann von ganz winziger Gestalt, hatte geschworen, die Steine zu diesem
Hause aus dem Palaste seines Schwagers, des Wali von 'Akkä, zu ent-
nehmen, welcher ihn beschimpft hatte; den Schwur hat er gehalten.
Seine Schwester hatte ihm geschrieben, ihr Gatte habe sich über seine
kleine Gestalt lustig gemacht und behauptet, ein Ei, das aus seiner Hand
fiele, würde auf dem Boden nicht zerbrechen.
Die übrigen Nachkommen Beschir Schihäbs sind zum Teil in
weniger glänzenden Stellungen; mehrere sind gegenwärtig Droschken-
kutscher in Berüt. Dieses Missverhältnis in der Stellung der verschiedenen
Familienglieder teilen die Schihäb übrigens mit den wenigen noch
heute in Ansehen stehenden alten christlich-syrischen Familien. Der
Reichtum der meisten heutigen syrischen Kaufleute reicht kaum einige
Jahrzehnte zurück.
Die staatsrechtlichen Verhältnisse des sogenannten autonomen Be-
zirks desLibanon unterscheiden sich in manchen Beziehungen von denjenigen
der übrigen türkischen Provinzen. Vielfach wurde in letzter Zeit davon
gesprochen, dieselben oder ähnliche Verwaltungsgrundsätze für die
Provinzen Kurdistans, in welchen christliche Armenier in grösserer An-
zahl wohnen, zur Anwendung zu bringen. Die gegenwärtige Verfassung
des Libanon-Bezirkes ist die Folge der Christenmassacres im Jahre l86o
und beruht auf dem »Reglement organique du Liban« vom 9. Juni 1861,
welches durch ein von den Vertretern der Türkei, Englands, Russlands,
Frankreichs, Oesterreichs und Preussens unterzeichnetes Protokoll vom
selben Tage bestätigt und erläutert und durch Firman des Sultans de
dato 20. Juni 1861 eingeführt wurde. Durch Protokoll vom 6. Juni
1864 erfuhr das Reglement gewisse Aenderungen und wurde dann
durch die Protokolle vom 27. Juli 1868, 22. April 1873, 8. Mai 1883
und 15. August 1892 anlässlich der jedesmaligen Neueinsetzung von
Gouverneuren bestätigt. Seit 1868 sind diese Protokolle auch von dem
Vertreter Italiens mitunterzeichnet. Manche Bestimmungen der Ver-
fassungsurkunde, die sich in der Praxis als unhaltbar erwiesen, sind still-
schweigend und ohne Widerspruch der Schutzmächte ausser Gebrauch
gekommen *).
') Der türkische Text des »Reglement or^aniqoec nebst arabischer l'ebcrset2UDi|>^ ist
u. a. in Berüt publiziert. Der französische Wortlaut findet sich in der I^|)islation Ottomane von
Aristarchi Bey ;^II. Teil, S. 204 ff.;, ferner bei Richard Edwards, La Svrie 1840 — 1862, Paris
1862, S. 376 ff., bei Louis de Beaudicour, La France au Liban, Paris 1874, S. 254 ff. Vergl. auch
das Röfvlement für den Libanon bei Maricns, Nouvcau Recueil General XVIIl, S. 227 ff., und
Holland: The European Concert in thc Eastcrn (^)uesiion. Oxford 18S5, S. 21 2 ff; Protokoll
vom 9. Juni 1861 ; Nouveau Recueil General XVII, 2, S. 92 tT, Holland, S. 2iotT; Protokoll
vom 22. April 1873: Nouveau Recueil General 2me Serie III, S. 561 f. Holland, S. 2i8ff;
Protokoll vom 8. Mai 1883 ebenda IX, S. 233; Firman für Wassa Pascha vom iS. Maii8S3
Ji
Kap. I. Verwaltung des Libanonbezirks. '> ^
I. Verwaltung.
Der Gouverneur (Mute^arrif) des Libanon wird vom Sultan nach
vorherigem Einverständnis mit den sechs Schutzmächten des Libanon,
Deutschland, Oesterreich-Ungarn, England, Frankreich, Italien und Russ-
land, auf mehrere Jahre ernannt. Er untersteht direkt der Pforte und
hat, obgleich der Libanon -Bezirk nicht ein Wilajet, sondern nur ein
Mute§arriflik ist, ipso jure den Rang eines Wezir und folglich den Titel
eines Pascha. Seine Amtsdauer ist im Reglement nicht festgesetzt; sie wird
bei jeder neuen Ernennung eines Gouverneurs von der Hohen Pforte im
Einverständnis mit den vorgenannten sechs Grossmächten besonders
fixiert. Der erste Gouverneur des Libanon, Däüd Pascha, ein katholischer
Armenier (1861 — 1868), wurde zunächst auf drei Jahre und nach Ablauf
dieses Zeitraumes auf weitere fünf Jahre ernannt. Seine Amtsdauer betrug
aber im ganzen nur sieben Jahre, da er Anfang 1868 zum Minister
der öffentlichen Arbeiten befördert wurde. Sein Nachfolger Franko
Pascha (1868 — 1873), ein Melkite (griechischer Katholik) aus der Aleppiner
FamiHe Küsa, wurde auf zehn Jahre ernannt, starb jedoch bereits am
II. Februar 1873. Der dritte Gouverneur, Rustem Pascha (1873 bis 1883),
blieb die bei seiner Ernennung vorgesehene Zeit im Amte. Rustem
Pascha*) war ein geborener Italiener (Graf Mariani), seine Wiederwahl
wurde durch französischen Einfluss verhindert. Der vierte, Wassa Pascha,
ein Albanese, der sich htterarisch einen Namen gemacht hat, wurde eben-
falls auf zehn Jahre ernannt, er starb im Jahre 1892. Sein Nachfolger,
der gegenwärtige Statthalter Na"um Pascha, ein Schwiegersohn Franko
Paschas, wie dieser ein Melkite und einer Aleppiner Familie entstammend,
war früher Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte zu Konstantinopel;
seine Amtsdauer war zunächst auf fünf Jahre bemessen und ist im Jahre
1897 um weitere fünf Jahre verlängert worden.
Der Gouverneur muss Christ sein; nähere Bestimmungen über seine
Konfession enthält das Reglement nicht. Die bisherigen Mutesarrifs
des Libanon waren sämtlich katholisch, und nach dem Herkommen und
mit Rücksicht auf die Maroniten, welche die Mehrzahl der Bevölkerung
des Libanon bilden, dürfte auch in Zukunft bei der Ernennung eines
Gouverneurs nur ein Katholik als Kandidat in Betracht kommen. Das
ebenda IX, S. 234. Eine vollständige Wiedergabe sämtlicher Aktenstücke, welche auf die
Libaoonereignisse von 1860 Bezug haben, macht den jjrösseren Teil von Testa, Rccueil des
Trtites de la Porte Ottomane avec les Fuissances Ktrangöres, VII (Paris, 1884) aus; das
RöglemcDt vom Juni 1861 mit zahlreichen er/^änzenden diplomatischen Schriftstücken siehe
dort S. 336 — 404, das Protokoll vom 6. Juni 1864 betreffend Abänderung des Reglement
S. 405 ^•
*) Vergl. oben S. 2.
Prhr. ▼. Oppenheim, Vom Mittel meer aum Persischen Golf. 3
34
Kap. L Der Gourernenr dei LibanoDbezirks.
Gehalt des Gouverneurs beträgt 20000 Piaster = etwa 3700 Mk.
monatlich, ausserdem bezieht er 4000 Piaster monatlich Repräsentations-
gelder. Drei Monate vor Ablauf seiner Amtszeit müssen die Vertreter
der Mächte benachrichtigt werden behufs Herbeiführung des erforderlichen
Kioverständnisses über die Person des Amtsnachfolgers. Der Fall , dass
eine Einigung rechtzeitig nicht erzielt werden kann, ist nicht vorgesehen,
aber zweimal eingetreten; die Pforte beliess in dem einen Falle den bis-
herigen Gouverneur, Rustem Pascha, provisorisch im Amt bis zur An-
kunft Wassa Paschas; im anderen Falle, beim Tode Wassa Paschas 1892,
übertrug sie die Verwaltung dem obersten Mej^lis (Vcrwaltungsrat),
Batrün
»
öezzln
»
Metn
»
Schuf
»
Küra
>
Zalile
»
Kap. L Die Ka^as des Libanonbezirks. ^c
Der Gouverneur hat die gesamte Exekutive, sorgt für Ordnung und
Steuererhebung, ernennt kraft einer ihm beim Amtsantritt vom Sultan
ein für allemal erteilten Ermächtigung die Beamten sowie die Richter,
überwacht die Vollstreckung richterlicher Erkenntnisse und führt den
Vorsitz in dem ihm zur Seite stehenden centralen Verwaltungsrat (Con-
seil administratif, arabisch : Meg^lis idära). Diese permanent tagende
Körperschaft hat die Befugnis der Steuerveranlagung und -Verteilung,
sowie der Finanzkontrolle und der Begutachtung der ihr vorgelegten
Fragen. Sie besteht aus zwölf Mitgliedern, welche von den Dorfschechs
der sieben Kreise (Ka<Jä) des Libanon -Gebietes gewählt werden. Nur
solche sind wählbar, welche in ihrem Wahlbezirke ansässig sind.
Kacjä Kesrawän wählt i Maroniten und i Mutwäli,
Maroniten,
I Maroniten und i Drusen,
» Metn » I Maroniten, i orthodoxen Griechen und i Drusen,
» Schuf » I Drusen und i Muhammedaner,
orthodoxen Griechen,
» Zal.ile » I Melkiten (unierten Griechen).
Der Verwaltungsrat besteht also aus vier Maroniten, drei Drusen,
zwei orthodoxen Griechen, einem unierten Griechen, einem Muham-
medaner und einem MutAväll. Alle zwei Jahre wird der Verwaltungsrat
zu einem Drittel seiner Mitglieder erneuert; die ausscheidenden Personen
können wiedergewählt werden.
Das Reglement organiquc nahm ursprünglich, der bisherigen Scheidung
des nördlichen und südlichen Libanon entsprechend, eine Einteilung des
Mute§arrifliks in zwei Mudirijen in Aussicht; statt dessen ist, wie erwähnt,
das Libanon-Gebiet in sieben Kadäs (Arrondissements) geteilt und an der
Spitze jedes Kacjä steht ein vom Gouverneur ernannter Käimmakäm.
Dieser muss demjenigen Ritus angehören, welcher in dem betreffenden
Kacjä durch Kopfzahl und Besitzstand seiner Bekenner der vorherrschende
ist. Nach diesem Grundsatze sind die Käimmakäme der Bezirke Kesrawän,
Metn, Batrün und öezzln immer Maroniten, während der Käimmakäm des
Bezirks Schuf immer ein Druse, derjenige des Bezirks Küra ein ortho-
doxer Grieche ist.
Die sieben Kacjäs zerfallen wieder in verschiedene Bezirke (cantons,
arabisch Näbije), die von einem Mudir verwaltet werden. Die Mudire
werden ebenfalls vom Gouverneur ernannt, und zwar auf Vorschlag der
Käimmakäme. An der Spitze jedes Dorfes steht ein von der Gemeinde
gewählter und vom Gouverneur bestätigter Schech. Alle Bewohner sind
vor dem Gesetz gleich; feudale Vorrechte sind abgeschafft.
Von der administrativen Einteilung des Libanon nach Kadäs und
Näbijes giebt eine von ^Abdallah Töhmeh im Jahre 1897 gezeichnete
^5 Kap. L Kt^Ss nnd Nähijen des Libanonbezirks.
t Carte de la Syrie Centralec in i : loo.ooo folgendes Bild, welches hier
geographisch, von Norden nach Süden fortschreitend, geordnet ist*):
Sitz des Mute§arrifs: Bet id Din (Sommer) und Ba'abdä (Winter).
I. Kadä il Küra, Hauptort Amjün*).
1. Näbije il Küra üch Schemällje oder ü Küra it Ta tä, Hauptort Kefr
KähiP).
2. Näbije il Küra il Wustö^ Hauptort fehlt*).
3. Näbije il Küra% Hauptort Anijün.
4. Nähije il KutcHa^ Hauptort fehlt*).
II. Kadä il Batrün, Hauptort il Batrün.
1. Näbije iz Züwijcy Hauptort Kefr Jäschit^).
2. Näbije Ehden, Hauptort Ehden.
3. Näbije Bscherre, Hauptort Bscherre.
4. Näbije Hasrüiiy Hauptort Ha«jrün.
5. Näbije Kanät, Hauptort Kanät.
6. Näbije Tannür'm^)^ Hauptort Tannürin it Tabtä*).
7. Näbije il liatn'm^^), Hauptort il Batrün.
8. Näbije Hermel, Hauptort Hermel.
IIL Kadä Kesrawän, Hauptort Razir (Sommer) und 6ünije (Winter)**).
1. Näbije GebeU^), Hauptort Gebel.
2. Näbije Gebel il 'Uija, Hauptort fehlt *^),
3. Näbije il Munetira, Hauptort fehlt").
') Ausser der Töhmehschen Karte ist in der Dachstehenden Uebersicht noch folgendes
ältere Material berücksichtigt: i. eine auf Befehl Küstern Paschas um 1S80 aus den Kataster-
büchem der Regierunc:- ausg:ezo^ene Ortsliste ^Manuskript, im Folgenden durch Rüstern be-
zeichnet), sie g^ebt die Hanptorte der Bezirke nicht an; 2. eine Uebersicht über die Ver-
waltungs^ebiete, au^esteUt von Herrn G. I). Sursock um 1S90 (Manuskript, im Folgenden
durch Sursock bezeichnet; beide Arbeiten befinden sich im Besitze Professur Hartmanns^;
3. eine von nnserm Generalkonsul Dr. Schröder in Berät im Jahre 1894 mir mitgeteilte
Uebersicht (im Folgenden durch Schröder bezeichnet). Die wesentlichen Abweichung^en
dieser drei Quellen von den Töhmehschen Angaben sind in den Fussnoten vermerkt.
*) Sursock: »Kfär Hanr, vordem Amjünc.
*) Sursock und Schröder: >Bkeftin«.
*'^. Sursock: >Küsbäc; Schröder: xKesbäc.
^) Rustem: »Näbije AinjuMt; fehlt bei Sursock und Schrgder.
*) Sursock: »Hämät«; Schröder: »Keflün«.
^, Sursock: >Risch'ain« ; Schröder: »'Argis«.
*^ Rustem: »Näbije i7 Batrun il ''U/jä«i.
'; Sursock und Schröder: »Tannürin«.
^") fehlt bei Sursock und Schröder.
^'^ Schröder: »Razirc.
«
^•; Rustem: »6V6e/ is Su/fä€,
*•) Sursock: »Ehmegc; Schröder: >*AVüra«.
^^^ Sursock: vLäsäc; Schröder: »Munetira«.
Kap. I. Ka4äs und Näbijen des Libanonbezirk. yj
4. Näbije ü Fetvh, Hauptort il Kattin').
5. Näbije Razir^), Hauptort Razir.
6. Näbije Günije\ Hauptort öünije.
7. Näbije iz Zvk% Hauptort Zül^ Michäjil^).
8. Näbije Rus ä, Hauptort Rustä.
9. Näbije Gurd Kesrawän^), Hauptort Bka'tütä (Sommer) und Reifün
(Winter) ^.
IG. Me'mürije Schemtistür^), Hauptort Schemustär.
IV. Ka<Jä il Metn, Hauptort Bbannes*).
1. Näbije il Koti% Hauptort Bekfeijä und Bet Schebäb*").
2. Näbije isch Schweir, Hauptort isch Schweir.
3. Näbije Biskintä, Hauptort Biskintä.
4. Näbije ü Afetn^^), Hauptort Bbannes.
5. Näbije il Metn il A*lä, Hauptort isch Schbänije^*).
6. Näbije is Sahil, Hauptort il Hadet*^).
V. Kacjä Zable, Stadtkreis.
VI. Kä(Jä isch Schuf, Hauptort Ba'aklin (Sommer)^*)
und *Ain 'Anüb (Winter) ^'^).
1. Näbije il Rarö il Aksä^ Hauptort isch Schwefät.
2. Näbije il Rarb isch Schemäli^^), Hauptort Kumätlje^^).
3. Näbije il Rarb il ^'/r^»«), Hauptort 'Aleih und *Aität^^).
4. Näbije il Gurd il yenvbl^^), Hauptort *Ain Träz^^).
*) Sursock: »Kfür«; Schröder: >Taberga«.
*) fehlt bei Sursock und Schröder.
') fehlt bei Rüstern, doch ist sie vielleicht identisch mit seiner »Näbije Sarita«, welche
in allen anderen Quellen fehlt.
*) fehlt bei Schröder.
^) Sursock: »Zü|^«.
^) Rüstern: >i/ (juruJfi.,
'"; Sursock: >B^a'tütä« ; Schröder: »Kefr Oibjän«.
*) Dieser eine besondere Stellunp^ einnehmende Verwaltunj;sbezirk fehlt in allen Lin-
deren Quellen.
') Sursock und Schröder: »Brummänä (Sommer) und ^Judede ^^Winter)«.
'°) Sursock und Schröder: »Bekfeijä«.
^') Rustem: »Nä^jije iV Metn isch <SV//e///r///« ; fehlt bei Sursock und Schröder.
^') Schröder: »Ras il Metn«.
*') Sursock: »Sibneih« ; Schröder: »Ba'abda«.
**) bei Töhmeh findet sich eine besondere K:i<iaba Ba'klin.
**) Schröder: »Ba'aklin«.
'*) Rustem: »Nät^ije il Rarb il A'iä yihat in Xasara«, d. h. christliche Seite.
*^) Sursock und Schröder: »Sül^ il Rarb«.
*^) Rustem: »Nät^ije tV Rarb il A^lä yihat id Dräza., d. h. drusische Seite.
^^) Sursock und Schröder: »'Aleih'<.
*®) Rustem: »Näbije burd in Na*ära^.
") Sursock und Schröder: »Bbamdün«.
3 8 Kttp. I. GerichtsverfassQog des Libanonbezirkes.
5. Näbije il Gurd iach SchemälV), Hauptort Btätir.
6. Näbije ü ^Arküb iach Schemol't, Hauptort Mendel Ma'üsch*).
7. Näbije il 'Arküb il AUa% Hauptort *Ain Zabalte.
8. Näbije il ^Arküb il yenühlj Hauptort Brib*).
9. Nähije isch Schahäry Hauptort 'Abeih.
IG. Näbije il Manäaify Hauptort Kefr Him*^).
11. Näbije Akllm il Charrüb% Hauptort Barg^ä').
12. Näbije isch Schuf i'n% Hauptort il Muchtära.
VII. Kacjä dezzin, Hauptort (lezzin,
1. Näbije Akllm it Tupäh, Hauptort is Sälibije.
2. Näbije Gezzln^), Hauptort dezzin.
3. Näbije öeM ir R'ihfin, Hauptort ir Ribän*®).
Einen besondern, zu keinem der sieben vorhergenannten Kacjäs ge-
hörigen Distrikt bildet die KasabeZ>ö' il Kaviar ^^)y die, obgleich eine Enklave
im Kacjä isch Schuf, direkt vom Gouverneur des Libanon ressortiert. '*)
II. Gerichtsverfassung.
Artikel 6 des Reglement sah drei Gerichte erster Instanz vor,
eine Zahl, die sich bei der Zunahme der Bevölkerung als unzureichend
erwiesen hat. Es giebt jetzt acht Gerichte erster Instanz im Libanon-
Gebiet, bestehend aus je drei Mitgliedern, je eines in jedem Kacjä und
ein achtes in Der il Kamar.
Rustem Pascha veranlasste, dass das am Sitze der Regierung be-
findliche Obergericht (Me^lis judiciaire supcrieur), welches nach dem
Reglement nur aus einer mit sechs Richtern und einem Präsidenten be-
setzten Kammer bestand, in zwei Kammern, eine für Civilsachen (däiret
il b"kük) und eine für Strafsachen (däiret 11 g<^za), geteilt wurde.
*' Rustem: x Näbije (Jurd id urüi<^.
'*) Surstick: »Schwit'.. ; Schrütler: »'Ain Dara o<ler Mendel Ma'üsch«.
' Rustem: ^» Näbije il 'Arkuh il I'u^'n/it .
*; Sursock un<l Schröder: •>il Bärük»«.
*' Sursock: .'Kefr Fätür«, fehlt bei Schröder.
**; Rustem: v Näbije AkRin il Charnuh..
^], Sursock und Schröder: yMezbüd«; Schröder bemerkt, dass der Mudir dieser
Näbije aus den Muhamme<1anem (gewählt >%ird.
"" Rustem zerlegt diese Näbije in zwei: i. Näbije isch Scli'ut il Ih-Itu 2. Näbije
isch Srhaf M Suireiyairt:..
*^ Rustem: ^Näbije Akfim GVjci/i ■ ; fehlt bei Sursock und Schröder.
^^" Sursock: vZnrrin«; Schröder: - 'Aramti^.
^^^ Schröder; »Mudiriie Der il Kamar ^.. Mudinje ist uleich Nabüe.
'•'. In letzter Zeit macht sich unter den Maroniten. die ihren Kintlu^s den Drusen
j^ejfenüber immer mehr zu festiiren suchen, eine llewejfunj; geltend, cin/.elne fa^t tranz
maronitische Bezirke des Schuf, die jetzt zu dem drusischen Ka<jä j;jehören. von diesem
abzutrennen.
Kap. L Finanzen und Militär des JLibanonbezirkes. 9q
Jede dieser beiden Kammern hat jetzt einen Vorsitzenden und
sechs Richter, welche vom Gouverneur in der Weise ernannt werden,
dass möglichst alle Religionsgesellschaften in dem Gerichte vertreten
sind. Das Obergericht ist zugleich Berufungsgericht (dlwän isti'näf
(^UaLjV^ j\y^) gegenüber den Erkenntnissen erster Instanz; auch ist
es allein zur Aburteilung von Verbrechen zuständig. Gegen die Urteile
des Obergerichtes ist Rekurs an den Kassationshof in Konstantinopel zu-
lässig. In Civilstreitsachen unter 200 Piaster zwischen Angehörigen des-
selben Ritus fungieren die Schechs als Friedensrichter. In Strafsachen
sind letztere für Uebertretungen kompetent und gleichzeitig die Richter
der ersten Instanz für Vergehen. Die Einrichtung der Offizialverteidiger ist
als unzweckmässig stillschweigend abgeschafft. Die Sitzungen sind öffentlich.
In Handelssachen ist das türkische Handelsgericht (mebkemet it
tigära) zu Berüt auch für den Libanon zuständig. Die Kompetenz
dieses Handelsgerichtes erstreckt sich auch auf alle Civilstreitigkeiten
zwischen Libanesen und fremdländischen Unterthanen (Artikel 9), sofern
sie sich nicht durch Schiedsspruch begleichen lassen.
IIL Finanzen.
Die Steuern des Libanon sollen nach dem Reglement (Artikel 15)
3500 Börsen ä 500 Piaster, das sind 17 500 türkische Pfund, nicht über-
steigen.
Die Regierung hat bisher von der ihr durch Artikel 15 erteilten
Befugnis, den Steuerbetrag zu verdoppeln, keinen Gebrauch gemacht.
Das muss umsomehr auffallen, als der Wohlstand der Provinz sich sehr
vermehrt hat. Die maronitische Geistlichkeit aber, welcher fast die Hälfte
des gesamten Grundbesitzes im Libanon gehört, hat unter dem Schutze
Frankreichs bisher jeden Versuch einer Erhöhung der Steuern zu ver-
eiteln gewusst.
IV. Militär.
Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung dient eine Miliz-
truppe, welche sich im Lande selbst rekrutiert, von einem christlichen
Oberst befehligt wird und zur Zeit aus zwei Bataillonen und einer
kleinen Abteilung Reiter besteht. Die Mannschaften sind meist Maro-
niten*) und Drusen. Ausserdem garnisoniert am Sitze des Gouverneurs
^) In der übriß^en Türkei werden die Christen nicht zum Militärdienst herancfezoi^en.
Die Kavallerieabteilung, welche in Aleppo, Damaskus und Berüt unter polnischen und
UDgarischen Emigranten hauptsächlich aus syrisch -libanesischen Christen um die Mitte
dieses Jahrhunderts gebildet wurde und bis vor einiß^en Jahren bestanden hat, e?dstiert
nicht mehr. Ich fand im Jahre 1897 den als Knabe nach der Türkei q-ekommenen Sohn
«ines jener Emigranten, einen Ungarn Namens Schaikowits, als Kommandanten der türkischen
Dragonerabteilung in Bteddin.
AO Kap. L Libanon-Militär,
eine Abteilung türkischer Kavallerie, welche zu dem in Berüt liegenden
Dragoner -Regiment gehört Das Libanon- Militär ist noch nach alt-
türkischer Art mit Pumphosen und Zuavenjacken uniformiert, und zwar
trägt die Infanterie dunkelblaue und rot paspoilierte, die Kavallerie rote
und blau paspoilierte Jacken. Der Eintritt in die Truppe erfolgt frei-
willig; die Libanesen dürfen ausserhalb der Libanon-Provinz nicht zum
Waffendienst herangezogen werden, dagegen kann der Gouverneur im
Bedarfsfälle auch andere türkische Truppen in Syrien requirieren. Zu-
Kap. I. Mein Aufenthalt in Berut 1S93. 4I
nächst waren etwa sieben Mann pro Tausend der Bevölkerung des
Libanon -Gebietes als Polizeitruppe vorgesehen. Die jetzige Stärke der-
selben beträgt aber nicht mehr als etwa 1000 Mann. Diese niedrige,
indess für den Sicherheitsdienst im Libanon -Bezirke vollständig aus-
reichende Ziffer erklärt sich hauptsächlich aus dem Wunsche der Re-
gierung, den Bevölkerungszahlen des Libanon*) entsprechend nicht mehr
Drusen als Christen in die Truppe aufzunehmen. Trotz der starken Aus-
wanderung der Drusen nach dem Haurän melden sich nämlich nicht
nur relativ mehr Drusen zum Waffendienst, sondern die Zahl der
drusischen Anwärter soll auch absolut die der christlichen vielfach über-
wiegen. Hierbei spielen allerdings die oben erwähnten Wanderungen
der libanesischen Christen gleichfalls eine Rolle.
Dem Militär der türkischen Armee ist im allgemeinen das Betreten
des Libanon -Gebietes nicht gestattet, doch ist der Durchzug auf der
Berüt mit Damaskus verbindenden Chaussee und Eisenbahn vorgesehen.
Auf der Reise, welche den Gegenstand der folgenden Blätter bildet,
landete ich im Frühjahr 1893 in Berät.
Mein Aufenthalt dortselbst verlief sehr angenehm. In dem gast-
lichen Hause unseres Generalkonsuls Dr. Schröder verlebte ich genuss-
reiche und anregende Stunden. Hier traf ich auch die arabische Zan-
zibar-Prinzessin aus dem Hause der Bargasch und Witwe des Ham-
burgischen Kaufmanns Rüte^ mit ihren Töchtern, welche sich vor
einigen Jahren in Berüt niedergelassen hatte. Meine Rcisepläne fanden
in Dr. Schröder einen ausserordentlich freundlichen Förderer. Für
meine Expedition sollte ausserdem eine Bekanntschaft von grosser
Bedeutung werden, welche ich in den Salons des Gouverneurs des
Libanon, Na**üm Pascha, machte. Ich lernte dort einen drusischen
sogenannten Prinzen, den Emir Muhammed, Sohn des bereits erwähnten
Emir Mu§tafä Arslän, kennen, einen jungen Mann von den an-
genehmsten europäischen Manieren, der ä la turca mit der überrock-
ähnlichen Stambulina und mit dem Fez gekleidet ging und ausgezeichnet
französisch sprach, bei einem Drusen Zeichen eines überraschenden Fort-
schrittes. Der Emir führte mich in das Haus seines Vaters, der mir
eine Empfehlung an die mächtige Drusenfamilie Atrasch ^^^ im
Haurän gab, welche mir auf dem ersten Teile meiner ICxpedition von
höchstem Nutzen war.
') Von ca. 400000 Einwohnern fies Libanon-Gebietes boll'-ri etwa ;^2ocx^) clirihtli« li
und etwa 50000 drusisch sein. Nach einzelnen drusischen Ouelbrn wiir«le hj<;h «lic Ietzt«T<:
Ziffer auf etwa 80000 erhöhen. (Vcrgl. indess auch Kap. IV di«».:^ Wi-rkrh S. 1 J4.;
^ L'ebcr ihre interessante Lcbensjreschichle veri;!. Mcrnoiren einer arabinchrn
Prinzessin, Berlin 1886.
Kap. L Mit der UiliccDCe
Im Jahre 1893 wurde der Personenverkehr zwischen Berüt und
Damaskus noch durch grosse Postkutschen (DiHgencen) unterhalten,
welche die Fahrt auf der 116 km langen Chaussee in zwölf Stunden aus-
führten. Die Chausee ist im Jahre 1S57 konzessioniert und 1861 von
der bereits erwähnten Compagnie de la chaussee de Beyrouth ä Damaa
fertig gestellt worden. Um die Chausseegebühren zu ersparen, wurde
jedoch vielfach von den Eingeborenen der der Chaussee zum Teil parallel
laufende alte Saumpfad benutzt. Täglich verkehrten je zwei DiHgencen
ab Benit bezw. Damaskus, und zwar um 5 Uhr früh und um 6 Uhr
abends. Die Wagen waren in derselben Art eingerichtet wie heute noch
die Postfuhrwerke in Algerien und Süd-Frankreich. Der Platz hoch oben
auf dem Verdeck über dem Kutscher galt als der beste. Das Gefährt
wurde von drei Maultieren und drei Pferden gezogen. Die N'achtwag^n
waren kleiner und vierspännig. Um die Tiere zu schonen, wurde ein
\'erhältnis massig langsames Tempo gefahren.
Ich benutzte die Tagcsdiligencc bis Schtorä, wo ich die Chaussee
verliess, um einen Abstecher nach Ba'albek und seinem wunderbaren
Sonnentempel zu machen. Die Fahrt dorthin erfolgte auf einer von
der türkischen Regierung angelegten Strasse in einem kleinen, zwei-
spännigen Wagen. Die Strasse, mit geringeren ^[itteln als die fran-
Kap. I. Syrischer Weinbau. ^x
zösische Chaussee hergestellt, war dementsprechend auch in einem
schlechteren Zustande.
Bei meiner Ausfahrt aus Schtörä erstreckten sich zur Linken an
den Abhängen des Libanon stundenlang Weinfelder, die sich zum Teil
im Besitze von Franzosen befinden. Einer der grössten Weinbauer ist
hier auch die Jesuiten - Mission , welche unweit Schtörä die bedeutende
Zweigniederlassung Ksärä unterhält. Der sogenannte Schtörä -Wein, be-
sonders der rote, hat einen vorzüglichen Geschmack. Er ähnelt dem
algerischen Wein, hält also ungefähr die Mitte zwischen einem ein-
fachen Bordeaux und einem leichten Burgunder. Der Preis beträgt
pro Liter etwa 7« Franc, im Gebirge zahlt man jedoch kaum mehr als
25 Centimes; der Selbstkostenpreis dürfte sich auf etwa 15 Centimes
stellen. Der syrische Wein wird bereits vielfach auf europäische Art ge-
keltert. Während meiner Expedition habe ich einige Flaschen desselben
mitgeführt, die monatelang trotz der grössten Hitze und des beständigen
Schütteins bis zum Schluss sich ausgezeichnet gehalten haben. Der
Weinbau wird jetzt in Syrien in grossem Massstabe betrieben und hat
jedenfalls eine Zukunft, zumal wenn der Transport billiger und die
europäische Behandlungsweise allgemein in Aufnahme gekommen sein
wird. Bereits jetzt sind die syrischen Weine exportfähig; eine beachtens-
werte Ausfuhr geht nach den Nachbarländern, namentlich nach Egypten.
Die französischen Weinfelder reichen von Schtörä bis nach il Mu*allaka
Amm1\ und Zable.
Nachdem wir il Mu^allaka verlassen, zog sich unser Weg noch etwa
15 Kilometer lang am Fusse des Libanon hin, um dann bei einem
einsamen Chan in die Bi^ä* hinabzusteigen. Der in der Nähe von
Ba*albek entspringende Nähr il Litäni, der auf einer kleinen Steinbrücke
überschritten wurde, war um diese Jahreszeit vollständig ausgetrocknet.
Von weitem schon kündigte sich Ba*albek durch üppige Vege-
tation, hohe Baumgruppen und vor allem durch die sechs ragenden
Riesensäulen des Sonnentempels an. Eine viertel Stunde, bevor wir die
Stadt erreichten, passierten wir unweit des Weges ein eigentümliches
Bauwerk: acht niedrige Granitsäulcn, von Architraven überdeckt. Ueber
diesen hatte sich früher eine Kuppel gewölbt, die aber wohl infolge
von Erdbeben eingestürzt ist. Die Erinnerung an die alte Bauform hat
sich noch in dem heutigen Namen Kubbet Düris (d. h. Kuppel Düris)
erhalten. Höchstwahrscheinlich war das Gebäude ein aus antikem Material
erbautes arabisches Grabmal.
In Ba'albek fand ich in einem von einem Griechen gehaltenen
Gasthofe recht gute Unterkunft. Trotz der vorgerückten Jahreszeit waren
^ Kap. L Bi'dbck.
noch einige englische Damen dort in Pension, und ausserhalb der Stadt
war ein grösseres Cook'sches Reiselager mit dem übhchen Diener- und
Dotmetschertross aufgeschlagen.
Ba'albek'), bis zum Jahre l86o ein unbedeutender, hauptsächlich
von Muhammedanern bewohnter Ort, ist heute ein Städtchen von etwa
1500 meist christlichen Einwohnern und der Sitz eines türkischen,
zum Wilajet Damaskus gehörenden Käimmakäm. Hier wohnen auch
vereinzelte Metäwile, welche unweit von Ba'albek, am Ostabhange des
Libanon, sowie in der Bikä' und im Antilibanon einige Dörfer besitzen.
Das Klima von Ba'albek ist sehr angenehm, die Luft trotz
des Wasserreichtums infolge der Höhenlage trocken. .Ms Sommer-
aufenthalt ist der Ort wegen des Aufblühens der libanesischen Sommer-
frischen, wie Zahle und '.VIeih, etwas zurückgegangen. Die Haupt-
anziehungskraft für die Fremden bilden aber die altehrwürdigen, riesigen
Tempeiruinen. L'm zu diesen zu gelangen, steigt man durch ein langes,
') Verßl. Ritter i.:uO. XVIl, S. 212 ff-, 229 (T. und die daselbst verieichnete allere
Litteratur. Iin Jahre 1S90 pabliderte Michel M. Alouf. ein christlicher Eingeburener von
Ba-ulbek, in beriit eine Broschüre, belilell: Ilisloire de Bn'iilbelc. Uie Schrift ist verdeutscht
von Ollilie v. Kubritiky (IVa^ 1896 . Vcri;!. hieriu dii- wcni){ schmeichelhafte Kritik in
der Revue ArcheoloRique, Psris 1898 ;juillet-Aoüt), S. ijo.
Kap. L Die Ruinen von Ba'albek. ^j
mächtiges Kellergewölbe auf; von den Besuchern wird ein Megidi Ein-
trittsgeld erhoben. Der Ruinenkomplex besteht in der Hauptsache aus
einem grossen und einem kleineren Tempel und macht sowohl durch
die Massenhaftigkeit des Materials, als durch die Grossartigkeit der Aus-
führung einen imponierenden Eindruck, der durch die reizvolle Umgebung
noch gehoben wird. Am besten erhalten ist der kleinere, sogenannte
Jupitertempel, von dem die Umfassungsmauern und Teile des Portikus,
sowie der Decke noch unversehrt vorhanden sind. Bedauerlicherweise
ist das Innere durch zahlreiche Inschriften von Touristen aller Nationen
verunstaltet. Die Grundmauern weisen in ihrem unteren Teile eine
von der übrigen Bauart vollständig fremde Struktur auf. Auf Unter-
steinen liegen Quadern von so gewaltigen Dimensionen (fast 20 m lang
und 4 m hoch und stark), wie wir sie kaum in Egypten oder sonstwo
auf der Erde vorfinden dürften. Ueber diese Riesenbausteine, welche
dem Jupitertempel zu römischer Zeit auch den Namen »Trilithon« gegeben
haben, sind die behauenen kleineren Quadern des übrigen Baues ge-
schichtet^). Der grössere, weniger gut erhaltene Tempel hat nach Osten
zu zwei riesige offene Vorhöfe. Die Umfassungsmauern des grösseren,
inneren Vorhofes stehen noch, sie enthalten schön verzierte Nischen.
Zu den Resten dieses Tempels gehören die weithin sichtbaren sechs
Säulen, welche eine Höhe von 19 Metern und einen Durchmesser von
2 Metern haben. Die griechisch-römischen Skulpturen der Ruinen lassen
zum Teil Beeinflussungen durch orientalische Ornamentik erkennen;
Formen wie Verzierungen sind ausserordentlich prunkvoll, ohne jedoch
überladen zu erscheinen ^. Planmässige Ausgrabungen würden in Ba'al-
bek gewiss wertvolle Erfolge haben. Lange vor der römischen Zeit war
hier bereits ein Kultuscentrum ersten Ranges.
Schon der Name Ba'albek^) deutet auf vorrömische Zeit und aul
den alten Sonnenkultus hin, der griechische Name des Ortes war Helio-
polis. Ba*albek war indess nicht nur ein uralter Tempel für den Sonnen-
gott Ba'al, sondern gleichzeitig auch eine gewaltige Akropolis, auf deren
Unterbau die Tempel entstanden sind, deren Reste wir heute noch bewundern.
^) Südlich von Ba'albek lieget in einem Steinbruch ein den Riesencjuadern des Jupiter-
tempels ähnlicher Monolith, der niemals zur Verwendung gekommen ist und wohl ewig an
seinem heutigen Platz liegen bleiben wird, soll er doch ein Gewicht von etwa 30 000 Centner
haben.
*) Vergl. Wood, The ruins of Baalbec, otherwise Ileliopolis in Coelesyria, I^ondon 1777;
ferner Lortet, La Syrie d'aujourd'hui, S. 612 ff. Eine fachmännische Beschreibung der
beiden Tempel findet sich in dem Prachtwerke von Krauberger, Die Akropolis von Ba^ilbek,
P'rankfurt 1892.
') Ba*albek bedeutet wörtlich »Sonnengott des Thaies«, nämlich der heutigen Bil^ä*,
des alten Cölesyriens. Reichardt (Wiener Zeitschrift für Numismatik II 13) hat auf einer
alten Münze »Scheroesch« (Sonne) als Namen für Ba^albek konstatiert. In Hieroglyphen-
a6 Kap. I. Geschichte von Ba^albek.
Der kleinere Tempel ist von Antoninus Pius errichtet worden. Wem
der grössere zugeschrieben werden muss, ist noch nicht festgestellt.
Er war vielleicht als Pantheon gedacht und ist wahrscheinlich nie
vollendet worden. Ba^albek war eine der Hauptstätten des altsyrischen
Aphrodite-Kultus, und als das Christentum seinen Einzug in Syrien hielt,
blieb der Ort noch lange Zeit hindurch der Mittelpunkt der heidnischen
Ideen in weitem Umkreise. Kaiser Konstantin war bemüht, die mit
dem Aphrodite-Kultus verbundenen Orgien auszurotten und wandelte den
kleineren der beiden Tempel in eine Basilika um. Aber das Heidentum war in
Syrien noch nicht erstickt, und zur Zeit des Julianus Apostata blühte es gerade
in Ba'albek, das längst ein christlicher Bischofssitz geworden war, wieder auf.
Um die Erinnerung an den heidnischen Kultus vollständig zu vernichten,
versuchte Theodosius, allerdings vergeblich, die Tempel zu zerstören.
In der muhammedanischen Zeit wurden die Bauten von den Arabern
in eine Festung umgewandelt. Es wurden zu diesem Zwecke namentlich
im Südwesten grosse Umfassungsmauern und östlich des Jupitertempels
eine noch heute erhaltene Bastion aufgeführt. In den kriegerischen
Zeiten der Folge haben die Ruinen zweifellos viel gelitten. V'or allem
aber haben die häufigen Umbauten ihre Gestalt mehr und mehr verändert,
und die zahlreichen Erdbeben, welche Syrien heimsuchten, haben an dem
Zerstörungswerke mitgearbeitet*^. Die Kämpfe der Kreuzfahrer wüteten auch
um Ba*albek. Im Jahre 1260 verwüsteten die Mongolen unter Hulagu Chan
den Ort Dagegen scheint Timur Lenk Ba'albek geschont zu haben.
Die Stadt wird regelmässig von den Autoren des arabischen Mittel-
alters genannt, so von Istachri, Ibn Haukai, Idrisl, *Azizi, Abulfedä.
Ba'albek wurde der Sitz von Emiren aus dem Hause der zur Sekte der
Metäwile sich bekennenden Harfiisch, die im Vasallen Verhältnisse zur
Pforte standen und von denen zur Zeit des Libanonfiirsten Fachr id Din
Müsä ibn Harfüsch eine gewisse Rolle in Syrien gespielt hat^). Noch
im Anfang dieses Jahrhunderts war Ba*albek der Sitz der Harfüsch,
unter deren Schutz die Reisenden die Tempelruinen besuchen konnten.
Die Besetzung Syriens durch die Egypter in den dreissiger Jahren schuf
auch für Ba^albek neue Verhältnisse. Aus dieser Zeit stammt die grosse
und Keilschiifttexten findet sich ein ähnlich lautender Xame nicht. Winckler, MitteilvngCD
der Vorderasiaüschcn Gesellschaft, 1S96, S. 206 7, vermutet, der alte Name sei Danib
(Tunip^^^t das in den ägyptischen Inschriften und in den Tel-Amamabriefen häufig: f^enanat
wird und bisher irrig mit Tinnib bei Tel Erfad identificiert wurde. (Vergl. auch die Angaben
bei Ritter a. a. O. S. 229 — 233 ) Im Berliner Museum befindet sich ein in Ba*albek gefundener,
roh gearbeiteter Kopf aus gelbem Kalkstein, welcher den Sonnengott darstellt und jedenfalls
aus der yorrömiscben Zeit stammt.
^} Vergl. Diener, Libanon, Wien 1886, S. 255 ff.
*) ^'^crgl. Wüsteufeld, Kachr ed - dm der Drusenfürst und seine Zeitgenossen,
Göttingen 18S6, S. 104.
Kap. I. Im Hanse des Ila.bib Pascha Matrön. ^7
befestigte Kaserne, in welcher heute die Zaptije der türkischen Gendarmerie
garnisonieren. Gegenwärtig ist 13a'albek der Sitz des Stabes des 66. Redif-
Regimentes, das zur 17. Kedif-Division (Damaskus) gehört.
Leider konnte ich die herrlichen Ruinen nur ein einziges Mai
aufsuchen. Den Abend des Tages, den ich dem Besuch gewidmet
hatte, verbrachte ich sehr angenehm im Hause des Habib Pascha
Muträn, eines sehr vermögenden syrischen Christen, der beim Sultan in
grosser Gunst steht und einer der wenigen Christen ist, die, ohne
Beamte zu sein, den Paschatitel erhalten haben. Habib Pascha Muträn
war der erste Konzessionär der Bahnlinie Damaskus — Biregik und der
Hafenanlagen in Berüt sowie anderer grösserer Unternehmungen in
Syrien, es wurde gerade während meiner Anwesenheit in dem Muträn-
Blld des Helios au's lta'alb.:k ;iierlintr .Museum;.
sehen Hause anlässlich der Erteilung der Konzession für die erwähnte
Bahn ein glänzendes Fest gefeiert, an welchem die ganze Einwohner-
schaft von Ua'albek teilnahm.
Die Rückfahrt nach Schtörä wurde am anderen Morgen angetreten.
In Schtörä fand ich die Tagesdiligcnce von Bcriit, mit der die unter-
brochene Fahrt nach Damaskus fortgesetzt wurde.
Zunächst geht die Chaussee von Schtörä ostwärts in schräger Linie
durch die Bikä' und ersteigt dann in einer wilden und öden Schlucht
den westlichen Abhang des Anlilibanon. Die von der Chaussee durch-
zogene Strecke weist kaum irgendwelche Vegetation auf. Hoch oben
auf dem Plateau steht ein einsames Stitionsgebäudc, daneben ein
Chan. Nachdem der Kamm des Gebirges überschritten ist, führt die
Strasse in zahllosen Windungen, den Spuren von Winterbächen folgend,
endlich in das Thal des Bäradä hinab. Der plötzliche Uebergang aus
den weissgrauen Felsen in das grüne Thal ist ausserordentlich wirkungs-
voll. Zu beiden Seiten des Baches, aber nur gerade so weit wie
j^g Kap. I. Ankunft in Damaskus.
die befruchtende Kraft des Wassers reicht, überraschen schatten-
spendende Bäume und üppiges Grün, fast unvermittelt beginnen darüber
hinaus wieder die öden Felsen.
Wenige Minuten, nachdem wir die Vegetationszone betreten, ge-
langten wir nach Häme, der letzten Poststation vor Damaskus. Dann
schlängelte sich die Strasse, den Windungen des Baches folgend, hart
an den Abhängen der Felsen entlang nach dem Dörfchen Dummar
y^^, dessen mit breiten Altanen und luftigen Kiosken versehene Kaffee-
häuser, am plätschernden Bache gelegen, einen beliebten Ausflugs-
ort der Damascener bilden. Bald darauf öffnete sich das Thal, die
Felsen traten nach beiden Seiten zurück und die Strasse führte an
schönen Villen und Gärten vorbei auf Damaskus zu.
"^
II. KAPITEL.
Damaskus und Aufbruch zur Reise.
Die T.ajje der Stadt. — Geschichte von Damaskus. — Alte Baudenkmäler. — Die Häuser
und ihr Inneres. — Europäischer Einfluss. — Bazare und Chans. — Damaskus als Sammel-
punkt der Pilgerkarawanen. — Gewerbfleiss. — Handel. — Die Gärten. — Einwohnerzahl. —
Christen und Muhammedaner. — Europäische Kolonie. — Kleidung und Strassenlebcn. —
Der wilde Hund. — Erholungsstätten. — Genussmittel im Orient. — Schech Scijid il
Giläni. — Brüderschaften in der arabischen Türkei. — Verwaltung und Garnison. —
Die Umjjebung. — Organisation meiner Karawane. — Mein Personal. — Die Wasserfrage.
— Sonstige Ausrüstungsgegenstände. — Der Aufbruch. — Mit der Eisenbahn nach Schech
Miskin. — Ungünstige Nachrichten. — Ankunft im Zeltlager.
Damaskus kann heute eine Touristenstadt ^) par excellence genannt
werden. Immerhin trägt sie einen stärker ausgeprägten orientalischen
Charakter als Bcri'it, jedoch nicht entfernt in dem Masse, wie andere ent-
legenere muhammedanische Grossstädte, so z. B. Bardäd und Fes. Die
nächste Umgegend der zwischen der Wüste und dem Antilibanon ein-
gezwängten Stadt, der »Paradiesesgarten«, die Ruta, verdankt ihre
Kulturfähigkeit dem kurzen Gebirgsfluss Baradä, welcher, oberhalb der
Stadt in sieben Kanäle abgeleitet, dieselbe durch- und umfliesst, bis er in
den sumpfartigen »Wiesenseen« östHch von Damaskus verschwindet.
Man versteht, dass Damaskus von den Arabern, welche vom Osten
oder vom Süden her wochen- und monatelang durch die Wüste und
^) ^'crgl. die verschiedenen Reisehandbücher, vor allem die vorzügliche Beschrei-
bung von Professor Socin in Baedekers Handbuch für Reisende: Palästina und Syrien;
ferner Lortet La S>Tie d'aujourd'hui; voyages dans la Phenicie, le Liban et la Judee
1875—1880, Paris 1884, S. 567 ff.; Dr. J. G. Wetzstein, Der Markt in Damaskus, in der
Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Leipzig 1857, Band XL, Heft 3,
S. 475 ff.; J. L. Porter, Five years in Damascus, London 1855, Band I, S. 24 ff.
v. Kremer, Topographie von Damaskus, Wien 1854 (Denkschriften der philosophisch-histo-
rischen Klasse der Wiener Akademie der W^issenschaftcn, Band V; und die übrige ältere
lAtteratur bei Ritter a. a. O., Band VIII, 2. Abtcüung, S. 1332 ff.
Frhr. t. Oppenheim, Vom Mittelmeer mm Persischen Golf. 4
K»;.. IL IM Lije der S
ein Kdclstcm j:jepne--c
von dem unmittelbar
t',ebe\ Ka,iL:n j^_
schimmermlen Hau-';r
-i!- eine l'erle. ah ein Stuck des Paradieses, als
-lird. Am schi^n-ten aber zei;:^ sich die Stadt
'jrdviestiich aufragenden, iOD m hohen, kahlen
Von hier äui macht 4:e mit ihren heÜ-
■t-n un'j dem >ie umgebenden breiten Kranz
(jruner Garten im Sommer den llindnick einer in der Wustensteppe ge-
legenen paradieiiTchen In^el. Die vulkanischen Gebirge, welche den
Horizont ab>chiii.-.^en. lind zu weit entl"ernt und die anderen kleinen Ort-
schaften der ,Ste|fpe mit ihren Garten zu unbedeutend, um diesen Ein-
druck /u st'ircn, wenn auch in Wirklichkeit die weitere Umgebung von
Dam;i.skuH au^pscrordcntlich fruchtbar i-t und zu anderen Jahreszeiten einem
mit Pflanzen und Blumen aller Art be-äetcn grünen Tcppich {;leicht.
Ijamaskus ist eine der alte.-.tcn heute noch bewohnten Städte der
Krde. Die früheste I>wähnun{j findet sich in den Tel-Amarnabriefen '):
»O Herr, wie Damaskus (Timasgii im Lande Übe (d. i, Hoba, nördlich
von Damaskus, i Mose 14. 151 nach deinen Füssen die Hand ausstreckt,
so streckt Katna nach deinen Füssen die Hand aus'i.< Als Meso-
potamien im 13. Jahrhundert von Assyriern besetzt wird, versucht
Kada.schman-charbe, König von Habylon. einen direkten Weg durch
die Steppe nach dem Westen, d. h. Phönicien und den Hafen des
Mittclmeeri zu eröffnen, da ihm die Strasse über Harran nicht offen ist.
!■> schlägt die Suti, die damaligen Bewohner der syrisch -arabischen
'; Veri;!. Winckler ii
'39. 63.
Kap. n. Geschichte von Damaskus. eX
Wüste, und legt Kastelle und Brunnen an. Es handelt sich also
offenbar um eine Etappenstrasse nach Palmyra und Damaskus^).
Damaskus erscheint in jenen ältesten Zeiten als die Hauptstadt
eines der vielen Duodez-Fürstentümer, in welche der vordere Orient
damals zersplittert war. Der mächtig emporstrebende assyrische Militär-
staat unterwarf sich die Stadt und ihr Gebiet (730 v. Chr.), und seitdem
hat sie in vorchristlicher Zeit keine irgendwie selbständige Rolle mehr
gespielt, was schon daraus hervorgeht, dass ihrer in den folgenden Jahr-
hunderten nur wenig Erwähnung gethan wird. Während der Herrschaft
der Assyrier, Babylonier und Perser, sowie Alexanders des Grossen wird
sie, wie gegenwärtig, eine Provinzialhauptstadt gewesen sein. Erst als
sich mit Alexanders Tode der Orient abermals auflöste, wie ein halbes
Jahrtausend vorher, und eine Menge kleinerer Staaten sich bildeten, trat
Damaskus wieder in die Geschichte. Nach wechselvollen Kämpfen
zwischen den Nachfolgern Alexanders und den eingeborenen Fürsten
kam Syrien mit Damaskus im Jahre 64 v. Chr. unter die Botmässigkeit
des römischen Reiches. Allerdings wurde das Land nicht gleich zur
römischen Provinz gemacht, sondern vorerst dem arabischen Vasallen,
dem in Petra residierenden Nabatäerkönige, überlassen, während Palästina
zu einem zweiten Vasallenstaat, dem der jüdischen Herodier, umgebildet
wurde. Unter dem Kaiser Trajan wurden beide Staaten römisches
Gebiet Auch unter der Herrschaft Roms scheint Damaskus zunächst
keine besondere Bedeutung gehabt zu haben ; das Centrum der römischen
Macht in politischer wie in militärischer Beziehung war das südlich ge-
legene Bostra (Bo§rä) geworden,*) und erst in den letzten Zeiten des
Gesamtkaisertums, besonders aber in der byzantinischen Epoche, war
Damaskus neben Antiochien wieder die Hauptstadt von Syrien.
In ihre glänzendste Periode trat die Stadt mit dem Aufkommen
der letzten orientalischen Weltmonarchie, der arabisch- muhammeda-
nischen. Das neue Staatengebilde, das die fanatisierten Stämme
Arabiens im Laufe weniger Jahrzehnte in kühnem Eroberungszuge sich aus
den Trümmern des byzantinischen und des persischen Reiches zusammen-
geschweisst hatten, bedurfte eines Centralpunktes; die Städte, von denen
die Bewegung ausgegangen war, Mekka und Medina, erwiesen sich, weil
zu abgelegen, als ungeeignet. Damaskus wurde von dem Chalifen
Mu'äwija zur Hauptstadt des neuen Weltreiches auserschcn und blieb
es bis zum Sturz der Ömaijaden -Dynastie im Jahre 750 n. Chr.^) Aber
schon 781 wurde Damaskus von Abmed ibn Tüliln, dem Gründer der
*) VcrgL Winckler, Altorientalische Forschungen S. 147.
*) VergL Kap. V dieses Werkes S. 201.
*} Ueber das Leben in Damaskus während dieser Glanzzeit vergl. v. Kremer, Kultur-
geschichte des Orients, Band I, Kap. 4, S. 114 — 158.
4*
e2 Kap. IL Geschichte von Damaskus.
ersten Statthalterdynastie von Egypten, den Abbasidenchalifen entrissen,
welche ihre Residenz nach Bardäd verlegt hatten. Zwar gelang es dem
thatkräftigen Abbasiden Muktafi, die Stadt gelegentlich der Karmaten-
wirren wieder zu nehmen (im Jahre 903), aber dreissig Jahre später
ging sie dem Abbasidenreiche auf immer verloren und blieb mit
dem grössten Teil von Syrien fortan unter der Herrschaft der eg>'p-
tischen Dynastien der Ichschiden und Fatimiden. Wenige Jahrzehnte,
bevor in Europa die Kreuzzüge nach dem Orient begannen, hatte im
Centrum von Asien ebenfalls eine Art Völkerwanderung, die der Türken
nach dem Westen, sich in Bewegung gesetzt, der die muhammedanischen
Reiche bis nach Eg>'pten hin zum Opfer fielen. Damaskus wurde 1076
von den Selguken ^^j^L^ erobert*) und blieb nun für einige Zeit die
Hauptstadt eines der Fürstentümer, in welche Syrien sich auch unter
den neuen Herren bald auflöste. In den Wirren der Kreuzfahrerkriege
blieb die Stadt von christlicher Invasion frei, wenn es auch den
Franken mehrmals gelang, bis unter ihre Mauern vorzudringen. 1126
erfocht König Balduin von Jerusalem einen grossen Sieg auf dem
Merg is suffar jA^\ 7^ y, der berühmten Ebene südlich von Da-
maskus. Im Jahre 543 der Hi^ra (1148 n. Chr.) versuchte Kaiser Kon-
rad III. einen Angriff, der zwar erfolglos blieb, aber zur Folge hatte, dass
die Selguken es für geraten hielten, durch Tributzahlung an den König
von Jerusalem den Frieden zu erkaufen. Allerdings sind die Franken
einmal in Damaskus eingezogen, aber nicht als Sieger, sondern als
Bundesgenossen des letzten Selgukenfürsten ^) gegen den beiderseitigen
Feind Nur id Din von Egypten, der trotzdem 11 54 die Stadt einnahm.
Unter letzterem, einem der grössten Fürsten des Islam, erlebte sie eine
neue Blüte von freilich nur kurzer Dauer. Der ihm ebenbürtige Saladin
(Saläh id Din), sein Statthalter und Feldherr, welcher der Begründer der
Eijubidendynastie wurde, behielt zwar Damaskus neben Kairo als Residenz,
aber die endlosen Kriege mit den Kreuzfahrern, die im Jahre 1177 noch
einmal die Stadt bedrohten, Hessen ihm wenig Zeit, für ihr Aufblühen
zu wirken. Im Jahre 1253 n. Chr. wurden seine schwachen Nach-
folger von den sogenannten eg>'ptischen Mamlukensultanen ^) verdrängt.
*) Vergl. V. Kremer, Mittel-Svrien und Damaskus, Wien 1S53, S. 42.
*) Vergl. V. Kremer, a. a. O. S. 55.
') Mamluken(vonMamlük »Kaufsklave, Höriger«] wurden die weissen Soldtruppen genannt,
welche sowohl von den letzten Fatimiden, als auch von den Eijubiden in grosser Zahl angeworben
oder auch gekauft wurden. Sie rekrutierten sich besonders aus Türken und in der Folge
aus Cirkassiern und anderen kaukasischen Stämmen. Die genannten Fürsten stützten ihre
Macht hauptsächlich auf diese Söldner. Der Name Mamluk wurde auch auf die Nachkommen
dieser in Egypten sesshaft gewordenen Ausländer übertragen und verblieb ihnen, als sie die
Kap. II. Geschichte von Damaskus. e^
Sieben Jahre später fiel Damaskus in die Hände der Mongolen. Nach
ihrem Abzüge bemächtigten sich die Mamluken unter Kotuz, dem Vor-
gänger des Sultan Baibars, wieder der Stadt. Freilich wurde ihnen der
Herren des Landes geworden waren. In den foljjcnden Jahrhunderten hat der Name Mamluk
seine ursprüngliche Anrüchigkeit vollständig abgestreift.
Im Jahre 651 der Hi^a (1253 n. Chr.) gelang es einem Anführer dieser Soldtruppen, die
Eijubiden-Dynastie zu stürzen und sich selbst auf den Thron von Egypten zu schwingen,
welcher bis zum Ende des 14. Jahrhunderts von türkischen Mamluken besetzt gehalten wurde.
Da sich inzwischen in Kleinasien mehrere selbständige türkische Staatswesen gebildet hatten,
liess der Zuzug von Türken nach Egypten nach und statt ihrer kamen in grossen Mengen
cirkassische, georgische und andere kaukasische Sklaven, später auch Bulgaren, Bosniaken
und Albanesen in das Land. Vom Jahre 13S2 an sind es hauptsächlich cirkassische Mamluken,
welche in Egypten herrschten. (Vergl. Stanley Lane Poole, The Mohammadan Dynasties,
London, 1894, S. 80 — 83.)
Von einer eigentlichen Maraluken-Dynastie kann jedoch keine Rede sein. Nur dem
gewaltigen Kiläwun, der im Jahre 1279 die Macht an sich riss, folgten Söhne und Enkel
fast ohne Unterbrechung durch fremde Eindringlinge bis zum Jahre 1382. Sonst stürzte
immer wieder ein Mamlukenführer, der sich die Ergebenheit der Soldtruppen verschaffen
konnte, den Herrn des Landes, der selbst auf dieselbe Art auf den Thron gelangt war.
Trotzdem bedeutete die Epoche der Mamluken-Sultane in mancher Beziehung eine Zeit des
äusseren Glanzes für Egypten. Ihre kriegerischen Eigenschaften Hessen sie mit Erfolg dem
Eindringen der Kreuzfahrer und selbst den ganz Vorderasien verwüstenden Tataren Widerstand
leisten. Kairo sah gerade zu dieser Zeit seine prächtigsten Bauten erstehen. Künste und
Wissenschaften erfreuten sich hoher Blüte. Die Landessitten und Gebräuche, auch die
Dienstsprache, blieben während der Mamlukenzeit arabisch. Die Mamluken hatten namentlich
die hohen Posten der Regierung in der Centrale und auf dem Lande inne und bildeten die
allmächtige Umgebung der Sultane. Sie hatten den besten Teil des Grundbesitzes Egyptens
an sich zu bringen gewusst. Die Fellachen (eingeborenen Bauern) mussten für sie arbeiten,
während ihr Verhältnis zu dem Sultan einerseits und zu ihren Klienten und den eigenen, oft
sehr zahlreichen Mamluken andererseits ein feudales war, nicht unähnlich demjenigen, welches
im Mittelalter in Europa bestand. Die reichsten Grundbesitzer ^ßeks oder Beys) verwalteten
die Bezirke, in welchen ihre Güter lagen, und diese Verwaltung war oft trotz der steten
Thronwechsel Generationen hindurch erblich. Am Ende der Mamlukenhcrrschaft war ganz
Egypten dieser Art in 23 Bezirke eingeteilt, welche ausschliesslich cirkassischen Boys
unterstanden.
Syrien, das einen Bestandteil des Mamluken-Reiches bildete, fiel im Jahre 15 16 mit
Egypten dem Osmanen-Sultan Selim I. in die Hände. Seitdem wurden beide Länder getrennt
als Provinzen des türkischen Reiches verwaltet. Die Verwaltung im Innern Egyptens erhielt
sich übrigens im grossen und ganzen so, wie die Osmanen sie vorgefunden hatten, bis zum
Einzüge der Franzosen im Jahre 1798. Dem Wali von Egypten war ein Staatsrat (Diwan)
zur Seite gestellt worden, der aus der hohen Geistlichkeit, den höheren Offizieren der
Besatzungsarmee und den alten Mamlukenbeys bestand. Der Staatsrat besass die Berechtigung,
die Abberufung des Statthalters zu beantragen. Der egyptische Dlwän hat ausgiebigen Gebrauch
von diesem Recht gemacht, und in den seltensten Fällen scheint ein solcher Antrag in
Konstantinopel abgelehnt worden zu sein. Die Walis verloren daher immer mehr ihr
Ansehen in Egypten und sanken fast zu willenlosen Werkzeugen der Mamlukenbeys herab.
Ende vorigen Jahrhunderts hatten zwei cirkassische Beyii die Regierung in Egypten fast
ganz an sich gerissen. Sie waren es, die durch ihre Rücksichtslosigkeit die äussere Veran-
Kap. IL Guchicbte t
Besitz noch mehrere Male streitig gemacht: 1298 und 1303 erschienen
die Mongolen wieder, und hundert Jahre später (1399) wurde Damaskus
durch den Tatarenchan Tlmur zum grössten Teil zerstört Darauf be-
haupteten sich die eg>-ptischen Sultane in Syrien bis zum Aufkommen der
neuen türkischen, der osmanischen Herrschaft. Während die Macht der
abbasidtschen Chalifen ira Niedergange war, hatten verschiedene türkische
Stämme in Mesopotamien und Kleinasien mehr oder weniger selbständige
Itic Uin:iijaileii-Moachce
Herrschaften begründet. Ihr Erbe traten nach dem Wegzuge der Mon-
golen und Tataren die Osmanlis an, welche im 15. Jahrhundert den
byzantinischen Thron stürzten und Konstantinopel einnahmen. Erst im
Anfange des 16. Jahrhunderts wandten sich die o.smanischen Eroberer
den arabischen Teilen Vorderasiens zu. 1516 wurde Syrien und Egypten
genommen, wo Mutawakkil, der letzte als legitim angesehene Spross
laiBung fUr <lic Okkupation Ei^'ptens durch die Franioacn gilben, die aber nuch dem Eindrin^u
diTgelben den enercischatvn Widerstand ent|;eRen«et:ten. Nach dem Furtgnnge der FnuiEOien
»HB Egypten liesaen e» «ich die von der l'forte dorihio gcgnndlen lürkiaehen Generale endlich
nngc1e(;en sein, mit den Mamlukcn aufm räumen, aber erst Mubau
ihre Macht endgilitj; in l)rcchen.
ned 'Ali Pascha ßelan
Kup. II. Alte Baadeukmüler v
55
der abbasidischen Chalifen zu Gunsten des osmanischen Sultans feier-
lich abzudanken und diesem das Chalifat zu übergeben gezwungen wurde,
das sich nunmehr in dem osmanischen Hause weiter vererbte. Seit
1516 ist Damaskus im Besitze der Türken geblieben. Nur vorüber-
gehend (1832 — 1840) haben es die Egypter besetzt gehalten. So ist
Damaskus, einst die Metropole des muhammedanischen Weltreiches und die
Residenz kleiner Sultane, schliesslich wieder zu einer Provinzialhauptatadt
geworden, die freilich von jeher sich durch Volkreichtum ausgezeichnet
hat und heute entschieden in neuem Aufblühen begriffen ist.
Die ältesten noch erhaltenen Baudenkmäler stammen aus römischer
Zeit, Bemerkenswert sind vor allem die Reste verschiedener Thore,
so das Bäb is Sarir im Südosten und das Bäb isch Scherki im Osten — ■
letzteres am Ende der schon aus dem Neuen Testament (Apostelgeschichte
Kap. 9, 11) bekannten und noch heute bestehenden sogenannten »Ge-
raden Strasse« — , ferner einzelne Teile der Stadtmauern, besonders an
der Ostseite. Im Innern der Stadt sind von Hauresten aus vormuhamc-
danischer Zeit zu nennen die kapitälgeschmückten Säulentrümmer und
die Hälfte des durch einen Bogen unterbrochenen Architravs, welche nach
den neuesten Forschungen') zu einem gewaltigen heidnischen Tempel
') Eine aos/ührliche Uaralclluinr der
fcildnmien fiebt A, C, Dickie, Quarierly Staic
■ nebst GruadrisacD und Ah.
c EiploraüOD Fund Eor 1S97,
c6 Kap. II. Die Omujadeoiiioschee.
gehörten und gegenwärtig in den Komplex der grossen Omaijaden-
moschee und der benachbarten Häuser verbaut sind.
Der Tempel machte zunächst einer christlichen Basilika Platz, welche
Johannes dem Täufer geweiht war, und deren Stelle nimmt heute die
Omaijadenmoschee ^) ein. Sie ist die bedeutendste und interessanteste
der Stadt, hat aber unter den späteren Eroberungen und Verwüstungen,
namentlich durch Timur, so stark gelitten, dass beständige Ausbesserungen
nötig waren, weshalb von den ursprünglichen Teilen nur noch wenig
vorhanden sein dürfte. Nach meinem Fortgange ist sie im Jahre 1893
durch eine Feuersbrunst stark beschädigt worden*).
Von historisch bedeutsamen Bauwerken aus dem arabischen Mittel-
alter ist ferner die unweit der Omaijadenmoschee in dem Sük il Chai-
jätin (»Schneiderbazarc) gelegene Medrese"*) mit dem Grabe des Zengiden *)-
Sultans Nur id Din^), heutzutage unter dem Namen Medreset in Nürije be-
kannt, zu erwähnen. Dieser gegenüber befindet sich eine andere,
6^6 der Higra (1277 n. Chr.) errichtete Medrese mit dem Grabe des
eg>'ptischen Mamlukensultans Daher (Zähir) Baibars, jenes gewaltigen und
siegreichen Vorkämpfers des Islam gegen die Kreuzfahrer, dessen Andenken
in immer wieder vorgetragenen Heldenliedern in der islamischen Bevöl-
kerung Syriens und Ef^yptens fortlebt. Auch der grosse Saladin, der
S. 268 ff. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen Tempel handelt, dessen
Heiligtum auf einer von Säulenkolonnaden um<^ebenen Plattform stand, zu welcher triumph-
bogenartijxe Zupänfje führten. Der Bau erscheint Dickie nach dem Vorbilde des alten
salomonischen Tempels errichtet. Der Eingang zum östlichen Thor ist noch heute über
dem Strassenniveau erhöht.
'^ Ihre j^enaue Beschreibung^ siehe bei A. v. K.remer, Topoi^raphie von Damaskus, Band I,
S. 34 ff. und neuerdinijs bei R. l'hene .Si)icrs, Quarterly Statement des Palestine ExploratioD
Funtl for 1897 S. 28 2. Die siej^reichen Muhainmedaiu.*r, welche sich ausserhalb der Stadt in
zwei Abteilunj^en d^etrennt hallen, waren zum Teil als l-.roberer «lurch das östliche Thor,
zum Teil nach friedlicher Unterwerfung der beireffenilen Stadtteile durch das westliche in
Damaskus eingezoc^en. In der Miite der Basilika sollen sich die lieeresabteilungen getroffen
haben. Infoljje dessen wurde der östliche Teil derselben sofort als Staatsgut in Anspruch
genommen und in eine Moschee umgewandelt; der andere Teil blieb zunächst als chrbtliche
Kirche bestehen: erst später gelangte auch dieser in den Besitz der Muhamme<laner.
'^ Ich fand im Jahre 1897 die grosse schafi'itische Bethalle der Moschee ihres Daches
vollständig beraubt; grosse Stücke des Holzläfelwerkes uml der zum Teil aus byzantinischer
Zeit stammenden Mosaikarbeit waren durch das Feuer zerstört, die Säulen dagegen und der
interessante Mibräb noch leidlich gut erhallen. Man war eifrig mit der Wiederherstellung
beschäftigt.
'^ Unter Medrese ist ein der Unterweisung in den geistlichen Wissenschaften dienendes
Gebäude zu verstehen. Die Medreses sind gewöhnlich mit einer Moschee oder mit dem
Grabe eines Heiligen oder hervorragenden Mannes verbunden.
*; Vergl. Lane Poole, The Mohammadan Dynasties, London 1894, S. 74 u. 162.
*' Von Nur id Din ist noch eine Inschrift an dem .Südwestthor Bäb il öäbije erhalten,
das er neu gebaut hat; vergl. Porter: Five years in Damascus, London 1855, Band I, S. 47-
Kap. IL Die Häuser von Damaskus und ihr Inneres. cj
II 93 in Damaskus starb, liegt hier begraben, doch ist die Turbe (Grab-
gebäude), die ihm sein Sohn Melik il *Aziz im Stadtteil Kailäse erbaute,
nicht mehr vorhanden^), v. Kremer ^) weist darauf hin, dass das Grab
des Sultan Daher Baibars vielfach irrtümlich als dasjenige Saladins be-
zeichnet wird, während mir Eingeborene das Grab Nur id Dins als das
Saladins nannten und^die Medrese mit dem Grabe Dähers, in welcher
gegenwärtig der Mufti von Damaskus wohnt, als Bet Daher (Haus,
Palast Dähers) bezeichneten.
Das grösste, wenn auch jetzt in manchen Teilen zerfallene mittel-
alterliche Bauwerk ist die mitten in den Bazaren gelegene Kal'a oder
Citadelle^), deren erster Ursprung allerdings in noch frühere Perioden
zurückreicht, die aber von Melik il Aschraf im Jahre 1184 vollendet
wurde. Später ist sie jedenfalls mehrfach restauriert worden; wenigstens
findet sich eine Inschrift des Sultans Kiläwun (gewöhnlich Kalaim ge-
sprochen), des Nachfolgers von Baibars, die sich nur auf einen Umbau
oder eine Erneuerung bezichen kann. Heute stehen in der Haupt-
sache nur die trotzigen, zum Teil noch von einem grossen Graben
umgebenen Mauern der Kal*a, an deren Innenwänden Kascrnemcnts
sich hinziehen. Bedauerlich ist es, dass die Aussenseite des noch
immer sehr malerisch sich ausnehmenden Gemäuers durch neu ent-
stehende Verkaufshallen mehr und mehr den Blicken entzogen wird.
Die älteren Häuser der Stadt, deren Besichtigung dem Fremden
mit freundlichem Entgegenkommen gestattet wird, erinnern noch an die
schöne und für das dortige Klima so zweckdienliche alte, einheimische
Baukunst. Wenngleich die ältesten derselben schwerlich mehr als zwei
Jahrhunderte zurückreichen mögen, so kann man doch aus der Art der
Anlage schliessen, dass sie nach älteren Vorbildern errichtet sind. Von
der Strasse aus gelangt man durch einen mehrfach gebrochenen Gang in
einen grossen viereckigen Hof, der mit Marmorfliesen in Mosaikarbeit
belegt ist und in dessen Mitte sich ein schön verziertes, vieleckiges, aus
dem gleichen Material hergestelltes Bassin befindet. Die Zimmer des
Erdgeschosses münden mit ihren Thüren und P^n^tern in den Hof; dem
Staube und Lärm der Strasse ist, da an der Aussenseite die Fenster fehlen,
der Eintritt verwehrt, nur zuweilen sind an der oberen Hälfte der der
Strasse zugewandten Mauer kleine Luken angebracht. Mehrere Treppen
mit den für den Orient charakteristischen schmalen und hohen Stufen
führen in das obere Stockwerk. Die Thüren und Fenster der Hofseite des
unteren Stockwerkes sind in der Regel mit l^ogen geschmückt und durch
*^ Verjfl. V. Kremer, MiUelsyrien und Damaskus, S. 68.
. ') Vergl. V. Kremer, Topographie von Damaskus, Band I, S. 50.
•) Vergl. ▼. Kremer, Topographie von Damaskus, Band II, S. 23.
58
Kap. II.
a DamaBkai nod ihr lor
abwechselnd weisse und farbige Streifen miteinander verbunden, wogegen
die Front des zweiten Stocks meist einfacher gehalten ist. An der Süd-
seite wird die Hoffront durch eine grosse, bogenförmige Halle, Liwän
genannt, unterbrochen, die durch beide Stockwerke reicht und während
der Sommerhitze den bevorzugten Aufenthaltsort der Hausbewohner
bildet. Zu beiden Seiten des Liwän befinden sich die »Kä'a<, das sind
die Staatsgemächer, die bisweilen eine Stufe tiefer liegen als der Hof.
Diese Räume bestehen aus zwei Teilen, von denen der grössere, hintere,
um I — 2 Füss höher als der vordere angelegt ist. Letzterer enthalt häuhg ein
kleines Marniorbassin, und der iüissbodcn ist mit Mosaiktafeln gepflastert,
während der hintere Hauptteil nur einen gewöhnlichen Estrich hat, der
mit Binsenmatten und darüber gelegtcnTeppichcn bedeckt wird. Die Wände
des Zimmers sind mit Holz bekleidet und mit bunten, geschmackvollen
Lackmalereien, Inschriften und Arabesken darstellend, verziert Zuweilen
Kap. IL Die Häuser von Damaskas and ihr Inneres. ^g
werden statt dieses Holzwerkes oder damit vereint Steinmosaiken, ferner
Stuckornamente mit Säulen und Bogenmotiven verwandt. Der obere Teil
der Wände ist meist einfach weiss getüncht Die flachen Decken be-
stehen aus schweren Pappelbalken und darüber liegenden Brettern, welche
alle mit bunten Lackornamenten geschmückt sind. Von den Ecken der
Decke laufen häufig einfache und vornehm wirkende gemalte Verzierungen
bis zur Mitte der Wände herab. Auf etagerenförmigen Gesimsen, die
oft eine ganze Zimmerseite einnehmen, und in Wandnischen, die durch
Bretter abgeteilt, immer reich geschmückt sind und vielfach die zier-
lichsten Hufeisenbogen als Decke haben, finden allerlei Hausrat, Gefässe,
Bücher und dergleichen Platz. Familien, welche an den althergebrachten
Sitten noch festhalten, bewahren tagsüber die Matratzen und Leintücher
ihrer Betten in grossen, schrankartigen Wandnischen auf. Besondere
Schlafräume giebt es in den alten arabischen Häusern nicht; jedes Wohn-
zimmer kann durch Ausbreiten der Matratzen und Leintücher auf dem
Fussboden oder auf den an den Wänden herumlaufenden niedrigen Divans
zum Schlafgemach hergerichtet werden. Im Sommer werden die Lager-
stätten vielfach auf dem flachen Dache bereitet — von einem besonders
hohen Hause aus erschienen mir zur Nachtzeit die Dächer einzelner Stadt-
teile von Damaskus wie ein einziger grosser Lagerplatz. Aber europäische
eiserne Bettstellen mit Vorrichtungen für Moskitonetze finden in Damaskus
immer mehr Eingang, und auch das einst so primitive, aber in seiner Eigen-
artigkeit ausserordentlich anziehende Meublement, das aus Divans und
Kissen, Tabourets, fein ciselierten Metallplatten u. dgl. bestand, wird immer
mehr durch prunkvolle und grellfarbige europäische Möbel verdrängt. Neuer-
dings ist es »Mode« geworden, in älteren Häusern die früher wcissgetünch-
ten oder mit Arabesken und Koransprüchen verzierten Teile der Wände
mit roh gemalten Bildern von Landschaften und Bauten zu bedecken;
auch wird der Reichtum des Bewohners durch Aufstellung möglichst
zahlreicher bunter europäischer Lampen, Uhren und Spiegel in höchst ge-
schmackloser Weise bekundet. In besseren Häusern pflegen die bekannten
Wiener Rohrstühle, aber auch europäische gepolsterte Sessel nie zu fehlen.
Leider muss die althergebrachte, ebenso schöne wie für die dortigen
Verhältnisse praktische Bauart immer mehr einem europäischen Stile
schlechtesten Geschmackes weichen. Die neuesten Bauten scheinen fast
nur noch an dem inneren Hofe festzuhalten. Seit längerer Zeit bereits
ist die Eigentümlichkeit des älteren Baustiles, keine P*enster nach der
Strasse anzulegen, aufgegeben worden. Infi Gegenteil liebt man es neuer-
dings, möglichst viele Fenster an der Strassenfront anzubringen. Der
nordwestliche Stadtteil ist am weitesten in der Europäisierung fort-
geschritten, dort, wo der Baradä und die Berater Chaussee in die Stadt
eintreten, befinden sich auch mehrere grosse im europäischen Stile ein-
6o
Kmp. IL Baiare und Cbus io Damaikai.
gerichtete Hotels. Die älteren Strassen sind enge und gewunden, und hier
trifft man noch vielfach Häuser, deren hoher gelegene Stockwerke über
das darunter liegende derart vorgebaut sind, dass die obersten Etagen
fast zusammenstossen , wodurch zwar Schatten erzeugt, aber Licht und
Luft abgesperrt wird.
Aus alter muhammedanischer Zeit sind noch mehrere schöne Chans,
sogenannte Karawanserais, erhalten, die gleich den Privathäusern einen
viereckigen Hof umschliessen. Einzelne derselben zeichnen sich besonders
durch hervorragend schöne Thore aus. so namentlich der Chan As'ad
Pascha, dessen Hofraiim nicht offen, sondern überwölbt ist, so dass er
eine grosse Halle bildet.').
Von neueren Chans besitzt Damaskus eine grosse Menge, Die eine
Kategorie derselben gewahrt ganzen Karawanen Unterkunft. In den
primitiven Stallungen oder auch mitten im Hofe werden die Lasttiere ein-
gestellt, in den oberen Stockwerken hausen die Reisenden und die Kamel-
treiber. Eine zweite Kategorie dient ausschliesslich dem Handel, speziell
dem Grosshandel. Die Kaufleute wohnen in den zellenartigen Gemächern
des oberen Stockwerks, in welchem sich hin und wieder auch kleinere
;hreibung siehe bei .\. v. Krem er. TopofirHphie von
Kap. II. Baiare und Chans in Dnniaskiis.
6\
Verkaufsräume vorfinden, das Hauptgeschäft wickelt sich in den unteren
Räumen ab, wo die umfangreicheren Waren lagern. Die erstere Art vertritt
im Orient unsere Gast- und Einkehrhäuser und fehlt auch in den kleinsten
Ortschaften nicht. Immerhin kann man diese Karavvanseraien nicht mit
europäischen Hotels vergleichen : der Gast wird von keiner Dienerschaft
empfangen; oft muss der Hüter des Chans aus dem nebenliegenden
Bazar oder Caf6 ^erst herbeigeholt werden. Der Fremde bindet seine Tiere
an, wo er gerade Platz findet, und schafft seine Sachen selbst in
I^IC^^Hi
den ihm angewiesenen Raum. Dieser besitzt meist kein einziges Stück
Möbel. Die Wände sind kahl, im günstigsten Falle weiss getüncht,
der steinerne oder aus Befon gefertigte Fussboden ist nur sehr selten mit
einer Matte belegt. Dafür aber hausen in dem Raum regelmässig zahl-
reiche Insekten aller Art, manchmal auch grössere Mitbewohner, wie
Skorpione und dergleichen, gegen welche der verwöhntere Europäer einen
mehr oder minder erfolgreichen Kampf durch Ausspülen des ganzen
Raumes führen muss. Die mitgebrachten Tcppiche und Kissen müssen
die Zimmereinrichtung bilden, und der Reisende muss selbst schlachten,
kochen und das notwendige Wasser vom Sakkä, dem öffentlichen Wasser-
tr^er, kaufen. In den grösseren Städten des Orients sind die Absteige-
Chane oft von bedeutendem Umfange und mit Barbierbuden, Ver-
Kap. 11. D&miskas all SammelpnDkl der Pili^rkarawaii
l'ekkije a
kaufsstellen für die notwendigsten Lebensmittel und eigenen Cafe ver-
bunden.
Damaskus ist der Hauptsammelplatz für die nach Mekka ziehenden
Pilgerkarawanen') und bildet die letzte grosse Station auf den Routen
von Nordwesten und Nordosten nach den heiligen Stätten"). Der Be-
herbergung dieser l'ilger dient vornchmhch die grosse, von Sultan SeUm
(um 1516) zu diesem Zwecke erbaute Tekkije, von deren schönen
Minarets sich eine herrliche Rundsicht über die Stadt bietet. In dem
riesigen Hofe die.ses Gebäudes und auf den benachbarten Feldern, wo
zahlreiche Zelte aufgeschlagen werden, sammeln sich alljährlich die
Gläubigen zu ihrem frommen Zuge.
Seit alter Zeit besitzt Damaskus einen grossen Ruf wegen seiner
schönen, wohlgehaltcnen, arabischen Hader; einige der heute noch be-
stehenden Hadeanstalten sind viele Jahrhunderte alt. Sie sind mit wunder-
.schönen Fayencefliesen geschmückt — eine Erinnerung an die Blütezeit der
Fayence-Industrie, die früher in der gan7en muhammedanischen Welt
und besonders auch in Syrien und Mesopotamien gepflegt wurde und
hoch in Ehren stand. Die Kunst selbst soll aus l'ersien eingeführt worden
sein, in Dama.skus ist sie jetzt in Vergessenheit geraten.*)
') ^ "■'rgl- d'.^vril: L'.-^rabie contemporainp avec la tiescriplion de la Mecqne, Paris
1S6E, S. 168. Buickhurilt. Travels in Syria and the Huly ].aiid, London 1821, S. 657 ff.
*) Jenisaleni bleibt rechts liegen. Die Roule sieht sich ösllich des Toten Meeres
hin. Die Stalionea des Darb el llag^ 7ti-l ^_jJJ sind ßegenwärtig die folRendeo:
Damaskus — Chan Dennun 4 Std.. Klebe 8 Stil.. Meiecib 9 Std.. Retn|e 5 Std., Mafra^
10 .Std.. ZerVa tj Std., IJeltä 16 Std., Kilräne 14 Std., H.sä tj Std., 'Oneze 13 Sld..
Ma'än 10 Sld., 'A^aba iS Std., Mediuwara :i Std., Dit ü Hagg 8 ^td.. Kä' ij Sapr 13 Sld.,
'A^i Chumifl 12 Std., Achd'ir 18 Std., Mu-azzam 14 Sld., Dar il Ilamrn 16 Std., Madiin
Säbb 18 Sld., Bijär il Ramm 10 Sld., Bir ii Znmamid )6 .Sld., Bir il Gedid 8 Sld.. Hadfje
18 Std., Fahleten 18 Std., Bijär Na?if 10 Sld., il Medina 1 Std.
') Vergl. Sarre, Reise in Kleinasien, Berlin 1896, S. 63 (t
Kap. II. Gewerbfleisa in Damaskus.
«3
Dasselbe gilt von der Kunst des Schwertfegens, die schon in der
späteren römischen Zeit in Damaskus, das damals einen Hauptwaffen-
platz für die östlichen Provinzen bildete, blühte und erst vernichtet
wurde, als Timur Lenk die Stadt zerstörte und die Schwertfeger nach
den östUchen Chanaten (Bochärä, Samarkand u. s. w.) wegführte. Ferner
werden in Damaskus zahlreiche Holzarbeiten, Tischchen, Tabourets und
Wanddekorationen aus dunkel gebeiztem Holze, welches mit Perlmutter,
Elfenbein und Metall ausgelegt ist, hergestellt, die allerdings nicht so
kunstreich sind wie die in Konstantinopel und Kairo aus bunterem und
besserem Material gefertigten Sachen. Die Lederarbeiten von Damaskus
geniessen bei den Eingeborenen einen besonderen Ruf Auch die Metall-
industrie steht in hoher Blüte; namentlich werden Kupfer- und Messing-
arbeiten, die sich durch schöne Form und reiche Ciselierung auszeichnen,
für die Touristen und den Export nach Europa fabriziert. Man findet
Werkstätten Damascener Metallarbeiter auch in anderen Städten des
Orients, vor allem in Kairo.
Im übrigen enthalten die Bazare von Damaskus alte nur erdenk-
lichen Gegenstände für den Bedarf der Eingeborenen und der europäischen
64
Kap. IL G«werbfleiM In DamaikDi.
Touristen. Es ist indess bedauerlich, dass wirklich gute und wertvolle Er-
zeugnisse des älteren arabischen Kunstgewerbes sich äusserst selten finden
und schlechte Ware und von Europa eingeführte Nachahmungen vorwiegen.
Der bekannte Reorganisator Midhat Pascha hat ganze Reihen der
alten engen Bazargassen niederbrennen und an deren Stelle eiue breite
hohe Bazarstrasse errichten lassen, welche jetzt die hauptsächlichste
Verkaufsstätte für Textilartikel ist Neuerdings sind auf dem Boden des
1^
"3
bP
lÜS
R \']
^f^
J-m
mXLk
t-^ I
~ . 'S
H^^^i^^C
^
^
1^
^^
Aus dem MiJan ii
alten Griechenbazares weitere, in noch grösseren Dimensionen ausgeführte
Hazare entstanden, die sich von dem Eingangsthor der Citadelle bis zur
Omaijadenmoschee erstrecken: riesige übenvölbte Hallen, in denen vier
bis fünf Wagen neben einander fahren können. Die Verkaufsläden bilden
Stuben, vielfach ganz nach europäischem Muster mit Schaufenstern und
Thüren versehen; über den Läden, aber noch von dem Dach der Bazar-
gasse überwölbt, hegt ein zweites Stockwerk, das zu Wohnungen, Lager-
räumen, Bureaus, Ateliers für Zahnärzte u. s. w. dient.
Kap. II. Der Handel von Damaskus. 65
Der Handel von Damaskus kann sich heute nicht mehr mit dem-
jenigen von Aleppo messen, welches durch das reiche Hinterland von
Mesopotamien und Kurdistan sehr begünstigt wird. In Aleppo befanden
sich auch schon seit Jahrhunderten europäische Handelsniederlassungen,
die ihre Entstehung dem Umstände verdankten, dass die von Damaskus
quer durch die Wüste nach Mö§ul und weiterhin nach Bardäd führende
Handelsstrasse infolge des Eingehens der längs der Route angelegten
befestigten Wasserplätze und der dadurch stark vermehrten Beduinengefahr
für Warenkarawanen so gut wie unpassierbar geworden war. Aber der
Handel von Damaskus ist gegenwärtig entschieden im Zunehmen be-
griffen. Der südliche Stadtteil von Damaskus, der langgezogene Midän,
bildet mit seinen zahlreichen Speichern einen einzigen, riesigen Korn-
und Wollmarkt, welcher vom Haurän und dem Gebiet der Wiesensecn
versorgt wird.
Einen besonderen Ruf hat Damaskus als Pferdemarkt, insbe-
sondere bei den egyptischen Importeuren. Pferde guter arabischer
Rasse (A§il) sind hier jedoch nur selten käuflich, am allerwenigsten
auf dem übrigens gut besuchten öffentlichen Pferdemarktplatze. Das
hier verkaufte Material ist lediglich »Kedisch«, Last- und Reittiere ge-
wöhnlicher Gattung^). Die besseren Tiere werden wie auch bei uns
von Pferdehändlern direkt aus den Ställen verkauft. Der besuchteste
Pferdemarkt befindet sich gegenwärtig am Baradä unweit der euro-
päischen Hotels. Die Last- und Reitkamele werden im Midän verkauft.
Ich erstand in Damaskus für meine Expedition mehrere Pferde zu sehr
billigen Preisen; mein eigenes Reitpferd kostete 20 türkische Pfund,
das meines arabischen Sekretärs 9 und die Tiere für die Dienerschaft
je 4 — 5 Pfund.
Seit dem arabischen Altertum ist Damaskus berühmt wegen seiner
schönen Früchte. Mit dem Beginn des Sommers werden besonders
Aprikosen (Mischmisch) feilgeboten, verschiedene süsse und saftige,
aber kleine und vielleicht weniger aromatische Arten der in Europa
veredelten Gattung; sie kommen in unglaublichen Quantitäten und
zu sehr billigen Preisen auf den Markt. Aus diesen Aprikosen wird
auch ein zähes, papierartiges Präparat, Kamar id Din, gemacht, das
sowohl trocken gegessen wird, als auch, in Wasser aufgeweicht, den
Eingeborenen als Leckerbissen gilt und sich lange Zeit hält. Es
wird vielfach nach Europa ausgeführt und zur Marmeladenfabrikation
benutzt.
Die Gärten, welche Damaskus in weitem Umkreise umgeben, sind
ausschliesslich Nutzgärten, die gleichzeitig zur Ackerkultur verwandt
*) VerjfL Kap. XII dieses Werkes.
Frhr. ▼. OppenhMm, Vom Bfittelmeer zum Persischen Golf.
C)ß Kap. 11. Die Gärten zu Damaskus. — Einwohnerzahl.
werden. Im Schatten der Obstbäume werden Wein, Getreide, Gurken
und zahlreiche Gemüscarten angebaut. Die Bewässerung erfolgt durch
ein System grösserer und kleinerer Gräben. Sie werden durch Hecken
und oft mehrere Meter hohe Erdmauern voneinander und von den Gassen
und Strassen getrennt. Abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung
bildet der breite (iartenkranz einen nicht zu unterschätzenden wallartigen
Schutz gegen feindliche Angriffe. Im Innern der Stadt, in den reichen
Privathäusern erblickt man hin und wieder herrliche Blumengärten (Rijä<j[)
in dem altarabischen Stile, der noch in den Gartenanlagen des Alkasar
in Sevilla erhalten ist, und der auch die Gärten von Fes und Miknesa in
-Marokko sowie im ganzen übrigen Xordafrika charakterisiert; die Blumen-
beete werden von schmalen, manchmal gemauerten und höher liegenden
Wegen umrandet, die Wege bilden geometrische Figuren, die meist
wieder von duftenden Laubgängen aus Jasmin und anderen Schling-
pflanzen überdacht sind.
Ausserhalb der Stadt, in der Nähe des Westthores, liegt auch ein
Garten unheimlicher Art, der ein eigenes Dorf umschliesst und der
Leprakolonie zum Aufenthalt dient. Die von dieser schrecklichen
Krankheit Befallenen werden ein für alle Mal an diesen Ort verbannt,
wo sie ein neues Leben zu beginnen haben. Soldaten bewachen den
Kingang, den TVemden wird es jedoch gestattet, die Kolonisten auf-
zusuchen.
Die Bevölkerung von Damaskus wird nach der offiziellen
türkischen Schätzung des Sälnämc für 13 15 der Higra (1896) auf
136 9 17 Si'clen l)czirtert. davon etwa i lOOO Christen und 7000 Juden*).
Doch (liirfte die Berechnung des Sälnäme hinter der thatsächlichen
Einwohnerzahl zurückbleiben, auch ist die Bevölkerung der zahlreichen
\^)rorte nicht mit in Betracht irezojrcn. Der ifrösste dieser Vororte
ist is Sälil.nje am 1^'usse des Berges Käsjiin mit ca. 40(X)0 Einwohnern,
hau])tsiichlicli Kurden, Tschcrkessen und Muhagirm. d. i. muhammeda-
nische Auswanderer und Müchtlinge aus den ehemals muhammedanisch,
jetzt christlich verwalteten Bezirken*). Die verschiedenen Religionsgemein-
schaften wohnen einstweilen noch in gesonderten Vierteln. Doch sind
' KiiivvuhiHT von Damaskus 11. ich Auj^abc des Siilnaiue für ila» Jahr 1315. S. 324f.:
Muhainniodanor I loSt^o. Juden 0S38, Lateiner 100, C j^iechi^ch-< )rthodo\e 4564, .\rmeuisch-
Kalholisohe 17S, I'nUestanien 90, Arnjeniseh-Orthodoxe 24S, Syri-ch-< )rlhodoxe 69. Syrisch-
Kathnlisehe unicrie Syrier 337, <i riech isch-Katholiseho Mclkiten 4-70. M.ironiien ^^^^
zusianinien 130 917.
•' Als ich lS<>7 wieder Damaskus l>es«uchte. wurden f:jerade im Hsicn von is .SiUHiije
zahlreiche neue Häuser «gebaut, welche für unlängst anji^ekomniene bulgarische Fldchtlint^e
bestimmt waren.
Kap. II. Christen und Muhammedaner in Damaskus. — Europäische Kolonie. 5?
dieselben nicht mehr, wie z. B. in Marokko und anderen Städten des
Orients, durch Mauern von einander getrennt, wenn auch innerhalb ein-
zelner Viertel mehrfach die Strassenquartierc noch durch Thore abgesperrt
sind, die nachts verschlossen werden.
Die Massacres von 1860 haben keinen nachhaltigen Kinfluss auf die
Bewegung der christlichen Bevölkerung von Damaskus ausgeübt, und
trotz der vielen Berichte über den Fanatismus der Muhammedaner
beginnen bereits die einheimischen Christen aus dem ihnen zu eng ge-
wordenen. Quartier in muhammedanische Stadtviertel überzusiedeln. Berüt
bietet allerdings dem an europäische Genüsse und Bequemlichkeiten Ge-
wöhnten mehr, und so kommt es wohl vor, dass reich gewordene Christen
und Juden ihren Wohnsitz dorthin verlegen. In Damaskus herrschen voll-
kommen geregelte Verhältnisse, und ich glaube nicht, dass selbst in den
abgelegenen Strassen die Unsicherheit nachts grösser ist als z. B. in den
Vororten unserer europäischen Hauptstädte. An dieser Sicherheit hat
die wohlorganisierte türkische Polizei entschieden einen grossen Anteil.
Während der mehreren Wochen, die ich mich in Damaskus aufhielt,
hat sich die muhammedanische Bevölkerung, hoch und niedrig, mir
gegenüber stets freundlich benommen. Nur einmal wurde ich an dem
Besuche einer Moschee gehindert; es war dies in der Tekkije
der tanzenden Derwische, welche hier noch nicht, wie an anderen
Orten, aus ihren Religionsgebräuchen ein gewinnbringendes Gewerbe zu
machen suchen.
Die Eisenbahnlinien tragen das ihrige zu der Europäisicrung von
Damaskus bei, zw^eifellos werden sie auch die Entwicklung der Stadt als
Handelsemporium befördern; namentlich hat der Bahnbau bereits ein
Anwachsen der europäischen Kolonie zur Folge gehabt, die freilich auch
heute noch kaum fünfzig Seelen zählt. In der Stadt befinden sich
mehrere christUche Missionsanstalten und Schulen, und sie ist bereits der
Sitz mehrerer europäischen Berufskonsulate. Die deutsche Kolonie in
Damaskus ist nur klein. Von Landslcuten, die dort ansässig geworden
waren, traf ich 1893 die Herren König und Zapf, als Vertreter der Berater
Firma Fankhaenel & Schiffner, welche mir bis nach Mesopotamien hinein
Geld-Anweisungen an einheimische Kaufleute der grösseren Ortschaften
ausstellen konnten; ferner Herrn Püttmann von der Firma Lüttickc & Cic.,
deren Inhaber, der durch die vielen Landsleuten erwiesenen Freundlich-
keiten bekannte deutsche Konsul Lütticke, zur Zeit die Geschäfte der
Berüter Zweigniederlassung seines Hauses leitete.
Der Verkehr in der Stadt ist ausserordentlich lebhaft, und die
Stimmung des Strassenlebens überaus animiert. Die bunten Trachten
der Muhammedaner, Christen und Juden der Stadt, der Tscherkessen und
5*
68
Küp. II. KleidnDC der DamaiceDer.
Soldaten der Garnison, der Bauern und Beduinen der Umgebung, der
persischen Händler und dann und wann der in Gazellenfelle gehüllten
Sieb, geben ein farbenreiches Bild, das sich wirksam abhebt von der
europäischen Kleidung der modernisierteren eingeborenen Kauf leute, der
türkischen Beamten und der Fremden.
Die althergebrachte Bekleidung der eingeborenen Frauen besteht
im allgemeinen aus weissen oder bunten l'umphosen. einem Hemd und
einem bunten Kaftan mit langen weiten Aermeln, über welchem auf der
Strasse der Izär getragen wird. Dies ist ein je nach der Religions-
gemeinschaft verschiedenartig ge-
färbtes Tuch, welches den ganzen
Körper einhüllt und in der Taille
zusammengehalten wird. Die ein-
geborenen chri.stlichen Frauen ver-
tuschen diese Bekleidung immer
iKiufiger mit der abendländischen
Tracht, wodurch dem Strassenleben
allmählich einer seiner wesentlichsten
keize entzogen wird. Den Schleier
haben sie, wie die Jüdinnen, auf der
Strasse bereits vielfach abgelegt, zur
I-'rcudc des l'remdcn, welcher hier
/.ihlrciche schöne Typen bewundem
kann. Auch die Männer gehen dazu
über, ihre praktische und malerische
Tracht, weite Pumphosen (Schirwäl),
srestickte Westen (Sidrije) und kurze
Jacken (Fermelije), sowie den Kaftan
(Kumbäzl beiseite zu legen, sehr
Damaskus, Krauiii im StrBBsentoMUni, /um Schaden üircs Aussehens. Den
Tarbusch behalten jedoch die euro-
päisierten Eingeborenen von Daniasku.s regelmässig bei, und selbst die
europäischen Bcniter Kaufherren vertauschen, wenn sie nach Damaskus
konmien, meist ihren Hut mit dieser Kopfbeklcidung, um den türkischen
Behörden und arabischen Muhammedauern, welche den Träger eines Hutes
als liindriugling betrachten, als loyale Untertanen des Sultans und als
Landslcute zu erscheinen.
Im Sommer drängt sich besonders in den Morgenstunden und nach
der Mittagshitzc alles in den Bazarstrassen und deren Umgebung. Der
Schech oder Kffendi schreitet, seinen Rosenkranz betend, bedächtig daher,
die christlichen und die jüdischen Kauflcute stehen gestikuhcrend auf den
Strassen. Die muhamniedanischcn Damen werden von Sklavinnen begleitet,
Kap. II. SüDBSCii leben in Dam^
69
welche die eingekauften Waren oder die zum Baden gebrauchten Tücher
auf dem Kopfe tragen. Dazwischen drängen sich beladene Esel, Maultiere
und Kamele oder auch ein mit schlechten Pferden bespannter und ebenso
schlecht gefahrener Fiaker oder Privatwagen, dem die Fussgänger in den
engen Gassen kaum aus dem Wege gehen können. Ein Hochzeitszug
erscheint, und Kinder, Koranversc laut aufsagend, schreiten in langen
Reihen hintereinander, oder ein Hegräbniszug, bei welchem der Tote auf
offener Bahre , nur mit einem Tuche bedeckt, von den Leidtragenden
transportiert wird, bewegt sich über die Strasse. Wa.s.ser- und Linionaden-
verkäufer, Makler und fahrende Händler bieten ihre Waren in blumen-
reichster Rede und mit möglichster Anstrengung der Stimme an, da-
zwischen hört man jeden Augenblick das (iehcul eines der wilden Hunde,
deren Zahl in Damaskus fast der Hevolkerungs/tffcr gleichkommt. Die
Tiere liegen, wenn sie nicht nach Futter spähen, mitten in den beleb-
testen Strassen herum und rühren sich nur, wenn ein I'"usstrLtt sie bei-
seite schleudert oder ein Wagen sich nähert').
') Der wilde Muml ist schon jerfem 1
1 findet sich in derselbeu Gestalt in 3
iz bettimmten Grenzen, innerhalb der
eaueht-r Ivoastanliniipela oinu bekannte Erscheinung
Icn Geilenden des Orients und Nordalrikas. In
einzelnen Stras-ienquartiere. die oft nur wenige
70 Kap. II. Der wilde Hond.
Einen Hauptanziehungspunkt bilden im Sommer gegen Sonnenunter-
gang die öffentlichen Gärten, welche an den Armen des Baradä in der
nächsten und der weiteren Umgebung der Stadt gelegen sind. Der
Orientale ist ein grosser Freund des fliessenden Wassers und fühlt sich
HäuserfroDteo amfassen, leben diese wilden Hunde in Rudeln von zehn bis fünfzij^ Köpfen
Tai: und Xacht im Freien, allen Witternngsverhaltnissen ausp:esetzt. In den Rudeln haben
einzelne besonders starke Tiere die Führung,- gewöhnlich findet man sie an den Grenzen
ihres Bezirks, die eifersüchtig bewacht werden. Keinem Hunde ist es gestattet, von einem
Quartier in das andere sich zu hegeben. Erscheint ein Fremdling an den Grenzen, sieht
man plötzlich die Führer des dort angesessenen Rudels aufspringen und sich kampfbereit
halten. .\uf ein leises Knurren verstärkt sich die GrenzwachL Dringt der fremde Hund in
den Bezirk ein, stürzt sich das ganze Rudel auf ihn. um ihn übel zuzurichten, wenn er
nicht schleunigst wieder die Flucht ergreift, oder wenn sein eigener Anhang ihm nicht bei-
springt. Einen Hund selbst durch die fettesten Bissen von einem Bezirk in den andern
hinüberzulocken, ist unmöglich. Die Absperrung der Bezirke gegen jeden fremden Hund
hat wohl darin seinen Grund, dass in dem Eindringling ein unwillkommener Mitesser
gesehen wird. Eine gewisse Ritterlichkeit aber zeigt sich darin, dass verkrüppelten und
kampfunfähig erscheinenden Tieren der Durchzug und der Aufenthalt in keinem fremden
Terrain verwehrt wird. Besonders grausam sind die Strassenhunde gegen Tiere eines
anderen Viertels, die es wagen sollten, sich mit einer Hündin ihres Quartlers einzulassen.
Der Durchzug ungewohnter Tiere, so in einzelnen Vierteln Konstantinopels Kamele, die
von Zigeunern herumgeführten Hären, Affen u. s. w. verursachen grosse Auh'egung; vor
allem aber sind die europäischen Hunde und Katzen ihres Lebens nicht sicher, wenn sie
von ihren Herren nicht energisch beschützt oder getragen werden.
Die Grösse des Quartiers scheint sich nach der Ergiebigkeit der aus den mensch-
lichen Wohnungen kommenden Speiseabfälle zu richten, welche, wie aller Unrat, der immer
nur vegetabilischen Ursprungs ist, von den Hunden gierig verschlungen wird. In dieser
Art üben dieselben — gegebenen Falles im Verein mit den Aasgeiern — im ganzen Orient die
Strassenreinigung uus. Der bestgehasste Feind der wilden Hunde ist der Lumpensammler,
der mit einem gro.ssen Korb auf dem Rücken, in der linken Hand eine Laterne, in der
rechten einen Schürhaken, nachts die Strassen von Konstantinopel durchstreift und den
Kehricht, der abends aus den Häusern geworfen wird, durchstöbert. Offenbar fürchten die
Hunde, dass dieser Mann aus dem Kehricht auch Dinge nimmt, die sie für ihre Beute halten, und
sobald sie von weitem die wackelnde Laterne des Lumpensammlers erblicken, stürzen sie mit
wütendem Geheul auf ihn zu und suchen ihn auf jede Weise in seiner Arbeit zu behindern.
Allgemein gilt der wilde Hund, trotz seiner scheinbaren Indolenz, als intelligentes
Tier. Zähmungsversuche haben bei ihm allerdings wenig Erfolg; sein Freiheitsdrang ist zu
gross. Dem Menschen gegenüber, der in sein Quartier gehört, zeigt er oft eine grosse
Anhänglichkeit. Wie er einerseits die Strassenreinigung besorgt, so ist er in weniger
frciiuentierten Quartieren auch der Wächter in der Nacht. Die Eingeborenen in ihrer
Nationaltracht belästigt er nie, dagegen werden Europäer in muhammedanischen Vierteln
manchmal von ihm angegriffen. Einige Herren in. Konstantinopel erzählten mir, dass sie in
gewissen Teilen Stambuls, welche sie nachts zu passieren hatten, eine schleifende Gangart
sich angewöhnt hätten, um bei ihrem Auftreten sich von den Türken mit ihren losen Ueber-
schuhen nicht zu unterseheiden und von den hier besonders kompfbereiten Hunden unbe-
lästigt zu bleiben. Uebrigens ist der städtische Strassenhund dem Menschen gegenüber
feige und sucht ihn nur von hinten herankommend zu beissen. Das beste Mittel, ihn sich
vom Leibe zu halten, besteht darin, das Aufheben eines Steines nachzuahmen, oder einen
Stock auf dem Rücken zu tragen und hin und her zu bewegen. Auch hat es sich bewährt.
Kap. II. Der wilde Hund. n \
in dessen Nähe besonders wohl. Die Muhammedaner von Damaskus
ziehen die Gärten im Westen der Stadt vor. Die jungen türkischen
Offiziere und Beamten besuchen mit Vorliebe die Cafes gegenüber der
grossen Tekkije und an der nach Berüt führenden Landstrasse bei
Häme^). Ausserhalb der Cafes sieht man hier auch am Bache vielfach
vornehme muhammedanische Damen mit ihren Dienerinnen sitzen und
an den mitgebrachten Vorräten sich gütlich thun. Die nicht
deu Hut vom Kopf in die Hand zu nehmen und wieder aufzusetzen, ein französischer
Reisender erzählte mir, wie er allein durch seinen schwarzen Cylinder sich zwei grosse
hunjjriße Bestien vom Leibe gehalten habe.
Während des Tages liegen die Hunde vereinzelt, oft auch rudelweise dicht gedrängt,
schlafend auf dem Trottoir, manchmal selbst auf den verkehrsreichsten Strassen mitten auf
den Wegen. Der Fussgänger gewöhnt sich daran, den die Passage versperrenden Tieren
aus dem Wege zu gehen, oder über sie hinwe}:^: zu schreiten. Uie Kutscher lassen
ununterbrochen ein leises Schnal/en mit der Zunge hören, dem die Hunde augenblicklich
folgen, um auf die Seite zu schleichen und sich zu neuem Schlafe an anderer Stelle nieder-
zulegen. Trotzdem hört man oft genug den Aufschrei eines von einem Wagen gestreiften
Tieres. Uebrigens werden die Hunde, durch einen Tritt noch so sehr verletzt, in den
seltensten Fällen den Menschen zu beissen wagen.
Im allgemeinen lässt man den Hunden in den muhammedanischen Vierteln eine
bessere Behandlung angedeihen, als in den europäischen. Trotzdem sie nach dem Koran
als unreine Tiere gelten, duldet der Muhammedaner in seinen Vierteln keine Misshand-
lungen derselben; sie zu füttern, gilt als verdienstvolles W^erk. Der Versuch des Sultan
Malumüd II., des bekannten türkischen Reformators, die Hunde aus Konstantinopel zu ver-
treiben, misslang vollständig. Die auf einigen Inseln des Marmarameeres untergebrachten
Hunde verliessen schwimmend ihren Verbannungsort und dank der unglaublichen Fort-
pflanznngskraft der Tiere war Konstantinopel bald wieder von ihnen bevölkert. Es bleibt
abzuwarten, ob die in jüngster Zeit in Kairo und Alexandrien planuiässig vorgenommene
Massenvergiftung der Hunde in der Zukunft besseren Erfolg haben wird.
Der wilde Hund scheint der durch die Stadtluft, den Mangel an Bewegung und die
veränderte Kost degenerierte Nachkomme des arabischen Beduinenhundes zu sein, d. h. des
gewöhnlichen Wachthundes der Beduinen (Kelb), nicht des edlen arabischen Jagdwindspiels
(Slügi). Ein naher Verwandter von ihm in der Hundefamilie dürfte auch der kurzhaarige
Schäferhund sein, der namentlich in den Balkanstaaten und Kleinasien vorkommt. Er
besitzt eine gewisse Aehnlichkeit mit einem kräftigen kurzhaarigen, rheinischen Spitz. Er ist
hellbräunlich, seltener gelblich, dunkelbraun oder gescheckt, meist von der Grösse eines
gewöhnlichen Jagdhundes, schlank, struppig, aber kurzhaarig. Seine Rute ist nur bei
guten Zeiten einigermassen gut behaart. Der Kopf ist spitz, die Ohren sind kurz, das Ge-
biss ist ausserordentlich stark.
Interessant wäre es, festzustellen, ob schon zubyzantinischerZeitKonstantinopel von wilden
Hunden bevölkert war. Wir wissen aus uns überlieferten Abbildungen, dass z. B. zu assyrischer
2Jcit in Mesopotamien ein grosser schwerer Hund mit langhaariger Mähne vorgekommen und ge-
zähmt worden ist, und dass in Egypten zur Zeit der Pharaonen ein windspielartiger Hund
sich vorfand.
*) Auch ein in der Stadt selbst am Baradä gelegenes, grosses, modernes Cafe-
Hans wird von den eingeborenen Muhammedanern viel besucht. Es befindet sich unweit des
Serai-Platzes. Ich traf hier Mitglieder jener Akrobatentruppen, die nicht nur im Orient
selbst ihre Künste zu zeigen pflegen, sondern auch die Hauptstädte Europas besuchen.
^2 Kap. IL ErholQDi^ssUltten in uod bei Damaskus.
muhammedanische eingeborene Bevölkerung wandert am liebsten nach
dem Osten der Stadt, dort, wo der Baradä Damaskus verlässt. Unter
dem Laubdache schattenspendender Bäume lassen sich die Besucher
auf Stühlen oder Bänken nieder oder lagern sich auf den Strohmatten
oder Teppichen, die am Bach entlang ausgebreitet sind. Frauen und
Männer haben das Narglle (Wasserpfeife) und die Kaffeeschale vor sich
oder schlürfen *Arak, einen aus Traubenresten unter Beimischung von
Mastix bereiteten Liqueur. Der *Arak kommt als Bowle in einer grösseren
Schale auf den Tisch, möglichst auf ¥as (Teig), wie man den festgepressten
Schnee nennt, der tägHch von den Bauern der benachbarten Gebirgs-
dörfer nach der Stadt gebracht wird. Mit einem kleinen Gefässe wird
aus dieser Bowle der Trank in die grossen Gläser gefüllt und meist mit
Wasser verdünnt, das dann ähnlich wie beim Absinth eine milchartige
Färbung annimmt. Dazu werden kleine Gurken, Pistazienkerne, Salzerbsen
und Süssigkeiten gegessen. Die Unterhaltung wird meist im Flüstertone
geführt, hin und wieder tragen Sänger unter Begleitung einer Guitarre mit
näselnder Stimme ein Licbes^lied vor. Nach althergebrachter Sitte sind
vielfach bei diesen Unterhaltungen, wie auch bei Picknicks und bei Fest-
lichkeilen in den Häusern die Geschlechter noch getrennt und sitzen oder
hocken in gesonderten Reihen einander gegenüber.
Selbstverständlich fehlt es auch in der Stadt selbst nicht an arabischen
Kaffeehäusern, welche hier häufig auf einer in das Wasser hineingebauten
Estrade errichtet sind und in denen gleichfalls hin und wieder Sänger
und Sängerinnen auftreten. Auch dramatische X'orführungen werden in
den grösseren Cafes <^cboten^). Musiker, Sänger und Sängerinnen
sind meist eingeborene Juden, seltener Christen. Poesie und Musik
haben von jeher eine grosse Rolle im Orient gespielt, und gerade
in Syrien hat sich seit kurzem die Kunst des Musikdramas auf eine
höhere Stufe gehoben*). Ich wohnte in Damaskus im Hause des katho-
lischen Erzbischofs der Vorstellung eines Musikdramas bei, das auf einer
in dem Hofe aufgeschlagenen Bühne nur von jungen Männern aufgeführt
wurde. Tänze, namentlich der in Egypten und anderen Gegenden des
Sie (gehörten zu der Sekte der Sidi Hunid u Müsä, einer halbreli^ösen Bruderschaft, die sich
hauptsächlich aus Berbern Marokkos rekrutiert. Kiner der von mir in Damaskus getroffenen
junfi^en Akrobaten sprach deutsch. Er war der Sohn eines marokkanischen Artisten, dem
eine Berlinerin als Gattin in seine Heimat (gefolgt war.
*^ I>as »eingeborene« Cafe chantant ist jedoch in Berül \iel entwickelter als in Damaskus.
'^ Ich möchte bei dieser Gele*jenheit erwähnen, «lass es in Kairo ein arabisches
Theater piebt, in welchem tätjlich arabische <.)pern aufgeführt werden. Die Sänger sind
meist egyptische Muhammedaner, die Sängerinnen christliche oder jüdische Syrierinnen.
Hin und wieder spielt die Truppe mit durchaus würdiger Ausstattung^ im chediwialen Opem-
hftus. Mehrere arabische Opern sind in den letzten Jahren von Syriern und Kgyptern ge-
dichtet und komponiert worden. In die im übrigen gesprochene Oper sind regelmässig
Kap. II. Geniissmittel im Orient. yo
Morgenlandes so sehr beliebte Bauchtanz, werden dagegen in Syrien
weniger gezeigt.
Hier mögen einige Bemerkungen über die im Orient gebräuchlichsten
Genussmittel eingeschaltet werden. Eine der grössten Leidenschaften des
Orientalen ist das Rauchen. Der vielgenannte Tschibuk, eine lange gerade
Pfeife mit kleinem Kopf, wird nur noch vereinzelt bei vornehmen alten
Herren benutzt Seine Versorgung wird gewöhnlich einem ausschliesslich
hiermit beschäftigten Diener übertragen, der dem Raucher den Tschibuk
überreicht, indem er gleichzeitig ein kleines Messinggefäss in entsprechen-
der Entfernung auf ein Tabouret oder auf den Tcppich stellt, damit die ab-
fallende Kohle oder der abfallende brennende Tabak keinen Schaden an-
richten kann. Der Tschibuk ist jetzt bei Hoch und Niedrig fast allgemein
durch die Cigarette und die Wasserpfeife (Nargile) verdrängt. Die Nargiles,
bei denen zum Saugen des Tabakrauches ein festes Rohr — meist aus
Bambus — dient, heissen (jöze; sie werden in der Hand gehalten, und
dementsprechend hat der Wasserbehälter in der Regel einen rundlichen
Boden, der vielfach aus polierter Kokosnussschale besteht. Bei den
Nargiles mit Schlauch (Argile, in Egypten Schischc) wird der meist gläserne,
flaschenförmige Wasserbehälter auf die Erde oder ein Tischchen gestellt.
Die Schalen dieses Rauchinstrumentes kommen gewöhnlich aus Europa,
besonders Oesterreich; der Schlauch und der Aufsatz zur Aufnahme des
Tabaks, ferner die dazu gehörigen Eayence- oder Metallflaschen, wie
vornehme Reisende sie auch in Zinngefässen verpackt mitzunehmen pflegen,
werden im Lande selbst fabriziert.
Die Cigarre wird in Syrien und Mesopotamien von den Eingeborenen
überhaupt nicht geraucht. Die Cigaretten^) stammen aus der türkischen
Regie, nur in Mö§ul und Umgegend wird noch aus dem dort wachsen-
den Tabak eine nicht von der Regie ausgehende Cigarette angefertigt.
Dieselbe besteht aus einer in ihrer Form der Manila -Cigarre ähnelnden
Papierhülse mit Mundstück. Zehn bis zwölf solcher leeren Hülsen werden
gleichzeitig in die Hand genommen und mit dem kleingehackten, oft
zahlreiche langatmige Lieder und Chöre eingeflochten, deren Musik durch die häufigen
halben Noten einen eigentümlich schwermütigen Charakter erhält. Auch werden in jüngster
Zeit vielfach eoropäische Schauspiele in das Arabische übertragen und vorgeführt. Anfang
des Jahres 1897 Hess sich auch eine armenische Truppe in Kairo hören; die in türkischer
Sprache angeführten Stücke lehnten sich aber fast ganz an die euro])äische Operetten-
Musik an.
*) Egyptische Cigaretten sieht man nur selten in Syrien. Uebrigens werden die
egyptischen Cigaretten durchaus nicht aus egyptischem Tabak hergestellt, da in Kgypten
schon seit geraumer Zeit, vorzüglich aus steuerfiskalischen Gründen, der Anbau von Tabak
strengstens untersagt ist Der dort verwendete Tabak kommt namentlich aus Kreta und
den anderen Inseln des Archipels, ferner aus dem westlichen Kleinasien, aus Macedonieu
*~ and aus Griechenland.
nA Kap. II. Schech Seijid U GTlänT.
staubförmigen Tabak gefüllt. Der Bauer und vor allem der Beduine ist
ein grosser Freund des Tabaks, den er aus kurzen irdenen Pfeifchen,
die den englischen pipes nicht unähnlich sind, zu rauchen pflegt.
Von Streichhölzchen sind »Schweden« fast gar nicht im Gebrauch,
sondern italienische Wachskerzchen und österreichische Zündhölzer aller-
schlechtester Art, die aber wegen der wfenig anständigen Bilder auf den
Schachteln viel begehrt sind. Zum Anstecken der Cigaretten ist eine
besondere Zündpappe, arabisch Kau, behebt.
Opium wird in Syrien nicht geraucht, dagegen steht der Haschisch,
ein berauschendes Hanf- oder Mohnpräparat, welches unvermischt ge-
nossen oder dem Tabak beigemengt wird, bei den niederen Ständen in
Gunst, doch kann die mohammedanische Bevölkerung als durchaus massig
gelten. Das Schimpfwort »baschschäsch« entspricht unserem »Trunken-
bold«. Keineswegs ist das Laster des Haschischrauchens derart verbreitet,
wie bei uns der Genuss der Spirituosen *). Wein wird in Syrien so gut
wie gar nicht *Arak nur von den besseren Klassen genossen.
Als weiteres Genussmittel ist in Syrien und Mesopotamien eigent-
lich nur noch der Kaffee bekannt, der entweder mit Zucker (bisukkar)
oder ungesüsst (säde) zwei- bis dreimal aufgekocht und mit dem Satz
in kleine Tässchen geschüttet wird. Thee wird ausserordentlich selten
und nur von Vornehmen getrunken; lediglich der schwarze Thee ist im
Gebrauch. Im ganzen Marrib ist dagegen der Kaffee fast unbekannt,
statt dessen wird grüner chinesischer Thee aus kleinen Gläsern getrunken,
deren man oft eine grosse Anzahl leeren muss, bevor man als anständiger
Mann in das eigentliche Gespräch eintreten kann. Der Thee wird dort viel-
fach mit Ambra, Pfefferminze und anderem Gewürz vermengt und möglichst
stark mit Zucker versüsst.
Zu meinen besten Freunden zählte ich in Damaskus den Chef
des Ordens der Kadrijin (Kädirijin), den der vornehmen Familie der Giläni
aus Bardäd angehörigen Schech Seijid il Giläni, einen ehrwürdigen, alten,
*; Weit mehr als in Smen und Mesopotamien ist das Hanfrauchen in Egypten rer-
breitet In Marokko wird iler Hanf ^Kif p^enannt) klein i^ehackt und mit Tabak vermischt
oder auch unvermenjjt in winziij kleinen Thonköpfchen aus etwa i Fuss langen Pfeifen sehr
>iel sreraucht. Das Tabakrauchen gilt in Marokko als sündhaft and ist wiederholt tod den
Sultanen Tollständitr verboten worden. Geleqrcntlich werden dort Razzias in den Bazaren unter-
nommen und die vorcrefundenen Tabakvorräte von den Beamten zusammen^etra^n und verbrannt
was als ein Gott q^efälliges Werk betrachtet wird. Auf meiner ersten marokkanischen Reise
im Jahre fSS6 hatte ich in meiner Karawane einen Kifraucher, der. ähnlich unseren Quartals-
trinkem. alle zehn bis zwölf Tac^e sich einen Rausch anrauchte, der nahezu 24 Stunden
dauerte: in dieser Zeit blieb er voUständicr arbeitsunfähifr. während er sonst der beste
Mann meiner Karawane war.
Kap. 1
UrUilerschaften ii
r urnbischen Türkei,
75
sehr aufgeklärten Herrn. Die Kadrjjin und Rifä'ijln sind die in der
arabischen Türkei am weitesten verbreiteten religiösen Brüderschaften.
Der Oberschcch der er.steren hat .seinen Sitz in Bardäd, derjenige der
letzteren in Basra. Das Vorkommen der Scniisi, die in den letzten Jahr-
zehnten so viel von sich haben reden machen, habe ich in Syrien und
Mesopotamien nicht konstatieren können, wiewohl Dnvcyrier in seiner
Broschüre über den Scnvlsiorden') dessen Verbreitung in diesen Ciegenden
— und zwar an von ihm genau bezeichneten Orten — als wahrscheinlich
') Vergl. .lie Karte hei 11. Diueyricr. I.a coiifreric musulmune <le Siili Müh.immfil
ben'An es-äenoast, Fans iSSü.
^6 Kap. II. Verwaltung and Garnison in Damaskus.
hingestellt hat, und ich demzufolge daselbst Erkundigungen eingezogen
habe. Uebrigens haben die muhammedanischen religiösen Orden in einein
festgegliederten Staate wie die Türkei nicht dieselbe Bedeutung, als z, B.
in den Saharaländem. Hier zulande sind sie vielmehr nur private Vereine
mit religiösen Tendenzen. Ihre Zwecke sind gegenseitige Unterstützung
und Wohlthätigkeit, die Festigung des Islam und die Religionspflege durch
Abhaltung von einfachen Gebeten, gemeinsamen Reiigionsübungen und
Ceremonien. In den seltensten Fällen sind die Anhänger einer solchen
Brüderschaft (Tarika) im gewöhnlichen Leben äusserlich erkennbar.
Damaskus ist der Sitz eines Wali*) und des Stabes des fünften
Armeekorps^). Die Stadt hat eine bedeutende Garnison; die Truppen
setzen sich aus allen Waffengattungen zusammen und rekrutieren sich
aus verschiedenen Gegenden der asiatischen Türkei^). In der berittenen
Gendarmerie in Damaskus behndcn sich zahlreiche Tscherkessen und
Kurden, jedoch keine Araber. Das Soldatenmatcrial ist ein entschieden
gutes und die Haltung der Truppen eine stramme*). Das prächtige
Gebäude des Militär -Gouverneurs und die meisten Kasernen liegen in
der Nachbarschaft des Serai, im Westen der Stadt sind neuerdings
grosse Kasernen errichtet worden. Im Gouvernementsgebäude haben
Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. und Ihre Majestät die Kaiserin auf
'' Das Serai besieht aus einem aus (iein Aufange dieses Jahrhunderts stammenden
Palaste, in dessen Nähe Post- und (lerichtsijebäude, sowie die bedeutenderen Hotels der
Stadt sich befinden. Am Serai-Platz liegt auch das ganz moderne Gebäude der Munizipalität.
* Der Bezirk des fünften Armeekorps umfasst ganz Syrien vom Taarus an und
Palästina, sowie den nordwestlichen Teil von Mesopotamien mit Urfa.
*; In Konstantinopel steht ein ausschliesslich aus Syriern rekrutiertes Garde-Infanterie-
Regiment.
*' Ich lernte in Damaskus u. a. fünf türkische Offiziere kennen, welche sich mit mir in
ausgezeichnetem Deutsch unterhielten. Bis vor kurzem waren sie mit mehreren Kameraden
auf einii^e Jahre zur deutschen Armee kommandiert gewesen. Die Herren waren: Nassir
Bey, früher kommandiert zum 3. (iar<Ie- Regiment zu Fuss in Berlin, damals Flügeladjutant
des Sultans, Oberstlieutenant und Inspektor der Infanterie, Sohn des bekannten, in Bardäd
damals noch lebenden Generals Nusret Pascha ; Riza Bey, früher kommandiert zum Feldartillcrie-
Reji^ment No. 27 in Mainz und Wiesbaden, damals Flügeladjutant des Sultans und Obcrst-
licutenant; Schevket Bey, früher kommandiert zum Artillerie -Regiment von Scbarnhorst in
Hannover, damals Major der Artillerie; Salih Bey, früher kommandiert zum Husaren-
Regiment Xo. 9 in Trier, damals Adjutant-Major Kol Aghassi' ; Hilmi Bey, früher kommandiert
zum Infanterie- Regiment No. 81 in Frankfurt a. M., damals Kol Aijhassi. Diese Offiziere
hatten gerade ihre 1 )ienstreisen zu verschiedenen Armeekorps der asiatischen Türkei beendett
bei denen sie mehrere Monate lang als Instruktions- und Inspektionsoffiziere ihätig gewesen
waren. Ihr schneidiijes, echt militärisches Auftreten zeigte, dass sie die preussische Schalung
nicht vergessen hatten. Sie haben das auch in dem griechisch -türkischen Kriege von 1897
bewiesen und sich in hervorragender Weise ausgezeichnet. Ihre deutschen Regimenter und
Kameraden hatten sie in bestem Andenken; mit einzelnen standen sie noch im Briefwechsel,
und mit Freuden gedachten sie der Zeit, die sie in Deutschland zugebracht hatten.
"l^^H^^^H!«
?
4ä^B^^Ea
[1
~^^B
\
— ^
!^^^^B!
1
-*
imiK^i
Kap. n. Die Umgebang von Damaskus. — Organisation meiner Karawane. n'j
ihrer denkwürdigen Reise nach dem Heiligen Lande und Syrien im
Herbst 1898 Wohnung genommen.
Von Ausflügen in die Umgegend bot der Besuch eines dem alten
Mubammed Pascha Sa*id, dem Emir il Hag^g^, gehörigen Landgutes mit
ausgedehnten Blumengärten besonderes Interesse. Da der Pascha in
der Stadt seinen ständigen Wohnsitz hat, war nur wenig Mobiliar
im Hause; der Besitzer pflegt jedesmal, wenn er mit seinem Harem
hier Aufenthalt nimmt, gleichzeitig seine Betten, Divankissen, Koch-
geschirre u. s. w. mitzubringen. Bei dem Landhause befand sich ein
Gestüt von arabischen Pferden edelster Rasse. Die luftigen, wohl-
gepflegten Ställe waren von einem grossen Hof umgeben.
In Damaskus sollte meine Uebcrlandcxpedition nach Bardäd or-
ganisiert werden. Die Zusammensetzung der Karawane und die son-
stigen Reise Vorbereitungen gingen nur langsam von statten. Einen der
berufsmässigen Fremdenführer und Reiseunternehmer, einen sogenannten
Reisedragoman, mitzunehmen, hatte ich von vornherein abgelehnt. Es
sind dies meist syrische Christen, welche, je nach Gelegenheit, in
Egypten, Palästina oder Syrien völlig geschäftsmässig ihren Beruf
ausüben und, abgesehen davon, dass sie den Fremden gewaltige
Summen abzunehmen pflegen, erfahrungsgemäss überall da ein Abgehen
von den Karawanenstrassen zu hintertreiben suchen, wo Unbequemlich-
keiten oder gar Gefahren zu erwarten sind. Selbstverständlich geben
sie lieber lücken- und lügenhafte Auskünfte, als dass sie sich lang-
wierigen Erkundigungen unterziehen. Für Reisende, welche wissen-
schaftliche Zwecke verfolgen, und für Gegenden, welche ausserhalb des
gewöhnlichen Touristenverkehrs liegen, sind sie vollständig unbrauchbar.
Meine Karawane bestand anfänglich aus zehn Personen, und zwar
aus drei Kameltreibern, zwei Pferdeknechten, zwei syrischen Dienern,
einem armenischen Koch, einem Beduinen, dem sogenannten »Schech«
Man§nr Na$r, und endlich einem Schüler der amerikanisch -protestan-
tischen medizinischen Schule in Berüt, einem jungen christlichen Syrier
aus Hama gebürtig, namens Negib Sallüm, der von seinem Direktor,
Herrn Bliss, und seinem Lehrer, Herrn Dr. Post, zu meiner Begleitung
beurlaubt worden war. Er machte sich während der Reise vor allem
dadurch nützlich, dass er im stände war, die vorkommenden Namen korrekt
arabisch aufzuzeichnen und die gesammelten Pflanzen zu trocknen. Die
Kameltreiber sowie der eine Pferdeknecht namens Aschbän gehörten
dem Stamme der *Agcl |uaP an; der andere Pferdeknecht war ein
Perser. Auch Schech Man.sür, der sich für einen *Aneze-Beduinen, und
^g Knp. II. Mein PersoDul.
zwar für einen Sebä' ausgab, war in Wirklichkeit ein Stamm es genösse
der'Agel'), die bei Hardäd sesshaft geworden sind und sich vornehmlich
als Führer von La.stkarawanen verdingen; sie stellen auch die Kamele für
die Wüsten ]iosl*). In früherer Zeit soll Man^ür auf der Strecke Damaskus^
Bardäd den l'ostdienst versehen haben. Mit den Scbä'- Beduinen hatte
er durch .seine Mutter Beziehungen, und zwar zu dem Schcch Migwel,
welcher eine vor einigen Jahren verstorbene, reiche und vornehme Eng
länderin geheiratet hatte Das Leben und die Schicksale dieser Frau
sind ungemein romantisch und werden noch häufig in Syrien besprochen.
Sie war, nachdem sie ihren Gatten verlassen hatte, nach Kairo gekommen,
wo sie eine Zeit lang am Hofe
des Chediw Isma'il lebte. Auf
einer Tour nach l'almyra diente
ihr der Schech Mi^wel als Führer,
und dieser ersann einen abenteuer-
lichen l'lan, um sich in den Besitz
der Lady und ihres Vermögens zu
bringen. Auf seine Veranla.ssung
wurde sie von seinen Stammes-
genossen überfallen, und er er-
schien als heldenhafter Retter aus
der höchsten \ot. Die Komödie
wurde programmmässig ausge-
führt, und die Dame reichte
ihrem mutigen Beschützer die
Hand zum Bund fürs Leben. In
Damaskus wird noch heute das
Haus gcifeigt, das sie während
Mein FteskicT MaDjür. cincs Teiles des Jahres bewohnte;
aber monatelang pflegte sie jedes
Jahr mit ihrem Gatten und seinem .Stamme wie eine echte Beduinenfrau
in der Wüste zu leben. Ich war mit Schech Mansur in keiner Weise
zufrieden; er hat sich in jeder Beziehung als unzuverlässig, unehrlich und
unbrauchbar erwiesen; auch kannte er nur den nordwestlich.sten Zipfel
des Hamäd, speziell die l'almyrene. Dadurch, dass er die Wege in den
anderen von mir durchzogenen Gebieten nicht kannte und in der so
ausserordentlich wichtigen Wasser- und Verproviantierungsfrage einen
unverantwortlichen Leichtsinn bewies, hat er die Expedition in ernste
Gefahren gebracht, so dass ich ihn bald vollständig bei Seite schob,
') Die '.A^'cl zahlen iv <Un ülteslcn Ueiliiluenstltniiiien. Vergl. Abalfctla Chronik,
Bd. IV S. Sj. Kill leil dir •.\ze\ btvölkeri heule mich die Oaseiibeiirke im Süden des XegJ,
Kap. IL Die Wasserfra^^e. jo
Von meinen Dienern zeichnete sich besonders der Libanese Tannüs
Ma'lüf durch Treue und Zuverlässigkeit aus^).
Mein Tierpark bestand aus 6 Pferden, einigen Reitkameien (Delül
J jli), die für den Fall des Verlustes der Pferde mitgenommen
wurden, und 12 Lastkamelen; die letzteren waren gemietet. Im Verlauf
der Expedition war ich gezwungen, die Karawane durch weitere Kamele,
auf einzelnen Strecken bis zu zehn Tieren, zum Zwecke der Mitführung
von Wasser und Proviant zu verstärken.
Gerade die Wasserversorgungsfrage war von besonderer Bedeutung
für die Expedition, weil die Reise in den Sommer 1893 ^^1» ^^^ nach
Angabe der Beduinen noch dazu als aussergewöhnlich heiss bezeichnet
werden musste, und weil infolgedessen in der Wüste nur auf wenige
Stellen zu rechnen war, an denen mit einiger Bestimmtheit Wasser ge-
funden werden konnte. Jedenfalls war die Möglichkeit nicht ausser Acht
zu lassen, dass wir drei Tage lang, ohne Wasser einzunehmen, aushalten
müssten. Abgesehen davon, dass der eine oder der andere der wenigen
bekannten Brunnen ausgetrocknet oder unbrauchbar geworden sein konnte,
war gerade im Sommer auch die Gefahr in Betracht zu ziehen, dass
wir durch Raubzüge (Razu) streifender Beduinen, die vielfach in einer
Stärke von 100 und mehr Mann von sehr entfernten Gegenden heran-
nahen, und die ebenfalls auf die wenigen Wasserstellen angewiesen sind,
vom Wege abgedrängt werden konnten und dann bis zum nächsten
Wasserplatze weiter marschieren mussten. An einen ernstlichen Wider-
stand gegen eine solche Schar hätte ich bei der geringen Anzahl meiner
eigenen Büchsen nicht denken können, trotz einer ständigen Eskorte,
die entweder aus einigen Zaptije (Dabtije A-k-^, türkische Gendarmen)
oder aus Beduinen desjenigen Stammes bestand, welcher in dem zu
durchziehenden Gebiete seine Weideplätze hatte. Eine solche Beduinen-
Eskorte kann übrigens nur gegen L^eberfälle seitens des eigenen oder eines
befreundeten Stammes Schutz gewähren. Das Gebot der Blutrache macht
die Zusammenstösse mit feindlichen Beduinen besonders fatal, der
Reisende, der einen Beduinen tötet, muss gewärtig sein, dass dessen
Stammesgenossen ihn wochen- und monatelang verfolgen.
Es war meine Absicht, möglichst am Tage zu marschieren, sowohl
um die durchreisten Gebiete aus eigener Anschauung gründlich kennen
zu lernen, als auch deshalb, weil die Raubkarawanen im Sommer meist
*) Bei meinem erneuten Besuche in Berüt im Jahre 1S97 fand er sich sofort wieder
auf dem Schiffe ein, bemächtigte sich meines Gepäckes und diente mir wieder, als ob
dies selbstverständlich wäre, auch ein drittes Mal im Jahre 1898 that er wieder bei mir Dienste.
8o Kap. II. Die Wasserfrage.
die Nacht zum Marsche wählen. Trotzdem wollten meine Leute wegen
der unglaublichen Tageshitze nur bei Nacht marschieren, und ich musste
wiederholt mit ganzer Energie vorgehen, um meinen Willen durchzusetzen.
Wichtig ist es, sich den Beduinen in ihrer Sprache verständlich zu
machen, denn die durch einen Dolmetscher ausgesprochenen Wünsche
begegnen stets einem unbesiegbaren Misstrauen und rufen gar zu leicht
Missverständnisse aller Art hervor.
Auf lange Märsche (in der Regel 12 Stunden täglich) musste ich
— ebenfalls häufig gegen den lebhaften Einspruch meiner Begleiter —
schon deshalb dringen, um die Gefahr des Verdurstens infolge des
Ausgehens unserer Wasservorräte nicht noch zu vergrössern. Die
Temperatur war in der That eine aussergewöhnlich hohe; als Durch-
schnitt der Tagesmaxima stellte ich 47® C. für die heissesten Wochen
meiner Expedition fest. Die höchste beobachtete Temperatur im Schatten
war 54® C. Wenn in diesen Ziffern auch die von der Erde ausstrahlende
W^ärme mit zum Ausdruck kommt, also nicht die wirkliche Wärme der
Luft wiedergegeben wird, so zeigen sie doch die Hitze an, welcher
wir thatsächlich ausgesetzt waren. Ich suchte mich gegen die Sonnen-
strahlen durch mehrere, über einander getragene, leichte Kleidungsstücke zu
schützen; vor allem leistete eine dünne, weite, weisse 'Abäje gute Dienste.
Dazu trug ich einen sehr breitkrämpigen Hollundermarkhut, um den ein
dunkler, aufgedrehter Schleier nach Art eines Turbans oder des bei den
Beduinen die Kcffijc umgebenden doppelten Kamelhaarstrickcs gewickelt
war. Trotzdem war die Hitze während des Marsches oft geradezu un-
erträglich, und trotz einer schwarzen Brille waren meine Augen oft genug
entzündet.
Es ist geradezu unglaublich, wieviel Flüssigkeit der menschliche
Körper an einem heissen Marschtage in der Wüste aufnehmen kann.
Zu dem Bedarf an Trinkwasser tritt für den Europäer das zum Kochen,
zum Waschen des Gesichts und der Augen benötigte Quantum hinzu.
Man kann sich demnach einen Begriff davon machen, wieviel davon
abhängt, rechtzeitig die Wasserstellen zu erreichen. Das Pferd kann
keinen einzigen Tag, wenn es wirklich von morgens früh bis abends spät
in der Sonnenhitze marschieren soll, ebensowenig wie der Mensch, ohne
Wasser bleiben. Das Kamel hält es dagegen bei einem Tagemarsch
von 12 Stunden im heissen Sommer zwei, im Notfalle drei Tage ohne
Nachteil für seine Gesundheit ohne Wasser aus. In der kühleren Jahres-
zeit kann es das Wasser noch länger entbehren, besonders, wenn man
es möglich machen kann, ihm Grünfutter zu geben.
Zum Mitführen des Wassers benutzten wir, wie dies in Arabien, in
der Sahara und fast in der ganzen muhammedanischen Welt gebräuch-
lich ist, Ziegen- oder Hammelhäute (Kirbe <>^), welche ausgegerbt
Kap. II. Die Wasserfraßfe. 8l
sind und deren Gliederteile, nachdem der Kopf abgeschnitten, mit Aus-
nahme eines Beines oder des Halses zusammengenäht werden. Die
Oeffnung dient zum Füllen des Schlauches, der mit einer Schnur sorgsam
zugebunden wird. Wehe dem Leichtfertigen, der beim Oefihen oder
Schliessen der Kirbe etwas von dem kostbaren Nass auf den Boden
fliessen Hesse, seine Kameraden würden ihm übel mitspielen! Von
diesen Schläuchen, welche gewöhnlich 30 — 40 Liter fassen, trägt ein
Kamel vier bis fünf Stück. Dass das Wasser durch den Transport in den
Schläuchen nicht besser wird, ist selbstverständlich. Infolge der brakigen
Bestandteile, welche in allen Cisternen und Wasserstellen der Wüste sich
finden, nehmen die Schläuche bald einen erdigen, fauligen Geschmack
und Geruch an, der später selbst dem klarsten Brunnenwasser sich mitteilt.
Uebrigens verdunstet ein grosser Teil des Wassers in den Schläuchen;
während meines Marsches durch die Harra war der Inhalt der nicht in
Angriff genommenen Schläuche am Ende des zweiten Tages fast auf
die Hälfte reduziert, wobei allerdings eine /Xnzapfung seitens der
durstigen Treiber, trotz aller Beaufsichtigung, mitgewirkt haben mag.
Auch ist die Gefahr nicht zu unterschätzen, dass bei einem Sturze auf
spitze Steine die Kirbes platzen. Nach der Entleerung müssen die
Schläuche einer ausserordentlich sorgfältigen Behandlung beim Trocknen
und Wiederfüllen unterzogen werden, um die Nähte vor dem Bersten
oder Reissen zu schützen.
Bei der englischen Kolonialarmee, besonders den in Aden und
Ober-Egypten stationierten Truppenteilen, sind die verschiedenartigsten
Versuche, den Wassertransport betreffend, angestellt worden. Die während
längerer Zeit benutzten fassartigen Holzgefässe haben sich in der Tropen-
hitze nicht bewährt. Sie sind überdies Unfällen aller Art zu leicht aus-
gesetzt und deshalb wieder ausser Gebrauch gekommen, und man be-
vorzugt in der englisch -egyptischen Armee gegenwärtig eiserne verzinnte
Behälter. Ein praktisches Modell dürfte das nachstehend beschriebene
sein, das ich vor kurzem habe anfertigen lassen. Der Kasten ist, um
oben auf dem Rücken des Kamels Platz zu finden, höher und länger
als breit. Mein Modell misst 60 cm in der Länge, 47 cm in der Höhe
und 38 cm in der Breite. Auf der dem Tier zugekehrten Seite sind
oben und unten je zwei Ringe angebracht, durch welche der kreuzweis
laufende Strick oder Ledergurt hindurchgeht, mittels dessen das Gefäss
an dem Kamel befestigt wird. Ein rundes Loch von etwa 4 cm Durch-
messer in der oberen Wand, das durch eine starke Messingschraube ge-
schlossen wird, dient zum Auffüllen des Behälters; eine zweite, kleinere
Oeffnung am unteren Teile der Schmalseite lässt das Wasser ablaufen;
letztere ist mit einem Messingkrahn versehen, der durch eine Charnier-
• vorrichtung in den Behälter selbst hineingebogen werden kann, und, wie
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Goli. 6
82 ^'P- 'I- VVuier-Kästen-
auch die Verschlussschraube des oberen Loches, in Einbuchtungen des
Kastens verschwindet. Ueber diese Einbuchtungen l^en sich vcrschliess-
bare Platten, von Chamieren gehalten; ist der Schlüssel abgezogen, so
ist ein Entwenden der kostbaren Flüssigkeit unmöglich. Um das Wasser
einigermassen kühl zu erhalten und den Kasten selbst zu schützen, ist
derselbe mit einer dicken Filzlage umgeben, die an den Stellen, wo
die Tragriemen hin durch fuhren , durch Lederstreifen vor dem Abreiben
geschützt wird. Mein Modell fasst 54,5 Liter Wasser und wiegt, aus-
schliesslich des notwendigen Sattels, der Stricke u. s. w., ungefüllt 15,5 kg.
Ein Kamel wurde demnach durch je zwei mit Wasser gefüllte Kästen
eine Gesamtbelastung von etwa 150 kg erfahren, mehr sollte man den
Tieren, während des Sommers wenigstens und auf grossen Märschen,
-Moilull eines \V»SBerkaaleDS.
um sie leistungsfähig zu erhalten, nicht zumuten. Vielleicht wird das
von mir angegebene Modell von anderen Reisenden geprüft und
verbessert.
Zur Benutzung auf dem Marsche und im Zelte für unsere Leute
führten wir die allgemein gebräuchlichen, kleineren, aus starkem Leder
gefertigten, flaschenartigen Wassergefässe , in Syrien Zcmzemije <j^J^j
genannt, mit uns. Auf einem ovalen Boden erhebt sich das cyhndrische
Gefass, das oben in zwei Mündungen ausläuft, die durch Leder oder
Holzstöpsel verschlossen werden. An eisernen Haken wurden sie mittels
Ketten an den Stricken oder dem Gepäck der Kamele oder an dem
l'fcrdesattel befestigt').
'. Auch diese GefäBse fiiidoii »ich in Jer tranicQ muhanuncilani sehen Welt. In
Marokko sind sie in schün gearbeiteten, rot angestrichenen nnil mit nufgeuiBllem Ziemtt
in bunten Farben versehenen Thongefüssen nichgeahmt worden.
Kap. II. Sonstige Ausrüstangsgegenstände. 8^
Besonderer Vorsicht bedurfte es zur Erhaltung der zerbrechlichen
Thonkrüge (Scherbe), die ich für meinen Privatgebrauch bestimmt hatte.
Sie sind schwach gebrannt und bestehen aus porösem Thon; am Halse
befindet sich eine mit Löchern versehene Schutzvorrichtung, um das
Eindringen von Staub und Schmutz abzuwehren. Die Scherbe erhält
das Wasser besonders kühl und wird in den verschiedensten Formen und
Grössen in allen Ländern des Orients benutzt.
Für den persönlichen Gebrauch der Europäer dürften sich auf der
Wüstenexpedition Flaschen aus Aluminium, emailliertem Eisenblech, ver-
silbertem Kupfer oder auch aus Hartgummi, welche mit dickem Filz
umkleidet sind und ein bis drei Liter fassen, besonders eignen. Der
Stopfen muss unter allen Umständen an der Flasche selbst befestigt
sein. Ich hatte als eisernen Bestand von einer in Damaskus befindlichen
Mineralwasserfabrik einige Kisten kohlensaures Wasser mitgenommen, das
bei Indispositionen infolge des Genusses des schlechten Wüstenwassers
sehr gute Dienste leistete.
Wenn ich der Frage des Wassertransportes einen verhältnismässig
breiten Raum gewidmet habe, so geschah es, weil ich aus eigener Er-
fahrung weiss, wie davon in erster Linie das Leben des Reisenden in
der Wüste abhängt. Die Geschichte der Libyschen Wüste weiss da-
von zu erzählen, wie ganze Karawanen, von Wadai kommend, wenige
Stunden vor den egyptischen Oasen verschmachtet sind. Ueberall
auf den Karawanenstrassen der Sahara und der Arabischen Wüste
grinsen dem Reisenden die bleichenden Knochen von Pferden und
anderen Tieren entgegen, in jedem Sommer gehen hier infolge des
Wassermangels Menschenleben zu gründe.
Des Alkoholgenusses habe ich mich während meiner Expedition
möglichst enthalten, von dem mitgeführten syrischen Wein trank ich
täglich ein Glas und mied alle sonstigen Spirituosen. Ich habe mich
dabei sehr wohl befunden. Mein Vorrat an Konserven war gering; ich
beschränkte mich im allgemeinen auf die ortsübliche Nahrung, bezw. die
Speisen der Drusen und der Beduinen: Reis und Burrul, und wenn die
Gelegenheit sich bot, Hammel- oder Hühnerfleisch. Mein Bestand an
Biscuits, welche die vornehmen Araber auf Reisen mit Vorliebe ge-
messen, war bald aufgezehrt, und von da ab wurde Brot als Lecker-
bissen betrachtet.
Mein Zelt hatte ich mir aus Kairo mitgebracht, wo die für Reisen
in trockenen, warmen Gegenden entschieden besten Zelte angefertigt
werden. Nur die iijdischen Fabrikate halten einen Vergleich mit den
egyptischen aus. Die Kairenser Zelte sind vieleckig mit einem einzigen
Zeltbaum in der Mitte, das Dach ist doppelt, um gegen die Sonnen-
strahlen genügenden Schutz zu gewähren. Für mein Zelt hatte ich mir
e»
34 l^P- ^I- V^o* Aufbruch.
einen baldachinartigen Vorbau herrichten lassen, in dessen Schatten ich
an Rasttagen im Freien die Besuche der Eingeborenen zu empfangen liebte.
Es sei gestattet noch eines scheinbar unbedeutenden, aber sehr
wichtigen Gegenstandes zu gedenken: der Laterne. Jeder, der grössere
Expeditionen mitgemacht hat, weiss, welche Schwierigkeit die Beleuch-
tungsfrage macht. Ich habe mir ein neues Modell konstruieren lassen,
das ich ebenfalls zum Versuch und zur etwaigen Verbesserung empfehlen
möchtet) Die unseren Wagenlatemen ähnliche Lampe ruht während des
Transportes in einem Futteral; beim Gebrauche wird sie durch den mit
einer Feder versehenen eigentlichen Kerzenhalter, der durch den Deckel
des Futterals gesteckt wird, mit letzterem verbunden. Die mit einem
Handgriff versehene Laterne ist sowohl hängend wie stehend zu ge-
brauchen. Eine Metallplatte, die nach Bedarf hineingeschoben werden
kann und in einer Tasche des Futterals Platz findet, ermöglicht es, die
Lampe zur HIendlaterne umzuwandeln.
An Geschenken für Beduinen wurden besonders Mäntel, Reiter-
stiefel und Kopftücher mitgenommen, ausserdem grössere Quantitäten
von Tabak, um welchen man vielfach angegangen wird. Auch die kleinen
vorerwähnten irdenen Pfeifen, welche ich in grosser Zahl mitführte,
machten mir später viele Freunde.
Infolge der durch die Güte des Fürsten Radolin, unseres damaligen
Botschafters in Konstantinopel, mir ausgewirkten offiziellen Empfehlungen
des türkischen Ministeriums des Innern an die Walis der zu bereisenden
Provinzen erhielt ich von Ra'üf Pascha, dem damaligen Wali von Damaskus,
ein Empfehlungsschreiben an den in Schech Sa'd residierenden Mute§arrit
des Haurän. Ich kann nicht umhin, dankbar anzuerkennen, dass die
türkischen Behörden während des ganzen Verlaufs meiner Reise das
freundlichste Entgegenkommen und die thatkräftigste Unterstützung mir zu-
teil werden Hessen. Selbstverständlich mussten da, wo meine Expedition
durch das Gebiet unbotmässiger Stämme führte, mit diesen von Fall zu
P'all noch besondere Abmachungen getroffen werden.
Am 24. Juni 1893 endlich brach die Karawane auf. Ich zog es vor, bis
Schech Miskin die Haurän-Eisenbahn zu benutzen. Der Hauränbahnhof
lie^^t im Westen von Damaskus, unweit der Tekkije der Derwische. Um
5 Uhr früh bestieg ich einen zum Transport der Arbeiter und Materialien
bestimmten Zug. Die Fahrt ging zunächst an dem damals noch im Bau
begriffencncn Ilauptbahnhof von Damaskus im Westen der südlichen,
langgezogenen X'orstadt Midän vorbei, durch die Aussengärten der Stadt
nach Dareija, einem zu drei Vierteilen von Muhammedanern und
») Das Mo«lcll habe ich tlor Berliner Tropenausrüstunß:s-Firma v. Tippeiskirch & Co.
ül)crjjel)on
Kap. II. Mit der EuenbafaD nach Scbech Miskin.
85
einem Viertel von meist griechisch-orthodoxen Christen bewohnten,
grossen Dorfe mit einem Minaret und einer dem heiligen Ezechiel
ij ",9- gewidmeten Kubba (Kuppelgrab).') Aus Däreijä kommen
besonders gute, grossbeerige und dickschalige, süsse Tafeltrauben nach
der Stadt. Weiter führte die Bahn durch Gersten- und Weizenfelder,
welche vielfach von wildwachsenden Lakritzenstauden durchsetzt waren.
Bald tauchte das den Erben des algerischen Emirs 'Abd il Kädir ge-
hörende Dorf il Aschrafije <ij-l >l auf*). Hinter dem Dorfe Sahnäjä
liUsk^ , 13 km von Damaskus, durchschnitten wir eine vulkanische Hügel-
kette, den Gebel il Mäni' iüü.\ L^. Hier zeigten sich zuerst die Aus-
läufer des ungeheuren Vulkangebietes des
Haurän: deutlich erkennbare Lavawellen
und weit in die Ebene hineingeschwemmte
lose und meist rundliche Lavaklumpen. Beim
sechzehnten Kilometer erreichte die Hahn
ihre höchste Steigung; beim zwanzigsten
Kilometer überschritten wir den damals
wasserleeren Nähr il A'wag t-^jI j^ .
'gekrümmter Fluss«. Rechts von der Bahn
lag hier das Dorf il Mugelibe, links das Dorf
il Kiswe »_j__Xjl. Bald darauf wurde die
befestigte Kaserne Chan Dannün jj'j jU-
und weiter südlich der Ruinenort 19 Sanamen j;^^ .^,„, ^^ Kädir.
passiert.
Die Gegend war einförmig geworden und blieb es bis Schech
Miskin. Soweit das Steingeröll es gestattete, dehnte sich hier fruchtbares
Ackerland, rechts begrenzt durch das schneebedeckte, imposante Gebirgs-
massiv des Hermon, links durch kleinere Höhenzüge und später durch
*) ADderwätts in Syrien und NordmesopotE
Imäm ^Dannt.
') 'Abd II Kidir wn nach scinei
tQlernierl ^hallen nnd dnnn freigelassei
nicht mehr Dach Algerien turUckiugehei
El wurde ihm ein Jihresgehali von 70c
niederKcUucD, war dann nach Mekka
lieh Well (Wuli), in Sadmesupr
Wohnntz enritUt, 9
er im Mni 1883 verstorben ist
it lablreichen algeriiehen Endfn'anlen c
Niedere erfuni; zunüchsl einii;e J^ihre in Kroiiltrcich
worden, nachdem er auf den Koran gesclm oren,
und auch niuhl gugcn Frankreich zu n{;llleren.
•o Frcs. auageselzt. Er hatte sich zuerst in Brussa
gezogen und halte sich schliesslich Damaskus zum
n besonderen kleinen Stadtleil.
86 Ka,p, II. UD^^nstigre Nachrichten. — Ankunft im Zeltlager.
die schwarze Leg^ä (il Leg^ät obJÖ^). Einige aus den Leg^ädörfern zur
Ernte in die Ebene gekommene Landleute, welche erstaunt die Loko-
motive anstarrten, waren die einzige Abwechslung auf dieser Strecke.
Schech Miskln*) wurde gegen lO Uhr morgens erreicht; hier er-
warteten mich Man§ür und Ne^ib Sallüm, welcher in Schech Sa*d
Empfehlungsschreiben an die sämtlichen Käimmalcäme des Regierungs-
bezirkes für uns erhalten hatte. Ich wurde mit der Nachricht em-
pfangen, dass wenige Tage vorher ein Gefecht unter den Drusen statt-
gefunden habe, bei welchem der Käimmakäm des Kreises Suwedä, Ibra-
him Pascha il Atrasch, an den die von dem drusischen Emir Arslän
mir mitgegebenen besonderen Empfehlungen lauteten, getötet worden
sei. Angeblich sollte vollständige Anarchie im Haurän-Gebirge herrschen.
Man riet mir infolgedessen sehr entschieden von meiner in Aussicht
genommenen Route ab und hielt es insbesondere für unmöglich, ge-
stützt auf die Drusen in die Harra vorzudringen. Doch war ich an
derartige Einwände und Warnungen schon von Damaskus her gewöhnt.
Um 3 Uhr nachmittags verlicssen wir Schech Miskin, um nach dem
22 km (Luftlinie) östlich entfernten Bu^^^r il Hariri (^jy^^ j"^ zu reiten.
Etwa eine Stunde, bevor wir den Ort erreichten, hatten wir eine mehrere
Minuten breite, von Nordost nach Südwest sich hinziehende, 30 — 40 Fuss
hohe Lavawelle zu überschreiten. Auf dieser Lavazunge steht das Dorf
Ezra* ^JJ^ das alte Zoroa, dessen Ruinen sich von dem dunklen Lava-
boden kaum sichtbar abhoben.
In Busr il Hariri fand ich mein Lager unten am Rande der
Lcgä aufgeschlagen: drei Zelte, eines für mich, ein kleineres für Ne^ib
Sallüm, das später auch das Frühstückszelt abgeben sollte, und ein
drittes für die Diener und die Küche. Mein Zelt trug die deutsche,
das zweite die türkische Flagge. Davor standen die Pferde in einer
Reihe, nach Landessittc an langem, gemeinschaftlichem Stricke mit den
Vorderbeinen festgebunden, daneben lagen niedergekauert die Kamele.
Meine Diener und Treiber begrüssten mich freudig — es war ein an-
sprechendes Lagerbild. Für mehrere Monate sollte mein Zelt mein Haus
werden.
^; Miskin bedeutet :iuf deutsch: der Arme, französisch: mesquin.
'-'W-
III. KAPITEL.
Der Hauran und seine Bauten.
Haurän als jjeoßraphischer und politischer Naine. - Die Hanrän-Kbene (Nujjra). — Der (lebel
Haurän. — Die Trachonc. — Die I^egä. — Die Harra und die Diret it Tulül. — l^ie
Städtewüste des Haurän. — Geschichte des Haurän. — Höhlenbewohner. — Jemenische
£inwanderer. — Tenüchidcn, öafniden, Rassaniden. — Roms Oberhoheit, die Aera
Bostrensis. — Die Sassaniden im Haurän. — Die inuhammedanischc Invasion. — Die zweite
Blütezeit des Haurän zur Zeit der Kreuzfahrer. — Gänzliche Veröduntr. — Die Neubesiedlunjf
durch die Drusen. — Die Hauränbauten. — Vermischunpf griechisch-römischer Kunst mit
jemenischen Gedanken. — Babylonisch -assyrische Anklängfe. — Persische Einflüsse oder
selbständige Weiterentwicklung. — Syrien und der Haurän als Wiejje der arabischen Kunst
Die Bezeichnung Haurän wird nicht nur dem Haurän-Gebirge, dem
Cebel id Drüz, gegeben, sondern im weiteren Sinne auch dem ganzen
Gebiete südlich der Ebene von Damaskus, welches im Westen von den
Ausläufern des Hermon und dem nordpalästinischen Gebirge, im Süden
von der syrischen Steppe und im Osten von der Stein wüste il Harra
begrenzt wird. Dieses Gebiet entspricht im grossen ganzen auch dem
politischen Verwaltungsbezirk, dem Mutesarriflik Haurän, dessen Chef in
Schcch Sa*d seinen Sitz hat. Von ihm ressortieren sechs Käimmakämliks,
nämlich: öebel Haurän mit dem Amtssitz is Suwcda IJü^^J^, ferner
I
Bu§r il Hariri i^J ^^ j-^ > il Kunctira D^yaJuJl, Dcr'ä oWj^, *Aglün
^y^ mit dem Amtssitz Irbid Jü j\ und is Salt JaJLJ^.
Die Haurän-libene, in Nulj:ra ijJaj\ genannt, gehört zu den frucht-
barsten Landstrichen der Erde und ist von jeher die Kornkammer Syriens
gewesen. Zahlreiche Ruinen sprechen dafür, dass sie schon in ältester
Zeit bewohnt gewesen ist; neuerdings leben hier mehr oder minder
sesshaft gewordene arabische Bauern, denen die Türkei gewisse Freiheiten
88
K^. m. Die NuVra. — Der Öebel Hanrtn.
lässt, und die insbesondere bisher in ähnlicher Weise, wie die Drusen
und die Beduinen, vom Militärdienst exempt waren.
Der Gebel Haurän ist die höchste Erhebung des grossen vulkanischen
Gebietes an der Grenze des oberen Ostjordanlandes und der Syrischen
Wüste, ein Gebii^szug. der sich in nordsüdlicher Richtung etwa 70 km lang
erstreckt, und dessen höchste Spitzen bis über 1800 m aufragen. Im
Süden verläuft die Gebirgskette alimählich in die Syrische Steppe; im
übrigen steigt sie steil und unvermittelt aus den einige hundert Meter
tiefer liegenden Ebenen empor, im
Westen aus der Nukra, im Norden
aus der Ebene von Damaskus und
im Osten aus der Harra. Das Gebirge
weist infolge des wohl Jahrtausende
dauernden Ver\vitterungsprozesses
der vulkanischen Auswürflinge über-
all da, wo die Felsen oder die Lava-
Blöcke nicht freiliegen, einen rot-
braunen Humus auf, welcher anFrucht-
barkeit mit dem gelbbraunen Boden
der Haunin-Ebene wetteifert. Die
höchsten Gipfel des (lebel Haurän
sind der Teil il Öena (ca. 1840 m)
und der Krater des Gebel il Kuleb
(1734 m); daneben finden sich meh-
rere niedrigere Ausbruchkegel.
In verhältnismässig jüngerer Zeit
sind von den im nördlichen Teile
des Haurän gelegenen Kratern il
Habis und il Rarärat il Kiblije um-
fangreiche Lavaergi essungen nach Osten beziv. Westen in die Ebene
von Damaskus ausgegangen. Das Eruptionsgebiet der Rarära, il Legä
genannt, der westliche Trachon'), stellt ein nahezu 40 km im Geviert
messendes Lavaplateau dar, das ohne nennenswerte Sondererhebungen
durchschnittlich etwa 15 m über dem umgebenden Gelände liegt. Selb-
') .Schon Slrobo ^16, 755/56^
ligen Gebieten in der Nähe des Hi
(gc. der Stadt Damascus' iao Ätrifif
'iTOopniiuv BvajL'.; Zfrfi'iz^fZfi, tv o;( x
13^! Suvä^tvDv tv xaiaSpo^itt:;,
von den beiilen Ttacbonen, iwei rauhen, hilge-
Wörtlich hci-al die .Stelle: :» 'iiripxEivToi i'a&rJji
To:; Aaj/ai3X7]valt •^ivo/'Z'u tcM.o./i^tVjd. i. «Jenseits tod
Damaskus (vom Meere aus t;edachl' beünden sich ;wei ErhebuDcen, die sogenannten Trachones,
und weiterhin sind nacli den von Arabern und Iluräern gemischt bewohnten Gebieten hin scliwer
zugänf^Iiche Berce, in welchen sich iiefschlUndi);e Höhlen beündeii. von denen eine viertausend
Menscheti bclierberi;eu kann bei den Ueb erf allen , denen lUc Damaskener (d. b. die Be-
Kap. III. Die Trachone, Legö, ^arra, Diret it Tulül. go
ständige Krater sind innerhalb der Legä bisher noch nicht konstatiert
worden. Nur hin und wieder finden sich in der zerklüfteten Masse
niedrige steinfreie Stellen p\5 (Kä*), auf welchen etwas Getreide gebaut
wird. Teils sind diese Stellen Erhebungen des ursprünglichen Bodens,
welche bei dem Ausfluss nicht von der Lava bedeckt wurden, teils An-
sammlungen von Humus auf dem Lavagrunde. Der zerklüftete Rand
dieser Lavaergüsse, der sich oft in wunderlichen Gebilden in die Ebene
vorschiebt und eine Höhe von lO bis 30 m erreicht, wird Lobf ^ji-
genannt.
Die im Osten des Haurän belegene vulkanische Steinwüste il Harra
verdankt ihren Ursprung jedenfalls verschiedenen innerhalb ihres Bereiches
gelegenen Kratern, Ausflussöffnungen unterirdischer Vulkane, die meist
gar keine oder nur geringe Erhebungen über die ursprüngliche Wüsten-
fläche des Hamäd gebildet haben. Vielleicht sind auch die auf dem
östlichen Teile des Haurängebirges befindlichen Krater bei der Bildung
der Steinwüste beteiligt gewesen. Deutlich lassen sich in der Harra die
Grenzen einzelner, nach Zeit und Ursprung verschiedener, Ausflüsse er-
kennen, sowohl an der verschiedenartigen Farbe der Lavafelder, wie auch
an der mehr oder weniger entwickelten Verwitterung derselben. Manchmal
scheint ein Lavaerguss über einen früheren sich hingewälzt zu haben.
Das ursprüngliche Wüstenterrain ist wellenförnüg, und dieser Bodenform
folgt auch die heute darüber gebettete Lavadecke. Nördlich schliesst
sich an die eigentliche Harra der »östliche Trachon« an, das grosse
Vulkangebiet, welches das Diret it Tulül benannte Lavaplateau, die Tulül
i§ Safa, in unmittelbarer Nähe der Rubbe, der einzigen Oase in der
Harra, ferner die Tulül icj Durs und die Tulül ir Rurele und andere Er-
hebungen umfasst, ostwärts in die bis zum Persischen Golf sich er-
streckende Steppe (Hamäd) verläuft und nordwärts bis Dumer bezw. bis
an den westlich sich vorschiebenden Zipfel des Hamäd, etwa bis 33^35'
n. Er. reicht^). Die Harra ist im Sommer fast ganz vegetationslos: eine
öde, furchtbare Stein wüste. Im Süden ist sie in der Doughty 'sehen
wohner der Damaskene) von vielen Seiten her ausgesetzt sind.« Von dem Namen Trachon
wird sor römischen Zeit die Bezeichnung Trachonitis abgeleitet. »Trachonitis« findet sich
Lucas 3,1; femer bei Plinius h. n. V, 18 und häufig bei Josephus (Antt. i, 6, 4; 15, 10, i;
16, 9, 2 etc. etc.). Letzterer versteht darunter ausschliesslich die Legä. Vergl. auch Rind-
fleisch, die Landschaft Haurän in römischer Zeit und in der Gegenwart, in Z. D. P.
V., Bd. XXI, Leipzig 1898, S. 2.
') VergL die Karte und die Namenliste in Dr. A. Stübels Reise nach der Diret it
Tulül und Haurän 1882, mit Beiträgen von Dr. Hans Fischer, Prof. H. Guthe, Prof. M. Hart-
mann and Konsul Dr. Wetzstein, herausgegeben von IL Guthe in der Z. D. P. V.,
Bd. XU (Leipzig 1889).
gO Kap. III. Entstehunp^ der Vulkanp^ebiete.
Karte*) bis zur Breite von öerasch, et^a 32*^15', eingezeichnet worden.
Die Ausdehnung von West nach Ost ist jedenfalls geringer, dürfte aber
immerhin in ihrer grössten Breite etwa 100 km betragen.
Mit dem Vulkangebiete des Haurän und der Harra stehen mut-
masslich noch verschiedene nördlich und östlich gelegene Kraterbildungen
im Zusammenhang, vor allem die il *Abd wil 'Abde genannten Zwillings-
vulkane südöstlich von il Karjeten. Ebenso dürften die heissen
Mineralquellen im Gebiete des Scheri*at il Mandüri (il Menäcjira), der bei
il Mak§üra vorbeifliessende Nähr il Mukabrit, vielleicht sogar die heissen
Quellen von Abu Rabäh nordwestlich von il Karjeten und die Schwefel-
quellen von Palmyra und Suchne mit der Harra irgend welche Verbindung
haben. Spätere Forschungen werden feststellen müssen, welcher Art
einige im Süden von Palmyra sichtbare Erhebungen sind, und inwieweit
sie mit unserem Vulkansystem noch Gemeinschaft haben. In der Karte
von Hubers centralarabischer Reise*) wird ein 2 Längengrade östlich
vom Haurän gelegenes Terrain als Region volcanique angegeben. Erwähnt
sei noch, dass der arabische Geograph Jäküt^) (gestorben 1229) für die
Halbinsel Arabien 29 Harras (vulkanische Steinwüsten) anführt, von
denen nur die wenigsten bisher bekannt geworden sind. Die Harra des
Haurän ist die nördlichste derselben. Sie wird bei ihm Harrat ir Räg^l
genannt, ein Name, der noch heute für den südlichsten Teil unserer Harra
gebraucht wird.
Der Genesis dieser verschiedenen vulkanischen*) Gebiete hat Alfons
Stübel in seiner lichtvollen Abhandlung »über das Wesen des Vulkanismus*)«
einen besonderen Abschnitt gewidmet. Stübel weist nach, dass die
Krateröffnungen in der Dirct it Tulul und im Haurän ihren Herd innerhalb
der Eruptionsmasse gehabt haben, welche das vulkanische Plateau selbst
bildet und den Eruptionskcgeln zur Basis dient, ein Beweis, dass die
glutflüssige Masse selbst die Trägerin der vulkanischen Kraft ist und der
»eigentliche Zweck aller eruptiven Thätigkeit die Ausstossung feuerflüssiger
Gesteinsmassen ist« ^). Bezüglich der Le^ä und des Habis hebt Stübel
die Dünnflüssigkeit der Lavamasse hervor, welche darin zum Ausdruck
kam, dass sie sich an einigen Stellen zu schmalen Zungen weit in die
*) Karte zu Charles M. Doujjhty, Travels in Arabia fleserta, Cambridge 1888.
*'') Bulletin de la Soci^t^ de Geographie 1884, Trimestre III.
'; Vcrijl. Loth, die Vulkanreq^ion von Arabien nach Jä^üt, Z. D. M. G. Lcipzijß^, 1868,
Bd. XXII, S. 36S.
*} Ueber die Ciesteinc selbst vergl. Bruno Doss, Die basaltischen Laven und Tuffe der
Pro\inz Haurän und vom Diret et Tulül in Syrien , in Tschermaks Mineralogischen nnd
Petrographischen Mittcilunjjen, neue Folge, VII. Bd., Wien 1886,
^) Sonderabdruck aus dem Werke: Die Vulkanberge von Kcuador, Berlin 1897, S. i6ff.
^ Stübel a. a. O. S. 24.
Kap. III. Die Städtewüstc des Haurnn. qI
Ebene hinein ausdehnte. Die Entstehung der Steinsaat der Harra habe
ich') in der Weise gedeutet, dass dieselbe auf den Zerfall dünner Lava-
bänke zurückzuführen ist; nach und nach haben sich die vulkanischen
Ausgüsse durch das Zerspringen beim ersten Erkalten der Masse und
weiter durch einen immer wiederholten Verwittcrungsprozess in eine Unzahl
kleiner Blöcke zerteilt. An manchen Stellen der Harra liegen die Blöcke
so dicht, dass sie aus der Vogelperspektive dem Cracquele der ost-
asiatischen Keramik vergleichbar sein dürfte. Alfons Stübel*') stimmt
meiner Auffassung über die Entstehung der Flarra bei. Allerdings wird
eine andere Deutung nahegelegt durch die Mitteilung, welche der englische
Reisende H. S. H. Cavendish im Jahre 1897 aus dem Somali-Lande gebracht
hat, Cavendish hat gefunden, dass der vom Grafen Teleki am Südende
des Rudolf-Sees entdeckte Vulkanberg von einem grossen Erdbeben
vollständig vernichtet worden und nichts übrig geblieben ist als eine
lavabedeckte Ebene. Es ist immerhin mciglich, dass die Entstehung
der Harra oder einzelne ihrer Teile auf einen ähnlichen Vorgang zurück-
zuführen ist, umsomehr, als selbst noch in historischer Zeit das ganze
Haurän-Gebiet durch heftige Erdbeben '^) wiederholt heimgesucht worden ist^).
Trotz dieser Erderschütterungen finden sich überall im Ciebel id
Drüz, in der Legä, auf verschiedenen Hügeln der Nukra und selbst in
der Ruhbe bauliche Reste, welche das Interesse des Reisenden nicht
minder in Anspruch nehmen, als die eigenartii^^en geogenctischen Ver-
hältnisse des Haurän-Gebictes. Städte, Dörfer, (iottcsliäuser und Hurgen
scheinen zum Teil auf den ersten Hlick so gut erhalten, dass man glauben
möchte, sie seien bewohnt. In Wirklichkeit sind sie seit einem Jahrtausend
verlassen worden und stehen zum grossen Teile auch heute noch
leer. So zahlreich sind diese Ruinen, dass sie zur Schaffung der
Bezeichnung »Städtewüste«"^) für den IJaunin Veranlassung gegeben haben.
Bei näherer Betrachtung zeigen sich fast überall die Spuren furchtbarer
Zerstörungen, welche gewiss zum Teil feindlichen Einfallen^), vorzüglich
*; Zur Routenkarte meiner Reise von Damaskus nacli l^ar<lä<l im Jahre 1S93
(Sonderabdruck aus Petermanns Geogr. Mitteilunc^en, Gotha 1S96, Heft III u. IV\ Mit
einer Karte. S. 2.
-"^ a. a. O. S. 24.
^. Vergl. die Statistik der Erdl)eben von Syrien l)ei Diener, Libanon, Grundlinien der
physischen Geop*aphie und Geolocrie von Millel-ivricn, \Vi«^n iSSO, S. 25S.
*] Von Lavaausbrüclien innerhalb des Ilaurani^ebieis l.»erichtet uns dac^egen die
Geschichte nichts, während solche in Arabien und in Nordsyrien noch im Miiielalter
stattqfefunden haben.
* Die Bezeichnunt: stammt von Wetzstein, Reisebericht üi)cr Hauran un<l die 'Irachonen,
Berlin 1860, S. 44.
*} In erster Linie der Perser unter Chosroes IL Irrtümlich wird den Muhammedanem
die Zerstörung vieler vorislamischer Bauten und Kunstwerke zuijcschricben, die insbesondere
Kap. lU. Die SteinbautcD des Hauräo.
aber den erwähnten Erdbeben zuzuschreiben sind. Das Material der
Haurän - Bauten besteht fast ausschhesslich aus grossen, schwarzen
Lava- oder Do leritb locken ohne Mörtel. Betritt man das Innere,
so wird man überrascht durch die Verwendung von Steinen für
fast alles, was man von Holz gefertigt zu sehen gewohnt ist. Die Treppen
zum zweiten Stockwerk befinden sich an der Aussenseite der Mauern
und bestehen aus langen, in die Wand eingelassenen steinernen Stufen.
Die Decken der Zimmer sind aus mächtigen, meist auffallend schmalen
Steinplatten zusammengefügt oder wölben sich in Kuppelform. Hier und
da findet man noch Thüreft aus einem einzigen monolithischen Block
gemeisselt, welche sich in den gleichfalls steinernen, riesenhaften Angeln
drehen. Auch die Fensterflügel, welche von Lichtöffuungen durchbrochen
sind, deren Gruppierungen geometrische Figuren darstellen, selbst die in
die Wände eingebauten Schränke, die an den Mauern entlang laufenden
Sitzbänke und die namentlich an Säulen angebrachten Aufsätze, welche
Lampen und ähnliche Gegenstände zu tragen bestimmt waren, sind von Stein.
in Vorderaflien ausser tlen Erdbeben den Persern, Mongolen und Talaren inr Last zu leeen
ist. VcTgl. auch Noldelie, Tabori-Uebciseuung, ]^yden 1879, ä. 299. Krehl hat in seiner
BrascbUre, Ueber ilie .Sace von der Verbrennunt; der Alexandrini sehen Bibliathelc durch die
.\raber, Florenz 18S0, diese Enählun;; bereits in das Reich der Fabel verwiesen.
Kap. III. Geschichle des Hanrnn. — HählenbewohDcr.
93
Fast bei allen grösseren Ruinenstädten trifft man gewaltige, aus mächtigen
Quadern erbaute Wasserreservoirs') an, deren Umfang oft hunderte von
Schritten misst und zu deren Grunde tiefe steinere Treppen führen. Teile
alter Behausungen haben späteren Einwanderern als Material für ihre Bauten
dienenmüssen.und häufig findet manSteinemitOrnamenten undlnschriften')
willkürlich und regellos als Thiirschwellen, Architrave oder sonst als Bau-
material mitten im Gemäuern, s. w. verwendet. Der Eindruck, den die
leeren Strassen und Bauten solcher verödeter, läng.'^t ausgestorbener Städte
auf den Rei.senden machen, ht grossartig, aber fast unheimlich.
Die Geschichte lehrt uns, wie diese Städtewüste entstanden ist, und
giebt uns gleichzeitig einen Anhalt für die Erklärung der befremdlichen
Stilrichtung, die uns in den Bauwerken des Haurän entgegentritt.
Die ältesten Bewohner de,'; l.laurän müssen in Höhlen gehau.st habendi,
wie wir sie an den verschiedensten Stellen des l^aurängebiets, in der
Nulfra und an den Ostabhängen des debel id Dniz, vorfinden, und welche
»eiche fast regelinüsaig
f weisen, Hessen Schmnl-
') Die berühmten Tanks v
*) Der Haurän ist überreich an
ein rechteckiges, im Innern durch Schrif
leiten mit ornamcnlalen Ausläufern versehen sind,
') Nach Wilhelm von Tyru.s soll die alte Beieiehnung Trachonilis für die Umgehunu
dei Haurnngebirces darnuf lurückiu fuhren sein, dnas es dort zahlreiche bewohnte llühlen
gilb. Vergl. Wilken, Geschichte der Kreuiiü^e, 3. Uuch, S. 213.
Inachriftenstcin
1 Negrän (SUdrnnd der i.eg.-i;
9*
K>p. III. RömiKbe Hemcbaft.
noch heute von den Haurän-Bauem als Unterkunft für ihre Herden und
gelegentlich fiir sich selbst benutzt werden. Neben den natürlichen und
nur dürftig hergerichteten Höhlen findet man solche, welche mit einem
wall- oder thorartigen Vorbau versehen sind, sowie grosse unterirdische
Städte, wie sie uns Wetzstein bei der Schilderung von Der'ä beschrieben hat
Die Forschungen über die
Angaben der Bibel, betreffend
den Norden des Transjordan-
landes, Hasan, die Heimat des
sagenhaften Königs Og u. s. w.,
erscheinen noch nicht abge-
schlossen'). In dem Kriegsbe-
richt des Assurbanipal aus dem
7. Jahrhundert v. Chr. werden
Araber als Kaurän - Bewohner
(genannt; damals schon werden
einige noch jetzt existierende
Ortschaften am Ostrandc der
Lcgä, z. B. Dekir und Chulchüle,
erwähnt; eine gewisse Rolle in
der Geschichte spielt der Haurän
jedoch nicht vor dem ersten
Jahrhundert unserer Zeitrech-
nung. Die eigentlichen Herren
des Landes waren die Römer
geworden, die hier ihre Herr-
schaft nur mittelbar durch Te-
trarchen, einheimische kleine
Fürsten, ausübten. Um die Zeit
Christi gehörte der Haurän zu
dem von Rom abhängigen Na-
batäerreiche '). Von dem Hcro-
diancr Agrippa, und zwar höchst-
I? .Sanaineii. wahrscheinlich Agrippa I., der
im Jahre 44 n. Chr. starb, stammt
eine Inschrift, v*elchc in Kanawat allerdings nur in recht verstümmeltem Zu-
stande gefunden wurde, und in welcher Waddington*) eine an die Höhlen-
■; \'eri;l- die .^iisfühmnEd von Gulhe lu Dr. A. Slübcl» Reise nach der Diret it
Tulül und HauriD, a. n. U. S. 230 ff. ; ferner WetMtein a.a.O. S. 112 fr.
' VKrgl. MumiDsen. Römische Geschichte, V (1894) S. 446ff-
Vergl. Ua.ldini;loii . Ins
de 1* Syrie, Paris 1870,
Kap. III. JeinenUche Einwanderer. qc
bewohner gerichtete Aufforderung zur Ansiedelung und zum Häuserbau sehen
will. Wir wissen, dass Agrippa 1. schwere Kämpfe zur Zerstörung der den
räuberischen Bewohnern als Zuflucht dienenden Höhlen zu führen hatte ^).
Gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. dürfte eine Neu-
bevölkerung des Haurän begonnen haben. Die Ankömmlinge stammten aus
dem südwestlichen Arabien, aus Jemen, der Arabia felix. Einer ersten
Einwanderung sind im Laufe der Jahrhunderte weitere gefolgt. Unsere
durch Inschriften u. s. w. verbürgte Kenntnis über diese Völkerbewegung
ist noch recht dürftig. Die arabische Tradition, wie sie in den histo-
rischen und geographischen Schriftstellern des Mittelalters vorliegt*),
bringt sie mit dem Bruche des Dammes von Märib in Verbindung, und
zwar soll bereits die Weissagung von der bevorstehenden Katastrophe
zahlreiche Familien aus ihrer Heimat fortgetrieben haben. Glaser^) findet
in der Prismen - Inschrift Gl. 554 »den historischen Nachweis für die
Richtigkeit der arabischen Tradition, welche die Wanderung der jeme-
nischen Stämme als eine Folge des Dammbruches (im Jahre 450 n. Chr.)
hinstellt.« Er hält es für wahrscheinlich, dass schon vorher*) einzelne
jemenische Stammesteile infolge des schadhaften Zustandes des Dammes
und der Angriffe der abessinischen Axumiten auf das Sabäo-Himjarische
Reich die Gegend von Märib verlassen haben. Nach der arabischen
*) Vcrgl. Flavius Josephus, Antiquitates judaicae XIV, 15, 5.
') Von arabischen Quellen das 7. Buch der Annalen von Hamze aus Ispahan, heraus-
gegeben von Gottwaldt, Lipsiae 1848; Abulfeda, Hist. anteislamica, IV. Buch. Von europäischen
Geschichtswerken besonders die Arbeiten von Nöldeke; a. Die Ghassänischen Fürsten aus
dem Hause Ga&ias. Berl. Akad. 1887; b. Geschichte der Araber und Perser zur Zeit der
Sassaniden, aus der arabischen Chronik des Tabari übersetzt, Leyden 1879; c. über Momrosens
Darstellung der römischen Herrschaft und rüniischen Politik im Orient (Zeitschrift der
Deutschen Mor^enländischen Ges., Bd. XXXIX}. Vergl, Mommsen, Römische Geschichte V,
446—486. Wetzstein: a. Reisebericht über Haurän und die Trachonen, Berlin 1860; b.
Ausgesuchte Inschriften. Blau: a. Wanderung: der sabäischen Völkerstärome im 2. Jahr-
hundert n. Chr., ZDMG. XXII. Bd., 1868, S. 654 flf.; b. Arabien im 6. Jahrhundert, eine ethno-
graphische Skizze, ZDMG XXIII. Bd., S. 559 ff. Caussin de Perceval, Essai sur l'histoirc des
Arabes avant l'Islamisme, Paris 1847 — 1848. Berger, L'Arabic avant Mahomet d'upr^s les
inscriptions (Extrait du bulletin hebdomadaire de 1' Association scientitique; 271 f.
Comte de Vogü6; Syrie Centrale, Architecture religieuse et civile und Inscriptions semi-
tiques, Paris 1865 — 1877. Waddington, Inscriptions grecques et latines de la S\Tie, Paris
1870. Hal^vy, Essai sur les inscriptions du Safa, Paris 1882. Charles Doughty, Docu-
ments I^pigraphiques recueillis dans le Nord de l'Arabie, Paris 1884. Glaser, Zwei In-
schriften über den Dammbruch von Märib, Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft,
Berlin 1897; vergl. auch Hommel, eine wissenschaftliche Expedition nach Südarahien
(Beilage zur Allgem. Zeitung, München, 22. Okt. 1898) und Comte de Landberg, Arabica.
») a. a. O. S. 28 ff.
*) Nach der Tradition würde es sich um mehrere Jahrhunderte handeln; Ueber-
▼ölkerung scheint ein weiterer Grund für diese erste Auswanderung aus Jemen gewesen
zu sein.
g6
Ksp. Hl. Tenuchiileii, (^afnidcD, TUiianidea.
UeberliefeninggingdieersteBewegungzunächst von Jemen aus nordöstlich
nach dem Innern der Halbinsel. Die ausgewanderten sabäischen Stämme,
welche unter einander Schutz- und Trutzbündnissc schlössen, erhielten '
davon den Namen Tenuchiden (Tenüch ^= Eidgenosse)').
Die Bewegung spaltete sich dann in zwei Züge: ein Teil der
Tenuchiden unter der Führung einer azdidischen Familie, der Lachmiden,
zog weiter nach Nordosten und gründete Hira am Euphrat; der andere
Teil wandte sich nordwestlich nach dem Haurän.
Die sabäischen Ankömmlinge waren,
wenn sie während der Wandenmg auch
nomadisierend in Zelten gelebt haben
mochten, doch von ihrer südarabischen
Heimat eine sesshafte Lebensart gewohnt
und brachten eine vielleicht Jahrtausende
alte Kultur mit sich. Sie traten daher
wohl auch nicht nach Art der Beduinen
als Raubvölker auf und dürften infolge-
dessen von der Urbevölkerung des Haurän
und von ihren Herren freundlich auf-
genommen worden sein. Das im Haurän
unter römischer Oberhoheit begründete
sabaische Reich stellte sich unter die
Fühnmg der Selihiden. Nachdem der
Dammbruch von Märib wirklich erfolgt
n Einwanderern, Cafniden und Rassaniden *),
■ zwar zunächst freundliche Auf-
nahme fanden, bald aber mit dem letzten selihidischen Herrscher in
Streitigkeiten gerieten. Die Kämpfe endeten mit der Niederlage der
Selihiden, so dass von da ab die Nachkommen aus dem Hause der
Rassaniden die unbestrittenen Fürsten des Haurän und der Trachone
waren. Schon früh waren die Selihiden Christen geworden; ihrem Bei-
spiele waren die Rassaniden gefolgt').
Rom hatte inzwischen dem nabatäischen Staate, der der römischen
Macht in Vorderasien gefahrlich zu werden schien, ein Ende gemacht
war, kam ein /.weiter Strom
aus Jemen nach dem Haurän,
VergU
\V
tzsteiu
a. ii. ().
L'eber
de
Urapr
unR des
; WetM
ein
). S. 11
den Eintritt in
en
Haurün
nur um
annihm
en. und
er
meint d
esh.ilb.
Sohn d
r Kirch
i nenn
n seien.
(;afiias.
S. 52.
will
deren
Kürslenl
1. 105.
WottcB Rassaniden »ergL Wetisiein b. a. O, S. 114.
) ist der Ansicht, dass die Selitiiilen den Rassaniden
r der Bedinfarti; frest;i(teten, eins« sie das Christentuin
Inas die Rassaniden als Nation wohl der »erstgeborene
Noldeke, Die Ghassanischen Fürsten aus dem Hause
ile für den Haurän aus wirklich authen tischen Qaellen
Kap. lll. Das Reich der RusanideD. gy
und das Transjordanland zu einer römischen Provinz umgewandelt, als
dessen Vorort nicht die nabataische Hauptstadt Petra, sondern das neu
begründete Bostra (Bogrä) gewählt wurde, in welchem auch die syrische
Legion ihren Centralsitz aufschlug'). Das Grüiidungsjahr von Bo^rä,
105 n. Chr., wurde gleichzeitig der Beginn einer neuen Zeitrechnung für
den Haurän, der aera Bostrensis'), Damals müssen die ersten südarabischen
Einwanderer sich bereits definitiv im Haurän festgesetzt haben. Unter
der Bezeichnung Phylarch d. i. Stammesfürst (arab. Schech) übten ihre
Führer die Herrschaft unter römischer Oberhoheit aus. Die Römer
bauten ihrer Gepflogenheit gcmä.s,s Heerstrassen im Gebirge, die sogar
durch die Legä und weithin bi.s in die Harra geführt wurden. Den
angestammten Führern der Sabäur wurde aber, was <iie inneren .-\ri-
gelegenheiten betrifft, volle Selbständigkeit girla.ssen; ihr Reich bildete
so gleichsam einen Pufferstaat gegen die rauberi.--clicn Beduinen und eine
Schutzwehr für die fruchtbaren Thider und die Städte Syriens, Rom
scheint sich damit begnügt zu haben, da.« die Hau ran Bewohn er .seinen
■) Verel. Nolilia .Üirnitaluu. eil. Giii.io l'aniirulus. l.iiKilHiii l6o,S, .S. 93.
*) Bis dahin war die scloucidisdie Zeilrechiiuns (liccinnend mit der llfgründunK dt-i
■eteadditch«!! Reiches 311 v. Chr.'. auch für den Hauraii ma»si;cl«'iid (.'uwcsen. L'ebrJi;eiis
hauen ebenso wie Bostra auch ver>chii;dvoe andere Städte Syriens ihre d|;ciic Zeitrechnung,
Frhr. r. Oppenhtini, Vom .MitMlmccT jum |■«-i^<;)lc^ GiM, 1
o8 Kap. III. Die Sassaniden im Hauran.
Garnisonen den erforderlichen Unterhalt lieferten und den Tribut be-
zahlten. Als bei der Teilung des römischen Reiches die Herrschaft über
die östliche Länderhälfte auf Byzanz überging, blieb das politische Ver-
hältnis der Rassaniden zu der neuen Regierung dasselbe, vielleicht wurde
ihnen sogar infolge der Schwäche dieser Regierung eine noch grössere
Selbständigkeit eingeräumt. Sie dehnten ihren Machtbezirk weit über
den Haurän bis in den Hamäd aus, ihre Spuren finden wir noch bei
pumcr. Kine Zeitlang waren sie die Herren von Palmyra. Selbst
ihre Stammesgenossen, die am unteren Euphrat bei Hira sesshaft ge-
wordenen Fürsten, befehdeten sie mit wechselndem Glück. Das kleine
arabische Staatswesen erlebte eine Blütezeit, wie sie der Haurän bis
heute nicht wiedersah^).
Im Jahre 6ii n. Chr. verwüstete der Sassaniden-König Chosroes IL
mit seinen Persern das Ilaurän-Gebiet und scheint auch eine kurze Zeit-
lang in Frieden die Herrschaft dort ausgeübt zu haben. Bald nachdem
die Perser hatten wieder abziehen müssen, erlag das Land der muham-
medanischen Invasion. Der letzte Ra.ssaniden-Herrscher 6ebele wurde
635 von dem Feldherrn Abu *Ubeida, der auf seinem Siegeszuge noch
im .selben Jahre gemeinsam mit Chälid ibn Wahd Damaskus eroberte,
geschlagen. (iebcle nahm den Islam an, kehrte aber wieder zum
Christentum zurück und starb als I'lüchtling am Kaiserhofe zu Byzanz.
Mit dem lunzug des Islam verschwanden die Rassaniden und ihr
Volk aus der Geschichte '^J. Syrien und wohl nicht zum mindesten der
IJauran stellten nun ein starkes Kontingent zu den Heeren, welche die
ersten muhammedanischen Chalifcn nach dem Norden und nach dem
Westen (nach Afrika und Spanien) sandten; noch im 7. Jahrhundert
wurde Damaskus die Hauptstadt des Chalifats und zog zweifellos 2:ahl-
*) Die zahlreichen Inschriften »lieser späUrren Zeit sprechen dafür, dass erst mit den Ein-
wanderunjjen der Südaral)er die eijjentliche Hauthätijjkeit im Haurän bejjfinnt. Wohl kennen wir
einzelne nabatäische Inschriften im Haurän, so die zuerst von Sachau Sitzungsber. der
Berliner Akademie der Wissenschaften 1896 S. 1056 flf/ publizierte, dann wieder von
Lidzbarski. Handbuch der Nordsemitischen t^pi^raphik S. 148 behandelte Inschrift auf
dem in 'Ire ^jefundenen Stein, welcher einen Stier darstellt. Aber die Erinnerungen
an die nabatäischen Kiemente, die hier einst geherrscht haben, sind sehr gering. Die
Südaraber haben sich jedenfalls die griechische Schrift angeeignet, nur in den zahl-
reichen Graffitis der Harra, der Rutibe, des öebel Ses u. s. w. finden sich Spuren der alten
sabäo-himjarischen Schrift.
') Nach einer von Wetzstein (Ausjjewählte griechische und lateinische Inschriften, ge-
sammelt auf Reisen in den Trachonen und um das Haurängebirge, Abhandlungen der Kgl.
Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1863 [1864] S. 315 f.' wiederß^egebenen Sagesollen die
Rassaniden nach ihrer Vertreibunji: durch Chälid ibn Walid um das Jahr 640 n. Chr. nach
Kaukosien ausjjewandert sein, um dereinst aus Russland zurückzukehren und ihr Land wieder-
zuerobem.
Kap. III. Die mahammedanische Invasion. — Neue Blüte und Verödung. gg
reiche Haurän-Bewohner an sich. Der Haurän muss damals fast ganz
von seiner Bevölkerung verlassen worden sein. Im Norden des öebel
id Drüz finden wir allerdings in der Folge ein kleines arabisches Fürsten-
geschlecht, das nach der Eroberung durch den Islam hier sesshaft wurde:
die Vorfahren der Schihäb, der späteren Fürsten des Libanon. Zur Zeit
Nur id Dins wanderte dieses Geschlecht mit seinem Anhange nach den
Abhängen des Hermon aus. Trotzdem gewann der Haurän während der
ersten Kreuzzüge noch einmal Bedeutung. Der Kampf des Christentums
um das heilige Grab hatte eine grosse Flut fränkischer Einwanderer im
Gefolge, denen sich auf syrischem Boden zahlreiche einheimische Christen
anschlössen. Durch die Erfolge der christlichen Waffen wurden die
Muhammedaner aus den leicht zugänglichen Ebenen gewisser Teile
Palästinas und Syriens herausgedrängt und fanden gemeinsam mit den um
die damalige Zeit von Osten nach Westen in grosser Anzahl gekommenen
muhammedanischen Streitern (Kurden, Türken und anderen Transoxaniern)
in den halbverfallenen Städten des Haurän, von denen jede einzelne eine
natürliche Festung bildete, willkommene Stützpunkte im Kampfe gegen
die christlichen Eindringlinge. Insbesondere wissen wir dies von Bosrä
und Salchad zur Zeit des Königs Fulko von Jerusalem und Raimunds
von Antiochien um die Mitte des 12. Jahrhunderts n. Chr. ^). Unter der
Dynastie der Eijubiden wurden die alten Burgen von Bo§rä und Salchad
neu befestigt, wie zahlreiche Inschriften aus den Jahren 600 bis 650 der
Hig;ra (1203 — 1252 n. Chr.) erweisen; auch heute noch erhaltene Reste
von Bazaren und Moscheen sprechen für die damalige Blüte einzelner
Städte des Haurän, welche die christlichen Könige Palästinas vergebens
aufzuheben strebten. In diese zweite Blütezeit fallt die Wiederherstellung
der Häuser mancher inzwischen verlassener, durch Erdbeben und andere
Ereignisse zerstörter Dörfer im Haurän und dessen Umgebung. Nach
dem Wegzuge der Franken büssten diese Städte abermals ihre Bedeutung
ein, ihre muhammedanischen Bewohner begaben sich zum grossen Teile
wieder in ihre früheren Wohnsitze zurück. Infolge der zahlreichen Bürger-
kriege in Syrien verfielen die Ortschaften des Haurän immer mehr, und
der Einbruch der Horden Timur Lenks scheint ihnen den Todesstoss
gegeben zu haben.
Seitdem hat sich Jahrhunderte lang nur eine sehr spärliche sess-
hafte Bevölkerung im Haurän aufgehalten, und nur in einzelnen Gegenden
und zeitweilig wurde das Gebirge von Nomadenstämmen bewohnt, welche
während des Sommers und Herbstes kamen, im Winter und Frühjahre
aber wieder fortzogen, sobald die Steppe draussen für ihre Herden von
neuem Nahrung und Wasser bot.
^) YcTgL Wilken, Geschichte der Kreuzzüge, III. Buch, S. 209 flf., IV. Buch, S. 3.
lOO ^P* UI* NeubeiiedlaDti: des HanrSn durch die Dniien.
Derartige Zustände hat Seetzen>) auf seiner Reise noch im Jahre
1805 ganz allgemein im Haurän-Gebirge vorgefunden; ähnliche Verhält-
nisse traf ich selbst am Abhänge des Haurän, in der Nachbarschaft der
Harra. Nach und nach werden sich kleine Stämme gewohnheitsmässig
das Recht angemasst haben, im Haurän zu übersommern, und seit Jahr-
hunderten mögen dieses die nämlichen sogenannten Bergbeduinen, 'Orbän
il Ciebel, gewesen sein, welche noch heute in dem Vulkangebiet hausen,
und deren Namen zum Teil schon im Altertum bekannt waren, so xlie
Salt (pl. Slüt), die jetzt dauernd in der Legä wohnen, die Mesä'id
(Me^äid) und die Riät, welche sich den Winter über in der Harra und im
Sommer an den Ostabhängen des Haurän aufhalten, die Zubed der süd-
lichen Harra u. a. Wie heute, so mögen auch in früheren Zeiten diese
Stämme, durch die vielen, nur ihnen bekannten Schlupfwinkel im Gebirge
begünstigt, Raubvölker gewesen sein, die aber genau wie gegenwärtig
ihrerseits niemals vor den Invasionen der mächtigeren arabischen Wüsten-
stämme sicher waren*). Zu den sesshaft gebliebenen Ueberbleibseln der
alten Haurän-Hcwohner mögen die *Orbän il (iebel seit jeher in leidlichen
Beziehungen gestanden haben.
Nicht unmöglich, dass die wenigen christlichen (griechisch-katho-
lischen) Familien, die wir heute noch im Hauran-Gcbirge selbst und in
der Lefjä vorfinden, ebenso wie einic^e muhammedanische Familien der
Lef^a-Dörfer der spärliche Rest der altsabäischen Einwanderungen sind.
Im Anfang dieses Jahrhunderts waren die christlichen und muhammeda-
nischen Bewt)liner des I.Iauran-Gebirt^es nach dem Berichte der damaligen
Reisenden weit zahlreicher nU heute. Diese Zuriickdrängung des christ-
lichen und nuihanimedanischen l^Ienients ist die l''oli^e der Xeubesiedelung
des HauranirebirL/cs durch die Drusen des Libanon, welche schon im
Anfani^ des vorigen Jahrhunderts begonnen hatte, aber erst in diesem
Jahrhundert einen grösseren Massstab annahm"). Gegenwärtig sind die
Drusen die unbestrittenen Herren des Gebirges. Die 'Orbän el Gebel
sind durch sie entweder gänzHch verdrängt oder in Abhängigkeitsverhältnis
gebracht worden. Die Drusen fanden in den vorhandenen Rauten aus
alter Zeit Behausungen, die nur geringfügiger Reparaturen bedurften,
um wietler bewohnbar zu werden. Aber «■)bwohl gegenwärtig etwa
40000 Drusen im Ijaurän leben, stehen noch Dutzende der alten Ort-
schaften mit fest gefügten Hurgen und grossen Gehöften leer.
^ Keinen ilurch .Syrien, ralastin.i usw.. \),\. 1, S. 40.
- \'ci;:l. Socircn a. a. » >. uiul Uurckhardl Tr.ivels in Svria anil ihe Ilolv I^nd«
I.i»iiiKmi iS2 2\ wcK'lio ül)cr die Slri'it.'ü^o der WuKl *Ali. eines Teilstammes der 'Ancze, in
ilcr Nukra usw. im AntaiiLre dieses Jahrhuniierl« l>erichten.
^ \ erpl. K.ip. IN" «lieses Werkes S. Ih6 f.
Kap. III. Die llaoränbiui«!!. jOl
Auf den ersten Blick erscheinen die Hauten des Haurän als Erzeugnisse
einer Dekadenz der griechisch-römischen Kunst, wie wir sie vielfach in Klein-
asien und auch in Syrien vorfinden. Indess weisen gewisse Ornamente und
eine Reihe sonstiger Characteristica freilich nebensächlicher Art auch auf eine
Kunstrichtung hin, welche nicht griechisch-römischen Ursprungs ist, so die
abgetreppten, zinnenartigen Frontbekrünungen, die starke Benutzung von
Tier-Ornamenten, die Verwendung grosser Bogen, welche die Decke tragen
und das Zimmer in zwei Räume teilen, die bereits erwähnten I'lafonds aus
langen, schmalen Steinplatten, die kuppeiförmigen Decken, die Aussen-
treppen, die Bildung von Ornamenten durch geometrische Figuren u. s w.
Wo die Grenze zwischen der griechisch-römischen Bauart und derjenigen
Kunstrichtung liegt, welche die genannten fremdartigen Motive zeigt, ist
schwer zu sagen.
Um diese Frage zu entscheiden, miissten zunächst die Ruinen des
Haurän einem eingehenden fachmännischen Studium unterworfen werden;
dann aber miissten wir auch über die Baureste besser unterrichtet sein,
welche noch in dem Heimatlande der Urheber der Haurän-Bauten er-
halten sind. Es kommt hinzu, dass wir über die Marschrichtung, v^'elche
die Südaraber aus ihrem Stammlande Jemen nach dem Haurän genommen
haben, noch ohne genaue Kenntnis sind und deshalb nicht beurteilen
können, welche Anregungen sie unter^vegs erfuhren oder wo wir weitere
Spuren ihrer Bauthätigkcit zu suchen haben. Im nördlichen Higäz in
Midjan (Teimä, el Higr u. s. w.) kennen wir Bauten, die denen unseres
Gebietes in gewisser Beziehung ähneln und die vielleicht von den sabäischen
flmigranten herrühren, von welchen später ein Teil in der Weiterwande-
rung nach dem Haurän gelangte'). Graf Vogüo*) glaubt in den Stein-
'} ^"fil- Eutinga Zeichnunci
ichriftea in Arabiea, Berlin iSgj.
Bncbe Anbia <leserca und in dta
tiotä de I'Anbic par M. C. Dousht)', in
nktionale, Paris 1S91. Bd. 29. S. 1 IT.
■) Vergl. Doughly, Arabia Desei
unil Nöldekes Noten bei Eutinu, Nnbntiiisehe In-
S. 7S, sowie die Zeichnungen Diiughlys in seinem
ufcin zu Dacuments ^pigraphiques recueillia dans le
I Notices et Exlrnits des roanuscriplB de ll bibliolhique
IQ2 Kap. 111. BabyloDiich-UBfriichc Anklänec
bauten von Teimä — monumentalen Portalen in den Felsen gehauener
Gräber — rohe Erzeugnisse von Meistern sehen zu sollen, die in dem
nördhcheren Syrien von römisch ■ griechischen Vorbildern gelernt und
ihre Werke unvollendet gelassen hätten, in der Erwartung, bessere
Künstler der römisch-griechischen Schule würden sie zu Ende fuhren').
Es ist aber bemerkenswert, dass auch für diese Bauten die erwähnten
Treppenornamente und Tierbilder typisch sind, und dass auf einer
von Huber und Euting in Teimä gefundenen Stele*) menschliche
Figuren erscheinen, welche assyrischen Darstellungen ähnlich sind*).
Schon diese Thatsachen scheinen die Vermutung nahe zu legen,
dass die babylonisch-a-ssyrische Kunst auch im südlichen Arabien gepflegt
worden ist und dort vielleicht im Volksbewusstsein schlummerte, bis sie
nach der Auswanderung in den Haurän in eigenartiger Weise wieder in
die Erscheinung trat, als selbstständige
Zuthat zu den in Syrien vorgefundenen,
zweifellos unendlich weiter entwickelten
Ideen der griechisch-römischen Bau-
kunst. Aber, wie gesagt, erst wenn
wir uns über die Baureste alter Zeit
und die auch noch im heutigen Kunst-
fje werbe verwandten Ornamentmotive
von Jemen, Hadramüt und Central -
Arabien ein klares Bild zu machen
imstande sein werden, dürfte in diese
Frage laicht kommen.
',' ' '' ^ " Bereit.-^ heute können wir in einzelnen
P" allen nachweisen, wie patriarchalisch-
konservativ in Syrien und Mesopotamien nicht nur alte Sitten und
Rechtsgrundsätze, sondern auch Gebrauchsgegenstände, dekorative Motive
und architektonische Ideen sich aus grauer Vorzeit erhalten haben.
Die Ausgrabungen von Teil Lö haben unter anderem herrliche Hochreliefs
zu Tage gefördert, deren Alter noch nicht bestimmt ist, die aber viel-
leicht in das vierte Jahrtausend vor Christi Geburt gehören. Eines dieser
Reliefs, welches im Pariser Louvre Aufstellung gefunden hat, zeigt eine
Amphora, aus welcher Wassergarben nach rechts und links, sowie in
';
. Vernl.
Vogüt
bei IJo,
uffhty
1 a.
a. (1.,
S, 6Z3: .I^s
anist
es pour
acheTW lenn
Oeuvres.
iiltcndij
rent »ai
19 tioUlC
.Je ['<
:lra
.les sculpteurs qui ne ■
rinrei
11 jamait
1.*
K
. \"eri;l.
Cor]>u!
f Inseri]itionuii
jm, Pars II, t.
om. .
1, faac.
I, tab IX tmd
Nöldeke,
, aliara«
riäischc
Inschrift.
-n aus
Teil
na, SiU
uDBslierkhl der
Kgl.
Preuss.
Akademie der
\Yisse nach a den.
berlin
:884, U.
1. 29.
-s, l
il3ff.
';
■ Man lj
.e^uhle
auch die
Slien
^eich
nutiK in
.lern VOQ Prüf.
essor
uEntwur
f in dem Kriegs
schnuplal
.linAi
lyr V,
>rdemj
Ishr 18241. ^Kiner, a.
a. 0. Bd. Xtll, S. 101.)
Kap. III. BabyloDisch-OEiyrliche AaUSDce-
Hütten in Der bafir bei Aleppo.
der Mitte ein dreiteiliger Wasserstrahl springbrunnenartig ausgeworfen
werden'). Die Amphora könnte den griechisch-römischen Wasserkrügen,
aber auch heute noch im Oriente gebrauchten Gerä-ssen zum Vorbild
gedient haben. Die Wassergarben (eine Darstellung, welche seiner Zeit
Libationen an die Gottheit versinnbildlichte) könnten auf den ersten
Blick als Pflanzenzweige gedeutet werden, wie das Gefäss selbst als der
dazu gehörige Blumentopf. Thatsächlich giebl die im Orient und ins-
besondere in Persien sowohl zur sassanidischen, als auch jetzt zur
muhammedanischcn Zeit ganz allgemein gebräuchliche Darstellung von
Rosen und anderen Blumen, die aus einem Gefä-sse cmporblühen, ein
Bild, welches mit der Amphora des Teil Lo Verwandtschaft zeigt.
') Vergl. die irct'enUber sichende .Abbildung mich Leon Hi-uiey. Dctoüverles en Chaldee
par Ernesl de Sariee, III l.ivraison, l';iria 1893, PI. 25 No, ö Tcxl ^Paria l89i; .S. 48,
[Die Wiedergabe erfolgt mit GeDehmii;unc der Verli^^handlunj:; l.eroux|. Eine ähaliche,
aber einfachere Amphora, gleichfalls von Teil l>j sl^immend, wunle von l'ite Scheil in
dem Museum ia Stambul aufc-esteltl. .\hs dem (-efHas BtEigca hier nur zwei Wasscr-
garben nach rechts und links empor; es wird von dem Opferndi'n in dvr Ilnnd f^ehiiUen.
Robkonstniktion von Bauten eu ajlyrischer Zeit nach Layard.
I04 K*P- III- Penische Einflüsse oder selbständigre Weiterentwicklimg.
Aus Kujungik, einer der Ruinenstädte des alten Ninive, ist uns ferner
eine Thorschwclle erhalten, deren Ornamentik unwillkürlich an gewisse,
heute noch im Orient angefertigte Teppiche erinnert*). Andere Ueber-
reste aus assyrischer Zeit geben uns Darstellungen von Häuserbauten mit
Kuppeldächern in einer Form, die in manchen Dörfern Nord -Meso-
potamiens und der Umgegend von Aleppo noch heute angewandt wird,
die ferner in ähnlicher Grestalt bei Taubenschlägen in Unter-Egypten vor-
kommt und die vor allem dem abgerundeteren Kuppelbau der byzan-
tinischen und muhammedanischen Zeit als Vorbild gedient haben könnte.
Der Llwän im Innern der Höfe der Damascener Paläste und vieler
syrischer Behausungen scheint mit der Fassade von TakiKisra(Ktesiphon) nahe
venvandt zu sein. Ein grosser Bogen bildet hier überall den Mittelgrund,
welchem sich zu beiden Seiten Bauten mit Nischen und Fenstern in
mehreren Etagen anschliessen. Die bereits eru'ähnten treppenartigen
Zinnen, die im ganzen Orient und überall in der muhammedanischen
Welt so beliebt sind, finden sich genau in derselben Form bereits in
Persepolis und Xinive. Da die assyrische Kunst selbst nicht autochthon
ist, sondern wohl besonders an die babylonische sich angelehnt hat,
dürfte sie wohl auch in den viel älteren Bauten Süd -Mesopotamiens
noch angetroffen werden können'-').
Doch kehren wir zu den Bauten des Haurän zurück! Wir haben
bemerkt, dass sie dem ersten Eindruck nach sich als eine Dekadenz der
grriechich- römischen Kunst darstellen, jedoch mischen sich in diesen
klassischen Grundton zahlreiche Anklänge an altorientalische Ideen,
welche vielleicht von den wandernden Südarabern aus ihrer Heimat mit-
gebracht worden sind. Ob man in den jüngsten Hauränbauten eine
Beeinflussung durch die sassanidische Kunstrichtung zu erkennen habe,
ist noch eine offene Frage. P^ür diese Behauptung wird gewöhnlich der
östlich vom Nordrande des Toten Meeres gelegene Meschita- (Meschettä)
Palast aufgeführt, der von den Persern^) im Anfang des siebenten Jahr-
hunderts n. Chr. als Residenz für den Sassanidenkönig Chosroes IL ge-
plant, wenn auch nie vollendet worden sei*). Das in der Rubbe ge-
legene Kasr il Abjad (das weisse Schloss)^') könnte ebenfalls von sassa-
^] Verpl. die Abbildungen in Kap. XIV. Uebrig^ens zeigen im Louvre zu Paris ausgesteUte
Mosaiken aus Phönicicn und Nordafrika grosse Aehnlichkeit mit den Motiven dieser Thorschwelle.
*) Das Material der südmesopotamischen Bauten besteht leider, so weit es bisher
aufgedeckt ist, fast regelmässig aus Luftziegeln und hat daher verhältnismassig nur geringe
Ausbeute an Bauornamenten geliefert.
'' Vergl. oben S. 98.
* Vergl. Tristram, Land of Moab S. 197 ff. Rawlinson, The seventh great oriental
monarchy, London 1876, S. 594.
*I Vergl. Kap. VI dieses Werkes S. 225 f.
Kap. Ut. McMbha-Pdut und Kair U Abja^-
105
nidischen Baumeistern oder solchen, welche von diesen gelernt hätten,
errichtet sein. Demgegenüber weist Brünnow') daraufhin, dass die aus
ornamentirten Dreiecken bestehende Verzierung der Fassade des Meschita-
Palastes, die man anränglich für persisch gehalten hatte, sich auf einem
Wasserkrug in Chisfin im ööiän, also in einer Gegend, wo die Rassaniden
zu Hause gewesen seien, wiederfinde; die Verzierung scheine ausserdem
mit dem Motiv eines Frieses in Suwedä im Zusammenhang zu stehen.
Er glaubt daher die These aufstellen zu dürfen, dass der Meschita-Palast
Alis den Kamen des K:iv il Abja^.
auf Veranlassung eines südarabischen, von Byzanz abhängigen Fürsten
durch einen byzantinischen Baumeister errichtet sei. Brünnow beruft
sich auch auf das Kasr 11 Abjad für seine Auffassung. Er betont die
Aehnlichkeit der Anlage des Meschita-Palastes mit derjenigen des Weissen
Schlosses, den viereckigen Grundriss der äusseren Mauern mit ihren
runden Bastionen, die Motive der Skulpturen, Tiere und Weintrauben,
die sich hier wie dort finden. Vielleicht aber haben wir es im Meschita-
Palaste und im Kasr il Abjad weder mit Erzeugnissen der sassanidi sehen
noch der byzantinischen Kunst zu thun, sondern ebenso wie in manchen
^] MineilnngcD des Deotichen Pnlästma-Vei
, Bd. XVII, .S. 80 ff.
lo6
Kap. III. Syrien and der Haarän all Wiege dci armbiscben Kunit.
Bau-Ornamenten des eigentlichen Haurän mit einer weiteren selbständigen
Ausbildung der aus Jemen mitgebrachten Kunstideen der Hauränier').
Als die Muhammedaner dem Rassaniden-Reiche im Haurän ein Ende
machten und in Syrien sich festsetzten, fanden sie hier eine weit höhere
CivilisatioD, als die, welche sie selbst aus dem Higäz mitbrachten. Gerade
das giebt für die Entstchmig der arahisciien bczw. panislamischcD Kunst
zu denken. Die Baureste, welche wir von einzelnen anderen Teilen Syriens
kennen, gleichen in vielen Beziehungen denjenigen des Haurän, aber der
rassanidische Hof dürfte sich in damaliger Zeit durch besondere Prunk-
liebe und Baufreudigkeit ausgezeichnet haben. Die zahllosen, bis auf
den heutigen Tag erhaltenen Ueberreste mit grossem Kunstsinn
geschmückter Häuser und Paläste der *Städtewüste< sind ein Beweis
hierfür. Ihr Anblick rief unwillkürlich in mir den Gedanken wach, als
ob die arabische Kun^^t, und das ist im grossen und ganzen die Kunst-
richtung, die wir heute in den verschiedenen muhammedanischen Ge-
bieten finden, in mancher Hinsicht gerade im Haurän gelernt, oder hier
mas^ebende Anregungen erhalten habe. Wir finden hier bestimmte
Ornanientmotive, abgesehen von' der Anwendung der arabischen Schrift:
die Benutzung von geometrischen Figuren, eigenartiges Flecht- und Gitter-
werk, aus Gefässen emporblühende Stauden und Blumen, die stufenartigen
') Auf die Verschiedenheit ood Venvanduchatt der byiamiiiucheD und der Mssa-
nidischen Kunst einiURehen, ist hier aicht der Ort. Ich möchte nur d.irauf hioweiaen. da«
lehr viele bviantiniBche, ebcaso wie sn^sanidische Kunsleneugnisse grosse AehnlichLeit mit
aHsyrischen Vorbildern zeigen, sodass es mit nicht UDmöf^lich eracheiot, dass sowohl die
lassanidiache wie die bjzanljnische Kunsi schweslerlich and gleich mäsaif; selbaCäDdig auf
Grund dieser all orientalischen Muster in Verhindunc mit der griechisch-römischen Kunst
sich ausi;ebildcl haben. Die politische Entwickjung des byüinliDibchen und des sassanidiscfaen
Reichs fälll UDcefähr in dieselbe Periode. Später werden dann fortgeschrittenere byzan-
tinische Künstler an den sissanjdi sehen Hof gekommen sein und zu der weiteren
Ansgeslallung der sassanidischtn Kunst beitretragen haben, und es ist wahrscheinlich, dass
die den Östlichen Ideen näher stehende sassaniJische Kunstrichtung ihrerseits auf die
Byzantiner zurückgewirkt hat.
Kap. 111. Syrien nnd der Iluarnn als Wiege der ■rablBchen Kunst.
107
Zinnen, die Verwendung eines grossen Mittelbogens, an welchen sich zu
beiden Seiten in mehreren Etagen kleinere Bögen, Fenster und Nischeo
anschliessen — lauter Motive, welche sich wie ein roter Faden durch die Bau-
kunst und das Kunstgewerbe der ganzen muhammedanischen Welt ziehen
und die der jeweilig vorgefundenen einheimischen Kunst in jedem einzelnen
der vom Islam eroberten Staaten als besonderes Merkmal und eigenartiger
Stempel aufgedrückt worden sind. Sämtliche genannten Motive kommen
in den vormuhammedanischen Bauten des Haurän vor, und zwar in einer
Form, die den heutigen muhammedanischen Erscheinungen vorbildlich
gewesen sein könnte.
Die Geschichte steht dieser Hypothe.se nicht entgegen. Wie wir
gesehen haben, fanden die ersten muhammedanischen Glaubcn.scifcrer,
welche sich gegen Syrien wandten, im Haurän stammverwandte, gleichfalls
arabische Einwohner, von denen gewiss viele sich an den Kroberungs-
zügen, die in so unglaublich kurzer Zeit einen grossen Teil der Welt für
den Islam gewannen, beteiligt haben werden, während ein anderer Teil
in das sehr bald zum Centrum des neuen Weltreiches, zur Chalifenhauptstadt
X08 Kap. HL Syrien nnd der Haarin als Wiege der .irabischen Kunst.
der Omaijaden erhobene Damaskus übersiedelte. Die Glanz- und Prunk-
sucht der Herrscher dieses kunstliebenden Geschlechts wird jedenfalls
alle Bau- und Werkmeister des Haurän nach Damaskus gezogen haben.
Diese wiederum dürften in Anwendung der von ihren Vorvätern ererbten
Kunst und in Verbindung mit gleichfalls an den Chalifenhof gekommenen
byzantinischen, sassanidischen und anderen Künsüern die heute noch in
derselben Art wie im ersten Jahrhundert der Hi^a geübte panislamische
Kunst geschaffen bezw. an ihrer Schaffung in her\'orragender Weise teil-
genommen haben.
f
IV. KAPITEL.
Die Drusen und ihre Qescliichte.
Aligemeiue Charakteristik der dnisischeu Religion und des Drusenvolkes. — Ethno(i:^raphische
Stellung. — Die i.itteratur. — Mündliche Mitteilungen eines gebildeten Drusen als Quelle
der folgenden Darstellung. — Kinzuj; der südarabischen Hirenser unter Emir 'Aun in Sy-
rien- — Emir Arslän führt seine Leute in den Libanon, in das Gebiet der Marditen. —
Weitere arabische Einwanderungen. — Tcnüch, *Alem id l)in, Ma'n. - - Nichtarabische Zu-
züge. — öumblät, 'Amad, Nakad. - - Der Stammbaum der Arslän. — ■ Der Manjjel einer
Erbfol^ebestimmung als Grund der Auflüsunfj des Reiches Mubammeds. — Die Kämpfe
der Omaijaden und der Abbasiden. — Die Stellunq; der Perser. — Sektenbildun); in
Persien. — Die Inkarnationstheorien und der Chalife Man?ür. — Die Zindi^. — Die Idee
des Mahdi. — Isma'ilier. — 'Abdallah ibn .Maimün. — Sein Lchrsystem. — Flucht aus Persien
und Festsetzung^ in Salamja in Syrien. — Hamdän der Karma^ ibn Ahmed. — Sa'id 'Obei-
dalläh il Mahdi begründet die Herrschaft der Karmaten in Nordafrika. — Salamja von den
Abbasiden aufgehoben. — Karmalische Beduinen suchen Zuflucht im Libanon. — Lahsa in
Babrcn, Sitz des Karmatentums. — Zusammenstoss der Fatimiden und der Ba^rener. — Die
Chalifen Mo'izz und 'Aziz. — Der Chalife Hakim, der Wicderbeleber des Isma'iliertums. — Sein
Priester id Darazi flüchtet nach Syrien und findet am Wädi it Tem die ersten Anhänjjer. —
Hamza. -— Der Alte vom Herge und die .Vssassinen. - Die Noseirier. — Die Drusen. —
Statistik. -- Das drusische Relij^ionssystem. -- Ht.'ziehunj«^en zum Islam. — Drusische Moral. --
Feudalsystem. — Familien und Kasten. — Die Tracht. — Die Geschichte des Libanon. —
Die Ma*n. — Die Schihäb. — - Fachr id Dm L, Korkmäs und Fachr id Dm 11. — Kaisi und
JeroenL — Die Schlacht bei *Aindära , Auswanderung der Jemcni nach dem Haurän. —
Jezbeki und ^Jumbli»ti. — Die ei^yptische Inv:ision. — Emir Beschir Schihab I. —
Zweimalige Flucht nach K£jy])ten. — Aufstand und Ende des Beschlr (iumblsit. —
Mahammed 'Ali wird Herr in Svrien. — Aufstand der Haurändrusen. — Das
Ende der egyptischen Herrschaft in Syrien. — Emir Boschir Schihäb wird nach Malta ge-
bracht. — Die Entwicklung der Bezichuntren zwischen Drusen und Maroniten. — Emir
Beschir Schihäb IL — Kämpfe zwischen Christen und Drusen. — Verwaltungsreform im
Libanon. — Der franz()sische General-Konsul und der maronitische Patriarch. — Die Blut-
bäder in Hä(jbejä und Der il Kamar. — Die Intervention Europas und die Neuordnung der
Dinge im Libanon. — Neue Parteibildungen, Schal^rawi und Samadi. — Frankreichs und
Englands Stellung zur syrischen Frage. — Die Haurandrusen. — Plünderung vun Busr il
Häriri. — Erstes Eingreifen der Türkei und Verwallungsrcform im llauran. — SchiblT il
Atrasch. — Die Belagerung der Türken in Mezra'a. — Generalpanlon und neue Empörung. —
Die Kassära und die Zarräba. — Die Mission Edhem Paschas. - Die Schlacht bei Kiräte. —
Umgestaltung der Verwaltung und Demütigung der Drusen. -- Die Schlacht bei 'Ijun. -- Die
Belagerung von Suwedä. — Die Aufreguntr in Damaskus. — Der Kampf bei Teil il Hadid. -
Der F'all Suwedäs. - Die Schlacht bei Teil il Kulcb. — Der Fall von Schuhba. — Unter-
werfung der Drusen. — liegen wärligcr Zustand im Ilaurnn.
X XO Kap. IV. Allgemeine Charakteristik der drusischen Religion und des Drusenvolkes.
Ueber den Ursprung und die Religion des merkwürdigen Drusen-
volkes*) haben wir nur wenige in der Litteratur verstreute Nachrichten,
die häufig genug im Widerspruche mit einander stehen. Erst sehr spät,
im 17. Jahrhundert, wurde Europa durch die Anwesenheit des Liba-
nesischen Fürsten Fachr id Din in Italien auf die Drusen aufmerksam,
und erst in unserem Jahrhundert sind einzelne ihrer streng geheim ge-
haltenen heiligen Religionsbücher, namentlich infolge der Kämpfe im
Libanon, in europäische Hände gelangt.
Die Religion der Drusen ist eine Geheimlehre; es entstanden infolge-
dessen die verworrensten Sagen über diese Doktrin und ihre Bekenner,
welchen von ihren Nachbarn und Feinden alle möglichen Laster und
Schändlichkeiten angedichtet wurden. Bei der Beurteilung von Angaben,
welche Europäern von Drusen selbst gemacht werden, ist überdies zu
bedenken, dass gerade infolge ihrer merkwürdigen Religionsanschauungen
nur ein Teil der Drusen berufen ist, sich selbst über ihre ausserordentlich
verwickelte und phantastische Lehre zu orientieren. Dem gelehrten
Franzosen Silvestre de Sacy^) gebührt das Verdienst, aus den auf-
gefundenen Schriften der Drusen, so gut es ging, ihr Religionssystem
entwirrt zu haben**). Einige weitere selbständige Nachrichten konnten sich
der englische Oberst Churchill*) und der deutsche Gelehrte Petermann ^)
an Ort und Stelle verschaffen.
Nicht leichter ist es, sich aus dem bisher vorliegenden Material in
der Geschichte der Drusen zurecht zu finden. Schon ihre ethnographische
Herkunft ist ein Gegenstand des Streites. Man glaubte in ihnen haupt-
sächlich die Nachkommen von Persern, Kurden und anderen ein-
gewanderten, nicht arabi.schen Elementen, oder aber die am reinsten er-
haltenen Ueberreste der alten aramäischen Urbevölkerung des Libanon
und Haurän sehen zu sollen und machte hierfür immer wieder das
von Christen und Muhammedanern verschiedenartige Aussehen der
Drusen geltend.
*) Die Drusen lieben es, sich wie ihre Nachbarn im Libanon, die Maroniten, als eif^ene
Nation (Mille, d. h. eigentlich Religionsf^eineinschaft) zu bezeichnen.
*) S. de Sacy, Expose de la relifi^ion des Druzes. Paris 1838, 2 Bde. Diesem Werke
folgen die meisten, welche sich mit der Religion der Drusen beschäftigen, so Wolff, Die
Drusen und ihre Vorläufer, Leipzig: 1845.
') Den Muhammedanern sind die Drusen durchaus Ketzer und Irrlehrer, grössere
Ketzer als die Christen und Juden. Muhammedanische Theologen aller Riten haben gegen
sie geschrieben. Vcrgl. Wüstenfeld, Fachr ed-din, der Drusenfürst, und seine Zeitgenossen.
Göttingen 1886. S. 9 ff.
*} Churchill, Mount Lebanon, a ten Vears' Residence, London 1853, 3 Bde., und
The Druzes and the Maronites under the Turkish rule from 1840 — 1860, London 1862
(Bd. IV des Mount Lebanon;.
^) H. Petermann, Reisen im Orient, Leipzig 1860, 2 Bde.
Kap. IV. Der Ursprung des Drusenvolke». iii
Die Tradition der Drusen steht jedoch, wie ich mich wahrend meines
wiederholten Verkehrs mit der drusi.schcn Bevölkerung habe überzeugen
können, mit dieser Ansicht in Widerspruch, und die .>;pnrhchen ge-
schichtlichen Notizen, die wir über den Libanon und seine nächste
Umgegend besitzen — und hier wurzelt die driidische Religion und das
drusische Volk — scheinen dieser UL'bcrlicfening Recht zu geben. Danach
wären die heutigen Drusen im Kern die Xachkomnicn gn>-iser arabischer
Stammesteile, die im 2. Jahrhundert der IHj^ra in den damals christ-
lich-aramäischen Libanon einzuwandern bet;ainion. Einige wenige tür-
kische und kurdische Zuzügler wurden durch das weit starker vertretene
arabische Element absorbiert. Wohl ^scheinen die Drusen durch ihr trotzig
blickendes Auge, ihren wilden Bart, ihre besonders kräftige Gestalt .sich
XI2 Kap. IV. Die Litteimtiir.
von den Arabern der Steppe und der Wüste zu unterscheiden, aber
wenn man bedenkt, dass die Einwanderer seit vielen Jahrhunderten, zum
Teil schon seit einem Jahrtausend, in einem scharf abgegrenzten Berg-
bezirke leben, in welchem sie ein in sich abgeschlossenes Ganze gebildet
haben, so ip^ird man die Eigenart auch der körperlichen Entwicklung
erklärlich finden.
Es ist mir gelungen, während eines erneuten Aufenthaltes in Syrien
im Jahre 1897 von einem besonders aufgeklärten und gebildeten Ehnsen,
der in einer der französisch -syrischen Hochschulen seine Ausbildung
erhalten hatte und in der Litteratur der arabischen Geschichtschreiber ^)
*) Bei den anbischen Geoi^raphen mid Gesduchtschreibem des Mittelalters finden
sich nnr sehr dörfä^ Notizen über die Geschichte der Drusen. Auch Benjamin von Tndela
hat nur eine kurze Mitteilung. Die Krenzfaihrer erwähnen sie überhaupt nicht; sie werden
die Dmsen wohl anter die iMohammedanerc, >Heidenc, oder >Ismailierc und 9Assassincnc,
die anheimlichen Gefolgsleute des > Alten Tom Berget, mit cinbegrifien haben. Das Auf-
treten Fachr id Dins hatte im 17. Jahrhundert einige DarsteUuniiren zur Fol^, von denen
insbesondere zu erwähnen sind: F. E. Roger, La Terre-Sainte. l'histoire de la rie et mort
de l'emir Fcchrreddin. prince des Dmses etc., Paris 1664; de la Roque. Voyagc de Syrie
et du Mont-lJban. Amsterdam 1723, sowie V'oyage dans la Palestine, Paris 1717: des Herrn
von .\rTieux hinterlassene merkwürdice Nachrichten, aus dem franzosischen Ton Labat, 6 Bände,
Kopenhagen und Leipzig 1753 — 175Ö: Marit:. Geschichte Fakkardins, Gross- Emirs d^r Dmsen und
%\cT übrigen Gross-Emire bis 1773. a.d. ItaL, Goiha 1790. In neuester Zeit sind einige in Berütron
christlichen Syriern heraussregebene arabische Darstellun^n der Geschichte einrelner Familien
des Libanon bemerkenswert, bei denen allerdings manchmal das Interesse der betreffenden Familien
auf Kosten der objektiven Wjhrheii ru sehr berücksichtig! sein dürfte- Die wichhcste derselben
ist das Achbär ü A*;ä3 f^ (iebel Lubnän. rerfasst tou dem Maroniten Tannüs isch Schidia^
und 1S59 in Berüt gedruckt. Dieses Werk gründet sich hauptsächlich auf Notiren, die
sich in den ArchiTcn der angesehenen Familien des Libanon angesammelt haben, und aof
Aufreichnurrgen. die bei den Gerichten, in den Klöstern u. s. w. gemacht worden sind.
leber die Eatstehanj des Achbir il A*;än vgL die Briefe von El: >miü: in der
Z, D. M. G. III, 1S49, ^- >-'• '*3- Dieselben OuelJen, welche Schii;ä^ rur Vcrfüin™^
standen. sinJ wohl auch ;sm Teil die Grundlage der Darstellungen von Roüa* und
ijsderen .\utoren des 17. und iS. Jahrhunderts gewesen. Elin Teil dieser «>uellennotizcn
-^urde in den Jahren i$5i, 1S52 und 1S54, in der Z, D. M. G. von Tomberg. Fleischer und
Blaa CatJkfa^o verosfentlichl. Ver^gl. auch Wüsienfeld a. a. « >. S. 1 — 7 aai S. 72. Als
weitere ar.kb:sche Werke über den Libanon, die in Berüt gedruckt sind, seien ircnAnr:!; Ta'rich
il Mu*ämale il Kesramäni-e und: Tarich il Ba|rak l<pfan id Dawaih:. • ies<:h:cii:e der Maio-
niten. herausgegeben von il Schamni venjL Kap. 1 dieses Werkes. >. lö r. . la: übrigem
vergleiche noch Niebuhr. V'oyage en .Vrabie. .\msterdam 17SC. Bi. II. >- 34S n. und
BuTckhardt. Travels m Sjria and the Holy Land. London 1S22. Die Geschichte de»
Libanon in diesem Jahrhunier: ;£nd i:e Kämpfe der Drusen csl Maroniten. üe nüt
bekannten blati^en Ere:i!nisscn von iSöo und der v-oliüschen Umgestaltung des Lib
ihren -\bscblsss finiea. werlen n.imeEit-.ci La fnaiiosischon 'zni ec^Lschen Werken be-
riandeh. vi:e je nach ihrem S:aEiy::nk:e laeis: z:i sehr gegen o^ier ijs die Drr:scn Paztet
^nommcn hib«e::. Ich necne; Dimas et Libman. Lccioa iS^i aaonvrc«: J!:"^:c. La Srric
en iSoo 3ni iSöl. Lille iSSo; I-osis de Bandicorr. 1^ France aa Liban. Paris 1S79;
Richard Edwards, 1-a Syne 1S40 — 1S02. Pans 1J02: Eugene Pouade, Le Liban et In.
Kap. IV. Mündliche MitteiloogeD eines Drusen als Quelle meiner Darstellung. 1 1 4
seiner Heimat gut Rescheid wusste, zuBammenhängende Mitteilungen über
die Geschichte und die Religion seines Volkes zu erhalten, welche auch
die jüngsten Vorgänge im Haurän und die hier besonders blutigen Kämpfe
der Haurän-Drusen mit den Regierungstruppen umfassen. In langen
Sitzungen habe ich nach seinem Diktat Aufzeichnungen gemacht und
Gelegenheit gefunden, dieselben mit anderen Drusenschcchs zu be-
sprechen, welche im grossen und ganzen die Mitteilungen meines
Gewährsmannes bestätigten. Erstaunlich war es, in einzelnen Fällen zu
beobachteUt wie die Tradition sich oft genug selbst hinsichtlich unwich-
tiger Einzelheiten Jahrhunderte lang, ohne jemals aufgezeichnet worden
zu sein, erhalten hat, und wie sie immer wieder in derselben Weise
nacherzählt wurde*). Die mir von meinem drusischen Freunde gewordenen
und von anderer Seite bestätigten Mitteilungen bilden die Quelle der
folgenden Darstellung, in die ich indess zum besseren historischen Ver-
ständnis einen Abriss der Geschichte der Isma*ilier, der Vorläufer der
Drusen, einflechten zu sollen glaube.
Als im Jahre 636 nach Chr., schon 14 Jahre nach der Hi^ra, das
Heer der muhammedanischen Glaubenseiferer unter Abu *Obeda sich an-
schickte, Damaskus zu belagern, verlangte dieser von dem Chalifen *Omar
Hilfe. Auf des Chalifen Befehl führte bald darauf der Eroberer von Mesopo-
tamien und der tüchtigste Feldherr seiner Zeit, Chrdid ibn Walid, genannt
das »Schwert Gottes«, einen grossen Teil der Einwohner von Mira mit
sich nach Svrien. Die Hirenser, die Nachkommen des bereits erwähnten
jemeni.schen Stammes der Lachmiden*), standen dabei unter dem Hefehl
ihres Fürsten Emir *Aun, eines Sohnes des von den anstürmenden
Muhammedanern entthronten Königs Mundir von Hira, dessen Vater
König Na*män war. Emir *Aun nahm hinfort an allen Kämpfen der
muhammedanischen Glaubensstreiter in Syrien teil und erhielt als Be-
lohnung den Distrikt von Ma*arra (Ma*arrat in Na'män) jUjoH öj»^
Syrie 1845 — 1860, 3. Aufl., Paris 1S67; Kclix Mengjin, llistoire de rKjj\*pte sous le ßouvi'rncment
de Mohamined-Aly, 2 Bände, Paris 1S13; Kcrdinaiul Perrior, La Syrie sous le gouvemeniciit
de Mehemet-Ali, Paris 1842; Baroii d'Arraay^nac, Ne/ib et IJeyrout, Paris 1844: Krancois
Leoormant, Histoire des massacrcs de Syrie, Paris 1861; lirnest Louet, Kxpcdition de Syrie,
Paris 1862; Georjje Robinson, Voyaj^e en Palesline i-t en Syrie ^traduction revue il aiinolc-i'
par l'autcur), Paris 183S; Sir Charles Napier, 'I he war in Syria, 2 IJändc, London 1S42;
A. Paton, History of the Keryjjtian revolulion, 2 Bände, London 1S63; Ldward H. IJarkcr,
Syria and Egypt under the last live Sultans of Turkey, 2 Bände, London 1S70; Dr. I'ranr
Allioli, Syriim im Jahre 1840, Wien 1842; verschiedene Aufsätze in der Revue des deux
mondes 1860, 1861, 1862.
*) Die vorerwähnten archivalen Aufzeichnungen in Achbär il A'jän stehen nicht im
Widersprach mit den Angaben meines frei aus dem Gedächtnis erzählenden Gewährsmannes.
■) VerjfL oben Kap. Hl, S. 96.
Frfar. V. Oppenheim, Vom Mittelmecr zum Persischen Goli. 8
IIA. Kap. IV. Einzuj[r der südarabische d Hirenser in Syrien. — Die Marditen.
südlich von Aleppo zu Lehen. Hier verblieb er mit seinen Leuten
wahrend der ganzen Omaijadenzeit. In den späteren Bürgerkriegen, die
mit dem Sturze der omaijadischen Dynastie endeten, kämpften die
Nachkommen *Auns auf Seite des abbasidischen Prätendenten und
fochten unter anderem in der Schlacht am Zäb c-^^Ji. Als der zweite
Abbasiden-Chalife Abu Cia*far il Man*>ur (der Siegreiche, 136 — 158 d. H.
= 754 — 775 n. Chr.), nach Damaskus kam, begab sich Arslän, der fünfte
Nachkomme *Auns (nach der Familientradition 171 d. H. gestorben), zu
dem Chalifen und bat, ihm an Stelle seines bisherigen wenig fruchtbaren
Gebietes andere Wohnsitze anzuweisen. Darauf forderte Abu Cia*far ihn
auf, mit seinen Leuten in den Libanon zu ziehen, und übergab ihm alles
Land zu Eigen, welches er den dort hausenden Marditen abnehmen würde,
unter der Bedingung, dass er die Verbindung von Damaskus mit dem
Meere durch das Gebiet der Marditen aufrecht erhalte.
Die Marditen*) bildeten die Urbevölkerung des Libanon-Gebirges
und werden als die Vorfahren der heutigen Maroniten betrachtet. Sie
waren zur Zeit Mul.iammeds längst christlich geworden. Geschützt durch
ihre gebirgige Heimat, verteidigten sie hartnäckig Glauben und Freiheit
gegen den Islam. Der Nationalität nach waren sie ohne Frage Aramäer*).
Schon zur Zeit der byzantinischen Kaiser lagen die Libanon -Bewohner
im Kampf mit der Regierung, damals, um ihren Ritus gegen die
griechisch-orthodoxe Richtung des byzantinischen Hofes zu verteidigen.
In dieser Zeit sollen sie den Namen Marada o^yk\ (Rebellen) erhalten
haben. Den Omaijaden scheinen sie manche Schwierigkeiten^) bereitet
zu haben. Der Emir Arslän und seine Leute pflanzten, dem Rufe des
Chalifen Abu Cia*far folgend, ihre Zelte auf dem Ciebel Mareta AtJL» A^,
dem heutigen Dahr il bcdar jJuJl i^j auf. Von ihrem damaligen
Fürsten Arslän trägt der gegenwärtig noch blühende Zweig des Geschlechtes
seinen Namen*). In blutigen Kämpfen mit den Marditen, deren Erinnerung
in einer noch heute > Todesthal« genannten Schlucht fortlebt, dem Orte,
wo die Entscheidungsschlacht geschlagen wurde, erweiterten die ein-
*) Vergl. Mgr. Istifan ud-I)w;iyhi 'l^Ihdini: Ilistoire des Maronites, publice et annot^
par Mr. Kachid AKKhouri Ai-Chartouni. Heyrouth 1890, S. 6S ff. — Müller, Der Islam im
Morgen- und Abendlande .^i^ncken'scheSammiuup:), Herlin 1885, Bd.I, S. 352, nennt sie Mardalten.
^] Vergl. oben Kap. I S. 6 f. und S. 1 6.
\ Vergl. Müller, a, a. O. Bd. I, S. 376.
*; Die Familie Arslän (in der Mehrzahl auch Kuslän gesprochen' behauptet, in verwandt-
schaftlicher Beziehung zur Königsfamilie Mu*tadid von Sevilla, welche auch Lachmiden seien, ge-
standen zu haben ; auch mit Abbasiden und Aliden hätten sie verschiedentlich Heiraten geschlossen.
Kap. IV. Tenüch, Arelnn, *Aleni id I)m: Mji'ii; «^iiinblnt, •Aiiuul, NhU-hI. ||^
gewanderten Süd-Araber ihren Besitz. In kurzrr Zeit wnnlr drr ^^an/c
Südwesten des Libanon erobert, und die Marditen wurden .lu^dii-^nn i irlnrlr
verdrängt. Schon der Sohn und Nachfoli^cr des .sic;.',rrirhrii l'jiin Ar-^Lui
baute hier Schwefät, den eigentlichen Stammsitz der Arslan im I .ihanun, dn
sich noch heute in der Hand der I^^amilie befindet. Nach und iiarh kamen
weitere Fürstengeschlechter mit ihren zalilreiclien ^lerol^'-^lenlrn riarh
dem Libanon. Die vornehmsten dcr-.elben waren ebenlalK Arij,^' liorij^M-
der südarabischen FainiHengruppc, der die Ar-.lan eiit Ti>ro->.en v..in ri und
die in den Quellen regelmiissig den gemeinsamen Namen 'lenu'h r- ^■
führen \), sowie die noniarabi-chcn Ma'n /^äa, /u dem -',tanjr/je 'Ur J'#<ij..
Rabi'a gehörig, die sich im Anfar^^^e de- 12 I'djrljMiderr in J'm*al',!:n nn ,' \i -^
nicderliessen ^ . Alle di'.-e 7.y/.v/Mx \}\Ar'':u i-Mx-. \\\ '**'.*:* Ji' /.' /.-/.;'
von der christÜch-arrirria^^lvrr. L.*'yar;or; !>*:. s!,''.-: .:.;> .er-.' i. *:':«:.'.' .:-':
zwar muhamnieciir.i-ch'r. <:*:' .':-;ro',;.'r .:.'': ':'-" /•.'>♦;■■.'-:..•.'/ ;,. m.
arabische Lnkiave. L:-^-'::- <j*:'//::.-'ry. i'-z: -:'.':. ',.- ;, .' ':«•. i.* .' y n
Tag erh=t:tcn. Ir. -:.h^■:":'. 'v.'- ';.,:.':*.- •^.'::. •. :.': / *.:.r'*- ...'*, -■'/'■■
• * mm
nicht aribi-chfr ::^''»'_'.-': '..'.' ':.':':. [,'.-.•'.:. •/*-.» 'r:. ".*.'• '* '*
♦ iift'ii.r'nf'*! ( . ■■■ «"^ » ■. ♦ ^«« * '.^ ' t- ■ •''■.'•*•» ',»••# - ^^ ;. * ■ / ' ' /
Stancltiiit ^\c.•'t:T. tZ'.*'.' .* ■ *, '.'•..'- '. ■ ♦. .*,' » '. •. •, ■ •: -'^•. ■';-' -• /
Syrier siunst-r i. t -. • •• .' - •■ • • - .'.•••■ ■.■.'.;;*"•
reccizertit' zi i::!- i**:' -.' * _• . • -. ■ •:■:*• ■'• "
mehr zu*":! 'Jt. ;:■"_■ ii' -.::::'■ .* ' »-.••■* ' v ■ ,• . "j
CKrii'-i::.;" :i '_•-•-?.-
t4*fl*, *■ „ rifr:-'
J jiiuiii' '■" ■■ ""
I l6 Kap. IV. Schicksale der Arslän.
des Libanon geworden. In den Kämpfen mit den Kreuzfahrern waren
sie vom ersten Augenblicke an erbitterte Gegner der Franken. Einzelne
Familien scheinen in dieser Zeit furchtbar gelitten zu haben. Insbesondere
gingen die Arslän, welche nach der Familientradition bis dahin vor-
herrschend gewesen sein sollen, damals stark zurück. Die Stadt Berüt
hatte sich zeitweise in ihrem Besitze befunden. Die heldenmütige,
allerdings vergebliche Verteidigung von Berüt durch den Emir 'Ali •A<Jud
id Daula 43 jJin JUäP Ip ist heute noch in der Erinnerung der Familie
wach. Es sollen 25 männliche Mitglieder derselben im Kampfe mit den
Kreuzfahrern gefallen sein. Die Franken verwüsteten ihren Stammsitz
Schwcfat, und die Familie war dem Aussterben nahe. Der einzige übrig
gebliebene Spross, Bubtur j^, Sohn des genannten *Ali, den seine
Mutter als Kind in einem Keller (in der Ortschaft *Arämün)') barg,
wurde der Stammvater der weiteren Arslän-).
Wir müssen jetzt in der (ieschiclite um mehrere Jahrhunderte zurück-
gehen. Noch bevor das Staatengebilde, welches der Prophet Mubammed
geschaffen hatte, in seinem beispiellosen Sie<^cslaufe sich zum grössten
Reiche der damaligen Zeit \) ausdehnen konnte, hatte es bereits den Keim
^ Vergl. SchidjäV a. a. O. S. 225.
" Nebenstehend ist die unter Berücksichtigung^ der F>stgeburt bei den jüngsten GeneraüoDcn
aufj^estcllte Stammtafel der Ar.-^lan ^'egeben. l>er }^egcn\värli;;e Kaimnia^^äm des Schuf, Emir
Mustafa Pascha Arslän. ist der ( >nkel des im Stammbaum zuletzt genannten Kmir Schakib.
Alle Arslan nennen sich >. Kmir Kürst oder Prinz .
^ Schon im S. Jahrhun-lert n, Chr. \\ aren die a^abi^che Halbinsel und Vorderasien
mit Ausnahme des Ilocldandes von KJeinasion und des Kaukasusi^cbirtes, sowie das heutig^e
Pcrsien und grosse Teil«' Traiisoxanicns , ferner i:anz Nordafnka. <ler grössere Teil der
spanischen Halbin>el und das ( iebiet von Narbonne in Sütifrankreich dem Islam gewonnen
vcrgl. die Karte bei Müller, Der I-^lam, Bd. IK S. 18, ferner L. Menke. Die Länder <les Islam
in Spruner-Menke, llist. Handatlas, Gotha 1877, No. 78, 81— 83 . Zanzibar und die Ostkiiste
von .Vfrika, sowie weitere grosse Distrikte dieses Krdleils wurden bald darauf muhamme-
danischen Herrschern unterworfen. Im Mittelalter waren Sizilien, Teile Sardiniens und Kor-
sikas, ferner Genua und andere ' )rte der norditalienischen und französischen Küste zeitweise unter
muhammcdanischer Herrschaft. Das gebirgige vordere Kleinasien und die europäische
Türkei mit Konstantinopel kamen erst verhältnismässiij spät, im 15. Jahrhundert, in die
Gewalt des Islam, der längst vorher aus dem übrigen Kuropa verdräu;^'t war. Dafür machte
das muhammedauische Bekenntnis in .\sien und Afrika immer weitere Kortschritte. Gegen-
wärtig ist der Islam nächst dem Christentum die geograjihisch am wcite>ten verbreitete Religion.
Zu den mubammedanischen Gebieten müssen gerechnet werden: in Europa Teile der Balkan-
halbinsel, der Krim und des südöstlichen Russlands; der ganze Morden von .Vfrika; die Sa-
hara-Länder; verschiedene central- und westafrikanische Staatengebilde; /anzibar; grosse
Teile des östlichen Afrika; nahezu die ganze asiatische Türkei; die arabische Halbinsel;
Persien; die im russischen Reiche mehr oder weniger aufgegangenen west- und ceutral-
asiatischen Chanate; grosse Strecken Vorder- und Hinterindiens und des malu3rischen
Archipels, sowie verschiedene kleine Inseln des indischen <.)ceans und der Südsee, von den
22. Ibn il Emir *A<Jud id Daule *AlI, gestorben
23. Ibn il Emir Nähid id Din Abi 1 *Asä'ir Bubtur
i:
V,
u
»;
i(
li
i\
il
2(
2
24. Ibn
25. Ibn
26. Ibn
27. Ibn
28. Ibn
29. Ibn
30. Ibn
31.. Ibn
32. Ibn
33- Ibn
34. Ibn
35- Ibn
36. Ibn
37. Ibn
38. Ibn
39. Ibn
40. Ibn
41. Ibn
42. Ibn
1 Itimir Kawam id Din *Ali *Irf id Daule,
1 Emir Bedr id Din Jüsuf, gestorben i
1 ICmir Zein id Din Säleh Abi '1 Ciaisch,
1 Emir Seif id Din Mufarri^, gestorber
1 Emir Nur id Din Säleh, gestorben u
I Emir Seif id- Din Jahjä, gestorben ir
1 Emir Saläh id Din Mufarri^, gestorber
1 Emir Bahä' id Din Chalil, gestorben
1 Emir Ciemäl id Din, gestorben im Ji
1 Emir Muhammad, gestorben im Jahr
1 Emir Mezgah, gestorben im Jahre
1 Emir Jabjä, gestorben im Jahre .
1 Emir Fachr id Din, gestorben im Ja
1 Emir Suleimän, gestorben im Jahre
1 Emir Haidar, gestorben im Jahre .
1 Emir Fachr id Din, gestorben im Ja
l Emir Junus, gestorben im Jahre .
l Emir Hasan, gestorben im Jahre .
l Emir hkimmüd, gestorben im Jahre
43. El lilmir Schakib, geboren im Jahre
im Jahre
d. H. .
504'
• • t
^ j>^> J^ ^-J-^* ^^ Jf"^^ ^}
tr
•, gest. i. J.
561^
o^\ <^
•
TJ^
gest. i J.
627
ITV <^
J>ii yjA>» jy^ jp C'.-*;i riy ^vi äj
tt
m Jahre .
690,
^\*
<- jyii s^^. jx\ j^. ^^V\ ä.i
Vo
gest. i. J.
695"
t1
i im Jahre
748
VIA
^ j>^« r> Ü1A'\ .-iw ^V\ ö\
vv
n Jahre .
790
S\*
0. jyi» iU ^'_a\ jy ^^V\ C'
TA
n Jahre .
S27
K^S
<- ^>y-»> j^^ J-^I s_ix- ^«^Vl ijr'
T^
1 im Jahre
888'
AAA
c- j>i\ ^> j.*:! ^>U ^»Al ö'.l
r •
im Jahre
916*
^>-l
^:- j>i\ wWi- CT,-i\ »U. ^V\ ä'
r\
ahre . .
994
\\l
c- jp-\ ä-*:i Jl»- ^^Vl ä»
rT
e
: 1014
> • > t
<- j>*> -^ ^t*"^'! v:-.'
rr
1026
\ -T-,
<^ j^^ C^J- ^Vl C'.'
rt
, 1042
N • ir
'<- jy^^ j^. ^vi ä.i
r d
hre
■ 1063
\ »ir
<u. j>l\ j-.^! >J ^Vl C\
ri
1107
> > • V
'<^ jp.\ jUU ^A«VI ^''
rv
■1135
> >rd
*^ 3y^^ j-'^ ^"^'^ v>.''
rA
hre
1195
> N^o
^ j>n o-.A'i >i ^v\ Cr'
t^
ii237
1
> vrv
<- j>'^\ .^X vi'Vi C\'
t •
' 1269
1
>t'\n
iu. j>üH J-3- ^Vl J'
1\
1
11305
sr • d
0. jjlH j^ ^Vl ä'
iT
' 1286
> TAI
^r
Kap. IV. Die Erbfolge im Chalifat. 1 1 7
ZU dem Uebel in sich aufgenommen, welches, weit mehr als äussere
Feinde, die Unbotmässigkeit entfernter Satrapen und andere Fährlich-
keiten, sehr bald schon an der Zerrüttung und Unterwühlung der ge-
waltigen Macht zu arbeiten begann. Es war dies eine Bewegung, die
zwar den Namen *AlIs, des Vetters und Schwiegersohnes des Propheten
zu ihrer Devise gemacht hatte, der aber in erster Linie die endliche
Auflösung des auf der Grundlage des arabischen ChaHfates bestehenden
panislamischen Reiches und seine Umwandlung in eine Reihe
mehr oder weniger festgegliederter muhammedanischer Staaten zuzu-
schreiben ist, die in der Folge, abgesehen von dem Haupterben des
Chalifates, dem osmanischen Reiche, vornehmlich nach Nationalitäten
sich gruppierten. Schon bald nach dem Tode des Propheten begann
die folgenschwere Bewegung. Einer der grössten, wenn nicht der grösste
Fehler, den das sonst so geniale System des Propheten Muhammed für
den auf seiner Lehre sich aufbauenden theokratischen Staat enthielt, war
das Fehlen von Bestimmungen über die .Erbfolge im Chalifatc. Wenn
der Prophet einen Sohn gehabt hätte, wer weiss, ob der grosse Neuerer
in diesem Falle nicht eine Erbfolgeordnung gefunden hätte, welche diesem
und dessen direkten Nachkommen die weltliche Herrschaft über die
Komoren bis uach Neii-(Iiiiiiea hin; in China vorzütflich die westlichen Provinzen und das
Tarim-Becken mit den früher selbständigen turkest;uiischen und tatarischen Emiraten und
starke Cvemeinden in zwei von Westen nach Osten die centralasiatische Wüste umspannenden
Länderstreifen, von denen der nördlichere über Kuldscha uach der Mandschurei, der süd-
lichere über Tibet nach Jünnansich hinzieht. Selbst im äusserstcn (.)sten, so in Pekinjj und
Hongkong, finden sich sehr bedeutende rauhammedanische Geniein<len. Verspreng^te Muham-
medaner, welche sich zu Gemeinden zusammengeschlossen haben, trefl'en wir ausserdem noch
in verschiedenen anderen Ländern an: ich erinnere vor allem an die an Zahl stetijj
zunehmenden, vorwiegend malayischen Kolonien Südafrikas und Australiens. In letzter Zeit
haben sich selbst in England und Amerika aus christlichen Kcncg:'.ten kleine muhamme-
danische (lemeinden gebildet.
Im Jahre 1855 berechnete Ravenstein (A Siatistic View of the Population, the religions
and languages of Europe, Trauscaucasia and Turkey in Asia, London 1855, S. 13) die Ge-
samtzifTer aller Muhammedaner auf 10568.S000 gleich 8,37 Prozent der i 263574860 Seelen be-
betragenden gesamten Bevölkerung der Erde. In der Zusammenstellung von Krcderick
Martins (Statesman's Year Book vom Jahre 1875, '^* XXXV) werden die Muhammedaner mit
204200000 gleich 15,81 Prozent der etwa i 292 000 000 betragenden gesamten Bevölkerung
der Erde beziffert. Professor Juraschek führt 18S9 in Otto Hühners Geographisch-
statistischen Tabellen «^Frankfurt a. M. 1S89, S. 45", und ähnlich Wichmann in Justus Perthes'
Taschen-Atlas von 1895 die Muhammedaner nur mit 171 000 000 Seelen gleich 11,3 Prozent
der mit etwa 1500000000 angenommenen gesamten P>dbevölkerung auf. Dagegen stellt
The Dictionary of Statistics von Michael G. Mulhall (London 1892, S. 513; im Jahre 1892
200900000 Muhammedaner gleich 18,95 Prozent einer Gesamterdbevölkerung von
I 060 120000 gegenüber.
Weitere Zusammenstellungen sind bei Dr. Hubert Jansen, Verbreitung des Islams mit
Anf^be der verschiedenen Riten, Sekten und religiösen Brüderschaften iu den verschiedenen
Il5 Kap. IV. Die Kämpfe der Omaijaden und der Abbasiden.
Gläubigen gesichert hätte. So aber stieg er ins Grab, ohne dass er durch
die Suren des Korans oder andere Aussprüche (Hadit) die wichtige Frage
seiner Nachfolge geregelt hätte. Die Uebergehung *Alis, des Gatten der
einzigen Tochter des Propheten, bei den in der Zeit von 22 Jahren dreimal
notwendig werdenden Wahlen schaffte Unzufriedene, und — merkwürdige
Ironie des Schicksals — als endlich *Ali das nach der Annahme der
meisten ihm zukommende Erbe antreten konnte, kam es zum ersten Male
zum Kampfe, geführt von Muhammedanern gegen Muhammedaner*). Die
Anhänger 'Alis spalteten sich selbst wieder in die Chärigiten (Auszügler)
und die Partei 'Alis (Schi*at *Ali). Das Wort Schi*a, Partei, erhielt
später erst die bis auf den heutigen Tag geltende spezielle Bedeutung,
die Partei derer zu bezeichnen, welche *Ali als den ersten rechtmässigen
Nachfolger des Propheten und seine Söhne und deren Nachkommen in
der Folge einzig zur Erbschaft des Chalifatcs berechtigt anerkannten.
Ländern der Erdf 1890 bis 1S97 Friedrichshairen bei Berlin IvSqj, S. 72) jjegebcn. Jansen
seihst {jelancjt a. a. (). S. 73' auf (irund sorgfältij^ster Bcnutzuni; der Spezi al- Litleralur der
einzelnen Länder zu foljjcnder Tabflle:
Ivrdteile Prozentsatz '|
, ,, Gesamt- ^. ^ i^- Islamitcn von der , Islamiten
und Haupt- . ., Sunniten Schi'iten .. l! ^
Ik'völkerunj^ um iS«)0 C^csnrat- ,1 iSgj
Inselpebiete Bevölkerunjrü
Europa 372459634 1145213^ »470 i i 453 ^OvS, 3,075 11 515402
./j/V/i S62'jq4 4Öi 124 rjj OS7 Jo ojö 414 i,ir4 2ji 4J1 iS^SJ77 140 »jj 864
Malaiim 44 ^^7 5^1 Jo 455 (>SS -- jo 455 ^SS 6S.244 31049144
A s i e n m i t i
,, , 907422048 154010670 10076 414 164OVS70S4 18,140 171278008
M a 1 a s 1 e n I ^
Oceanien 2 4SS 353 700 — 700 0,028 JOO
Australien S 47J 55^ 17702 — 17702 ojio iS 746
Austral ien 1
und 5956909 1S402 — 18402 0,309 19446
O c e a n i e n '
Afrika 200000000 74953541 i 000 74954541 37477 76818253
Amerika 130 104 28S 48922 6^=? 49457 0.038 49 5^3
Ganze Erde : , '1
a) um 1890: I 615 942 879_ 241 083 673 10079 519 251 163 192 15-543 '259680672
Der Prozentsatz der Schi'iten
von den Llamiten = 4,013% '■
b) für 1897: 1672500000,1 darunter im ganzen Islamiten: 15,543 ^^ = ca. 260 Mill^
Selbstverständlich beruhen die vorstehend aufgeführten Zahlen und VerbältnisafiferQ
zum grossen Teil nur auf vorsichtig aufzunehmenden Schätzungen. Jedenfalls iit za kon-
statieren, dass in diesem Jahrhundert der Islam weiter an Boden gewonnen hat, eine Bewe-
guncr, die auch «gegenwärtig noch anhält und zu deren Förderung das Haupt des Islam, der
Sultan-Chalife '.^bd ul Hamid, entschieden beiträgt.
M Vergl. Müller, Der Islam, Bd. I, S. 316.
Kap. IV. Der Sieg der Abbasiden. I jn
Sobald irgendwo zu Gunsten eines dieser Mi^lieder aus dem Hause
des Propheten eine Bewegung gegen die bestehende Regierung entstand,
war von einer neuen Schi*a die Rede.
Nach dem Tode *Alis wurde das Haus des Propheten abermals vom
ChaHfate ausgeschlossen; statt der beiden einzigen Enkel des Propheten,
Hasan und Husen, die im Kampfe gegen ihre Widersacher ihr Leben
einbüssten, gelangte MoTiwija zur weltlichen und geisthchen Regierung,
ein Urenkel Omaijas, der wohl zu den Stammesgenossen des Propheten,
den Koraischiten , aber nicht einmal zu seinen näheren Verwandten ge-
hörte. Er wurde der Begründer der in Damaskus residierenden Dynastie
der Omaijaden, die das Chalifat vom Jahre 66i bis zum Jahre 750 n. Chr.
in Händen hatten. Die Omaijaden wurden im Chalifat von .den ihre
Residenz demnächst nach dem Osten, nach Bardäd, verlegenden Abbasiden
abgelöst, welche, ohne direkt von 'Ali und der Prophetentochter Fatma abzu-
stammen, immerhin verwandtschaftlich dem Propheten näher standen als
die Omaijaden. Ihr Stammvater, dessen Namen sie trugen, war *Abbäs,
ein Onkel des Propheten Muliammed, und sie behaupteten, ein Enkel des
'Abbäs habe sich das Recht der Nachfolge im Chalifat von 'Abdallah, der
wiederum ein Enkel des Chalifen 'Ali und einer Frau aus dem Stamme
der Benü Hanifa ^) war — nicht also Fatmas, der Tochter des Propheten —
übertragen lassen. Jedenfalls gewannen die Abbasiden das Chalifat und
die Herrschaft über die Gläubigen mit Hilfe der AHden, der Parteigänger
der Nachkommenschaft vVlis und Fatmas, welche in erster Linie den
Tod Husens und Hasans an den Omaijaden rächen wollten*).
Die gegen die Abbasiden gerichtete Schi*a, deren Anhänger von
jetzt an recht eigentlich als Schiften zu 'bezeichnen sind, hat im
Laufe der Zeiten das Abbasiden -Chalifat in gründlicher Weise zu unter-
minieren und zu zerrütten gewusst. Gerade der Umstand, da.ss die Abba-
siden keine Nachkommen *Alis und Fatmas waren, wurde die Losung
für die schon im ersten Jahrhundert ihrer Herrschaft beginnenden Um-
wälzungen. Aber diese Bewegung trug in weit höherem Grade noch
als die Umwälzungen, welche den Sturz der Omaijaden herbeigeführt
hatten, neben dem religiösen einen politisch-nationalen Charakter. Der
eigentliche Herd der immer wieder erneuten Revolution gegen die
*) Vergl. Müller ;i. a. O. Bd. 1, S. 379 und .S. 444.
-} Das Chalifat blieb seitdem in der lland der Abbasiden, auch später, als sir ilie
weltliche Macht mehr oder wenijjer an ihre Majordonie verloren. Nach clor Zerst(>runij
Bafdäds durch die Mon^i^olcn nahn) der egyptische Mamluken -.Sultan Baibars den abba-
sidUchen Chalifen Mustan^ir in Kairo auf, dessen Nachkommen liier bis /um Jahre 15 17 <lie
geistliche Würde des Chalifates repräsentierten. In dem genannten Jahre Hess sich der
türkische .Sultan Selim I., der Krol»erer Syriens und Ägyptens, die geistliche Würde von dem
letzten Abbasiden-Chnllfcn Mutawakkil feierlich für sich und das osmanische Haus übertragen.
I20 KM\i, IV. Die Slellongnahme der Perser. — Sektenbildungen in Pertien.
Dynastie des 'Abbäs lag in der östlichen Hälfte des Reiches, in Persien,
und hier war die religiöse Seite derselben im Grunde für viele nur der
Deckmantel, hinter welchem der Nationalhass sich verbarg, den die weit
civilisierteren Perser den arabischen Wüstensöhnen, die sie unterjocht
hatten, und deren Nachkommen entgegenbrachten.
Als die Abbasiden den Krieg gegen die Omaijaden eröffneten,
hatten sich die Perser ihnen angeschlossen, in der Hoffnung, sich
selbst dadurch die Freiheit erkämpfen zu können. Die Enttäuschung,
welche sie erfahren hatten, verstärkte ihren Hass gegen die Araber und
die Abbasiden, welche diese nunmehr repräsentierten. Allerdings ist
der religiöse Gedanke hierbei nicht zu sehr zu unterschätzen. Die Herr-
schaft der Araber, die nicht abgeschüttelt werden konnte, wurde im
Namen Allahs, des neuen Gottes, geführt, und gegen die neue Religion
regten sich die alten, vielfach zum Mystischen neigenden Gottesideen
der Perser in reaktionärem Sinne. Schrecklich waren die Folgen der
Kämpfe, die der Zu.sammenstoss des ar«ibischen und des persischen
Klementes bewirkte. Sie endeten mit dem Ruin beider Nationen.
Schon zur Zeit der Sassaniden hatten sich in Persien pantheistische
und kommunistische, ja gänzlich freidenkerische Ideen geltend gemacht,
sowie andere, welche den ostlicheren Relij^ionen entnommen waren,
so die Scclenwanderung, vor allem aber die Theorie der Inkarnation
Gottes, und zwar namentlich die Fleischwcrdung in der Gestalt des
Menschen, der die höchste weltliche Gewalt verkörperte. Während der
Regierungszeit der ersten Abbasiden erhoben trotzigen Mutes Vertreter
der alten Lehre Zoroasters wieder ihr Hauj)t, und nach ihrer Nieder-
werfung wurden neue Systeme erfunden auf der Grundlage der vor-
erwähnte'n, altheidnischen (bedanken, die sich nur weni^i^ um den jungen
Islam kümmerten. Ehrgeizige Betrüger gaben sich selbst als Fleisch-
werdungen des göttlichen Geistes oder als deren Hevollmächtigte aus.
Je fester der Klam Jiber im Laufe der Zeiten in Persien Fuss fasste und
je mehr auch hier auf die >= Gläubigen« Rücksicht genommen \Yerden
musste, desto mehr wurden muhammedanische (jedanken in die neu
erfundenen Religionssysteme gebracht.
Ks ist leicht erklärlich, dass gerade in Persien sehr bald ein Teil
der Muhanimedaner sich dazu verleiten lie^s, die Inkarnationslehre auf
die Vertreter der Familie Muhammeds anzuwenden, derart, dass sie die
Fleischwcrdung Gottes vom Vater auf den Sohn vererben liess. Schon
zur Zeit Man^jurs, des zweiten und kraftvollsten der Abbasidenchalifen
(754 — 775 n. Chr.), hatte sich eine merkwürdige Auslegung der In-
karnationstheorie geltend gemacht, die im Grunde nichts weiter als
die Huldigung vor Mansur selbst bedeutete. Zahlreiche Perser waren
von weit her an den Hof des ChaUfen gekommen, und sprachen von
Kap. IV. Die Inkamationstheorie und der Chalife Man^ür. — Die Zindi^. 1 2 1
ihm als von ihrem Gotte, während sie zwei seiner obersten Beamten
als Adam und den Engel Gabriel bezeichneten*). Mansür aber sah
ein, welche Gefahr die praktische Anwendung dieser Theorie für das
Abbasidenhaus in sich bergen musste, das durchaus nicht die direkte
Descendenz in gerader Linie von *Ali und der Prophetentochter
darstellte. Er Hess daher die frommen Leute einkerkern und, als
sich daraufhin ein Aufstand erhob, niedermetzeln. Aber sehr bald
standen neue Vertreter der Inkarnationslehre auf, die von jetzt an sich
gegen das Chalifat der Abbasiden richteten. Von ihnen sei nur *Atri
el Mukanna* (»der Verschleierte«), ein Perser aus Merw, genannt, der
sich selbst als letzte Fleischwcrdung Gottes ausgab, sich vor der
unheiligen Menge nicht anders als mit einem goldenen Schleier sehen
Hess und von seiner Burg Sanäm aus grosse Teile Transoxaniens für sich
gewann. Nur mit vieler Mühe konnte man die Bewegung ersticken, bis
endlich, im Jahre 780, nach zweijähriger Thätigkeit der falsche Prophet sich
mit allen seinen Weibern in seinem Bergschlosse, das er selbst in Flammen
aufgehen Hess, den Tod gab. Er ist der »Veiled Prophet of Khorassan«
Thomas Moores (Lalla Rookh)=^). So zahlreich wurden die Vertreter
aller dieser neuen Rcligionstheorien, dass von den Abbasiden eine eigene
Behörde eingesetzt wurde, welche ihnen nachzustellen und für ihre Be-
seitigung Sorge zu tragen hatte. Man gab den Ketzern den schon zur
Sassanidenzeit für Zauberer und andere Rcligionsabtrünnige gebrauchten
Namen Zindik, begriff darunter alle möglichen unbequemen Freigeister und
machte ihnen regierungsseitig regelrecht den Krieg. Desto mehr hielten
sich die Fanatiker im Verborgenen und desto gefährlicher wurden sie.
Das tolle L-nkraut war, wie gesagt, im Anfang auf persischem
Boden gewachsen, aber nach und nach verlor die Bewegung, wie sie
ihres rein antiislamischen Charakters sich längst entledigt hatte, auch
die antiarabische Spitze. Längst waren am Hofe der Abbasiden Nicht-
Araber die mas.sgebenden Berater und Staatsmänner geworden. Die
Abbasiden selbst wurden von ihnen immer mehr in die Rolle lediglich
geistlicher Oberhäupter zurückgedrängt. Aber auch dieser letzte Schein
von Macht sollte den Chalifen gcnonr.ncn werden, und unter dieser Devise
gingen die Zindfks vor. Die schreckliche Misswirtschaft, die im Abbasidcn-
rciche Platz gegriffen hatte, kam ihrem Treiben vortrefflich zu Statten.
Immer wieder wurde die Idee des Mahdi (gedacht als Messias, Ki löser)
in sehr geschickter Weise herangezogen, jene Weissagung, nach welcher
der wahre von Gott auserwälilte Chalife aus den direkten Nachkommen
•Alis eines Tages aufstehen und eine Regierung der Gerechtigkeit ein-
^) Vergl. Müller ;i. a. O. Bd. I, S. 494.
') Vcrgrl. Müller a. a. O. Bd. I, S. 495.
122 Kap. IV. Die Idee des Mahdi. — Die Imame.
fuhren werde. Dieser Gedanke, welcher bis in unser Jahrhundert hinein
in den verschiedensten Ländern und zu den verschiedensten Zeiten
unzufriedene Mengen fanatisieren, Reiche untergehen und entstehen lassen
konnte, schuf den Zindiks bei dem Verfalle der Abbasidenmacht in Persien,
aber auch im *Iräk und in Arabien immer wieder neufe Anhänger*).
Die Aliden selbst halten sich längst gespalten; sie gruppierten
sich aber in der Folge in zwei Richtungen, je nachdem sie den zwölften
oder den siebenten Imam als den erwarteten Mahdi bezeichneten. Unter
Imam in diesem Sinne sind die zur Nachfolgerschaft des Propheten »als
Beherrscher der Gläubigen« einzig berechtigten Personen, und zwar
zunächst der Schwiegersohn des Propheten,, *Ali, dann dessen Söhne
Hasan und Husen und des letzteren direkte Nachkommen zu verstehen.
Der sechste Imam war (la'far es Sädik, ein Urenkel Huscns. Die
Partei der Siebener erblickt in dessen Sohn Isma*il, dem siebenten Imam,
den ersehnten Mahdi, die Zwölfer dagegen verehren als Mahdi Muliammed
il Muntazar, nach ihrer Zählung der zwölfte Imam und ein Nachkomme
eines andern Sohnes des (la'far es Sadik, Namens Müsä el Käzim^. Die
Siebener werden nach ihrem Mahdi auch als Isma'ilier oder Isma'iliten be-
zeichnet, sie sind von jeher die fanatischeren unter den Schiften gewesen').
^] Es ist nicht uninteressant zu konstatieren, dass die ersten Abbasiden selbst sich
den Gedanken des Mnhdi nutzbar g^einacht haben. ^ ergl. G. van Vloten, Zur .\bbasiden-
geschichte, in /. D. M. (/.. Leipzii; 1S9S, Htl. LH. S. 21S IT.
-} Zur Uc])ersicht dicno die folijcnde Namentafel mit «ler Zählung der Imame (Vcrgl.
i.ane Toole, The Mohanunadan Dviiasties, London 1804, S. 72):
I. 'Ali — Fapna
I
2. Hasan i 50 d. IL 3. Husen t 61 <i. IL
4. 'All Zeu rl Abidm f 94
I
5. Muliammed Iia\vir j 113
(). da'lar ei» SadiV t 14^
7. IsmaMl 7. Müsa tl Kazim t 1S3
oder I 1
7. MuFiammcd S. *Ali Ridä i 202
I .
9. Mubammed dawad v 220
I
10. 'Ali el Hädi f 254
I
11. Hasan el Askari v 2Ö0
I
12 Muhammed el Muntazar,
der Welt entrückt um 260.
^ Vergl. Stan. Guyard: Textc> arabes relatifs ä la doctrinc des Ismaeliens, in: Notices
et Extraits des manuscrits de l.i bibliotheque nalion ilc et autres biblioth^cjues, Paris 1874,
lome X\ll. fc partie S. 177 ff.
Kap. IV. Die Ittma^ilier. — * Abdallah ibn Maimün. 123
Die Isma'Ilier und die Zwölfer mögen sich zu Lebzeiten des siebenten
bezw. zwölften Imams, erstere also gegen 765, letztere gegen 873 n. Chr.
gebildet haben*). Aber als keine der beiden Sekten die Menschheit von
dem Jammer der bestehenden Regierung befreite, lebte man in der Folge
der Ueberzeugung, dass der Mahd! sich vor den Augen der Menschen
verborgen halte, um vielleicht erst Generationen später als Erlöser
aufzutreten und die neue glückliche Weltära zu inaugurieren.
Die im neunten Jahrhundert in Persien auf dem Boden des Heiden-
tums entstandenen Religionen erkannten meist den Mahdi der Isma*ilier als
den ihrigen an. Und wie ihrerseits die Perser, den Fortschritten der Zeit
folgend, neben den Persönlichkeiten der Imanie aus der F*amilie Mu-
bammeds alle möglichen muhammedanischen Anhängsel übernahmen,
fanden gerade in Syrien und Arabien, im Stammlande des Islams und
überall da, wo die Araber sich festsetzten, alle jene Nachklänge des auf
persischem Boden stets erhaltenen Heidentums Eingang. Derjenige,
welcher in die isma'ilischen Ideen und Bestrebungen eigentlich Prinzip
gebracht zu haben scheint, war ein Perser, 'Abdallah ibn Maimim, der Sohn
eines Augenarztes und PVeidenkers, ein unerbittlich ehrgeiziger Mann und
ein unversöhnlicher F'eind der Araber im allgemeinen und der Abbasiden
im besonderen. Ihm erst scheint man jenes teuflische System zuschreiben
zu müssen, das durch Ueberhitzung und Verwirrung der Phantasie die
Menschen zu willenlosen Werkzeugen in der Hand des Oberhauptes der
Sekte umwandelte, Mörder und Brandstifter in zahlloser Menge schuf
und infolge seiner terroristischen, durch die ganze muhammedanische
Welt verzweigten, im Geheimen wirkenden Organisation Fürsten schaffen
und Throne stürzen konnte, und das wohl als der mächtigste Faktor der
damaligen muhammedanischen Welt angesehen werden muss, bis auch
ihm der in seiner Art ebenso schreckliche Ansturm der Mongolen zum
Wohle der Menschheit ein jähes und blutiges Ende bereitet hat. Die
spärlichen Reste der eigentlichen Isnia^ilier, welche auch nach dem Ver-
schwinden der Gottesgeissel Tschingis Chan und Hulagu Chan sich noch
vorfinden, und die harmlosen und vcrblasstcn Formen des Isnia*iliertums,
die sich bis auf den heutigenTag erhalten haben, sind belanglos im Verhältnis
zu dem, was die Sekte einst gewesen. Genialität ist bei aller Verworren-
heit dem System Ibn Mainiüns nicht abzusprechen. Siebenmal ist nach ihm
das Wesen Gottes als Prophet Mensch geworden: in Adam, Noah,
Abraham, Moses, Jesus, Muhammcd und in dem Mahd! — , als welcher
jedoch nicht mehr Isma*il selbst, sondern dessen Sohn Muhammed gilt.
Der letztere ist nicht gestorben, sondern nur unsichtbar geworden, und .sein
Wiedererscheinen wird erwartet. Jede der Inkarnationen des göttlichen
^) Vergl. Müller a. u. O. Bd. 1, S. 588.
1 24 ^^P* ^V* ^^ Lehrsystem des Ihn Maimun. — Salamja als Stützpankt der Isma^ilier.
Wesens hatte einen Helfer, einen Imam, welcher den göttlichen Willen
zu verkünden und zum Ausdruck zu bringen hatte. So war Petrus der
Imam Jesus' und *Ali derjenige Muhammeds. Jeder Imam selbst hatte
wieder sechs Nachfolger bis zur nächstfolgenden Menschwerdung Gottes.
So war Johannes der Täufer der letzte Imam vor dem Auftreten Jesu,
'Ali der erste Imam Muhammeds, die übrigen Imame der isma*iUtischen
Schi'iten seine Nachfolger und Isma*il selbst der letzte dieser Nachfolger vor
dem Auftreten des erwarteten Mahdi, des Herrn der Gegenwart und daher
des *Herrn der Zeit«. Dieses Mahdi Helfer und Imam ist 'Abdallah ibn
Maimün, und ihm ist man ebenso wie dem Mahdi selbst blinden
Gehorsam schuldig. Von ihm gehen Dä*is (Rufer, Missionare) aus, die
sich überall, immer wieder unter verschiedener Maske, zeigen und
Anhänger werben. Bevor das Rehgions.system dem, den man zu
werben sucht, entwickelt wird, verlangt man von ihm vor allem
unverbrüchliches Schweigen allen nicht Eingeweihten, unbedingte Wahr-
haftigkeit den Dä*is gegenüber, und sodann die Erlegung einer den
Verhältnissen entsprechenden Geldsumme zum Besten der Religions-
gemeinschaft. Aber nicht auf einmal kramen die Dä'is ihre W^eisheit
vor ihrem Opfer aus. Der Adept mu.ss vier Grade des Wissens
durchgehen, bevor er in das oben ausgeführte Religionssystem eindringen
kann. Erst wenn er soweit gediehen ist, beginnt der weitere Unter-
richt, der in fünf ferneren Graden durch einen Wust altheidnischer,
griechisch -philosophischer und neu erfundener Anschauungen hindurch-
führt und den Glauben an jede positive Religion raubt. Schon im vierten
Grade war im (jrunde bereits der Islam negiert. Selbst das Lehrsystem
der ersten vier Grade wird durch allegorische Deutung wieder derart
verrückt, dass derjenige, welcher sich durch alles das, was ihm vorge-
tragen wird, durchfinden kann, nur mehr Eines erkennt: Die Ewigkeit
der Materie und die Unmöghchkeit, das Wesen der Dinge in religiösen
Begriffen festzulegen. (länzlicher Skepticismus, Materialismus und
cynischer Egoismus mussten die geistige Frucht dieser Erziehung werden M.
Der eigentliche Zweck dieser Erziehung für Ibn Maimun und seine
Nachfolger sollte aber nur der sein, die Thoren derart zu verwirren und
die Klugen so zu schulen, dass sie aus Furcht oder aus Fanatismus oder
aus Eigennutz die Sklaven seines eigenen Willens wurden. Diesen Zweck
hat er erreicht. Ein derartiges Unwesen trieb er mit Hilfe seiner An-
hänger zunächst in Pcrsien, dass er von dort fliehen musste. Aber
darauf setzte er sich in Salamja in Syrien fest, wo nach der Tradition
aus früherer Zeit bereits isma'ilitische Ideen vorherrschend gewesen sein
sollen (vor 873 n. Chr.). Salamja wurde nunmehr auf längere Zeit der
' Ver^'l. Müller u. a. O. Bd. I, .S. 589 ff.
Kap. IV. ^mdSn il ICarmat. — Abmed. — Sa^id *ObeidaUSh el Mahd!. 12 c
Sitz des Grossmeisters der furchtbaren Sekte, der Mittelpunkt der
isma'ilitischen Bestrebungen, und von hier aus setzten die Nachkommen
'Abdallah ibn Maimüns das begonnene Zersetzungswerk gegen die Macht
der Abbasiden fort. Es geht die Sage, dass einer der Dä*is des zweiten
Nachfolgers Ibn Maimuns einen durch die Misswirtschaft der Bardäder
Regierung heruntergekommenen Bauern, mit Namen H^n^^än, welcher
mit allen möglichen körperlichen Gebrechen behaftet war, für seine
Lehre gewann, und dass dieser dann selbst wieder der oberste Dä*I der
Sekte für das östliche Mesopotamien und dessen Umgegend wurde.
Infolge seiner Gebrechen soll Hamdän den Beinamen il Karmat geführt
haben und hieraus die besonders übliche Bezeichnung Karmaten*) für
die Isma'ilier Ibn Maimüns sich herleiten. Immer zahlreicher wurden
die Anhänger der Lehre Ibn Maimuns nun auch in Südmesopotamien (*Iräls)
und in Arabien, so dass sie seit 890 dort offen auftreten und sich eigene,
feste Niederlassungen begründen konnten. Nunmehr hielt Ahmed, ein Sohn
oder Enkel 'Abdallahs, die Zeit für gekommen, alle die mystischen Eigen-
schaften, die in dem Lehrsystem Ibn Maimüns den Nachkommen des
Propheten Muhammed alsimam gebührten, auf das eigeneHaus überzuleiten.
Zu diesem Zwecke behauptete er kühn seine Verwandtschaft mit dem
Hause Mubammeds, wagte es aber noch nicht, sich von *Ali, dem
Schwiegersohne des Propheten selbst, abzuleiten; vielmehr führte er
seinen Stammbaum auf 'Akil, einen Bruder des *Ali, zurück. Das war
Hamdän il Karmat zu viel; er verweigerte die Anerkennung der Neuerung,
verschwand dann aber plötzlich von der Bildflächc, wohl auf Veranlassung
des Grossmeisters durch einen Sklaven seines Willens gctödtet^). Immer
weiter breiteten sich nun die Karmaten, wie wir jetzt die Sekte nennen
wollen, im *Iräk aus; in der syrischen Wüste und vor allem in Bahren,
dem nordöstlichen Teile der arabischen Halbinsel, wurden ihnen zahl-
reiche Beduinen gewonnen. Merkwürdig genug scheinen die Abbasiden
diesem Treiben verhältnismässig freien Lauf gelassen zu haben. Auch
in Südarabien, vorzüglich in Jemen, wo schon seit langer Zeit die Aliden
besonderen Anhang gefunden hatten, und wo bis auf den heutigen Tag
an einzelnen Orten Scherifen-Familien, Nachkommen Muhammeds, als
Fürstengeschlechter kleinerer Landstriche aufgetreten sind, konnte die
Sekte festen Fuss fassen.
Bald nach dem Beginn des zehnten Jahrhunderts unserer Zeit-
rechnung eröffnet sich eine neue Aera für die Karmaten: Der damalige
Grossmeister war ein gewisser Sa'Kl'% angeblich der Neffe oder
*) Ueber den Ursprung iles Wortes Kannuten ver^l. de (locje. Memoire sur les
Carmathes du Bahru'in et les Fatimides, Leide 18S6, Appendice S. 199.
») Verffl. Müller a. a. O. Hd. I, S. 594.
*) Verj^l. Wüstcnfeld , Geschichte der Faüiniden-Chalifcn nach arabischen Quellen.
Göttingen 1881, S. 3.
1 26 I^P* IV. Die Karmaten in Nordafrika. — Karmatische ßecluinen im Lilianon.
selbst ein Enkel oder Urenkel des genannten Ahmed, nach der Ansicht
seiner Gegner aber nicht einmal so vornehmer Abkunft, sondern lediglich
ein als Kind in der grossmeisterlichen Familie angenommener Fremdling,
der sogar als der Sohn eines jüdischen Schmieds von Salamja bezeichnet
wurde. Sa*id, der jedenfalls auf die Rolle eines Grossmeisters der
Sekte seit seiner Jugend vorbereitet worden war, verwirklichte den Plan,
der wohl 'Abdallah ibn Maimim bereits vorgeschwebt haben mag: Er
wurde der Begründer eines festgegliederten Reiches, aber nicht in Asien,
sondern im Norden Afrikas.
Durch ausgesandte Dä'is, insbesondere durch den treuen ^Abdallah
esch Schi'i hatte er das dortige Terrain vorbereiten lassen. Im Jahre 902
kehrte er Salamja für immer den Rücken, um sich nach Afrika zu be-
geben. Hier ist er zu einem anderen Menschen geworden. Er
nennt sich *Obeidalläh el Mahdi und führt seinen Stammbaum nunmehr
direkt auf 'Ali und F'atma und nicht mehr auf *Alis Bruder zurück.
Vortrefflich weiss er die Rolle des verheisscnen Erlösers zu spielen.
Jahre lang lässt er sich im fernen Westen, in Sigilmäsa, dem heutigen
Tafilelt, einkerkern, bis seine Zeit gekommen und er im Jahre 910 von
seinen getreuen DäMs befreit wird, um die Zügel des neuen Staatengebildes
selbst in die Hand zu nehmen. Sein Sitz wird il Mahdije bei Kairowän.
Die mit der Herrschaft der gestürzten Aglabiden unzufriedenen Berber
vergrösserten seine Macht immer mehr, und bald konnte er daran denken,
sein Reich nach Westen und Osten auszudehnen.
Wiewohl er so zum weltlichen Fürsten geworden, blieb er trotzdem
immer noch der Grossmeister seiner Sekte, die in Vorderasien und
Persien nach wie vor blühte. In allem hatte 'Obeidalläh Glück. Wie er
auf seiner Durchreise durch P^gypten den Sendboten der Abbasiden ent-
gangen war, wandte sich die abbasidische Regierung erst unmittelbar
nach seinem Aufbruch aus Salamja in ernsthafterer Weise gegen die
Karmaten. Zunächst wurde mit wechselndem Glück gefochten, aber
endlich wurde das Xest von Salamja, das nach wie vor der Aussen weit
gegenüber der Sitz der Sekte geblieben war, aufgehoben. Den Isma'iliern
in Syrien muss es damals schlecht ergangen .sein und nicht minder den
Arabern der syrischen Wüste, die sich ihnen angeschlossen hatten. Es
ist wahrscheinlich, dass damals grös.sere Teile der syrischen Beduinen
bei ihren Stammverwandten, den Arabern, die, wie wir gesehen haben,
sich eine schwer zugängliche neue Heimat im Marditen-Gebiete im Libanon
gegründet hatten, Zuflucht gesucht und gefunden haben. Auch nach
den weiteren Kämpfen der Karmaten in Syrien dürfte sich dieser Vor-
gang wiederholt haben. Ich erwähne dieses, weil mein oben bezeichneter
Gewährsmann in Uebereinstimmung mit anderen Drusen mehrfach betont
hat, dass die arabischen Stämme des Libanon und dessen gebirgiger
Kap. 1\'. LabsA in Babren wird SiU des KarmatentamB. 127
Nachbarschaft schon vor Einzug der drusischen Religion batinidischen ^)
bezw. isma'ilitischen Tendenzen gehuldigt hätten*^).
Nach ihren ersten Misserfolgen in Syrien verlegten die Karmaten
den Schwerpunkt ihres Wirkens nach dem für die Heere des Abbasiden-
Chalifen fast unerreichbaren Lal.isa in Bahren am Persischen Golf. Der
isma*ilitischen Lehre muss hier damals eine Form gegeben worden sein,
welche der beduinischen Eigenart zusagte, und die Beduinen des Ne^d
und der umliegenden Steppen und Oasenbezirke sind es, welche nunmehr
für eine Zeit lang die eigentlichen Träger des Karmatentums werden.
Die mehr oder weniger sesshaften Bewohner der arabischen Halbinsel
hatten sich die alte Urwüchsigkeit und Kraft bewahrt, welche der Lehre
Mubammeds einen Teil der Welt erobert hatte. Längst hatte die Völker-
wiege Arabien neue Streiter geschaffen an Stelle derer, die mit den Feld-
herren und ersten Nachfolgern des Propheten ausgezogen waren und deren
Nachkommen durch ihre Berührung mit weiter fortgeschrittenen Nationen
Kosmopoliten geworden und in den Städten verweichlicht waren. Zur
Zeit Mubammeds, — aber auch noch im Anfang dieses 19. Jahrhunderts,
als die puritanischen Wahabiten auftraten und sich ein arabisches Reich
schufen, das die heiligen Städte des Hi^äz in sich schloss und erst nach
jahrelangen Kämpfen, welche die Egypter im Auftrage des Sultan führten,
eingedämmt werden konnte, — zeigte es sich, dass die Araber der Wüste
mystischen religiösen Ideen zugänglich sind, vor allem wenn hierdurch
sich ihnen Gelegenheit bietet, ihrer vornehmsten Passion, der Raublust,
zu huldigen. Mit scharfem Blick müssen das die Karmaten erkannt
und entsprechend ausgenutzt haben. Der Karmatenstaat von Lahsa
gedieh zunächst unter der Führung von Dä'Is, später unter einer sechs-
oder mehrköpfigen Regentschaft, die merkwürdigerweise unter sich einig
war. Von Lahsa aus wurde die Schlappe in Syrien wett gemacht, und
dieses, wie die umliegenden Gebiete, zahlte den Karmaten Jahre lang
Tribut. In *Obeidalläh und seinen Nachfolgern müssen sie nach wie vor
ihr geistliches Oberhaupt erblickt haben. Als sie im Jahre 930 die Kühnheit
hatten, den heihgen Stein der Ka*ba aus Mekka zu rauben und nach
Labsa zu bringen, verblieb er dort, trotz des Plinspruchs der ganzen
muhammedanischen Welt, bis endlich der Pinkel 'Obeidallähs, Mansür,
im Jahre 951 die Rückerstattung nach Mekka anordnete. Trotzdem kam
es unter Man^ürs Sohn, Mo*izz, zum Streite zwischen den Karmaten
von Bahren und den Nachkommen Ibn Maimüns. Die Feldherren
der Fatimiden, — so nannten sich die Söhne *Obeidallähs nach ihrer
erlogenen Ahnfrau Fatma, der Tochter des Propheten, — hatten während
*} Verßl. Müller a. a. O. Hil. II, S. 61, Anm. 2.
*) Verjjl. auch die Ausführunyfen Silvestre de Sacys in seinem Expose de la relifpon
dei Drazes.
1 28 Kap. IV. Znsaminenstosi der Fatimiden ond der Ba^J^ner. — Mo*izz und 'Aziz.
der Regierungszeit von Mo'izz Eg>'pten erobert, und nahmen nun auch
noch Syrien ihren Todfeinden, den Abbasiden') ab. Daraufhin hörte
dieses Gebiet auf, an die Karmaten den Tribut zu zahlen. Dieses führte
zum Konflikt zwischen den Leuten von Bal.ircn und den Fatimiden. Der
Kampf wurde mit wechselndem Erfolge geführt. Ja, einmal zeigten sich die
Truppen der Karmaten bereits vor den Thoren von F*ostät-Kairo. Aber das
Glück blieb dem Hause Ibn Maimiins treu: Gerade dieser Umstand war es,
der zum äusseren Anlass genommen wurde für die feierliche, mit grossem
Pomp vorgenommene Uebersiedlung des »Chalifen« Mo*izz nach Kairo (im
Jahre 973 n. Chr.), für den Beginn einer Jahrhunderte langen Herrschaft der
Fatimiden über das reiche, heilige Nilland, dessen Bewohner mit Recht
als treueste Anhänger der Sunna, der orthodoxen Richtung des Islam,
galten, im Gegensatz zu der schi*itischen Richtung der Fatimiden.
Mo*izz starb bald darauf. Sein Sohn *Aziz war siegreich in dem bereits
von Mo*izz persönlich aufgenommenen Kampf gegen die Karmaten,
bewilligte diesen aber eine jährliche Geldzahlung (im Jahre 977)*) und
stellte so in gewisser Beziehung wenigstens wieder das alte gute Ver-
hältnis zwischen der isma'ilitischen Sekte und ihrem angestammten Ober-
haupte her. Mo'izz und 'Aziz machten allerdings von dieser Stellung —
ohne Frage im Hinblick auf die sunnitische Bevölkerung ihrer neuesten
Heimat — wenig Gebrauch.
Erst der Enkel des Mo'izz, Häkim, ging in energischer Weise daran, die
isma*ilitischcn Gedanken auch in Egypten einzuführen. Noch immer
galt es, das letzte Ziel, das Mo*izz') ebenso wie der kühne 'Obeidalläh
und wohl auch schon 'Abdallah ibn Maiinün selbst sich gesteckt,
zu erreichen: die Abbasiden zu stürzen und das eigene Haus an deren
Stelle zu setzen. Dieser höchste Wunsch der Fatimiden sollte jedoch
niemals in Erfüllung gehen. Allerdings wurde in der Folge, und zwar
schon zur Zeit des beginnenden Niederganges der fatimidischen Macht
im Jahre 450 d. H. (1059 n. Chr.), der Name des Fatimiden-ChalifenMustan§ir
nach dem Freitagsgebete in der Moschee zu Bardäd genannt. Aber nur
sehr kurze Zeit lang triumphierten dieser Art die Fatimiden über die
Abbasiden. Das Ereignis war zudem keineswegs die Folge fatimi-
dischcr Siege und hatte auch keinerlei praktische Bedeutung*). Die
Abbasiden bezw. deren mächtige Majordome erwiderten weidlich den
Hass, welchen ihnen die l^\itimiden entgegenbrachten; in geschickter
Weise hatten sie einen Annäherungsversuch, den schon der F'atimide
'* In Wirklichkeit den Ichschiden, einer vom (.'halifnt in Bardä<I unabhängig; gewordenen
kurzlebijjen Stallhalterdynastie von Egyj)ten.
-) N'erj^l. Wüstenfcld, rieschichle der Kalimiden-Chalifen, S. 140.
^; Vergl. Wüstenfeld a. a. (>. S. 130.
*; Vcrgl. Wüstenfeld a. a. (). S. 24a tT.
Kap. IV. DerCh«U[«I^kini, lein PrieBterDtirazi, detem erste Erfolge unWädi itTem. 129
'Aziz machte, benutzt, um durch die Aliden von Bardäd im Jahre 980
n. Chr, (369 d. H.) den Stammbaum der Fatimiden als gefälscht be-
zeichnen zu lassen*).
Den Leitgedanken im Leben des Chalifen il Häk'im btamrilläh
Abu 'Ali Mansür bildete ohne Zweifel die gänzliche Verdrängung der
Abbasiden vermittelst einer Wiederbelebung der isma'ilitischen Ideen.
Ijäkim war der siebente Herrscher der von 'Obeidalläh gegründeten
Dynastie, der dritte der in Egypten herrschenden
Fatimiden, und soll eine Christin zur Mutter gehabt
haben. Als Knabe von elf Jahren war er auf den Thron
gekommen, fünf Jahre darauf trat er bereits selbständig
auf und begann nun eine Reihe von Tollheiten, aus
denen jedoch eine gewisse Genialität und innere Kraft . . , „, .
hervorblitzte. Bereits Mo'izz hatte bei seinem Einzug Häkim.
in Kairo die schi'itische Form des Freitaggebetes ein-
geführt, viel weiter war weder er noch sein Sohn 'Aziz ' gegangen.
Häkim aber liess planmässig isma'ilitiscbe Ideen durch Lehrer in den
Moscheen Kairos verbreiten, und plötzlich stand ein aus Persien ge-
kommener Isma'ilicr auf, vielleicht seiner Nationalität nach ein Türke,
id Darazi genannt, predigte die alte Inkarnationstheorie und wandte
sie auf den gegenwärtigen Herrscher, den Chalifen Häkim, selbst an. Das
war den sunnitischen Kairensern zu viel; Darazi wurde beinahe tot-
geschlagen, konnte jedoch flüchten, und begab sich, mit Geldmitteln des
Chalifen reichlich ausgestattet, nach Syrien in das Berggebiet des Hermen,
woselbst er, im Jahre 1017*), am Wädi it Tem die ersten Anhänger fand,
die an die Göttlichkeit Häkims glaubten. Der Chalife wiederholte den
zuerst missglückten Versuch, das Isma'iliertum in der erwähnten Form
wieder aufzufrischen; ein weiterer Prophet trat in Kairo auf, verschwand
jedoch bald wieder, ohne besondere Bedeutung erlangt zu haben, und
ebenso wenig Erfolg in Kairo hatte i. J. 1019 ein Perser, Namens Hamza,
der allerdings dank der Schreckensherrschaft, welche Häkim führte, eine
Zeitlang sich vernehmen lassen konnte, dann aber gleichfalls flüchten musste
und sich zu id Darazi nach Syrien begab.
Anfang des Jahres 1021 erreichte die öffenüiche Thätigkeit
Häkims ihr Ende. Ebenso merkwürdig wie sein Leben war sein
Tod. Auf einem weissen Esel hatte er eines Morgens einen Ritt
in das Schluchten reiche Mokattam-Gebirge, unmittelbar bei Kairo, unter-
') Vei^l. WUstenfeld a. a. O.. S. 3 fr., S. Mi.
') Verjjl. Müller a. a.O., Bil. [, S. 632. Dieses Datum wurde mir auch in Syrien
selbst voD Drusen genannl. Bei Wikslenfeld ^Gcschichle der FalimideD-Chalifeu, S. 206 If.)
werden diese Ercij^nisse auf eloen spateren Zeitpaokl, in das letzte Regienuiesjahr Häkims
Frbr. v. Oppinhiini, Vom Minsimcn lum PenüchcD Gol£ B
IjO ^P- ^^'- ^^^ »Alle To« Ben^c.
nommen und war nicht wieder zurückgekehrt. Das wurde in der Za-
kunft den Vorbildern der letzten Imame der Zwölfer und Isma^ilicr
entsprechend gedeutet. Es hiess, er sei nicht gestorben, sondern
nur entrückt. Mit Häkim waren aber die Hoffnungen der Ismallier im
Westen ins Grab gegangen. Die Karmaten in Babren waren bereits
vom Schauplatze abgetreten'). Ihre weltliche Organisation und die Biidang
eines regelrechten Staates hatten ihrer mystischen Kraft Abbruch
gethan. Auch starke Beduinenstämme, wie die Montefik, die einst auf
isma'ilitiscber Seite gefochten hatten, waren siegreich im Kampfe gegen
die Herren des Babren, und in Mekka selbst, dessen Besitz den letzteren
solange von sunnitischer Seite missgönnt worden war, ^ii-aren aiidische»
vom Propheten unabweisbar richtig abstammende Scherifen zur Herrschaft
gelangt. Erst mehrere Jahrzehnte später sollte das Isma^iliertum neue
Kraft gewinnen, diesmal jedoch wieder in seiner Urheimat, in Persien,
dem Sitz des ultraschi'iti.schen Gedankens, und zwar in der Gestalt, welche
der schreckliche Ibn e.«? Sabäh» der >Alte vom Berge«, der Stifter des
Ordens der Assassinen^j, ihm gegeben hatte.
Ha.san ibn e.s Sabah, ein ehrgeiziger Perser, verstand es, ähnlich
wie 'Abdallah ibn Maimiin, die vorhandenen isma*ilitischen Ideen und
deren Anhänger sich nutzbar zu machen und ein in seiner Familie erblich
werdendes Grossmeistertum zu schaffen. Mit den Fatimiden kam er
1078 n. Chr. in Krypten selbst in Berührung, entzweite sich hier aber
mit den gcmkssigtcren Schi'iten des Kairenser Hofes, welche einem
jüngeren Sohn des Chalifen Mustansir an Stelle Nizars den erledigten
Thron verschafften, obwohl Xiz«ir nach streng isma*ilitischer Idee als der
älteste Spross das Frbe des Reiches — und auch der göttlichen Wesenheit
des Vaters — hätte antreten müssen'*). Hasan erkannte, dass die Fati-
miden für das Isma'ilicrtum definitiv verloren seien und wandte sich
nunmehr nach Pcrsicn, wo in gleicher Weise wie im *Irak die isma'ilitischen
Gedanken weiter lebten. Fben.so gewandt und in den Wissenschaften
seiner Zeit unterrichtet, wie verwegen und rücksichtslos, gelang es ihm,
im Jahre 1090 die im nordwestlichen Hergland Persiens gelegene Burg
Alamut (»Adlerhorst^) in seine Gewalt zu bringen. Seinen Anhängern gab
er Haschisch, angeblich ein Hanfpräparat, zu essen, wodurch sie in wahn-
* Vcr^^l. de CJijL*]«:, La fin des Carmathes, Journal Asiatique 1895 Extrait No. l).
'* Verj^l. über die Assassinen J. von llaninicr. Die Geschichte der Assassinen aOs
mor^'cnliiridischen '.»Hellen, Stiilt<,Mrt und TübiuLjcn iSiS, S. 330 ff. ; M. C Defremery, Nou-
velles recherches sur les Isrnaciiens ou Hathiniens de Syrie, plus connus soos le nom
d'Assas.sins, Paris 1855; St. (iuyard, l'n ^rand-inaltre des Assassins au temps de Saladin,
Journal Asialifjuc, 7. Serie, toine I\, Paris ivSyj, S. 324 ff. ; van Herchem, Epij^aphie des
Assassins de Syrie, Journal Asiatifju««, Mai —Juni 1897.
'^ Vergl. Müller a. a. < )., Dd. II, S. 100.
Kap. IV. Assassinen, Noseirier. Ißl
sinnigen Taumel verfielen, nun im Traume, der vielleicht durch weitere
künstliche Mittel unterstützt wurde, die höchsten Wonnen durchlebten und
dann, gebannt von der Wirkung des Haschisch und ihres Spenders, jeden
Auftrag zu erfüllen bereit waren. Nach dem Haschisch nannte man die
Anhänger Hasans Haschchäschln, eine Bezeichnung, die von den fränkischen
Kreuzfahrern in »Assassinen« umgewandelt wurde und als »assassin« in
den französischen Wortschatz übergegangen ist
Sehr bald breiteten die Assassinen ihre Thätigkeit über die Grenzen
Persiens aus. Schon im Jahre 1 102 gelangten sie, durch einen Fürsten
von Aleppo, der sich ihrer als Bundesgenossen bedienen wollte, herbei-
gerufen, nach Syrien. 11 26 gewannen sie die Stadt Banias am Hermon,
die sie jedoch nach drei Jahren wieder aufgeben mussten, bald darauf
das Bergschloss Kadmüs bei Hama und endlich im Jahre 1140 das
Felsennest Masjäd im Noseirier- Gebirge^), welches das Centrum ihrer
verderbenbringenden Thätigkeit in Syrien wurde. Zahlreiche weitere
feste Schlösser in unzugänglicher Gegend entstanden dann in Syrien als Stütz-
punkte ihres gefährlichen Wirkens, das sich hier ganz besonders auch gegen
die christlich -fränkische Herrschaft richtete. Mehr als einer der Kreuz-
ritter verblutete unter dem Mordstahl der Assassinen. In dichtestem Ge-
tümmel, in der Königsburg oder am Altar, wussten die Leute des »Alten vom
Berge« — so wurde Hasan nach seiner Burg Alamut genannt — ihre Opfer
zu finden. Was machte es den Fedawi, den »Todgeweihten <s wenn sie,
ihrem Grossmeister gehorchend, ihr Leben cinbüssten. Sie waren gewiss,
dann dauernd die Freuden zu geniessen, die sie im Haschischrausche
gekostet^). Der geringe Bildungsgrad der meisten der Kreuzfahrer macht
es begreiflich, dass sie bald jeden Mord, der unaufgeklärt blieb, den
Assassinen zuschrieben, gleichzeitig aber auch als Assassinen alle die-
jenigen betrachteten, deren religiöse Anschauungen ihnen unverständlich
*' Die Bewohner des Xoseirier-Gebirges bekannten und bekennen sich zu einer Religion,
die zwar gleichfalls isina'ilitischer Natur, jedoch derartig mit christlichen Ideen vennenßft ist,
dass man fast annehmen könnte, sie sei auf christlicher Grundlage erwachsen. Vielleicht
sind die Noseirier als die Nachkommen der einstmals christlich-aramäischen Bevölkerung
des nördlichen Libanon anzusprechen. Nicht unniöjjlich, <Iass die Assassinen, als sie ihren
Wirkungskreis im Süden von Aleppo ausdehnten, bei den Noseiriern einen Stützpunkt zu finden
hofften; statt dessen stellten sich die Noseirier den neuen Ankömndingen durchaus feindlich
gegenüber. Ueber die Noseirier vergi. Sulainiän il Atlani, il Haklira is Sulaimaniji; fi 'd Dijane
in Nu^airije, ohne '^rt u. Jahr (IJeiut, Ainerik. Druckerei; dieses Buch behandelt
M. E. Salisbury, Journal of the Auut. Orient. Soc. i, VIII; vergl. ferner Clement Unart, La
poesie religieuse des Nosairis in Journ. Asiat. 1S79 t. II, S. 190 — 261; WollT, Auszüge aus
dem Katechismus der Nusairier in /. D. M. G. HI.
-^ Der Venetianer Marco Polo, ein /»itgeiiosse des letzten ";>Alten vom Bergt^'., gii-bt
in der Beschreibung seiner Reise nach dem Orient eine Schilderung der Verführungskünste,
welche der letzte Herr von Alamut anwandte, um sich seine Würgeengel zu erziehen. Der
»Alte vom Berge« hatte in der Nähe seines Schlosses einen zauberischen Garten errichten
9*
1^2 Kap. IV. Isina*ilier. Ümsen, Metäwile.
waren. Die Assassinen erlagen erst dem Anstürme der Mongolen.
Hulagu Chan hob 1256 die Schreckensburg Alamüt auf; der letzte
und siebente Grossmeister des Ordens wurde getötet*), und das Ima'ilier-
tum wurde in ganz Persien gründlich ausgerottet. Auch in Vorderasien
wurden die Isma'ilier überall verfolgt. In Syrien widerstanden einzelne der
Felsennester der Assassinen den Mongolenhorden, doch war die früher so
unheimliche Gesellschaft derartig geschwächt, dass der kräftige Mamluken-
sultan Kaibars von Egypten im Jahre 1273 ihre letzte Burg in seine Gewalt
brachte und jeder Organisation unter ihnen ein Ende machte. Wohl
mögen Kaibars oder seine Nachfolger sie gelegentlich noch als bestellte
Mörder benutzt haben. Jetzt bestehen die wenigen isma'ilitischen Gemeinden,
welche sich bis auf den heutigen Tag in Syrien erhalten haben, aus fried-
lichen Kürgcrn und Kauern*).
Doch kehren wir zu den Sendboten Häkims zurück. Id Darazi*) hatte
in .Syrien zahlreiche Anhänger gewonnen, und nach ihm wurde die dort
entstandene Lehre benannt*), wiewohl er selbst sich in Widerspruch mit
Ijakim gesetzt hatte und bald nach der Ankunft Hamzas verflucht und
aller Wahrscheinlichkeit nach getötet worden ist.
Erst Hamza ist als der eigentliche Gründer der drusischen Religion
anzusehen, die als eine Abart oder Fortsetzung des Isma*iliertums be-
trachtet werden kann. Diese neue Religion hatte jedoch die gegen die
l:iHH(rn, in (Iciii juiid^e Leute unterhalten wurden, «lic ihn nie verlassen durften und nnaiif-
horlich alle irdi^ch<;n Krcu<len genossen. Lnerschrockene, mutige Männer, die der Herr von
Alaiiiut zu \V< rk/.iugcM seines Willens machen wollte, liess er, betäubt durch einen Trank,
in «lieM-M I'arudies i>ringen, woselbst sie mehrere Tage lang an den Freuden der ständigen
Hewühnrr desselben teilnahmen, dann wurden sie ai^ermals in künstlichen Schlaf versetzt
und aus <lern («arten wieder entfernt. Das Versprechen, die genossenen Freuden nach dem
im Dienste des .-Allen vom Berge* gefundenen Tode wiederzufinden, spornte die zum Bc-
wusHtsein (Jelangten /u den verwegensten Thalen an. Vergl. Marco Polos Reise in den
Orient während <ler Jahre 1272 bis 1295, herausgegeben von Felix Peregrin, Leipzig 1802,
s. 37 ir.
» Vergl. Müller a. a. ()., Bd. II, S. 230.
'*') Abgesehen von den Drusen sind die Noseirier die zahlreichsten der noch heute in
Syrien Iei)en<len Anhänger der alten isma'ilitischen Ideen. Die Metäwile und die gegen-
wärtig direkt Isma'ilier sicli nennenden Ciemeinden sind an Zahl bedeutend geringer. In8>
besontlere die sogenannten IsmaMÜer scheintrn ihren Traditionen zufolge die Nachkommen
<lcr b*t/len Assassin<*n /u sein, während die Metäwile die Uebcrrcste der im IG. Jahrhundert
im westliehen Syrien sich bildentlen Karmaten-( iemeinden sein dürften.
* lejjer die B»ilrutung •le> Wortes Darazi vergl. Wüstenfeld. Fachr ed din, der
Drusenfürst, und seine Zeitgen<»ssen , S. 8. Figentlich müsste nach id Darazi »Druzec
geschriei)en winleii, doch hai>i- ich die allgemein übliche Schreibweise »Druse« beibehalten.
* Die Be/eiclinung >^I)ruseA kommt bereits bei Benjamin von Tudela vor, der XI73
starb. Die .\i)leitiing des Namens >^Druse.; von dem christlichen Grafen de Drcux ist eine
woiil zur Zi-it Fachr id Dins entstandene Fabel, die von diesem Fürsten dazu benutzt
werden sollte, <las Christentum tür seine Sache gegen die Türken zu interessieren.
Kap. IV. Die Chog;as und Boberas. I^^
Abbasiden und die Herrschaft der Araber gerichtete Spitze des Isma*ilier-
tums verloren, an Stelle der politischen betonte sie die philosophische
Seite der alten Doktrin. Ihre ersten Anhänger am Wädi it Tem waren
Araber, die ohne Frage mit den nach dem Libanon in das Gebiet der
alten Marada gekommenen arabischen Stämmen in Beziehung gestanden
haben. Diese arabischen Stämme müssen, wie bereits hervorgehoben
wurde, damals stark isma'ilitisch angehaucht gewesen sein*).
Häkim soll, wie die Drusen annehmen, nach den verschiedensten
Gegenden hin weitere Emissäre entsandt haben, so nach dem Iran, nach
Afghanistan und weiter nach dem Osten, nach China, Indien, ferner auch
nach Jemen und verschiedenen Teilen Afrikas. Mein drusischer Gewährs-
mann war der Ansicht, dass heute noch in Afrika auf der tunesischen
Insel öerba sich drusische Traditionen erhalten haben müssten, die dortigen
Bewohner würden von den Muhammedanern des Festlandes Chawäre^ ge-
nannt, eine Bezeichnung, die auch den Drusen gegeben werde ^). Die
Cho^as^) und Boheras in Indien seien zweifellos mit ihnen verwandt
*) Verg:l. oben S. 126.
*) Unter diesem Worte werden vom sunnitischen Standpunkte aus alle Unjjläubigen
verstanden.
') Mein Gewährsmann behauptete, dass die Cho^as, wenn sie auch mit dtn Drusen
nicht in allen Dingen übereinstimmten, doch nach Negrän in Jemen pilgerten, um dem dort
regierenden Dä*i zu huldigen, der als eine besondere Fleischwerdung Gottes be-
trachtet werde, die sich immer wieder bei seinem Nachfolger erneuere. Ich habe mich bei
einem Choga selbst über die religiösen Grundsätze der Sekte erkundigt, über die auch eine
im Juni 1866 vor dem High Court of Justice zu Bombay stattgehabte Gerichtsverhandlung
Licht verbreitet. Diese Verhandlung fand mit «lem ausgesprochenen Zweck statt, festzustellen, ob
die Cho^as Sunniten oder Schi'iten seien und ob der Aya Chan berechtigt sei, sich als Imam
der Cho^as zu bezeichnen. Nach diesen Quellen sind die folgenden Mitteilungen gegeben:
Die Cho^as sind die Nachkommen von Hindu, die angeblich zuerst in Kutch durch einen
Emissär Namens Suddroodin (Sadr idDin) bekehrt wurden. Dieser Dä'i hinterliess ihnen ein Buch,
Ahhel Dasvatar (eigentlich Das avatar, d. h. die »zehn Fleischwerdungen«), welches die neun
Inkarnationen Wischnus und die Erscheinung (lottes auf Erden in Gestalt des Chalifen *Ali
beschreibt. Das Werk ist in Sindhischriftzeichen und in einem Dialekt geschrieben, der aus
dem Kutchi und dem Guzarati zusammengesetzt ist. Der letzte Teil dieses heiligen Buches
wird noch heute bei den Begrübnissen der Chogas verlesen. Die Chogas selbst nennen sich
Imami Isma'ili, ihr höchstes Wesen ist der Apa Chan, den sie als die »fleischgewordene
Emanation der Gottheit« bezeichnen. Der Afa Chan soll in direkter Descendenz von Isma'il,
dem Sohne Ga*far e? Sädil^s abstammen, und ausserdem soll er in verwandtschaftlichen Be-
ziehungen zu dem »Alten vom Berge« stehen lünige Chane der Chogas hatten ihren Wohn-
sitz in Khekh in Persien, wo ihre Anhänger sie aufzusuchen pflegten, um ihnen (ieschenke
und Gelder zu überbringen. Die Pilgerfahrten nach Mekka seitens der Chogas sollen zu
den seltenen Ausnahmen gehören, auch die Wallfahrten nach Kerbela und dt-n sonstigen
heiligen Stellen der Schi'iten kommen nur wenig vor. Von Pilgerfahrten nach Negrän und
einem Zusammenhang mit den Drusen wissen die jetzigen Chogas nichts. Der jüngst ver-
storbene Ära Chan, übrigens ein immens reicher und aufgeklärter, dem europäischen Sport
sehr ergebener Mann, war mit einer Tochter des Schahs von Persien verheiratet, sein Vater
17A Kap. IV. Kopfzahl der Drusen.
Einen dauernden Erfolg hat Häkim mit den direkt von ihm aus
gehenden Emissären nur in Syrien gehabt. Seine Religion, welche am
Wädi it Tcm ihre ersten Anhänger fand und sich unter den Arabern des
Libanon rasch ausgebreitet haben mag, wird bis auf den heutigen Tag mit
einer bewunderungswerten Gesinnungstreue gewahrt, ist aber über den
Rahmen des Libanon selbst und seiner Nachbarschaft nicht hinaus-
gekommen. Mein drusischer Gewährsmann schätzte die Gesamtzahl seiner
Glaubensgenossen auf etwa 132000. Nach ihm mögen sich im Libanon in den
Bezirken von Rarb, Gurd, Metn, Schahär, Manä.sef, Schuf und 'Arküb ins-
gesamt 40 000 Drusen befinden. Ausserdem zählt man 30 000 Seelen in
den an den Abhängen des Hermon gelegenen Distrikten von Hä.sbejä,
Räschejä und Katana. Im Flaurän selbst dürften ungefähr 40 000, in der
Umgegend von Damaskus in einigen Dörfern, so Cicramäna, Sahnäje,
Aschrafije, Der'ali u. s. w., ungefähr 5000, ferner im Ciebcl il *Alä, unweit
Hama, ungefähr 2000, in Safed und bei 'Akkä (St. Jean d'Acre) ungefähr
1 5 000 Drusen wohnen.
Die Religion der Drusen betont in strenger Weise die Einheit
Gottes. Sie selbst nennen sich Muwahhidm (Monotheisten) und hören
die Bezeichnung Drusen ungern. Ihrer Ansicht nach bedeutet ihre Religion
die höchste Ausbildung der Philosophie; sie behaupten, dass die Ichwän
is Safä, die verschiedenen mystischen Philosophenschulen des Islam,
ebenso wie die griechischen, indischen und persischen grossen Denker
ihre Vorläufer gewesen seien. Es werden siebzig Perioden in der
Weltgeschichte angenommen, und in jeder dieser Perioden zeigt sich
Gott einmal in menschlicher Gestalt^). Doch liegt keine eigentliche
Fleischwerdung vor, sondern Gott erscheint als Phantom auf Erden ohne
menschliches Bedürfnis. Seine Gestalt kann mit dem Finger durchbohrt
werden, ohne dass man Fleisch trifft Unter den Inkarnationen befanden
sich u. a. die Gestalten des Aristoteles, indischer Gelehrter und zuletzt
die des Fatimiden-Chalifen Häkim. Bei dem V^erschwinden Häkims wurde
das »Thor des Glaubens«^ geschlossen, Proselyten gab es seit der Zeit
und sein Grossvater wiiren Statthalter von Kerinan in Fersien. Die Zahl der Cho^as io
Indien steht nicht fest. 1S66 wurde sie auf nur 4000 beziffert, jetzt dürften sich aUein in
Hombay mindestens 10 000 Chogas befinden. Sie sind wenig fanatisch und ohne jede
politische Hedeutungf, «lagegen gute Kaufleute und in fremden Si>rachen bewandert. Ncuer-
ding^s haben sie sich in grosser Zahl in Zanzibar und Deutsch-Ostafrika niedergelassen, wo
sie einen grossen Teil des Handelsverkehrs in Händen haben. Das arabische Gescbichts-
werk chi^at wa ätär soll eine vollstän<lic:e Lebensbeschreibung des Gründers der Sekte der
Chogas enthalten. — Die- Boh^ras sind isma'ilitische Schi'iten, deren äussere Keligionsgebräache
aber von denen der Muhammedaner wenii»^ abzuweichen scheinen.
^^ Vergl. de Sacy a. a. O.. Bd. I, S. iS ff.
Kap. IV. Das drasiscbe Keli^on883r8tem. !?£
nicht mehr. Nur diejenigen, die damals den wahren Glauben angenommen
hatten und deren Nachkommen sind Drusen, aber diese bleiben es auch,
selbst wenn sie aus weltlichen Gründen, der ewigen Strafe nicht achtend,
ihren Glauben wechseln. In diesem Glauben an die Auserwähltheit des
Drusenvolkes dürfte der Hauptgrund dafür liegen, dass die drusische
Religion über ein verhältnismässig enges Gebiet nicht hinaus gekommen ist.
Neben Gott werden vor allem fünf Männer verehrt, welche
seinen Willen auszuführen haben bezw. als die Minister der Gottheit
in der sichtbaren Welt gedacht sind*). Der Geist dieser »Minister« weilt
regelmässig bei den verschiedenen Menschwerdungen Gottes in denselben
Aemtern auf Erden. Zur Zeit des Chalifen Häkim nahm die erste Stelle
unter ihnen Hamza, der eigentliche Gründer der drusischen Religion,
ein, der früher bereits als Jesus Christus und zur Zeit des Propheten als
Salmän el Färisi aufgetreten war. Er wird als Grossvezir Gottes gedacht
und repräsentiert recht eigentlich den »Geist«; seine Wesenheit, die
immer wiederkehrt, wird Mauläi 'Akl Up ^ j(^ (Monseigneur l'esprit)
genannt. Als zweiter Minister Gottes gilt Maulal in Nefs ^^aj\ (^^ j^
(Monseigneur l'ame), der als Zeitgenosse Muhammcds Mikdäd il Aswad^)
hiess und sich unter Häkim Mubammed ibn Wahb nannte. Ihm folgt
als Dritter Mauläi Kalima, Ar (^V^ (Monseigneur la parole) d. i. Herr
der Beredtsamkeit. Thatsächlich geben die Drusen viel auf schöne
Worte; aber als ob das beste Wort das des Schwertes sei, wird »Mon-
seigneur la parole« auch »kriegerischer Geist« genannt, zur Zeit Häkims
personifiziert als Abu Ibrahim IsmaMl'*), der Kriegsminister des ver-
götterten Chalifen*). Der vierte in der Reihe der Minister ist der »Herr
der Gelehrsamkeit«. Sein Name ist Mauläi Behä id Dln Jr Jül »y. ^ j(^»
den er auch unter Häkim trug, dessen Kadi von Alexandrien er war'^).
Ihm werden vier der heiligen Religionsbücher der Drusen zugeschrieben.
*) Vcrgl. de Sacy u. a. O., Bd. II, S. i ff. und passim, ferner die »Mittler« bei Wolff,
Die Dmsen nnd ihre Vorläufer, Leipzig 1845, S. 353 ff.
•) Ein Gefährte des Propheten Muhammed, welcher i. J. 34 d. H. starb /Abulfcda,
Add. Bd. I, S. 273). Vcrgl. de Sacy a. a, O., Bd. II, S. 252; ferner die Stelle im drusischen
Katechismus daselbst S. 249.
•) »Abu Ibrahim Isma'il<: ist ein Schlachtruf der Drusen. Noch im letzten Aufstande
fingen die Regierung stürzten sich die Hauränier mit diesem Rufe in den Kampf.
*) Die Darstellung meines drusischen Gewährsmannes steht hier im Widerspruch mit
de Sacy (a. a. O. Bd. II, S. 90 u. 229), demzufolge zur Zeit Häkims »Monseigneur l'ämec
durch Abu Ibrahim Isma*il, /.Monseigneur la parole« durch Mubammed ibn Wahb ver-
körpert gewesen sei.
') de Sacy a. a. O., Bd. II, S. 240 ff., will diesen den fünften Rang einnehmen lassen.
1^6 Kap. IV' Das dmsiache Religionssjntem.
Der fünfte und letzte Minister der Gottheit ist der mystische Mauläi is
Säbilj:, /y LJI (S^ J^' ^^^ ^"^ ^^^^ ^^^ Chalifen Häkim als Seläma
sichtbar war.
Die heutigen Drusen leben in dem vorletzten ihrer Zeitabschnitte.
Der Chalif Häkim war die letzte Menschwerdung Gottes. Wenn die letzte
Periode der Weltgeschichte angebrochen sein wird und Gott sich abermals
in menschlicher Gestalt auf Erden zeigt, d. h. wenn Häkim wieder erscheint«
dann werden die Glaubensbrüder der Drusen aus dem fernsten Osten, aus
China, kommen, auf ihrer Wanderung sich mit den übrigen Drusen ver-
einigen, und sich über Hag^ar*), die heilige Stadt der Karmaten in Babren,
nach Mekka begeben, sie werden die Stadt des Propheten erobern und
von dort nach Jerusalem weiter ziehen. Um diese Zeit werden alle euro-
päischen Fürsten mit dem Beherrscher der Gläubigen (dem osmanischen
Sultan)*), im Kampfe liegen. Die chinesischen Drusen werden sich gegen
diese alle wenden und sie insgesamt vor Jerusalem vernichten'). Die
ganze Menschheit wird sodann den drusischen Glauben annehmen.
Damit wird der Welt Ende angetreten sein und eine Scheidung aller
menschlichen Seelen stattfinden: Diejenigen, welche in ihren früheren
Fleisch werdungen — die Drusen nehmen auch bei den gewöhnlichen
Sterblichen die Seelenwanderung an — sich als gut und gerecht gezeigt
und ihre Verfehlungen gesühnt haben, werden in den Berufen, die sie auf
Erden ausübten, in ungeahnten menschlichen Freuden ein ewiges Leben
führen. Die Bösen aber, die nicht gebüsst haben, werden fürchterlichen
Strafen zur Busse ungesühnter Verbrechen ausgesetzt sein.
Die Grundzüge der drusischen Religion sind in sechs »Büchern der
Weisheit« niedergelegt, von denen vier, wie bereits erwähnt, dem Geist
der Gelehrsamkeit, Mauläi Behä id Din, zugeschrieben werden. Die beiden
^) Die Stadt Hagar ^It in so hohem (]rade als heilig, dass besonden Terehrte
Schechs den Beinamen il Hagari erhalten. So i«i dem Grossvaier des jetzt in der Ver-
bannung lebenden Schech Hasan von Kanawät, des Oberschechs für den Haurän, dieser
Ehrenname deshalb beigelegt worden, weil er die Drusen in der Le^ «um Wider-
stände gegen die eg)'ptischen Truppen Ibrahim Paschas mit der Propheseinngf an-
gespornt hatte, dass sie nicht besiegt werden würden. Die Heilighaltung der Stadt
Ha^ar ist ein weiterer Beweis für die Verwandtschaft der drusischen Religion mit
den isma'ilitischen Traditionen ; Hagar war eine der Hauptstädte des Karmatenreiches. (VergL
de Goeje, Memoire sur les Carmates du Bahrain et les Fatimides, S. 197; Silveitrc de
Sacy a. a. O., Bd. I, Introduction, S. 240.^
'l- Diese leine Prophezeihung muss wohl neueren Datums sein, da zur Zeit der Ent-
stehung der drusischen Religion an die Uebernahme des Chalifates durch die Osmanen wohl
kaum gedacht werden konnte. Oder sollte auch diese vorhergesagt worden sein ?
'} Vergl. hierzu die phantastische Darstellung bei Petermann, Reisen im OricBlt
Leipzig 1860, Bd. II, S. 396 f.
Kap. IV. 'U!^^ and Öuhhäl. i^j
Übrigen sollen von Häkim selber herstammen. Eine Art von Reformator
erstand im 15. Jahrhundert in der Person des dem vornehmen Geschlechte
der Tenüch angehörenden Emir 'Abdallah. Ihm wird eine Interpretation
der heiligen Bücher, und namentlich eine vortreffliche Ausgestaltung der
Morallehre verdankt Es heisst, dass er sich mit der Absicht getragen
habe, die Gottheit Häkims zu bestreiten, an seinem Vorhaben jedoch
durch die einflussreichen Strenggläubigen verhindert worden sei. Jeden-
falls war er die Heiligkeit selbst, und noch heute pilgern Christen und
Drusen zu seinem Grabe im Dorfe 'Abeih <**p im Libanon.
Die Geheimnisse der ReHgion sind nur den *Ukkäl, J^» den
> Wissenden c^), bekannt, nur diese nehmen an den Donnerstags statt-
findenden Versammlungen der Gläubigen teil. Ihr Versammlungsort,
der möglichst ruhig und abgelegen sein soll, wird Chalwe ^A^ genannt.
Ihnen gegenüber stehen die Öuhhäl JL>.' ^^^ »Nichtwissenden«, welche
von den religiösen Uebungen ausgeschlossen sind, sich aber trotzdem durch-
aus als Bekenner der drusischen Religion fühlen. Nur beim Begräbnis
eines Alpl wird Gott um Milde und Erbarmen angerufen. Um *Akil zu werden,
muss der Druse mindestens 1 5 Jahre alt sein, das Gesuch ist in der Chalwe
anzubringen. Der Novize muss sich einer längeren oder kürzeren Probezeit
unterziehen, während der er seine Lebensführung nach den strengen Grund-
sätzen der 'Ukkäl einzurichten hat, gleichzeitig wird er in der Chalwe in
das Religionssystem eingeführt. Je nachdem, wie er beleumundet war,
den Moralgeboten nachlebt und an Kenntnissen fortschreitet, dauert es
Monate oder Jahre, ehe die Aufnahme in den Kreis der Wissenden er-
fo^. Auch Frauen können zu dem Range der 'Ukkäl emporsteigen.
Den Ausschlag giebt der Schcch der *Ukkäl des betreffenden Distriktes.
Da die 'Ukkäl die winzige Minderheit ausmachen, so befindet sich der
grösste Teil der Drusen in Unklarheit über die Eigenart ihrer Religion.
In den heiligen Büchern ist die Verschwiegenheit über diese Materien
ausdrücklich zur Pflicht gemacht.
Wie in dem drusischen Bekenntnis zahlreiche Ideen der östlichen
heidnischen Religionen und antiker Philosophenschulen wiederkehren,
so hat auch das Christentum seine Spuren in der drusischen
*) Das Wort 'AjjlU (plur. Uk^äl) bedeutet der v»I)u^cbgeisti^te^:. Diese Bezcichnuntj
für die eigentlichen Träger der drusischen Relijjion ist in Verbindung damit, dass der erste
Minifter Gottes Mauläi *AV1, ^>Monseigneur rKsprit<.s, als Verkörperung des Geistes gedacht
wird, ein Beweis für die hohe Verehrung, welche die Drusen dem Geist und dem Wissen
entgegenbringen, worauf sie besonders stolz sind.
I ^3 ^P- ^^* BeziehuDf^en xum Christentnm und zum Iilam. — Drasische Monllehre.
Glaubenslehre hinterlassen, doch ist deren Grundlage unverkennbar der
Islam. Das Evangelium *) und der Koran werden als inspirierte Bücher
betrachtet, ohne jedoch religiöse Quellenwerke zu sein. Die Drusen
haben vielfach aus praktischen Gründen den muhammedanischen Macht-
habern gegenüber geltend gemacht, dass sie im Grunde Muhammedaner
seien, um nicht als deren religiöse Widersacher zu erscheinen. In der
That bestehen viele Aehnlichkeiten zwischen den Aeusserlichkeitcn der dni-
sischen und muhammedanischen Religionsübungcn, so namentlich zwischea
den beiderseitigen Hochzeits- und Begräbnisgebräuchen. Dieser Umstand
erleichtert es den Drusen, in schwierigen Zeiten eine Annäherung an
den Islam zu betonen"'*), ohne dass sie dadurch gezwungen wären, ihrem
Glauben untreu zu werden oder gegen dessen Vorschriften zu Verstössen*
Die Knaben werden auch bei den Drusen beschnitten. Der Kurbän-
Beiräm wird in der pomphaftesten Weise gefeiert, die ganze Nacht vor
diesem Feste wird in der Chalwe wachend zugebracht. Dagegen sind
den Drusen ausdrücklich vier der Grundgebote des Islam erlassen: Das
Beten, die Pilgerfahrt nach Mekka, das Fasten und die bestimmten obliga-
torischen Almosen. Au^ anderen Vorschriften leiten sie ihren Vorrang
vor den sonstigen Bekennern der Lehre Muhammcds her. Die Sklaverei
gilt als haräm, d. h. verboten, die Frauen sind den Männern gleichgestellL
Das Lesen- und Schreibenlernen ist den Drusen ausdrücklich anbefohlen.
Auch ist ihnen strenge Wahrheitsliebe und Hingabe an die Brüder znt*
Pflicht gemacht. Namentlich die *L'kkal befleissigen sich, diesen Vor-
schriften strengstens nachzuleben. Der *Äkil darf nicht rauben und nicht
stehlen; Schweigsamkeit, Einfachheit im Auftreten und Sparsamkeit
gelten als Tugenden, Uebertrcibung in Reden, Lügen, Fluch- und
Schimpfworte sind verpönt. Selbst die Feinde der Drusen bekennen^
dass diese im Kriege niemals an den Frauen der Gegner sich vei^eifen.
Es gilt als besonders heilig, sich die Lebensbedürfnisse selbst her-
zustellen, selbst zu ernten und Brot zu bereiten. Die strenggläubigsten
*Ukkäl meiden den Verkehr mit denjenigen Schcchs, die nach ihrer Auf-
fassung ihr Vermögen nicht in einwandfreier Weise erworben haben.
Besonders Fromme behalten das von Nicht-Drusen erworbene Geld nicht,
sondern wechseln es zunächst bei einem anderen Drusen, der noch nicht
*Akil ist, ein.
Manche Charaktereigen.schaften der Drusen berühren durchaus
sympathisch. ICinzelne der spezifisch orientalischen Tugenden sind bei
ihnen besonders ausgeprägt: Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, sowie
in hochentwickeltem Grade Höflichkeit und Beachtung der äusseren Form.
^] Verj^l. de Sacy n. a. O. Bd. II, S. 103 f.
'" So noch in den let/icn Ilaurän-Aufständen. Vori;!. unten .S. 176.
Kip. IV. Feudalsystem bei den Drasen.
139
Die Hochachtung, die der Druse den Freuen entgegenbringt, wurde
bereits erwähnt. Die Vielehe ist verpönt, die Ehescheidung sehr er-
schwert, als Scheidungsgründe werden nur Unfruchtbarkeit und Untreue
der Frau anerkannt. Der geschiedenen Ehegattin gebührt die Hälfte des
Vermögens des Mannes; verstössl die Frau ihren Gatten, oder wird sie
für den schuldigen Teil erklärt, so muss sie ihrerseits die Hälfte ihres
Vermögens abtreten. Die Drusen wachen eifersüchtig über die Tugend
ihrer Frauen, und es ist nichts Seltenes, dass Männer ihre Gattinnen,
Uurg Sali
Väter ihre Töchter und Brüder ihre Schwestern töten, wenn diese in
dem Verdacht der Unsittlichkeit stehen. Im übrigen sind die Drusen
ein derbes, aber kräftiges Bergvolk mit allen seinen Tugenden und Un-
tugenden, von stark ausgeprägtem Selbstbcwusstsein, tapfer und kriegerisch,
aber gewaltthätig und wegen ihrer Raubsucht und Rachsucht verschrieen').
Bis in dieses Jahrhundert hinein war bei den Drusen das feudale
Prinzip in ähnlicher Wei.se au.sgebiidet, wie im mittelalterlichen Kuropa.
Die höchste Gewalt im Libanon übte ein H;ikim, d. h. Gouverneur, aus,
der einem der alten oder der später zur MacJit gelangten Fürsten-
geschlechter angehörte und seine Bestallung als Lehen von dem jeweiligen
■äsen darf man nicht di:ii (.'uro|i:iisc!i<.-n Mi.isslali aotegen,
iih trill <lie Kaubsuchl bt^i ihiR'ii in gewühnticbeo /.ctten
'Ottern, den heute noch nom.idisierondcn licduincn.
■) Bei der Üjutteilu
e dieses vielfach geachic
fit weniger hervor, als b.
I^O Kap. IV'. Familien und Kasten.
syrischen Machthaber empfing, dem er dafür tributpflichtig war. Unter
dem Häkim, in Europa in der Regel Gross-Emir genannt, standen Emire
und die Häupter einiger vornehmer Familien, die, ohne den Titel Emir
zu führen, in einzelnen Distrikten die Macht in Händen hatten.
Die Vasallen der Emire waren die Schcchs, und diesen folgten
die Bauernfamilien. Die Emire erhoben von ihren Gefolgsleuten Kon-
tributionen und bei besonderen Anlässen besonderen Tribut. Jeder
kräftige Mann musste im Kriegsfalle dem Emir bezw. dem Schech Gefolg-
schaft leisten. Die Emire ernannten die Schcchs, indem sie sie mit
der Anrede »Schech c auszeichneten. Die Lehen pflanzten sich in den
verschiedenen Familien erblich fort. War der Lehnsherr mit seinem
Gefolgsmann unzufrieden, so suchte er einen anderen Mann, zumeist
desselben Stammes, derselben Familie zu Ansehen zu bringen, um ihm
hierdurch einen Widersacher zu schaffen. Zur Zeit der Blüte der
drusischen Nation führten sowohl der iTläkim wie die Emire und diiB
Schcchs einen fürstlichen Haushalt. Die Häupter der vornehmen Familietf
bewohnten im Libanon festungsartige Schlösser, die unseren rheiniscbfitt
Burgen nicht unähnlich sahen, gewöhnlich auf Berggipfeln erricbfcet
waren und in deren Nachbarschaft die übrigen Familienmitglieder und
die treuesten Gefolgsleute lebten. Die Gastfreundschaft wurde in grcm
artigster Weise ausgeübt; wenn der Schech seinen Emir besuchte, braute
er oft Hunderte von Leuten mit sich, die dann Wochen lang bewirtet
wurden. Dabei wurden kostbare Geschenke, namentlich Pferde und -
Waffen, zwischen Wirt und Gast ausgetauscht. Die Jagd bildete einet
der hauptsächlichsten Zerstreuungen bei diesen Besuchen, und ein ausser^
ordentliches Aufgebot von Menschen pflegte dabei zu Dienstleistungen
herangezogen zu werden.
Die Slrafgerichtsbarkeit lag in den Händen der Emire bezw. der
Schcchs, soweit diese ihre Macht faktisch ausüben konnten, für die Civil-
gerichtsbarkeit waren Kadis bestellt.
Die Angehörigen der drusischen Familien waren ursprünglich als
getrennte Kasten ausserordentlich strenij von einander geschieden, derart,
dass das niedrigste Mitglied der höheren Kaste über dem vornehmsten
Angehörigen der niederen Kaste rangierte. Die in den Augen der Drusen der
Abstammung nach ältesten und edelsten Geschlechter sind die Tenüch,
die Arslan und die 'Alem id Din. die, wie oben^) ausgeführt wurde,
sämtlich einer und derselben grossen südarabischen Fürstenfamilie angehören
und von denen heute nur noch der Zweiy^stamm der Arslän blüht. Auf der-
selben Stufe stehend wurden die nordarabischen Ma'n erachtet und be-
handelt. Alle diese Familien führten ebenso wie die später eingewanderten
*; Verijl. oben S. 1 15.
Kop. IV, Die Tracht der Drusen.
141
Schihäb und die Bellatna' den Titel Emir'). Unmittelbar hinter ilinen
rangiert die zu grossem Einfluss und Reichtum gelangte Familie der
Gumblät'), dann folgen, um nur einige zu nennen, die 'Amäd'), die Nakad*),
die Talhiilj'') und die 'Abd il Malik'). P^in au.sge sprechen er Klassenunter-
schied hat sich bis in die untersten Volksschichten fortgesetzt und kommt
bei dem gemeinen Volke noch heute in der Weise zum Ausdruck, dass
diejenige Familie als die vornehmste im Dorfe betrachtet wird, die
zuerst dort ansässig wurde.
-^i^
Die Tracht der heutigen Drusen besteht aus einem Hemd (Kami?) und
bauschigen Beinkleidern (Libäs), über dem Hemd wird eine kurze, ärniel-
') In früheren Zeiteo vermisohU-n sicli die Arsbn nur mit den TenQch, den 'Alem
id DiD und den Ma'n, heule verheiraten sie sich nur mit den muhammcilanischen .'schihäh,
ausserdem nehmen sie tscherkessiäthe Frauen, litvor die liellania' Chhsltn wurden, h.ilten
sie auch mit diesen veru'andtadiAiihche Hi'ziehuniren.
») Verßl. unten ,S. 150 f.
') VerRl. Schidjak u. a. (). S. loc.
*) Vergl. Schidjät n. a. O. S. 144.
*) Vercl. Schi.ijäb n. -.u . ). .S. ,54.
•) Vercl. Schidj.ilf a. :i. (1, .S. isq.
1^2 Kap. IV. Die Tracht der dnisischen Frauen.
lose, schwarz und weiss oder rot gestreifte 'Abäje getragen, vielfach auch
ein langes hemdartiges Gewand (Kumbäz), das verschieden gefärbt ist.
Die 'Ukl^äl legen oft noch ein grösseres, den ganzen Körper umhüllendes
schwarzes Oberkleid an. Die *Abäjes werden immer von den Drusen
selbst gefertigt. Die Leibbinde, welche im allgemeinen aus Wolle, bei
den 'Ukkäl aus Leder gearbeitet ist, heis.st Zennär; die Pantoffeln nennt
man Medcxs ^^r^'ju». Als Kopfbedeckung wird der Tarbüsch mit. einem
Turban getragen. Das Turbantuch ist immer weiss und wird in r^^l-
mässigen glatten Windungen gewickelt, während die Muhammedaner
bunte oder gesprenkelte Stoffe verwenden, die kreuzweise über der Stirn
zusammengelegt werden. Aeltere und würdigere Leute pflegen breitere
und längere Tücher zu benutzen, um dadurch einen besonders hohen und
dicken Turban zu erzielen. Im Haurän tragen die jungen Drusen, welche
nicht *Ukkäl sind, vielfach .statt des Turbans die bei den Beduinen übliche,
aus Kamelhaaren gefertigte dicke Schnur (*Akäl), um die Keffijezu befestigen.
Erst in der letzten Zeit tragen einzelne aufgeklärte Drusen den Tarbüsch
ohne Turban, sowie europäische Tracht bezw. die Stambulina der
türkischen Eifendis.
Die Tracht der Frauen besteht aus einem Hemde, einem Beinkleid,
einem oder mehiercn schlafrockartigen Gewändern und einer weit aus-
geschnittenen, meist dunkelfarbigen Weste, welche miederformig den
Busen hält (Sidrijc). Vielfach tritt auch die Brust frei aus dem Mieder
heraus. Als Obcrkleid wird regelmässig der Kumbäz getragen. Beim
Ausgehen bedeckt die Frau sich von der Taille an mit einem Säjc,
Aiua, einem den Drusen eigentümlichen schwarzen Tuch, das bei den
Reicheren aus Seide besteht und vorn mit einer silbernen Schnalle
befestigt wird. Um den Oberkörper wird shawlartig ein dünner weisser
Schleier gele<^t, der auf dem Kopfe festgehalten wird und mit dem die Frauen
bei der AnnäherunLj eines Fremden das Gesicht bis aiif ein Auge bedecken*).
Unter dem Schleier wird als Koi)fbedcckung eine Kappe aus Tuch,
Seide oder Samniet cjelragen. welche mit .Siiberstuckchen oder aneinander
gereihten Münzen verziert ist. Die alte Kopfbedeckung, das Tantür,
ist vollständig ausser Gehrauch gekommen. Dieselbe bestand aus einem
cylinder- oder n'hrenförmig aus Metall L^'cfertigtcn Aufsatz, mit einer
kleinen Platte auf der .sj)itze. von welcher der .Schleier herunterfiel.
l'ebrigens triiii^en auch libanesische und syrische Christinnen diesen Tantür.
') L>i'.>c Art <l'jr Verschleierung »iiirfic in inuh:i;nin's.'«jan:sjhen < •ölenden sehr alt sein.
Im M.'irrii; .st ^ic heute ri'»ch ii])lic!i. mir •l.i'«s dun st.itt »Ics -1111111011 Schleiers ein undnrch-
siehligcs Tuch (;en».«inmt:n ru werden jirteLil.
Dru^eninädcl
Kap. IV. Die Geschichte des Libai
143
Die Geschichte des Libanon bietet ein Bild unaufhörlicher Kämpfe,
und die des Drusenvolkes insbesondere zeigt immer neue Entzweiungen
und Parteispaitungen. Dies mag dazu beigetragen haben, dass, obgleich
aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe des u. Jahrhunderts die ganze
arabische Enklave des Libanon dem Drusentum gewonnen wurde, die
Führerrolle von den drusischen Fiirstenhäusen sehr bald an muhamme-
danische Geschlechter überging. Aber bemerkenswert und für die ethno-
irien wichtig ist es, dass die Gro-isKmirc des
tcin regelmässig arabischen Ursprungs
;o.iehciieii drusischeii I'aniilieri als Stammes-
graphische Stellung der Dri
Libanon bis in dieses Jahrhui
waren und von den
verwandte behandelt wurden.
Zu der Zeit, d;i im Libanon die Lehre des Darazi fe.'iten Fuss fasste,
waren dort die südarabischen Fürstcngeschlcchter prädominierend. Als
die Arslän, wie bereits erwähnt, in den Kämpfen gegen die Kreuzfahrer
nahezu vernichtet wurden, trat die ihnen nahe verwandte Familie der
1^6 Kap. IV. Fachr \<\ Din I., KorVmfts, Fachr u\ Din II.
Sohn, und zwar waren die Emire der Reihe nach die folgenden; Sef id
Din, 'Abdallah, *Ali (vermählt mit einer Tochter des *Ämir Schihäb, des
Enkels des Munkid Schihäb)*), Beschir Mubammed*), Sa'd id Din,
'Otmän (der sich mit einer Tochter des Abu Bekr Schihäb vermählte),
Abmed, Melhem. Melbem hatte zwei Söhne'*), Jfisuf und 'Otmän*),
der Sohn des Letzteren war Fachr id Din I.
Während Eachr id Din Gross-Emir des Libanon war, begannen
die Türken unter Selim I. Syrien zu erobern. Fachr id Din ging alsbald
zusammen mit den drusischen Fürsten, insbesondere Gemäl id Din
Arslän und dem damaligen Führer des Hauses der 'Alem id Din, zu dem
Osmanenherrscher über (151 6) und leistete ihm vortreffliche Dienste.
Allem Anschein nach wusste er sich den Regierungswechsel zu nutze zu
machen, um seine Herrschaft über den Libanon hinaus auszudehnen.
»Unter ihm erlosch der Glanz des Hauses Tenüch und erstrahlte an
seiner Statt der des Hauses Ma'n«'^). Bald glaubte er sich stark genug,
um dem türkischen Statthalter von Damaskus den Tribut verweigern
zu können, doch wurde er genötigt, seine Unterwerfung anzubieten. Als
er sich nach Damaskus locken liess, wurde er dort getötet (1544). Sein
Sohn Korkmäs (türkisch gewöhnlich Ma'n orlu, d. h. Sohn des Ma'n, ge-
nannt) verzieh den Türken den an seinem Vater begangenen Meuchel-
mord nicht, wenn er sich auch mit der Regierung zu verhalten wusste.
Auch Korkmäs starb eines unnatürlichen Todes (1584). Unter ihm und
seinem Nachfolger, dem grossen Fachr id Din II, gelangten die Ma*n,
trotz der unaufhörlichen Intriguen der Emire des Libanon und der Um-
gegend zum höchsten Ansehen. Dank dem Umstände, dass die Türken
anderweitig beschäftigt waren, konnten beide zeitweise ihre Herrschaft von
Aleppo bis nach St. Jean d'Acre au.sbreiten und sogar die nächste
Umgegend von Damaskus in Besitz nehmen. Die Burg von Palmyra
wird einer Lokaltradition zufolge einem Ma'n orlu zugeschrieben, ihre
Restaurierung wird um diese Zeit von Fürsten des Libanon vorge-
nommen worden sein*'). Fachr id Din begünstigte die europäischen
'} In die Zeit des Ali fällt der Ansturm der Monjjolen ge^cn Syrien. DaBS die Ma*n
damaLs bereits eine befestij^te Machtstellung besassen, beweist die Thatsache, dass die
Schihäb, die sich am Wädi it Tem von den Montjolen bedroht sahen, bei ihnen Zuflucht
suchten und fanden.
^' Etwas anders die Keihenfolqc bei Wüstenfeld, a. a. O. S. 77.
•"^^ Nach Tornberjj a. a. (). S. 496 foltrte auf Meinem dessen Sohn Junis, den auch
Schidjäk a. a. O, S. 163 erwähnt, ohne ihn indess verwandtschaftlich zu placieren.
*) Otman ist der erste Ma'n, von dem wir wissen, dass er ^1507) in Saidä begraben
wurde. i^Schidjat a. a. O. S. ji(>3. Seit der Zeit scheint Saida der Befinräbnisort für die
meisten -Ma*n geworden zu sein.
^' Blau a. a. O. S. 480. — Ein Tenuchide .Sa'd 'u\ Din wird noch als mütterlicher Oheim
und Erzieher des grossen Fachr id Din genannt. Vergl. Blau a. a. O. S. 481.
«^ Vorgl. Kap. VTII dieses Werkes S. 307.
Kap. IV. Kaisi und Jetneni. i^J
Kaufleute und christlichen Missionare der syrischen Küste. In den haupt-
sächlichsten Hafenstädten, il Lädiklje, Tripolis, Beröt, Saidä und 'Akkä
legte er Burgen, aber auch Paläste und Lustgärten an ^). Er liebte es in
Berüt, später in Saidä und *Akkä zu residieren, und that manches
für die Entwickelung des westlichen Syriens^). Es scheint, dass Fachr
id Din weitgehende Pläne hatte und geradezu daran dachte, die Franken
wieder nach dem Gelobten Lande zu bringen'^), um mit ihrer Hilfe seine
Eroberungen weiter nach dem Norden, vielleicht bis nach Konstantinopel
hin, auszudehnen. Die türkische Regierung schritt endlich energisch ein.
In geschickter Weise benutzte sie die Widersacher Fachr id Dins, unter
diesen die selbständig gewordenen Emirfamilien der Ibn Sifä zu Tripolis,
die bei Ba*albek ansässigen Mutwäll-Emire Harffisch u. A.*) für ihre Zwecke.
Um diese Zeit scheint der alte Gegensatz zwischen den Kaisi und den
Jemeni, den Nord- und Südarabern, der seit Muhammed in der ganzen
arabischen Welt besteht und nicht nur in Arabien und Mesopotamien,
sondern selbst in entlegenen muhammedanischen Ländern, wie in Spanien,
zu blutigen Fehden Anlass gegeben hat, im Libanon zum ersten Male
akut geworden zu sein und den Ma'n, die ja nordarabischen Ursprungs
waren, ernste Schwierigkeiten bereitet zu haben. Selbst ein Teil der
Schihäb stellte sich Fachr id Din gegenüber, während andere Mitglieder
dieser Familie den Ma'n die traditionelle Gefolgschaft leisteten und
dafür entsprechend belohnt wurden''). Im Jahre 1614 begann der Pascha
von Damaskus einen regelrechten Kampf gegen Fachr id Din, der immer
weiter an die Küste gedrängt wurde und dem schliesslich nichts anderes
übrig blieb, als Syrien zu verlassen und, seiner früheren, durch Verträge
besiegelten Verbindung mit den Medicäern eingedenk*'), an den Hof des
Grossherzogs Ferdinand I von Toscana zu flüchten. Ueber fünf Jahre
Wieb er in Italien''), und lenkte dadurch zum ersten Male die Auf-
merksamkeit Europas auf die Existenz der Drusen. Damals setzte er
die Fabel von der Abstammung der Drusen von einem christlichen
Kreuzfahrer, dem Grafen de Dreux®), in Umlauf; er selbst führte seinen
Stammbaum auf Gottfried von Bouillon zurück. Als er sich aber in
^) Vergl. Maundrell, Voyage d'Alep ä Jerusalem, a Päques en l'annee 1697, '^- ^5 '^^
und Ritter a. a. O., Bd. 17 I, S. 446 und passim.
') So wird ihm die Brücke ] bei dem Nähr el Kelb und die Anlage der Pinien-
waldungen bei Berüt zugeschrieben. Vcrgl. Maundrell a. a. O. S. 60.
') Vergl. Roger, La terre sainte, ou description topographicjue tres particulicre des
saints lieux et de la terre de promission, S. 346.
*) Vergl. Wüstenfeld a. a. O. S. 104 ff.
^) Vergl. Blau a. a. O. S. 486.
«) VergL Mariti a. a. O. S. 95 ff.
*) Inzwischen scheint Fachr id Din einmal auf kurze Zeit in Syrien gewesen zu sein.
*) Vergl. oben S. 132, Anm. 4.
10*
IaH Kap. IV. JHe letsttn Oros«-EUnire ans den Hans« der BfaHu
meiner Hoffnung, Schiffe und Truppen zum Kampfe gegen die Türken
zu erhalten, getauscht sah» kehrte er nach dem Libanon zurück. Im
Jahre 1619 landete er in Saidä und übernahm alsbald wieder die Zügel
der Regierung, die während seiner Abwesenheit sein Bruder Junis und
Hein Sohn 'Ali geführt hatten^). Bald brachen die Unruhen von Neuem
aus. Fachr id Din war siegreich gegen seine Widersacher im Libanon
und im westlichen Syrien und ging abermals daran, seine Herrschaft im
östlichen Syrien auszudehnen. Im Jahre 1633 entsandte endlich die
Pforte Kütschük Abmed Pascha mit einem Heer von 50000 Mann
gegen Fachr id Dm, dessen Sohn *Ali und dessen Bruder Junis in den
Kämpfen mit den Türken getötet wurden. Fachr id Din hatte sich in
die unwirtlichen Berge seines Stammlandes isch Schuf zurückgezogen und
wurde hier nach einer langwierigen Belagerung der Bergfesten in einer
Höhle, in die er sich zu flüchten gezwungen war, gefangen genommen.
1> wurde mit seinen Söhnen nach Konstantinopel gebracht (1633).
.An seiner Stelle wurde nunmehr ein Jemeni, der Emir *Ali *Alem
id Dm zum Gross-Plmir des Libanon erhoben'). Zwei Jahre darauf aber
sammelte Melhem, der Sohn des Junis, also ein Neffe Fachr id Dins, die
Kaisi um sich und verdrängte den *Alem id Din. Die Folge war, dass
sämtliche Ma'n zum Tode verurteilt wurden, ein Befehl, der an Fachr id Din
und zweien seiner Söhne zu Konstantinopel (1635) vollstreckt wurde. Nur
Musen, cinSohnPachr idDms, derschon vor der (iefangennahme seines Vaters
in die Gewalt der Türken geraten war, blieb verschont und gelangte später
in Konstantinopel zu hohen Würden, kehrte aber niemals nach Syrien zurück.
Aber Mclhcm war imstande, die Herrschaft über den Libanon und sogar
einen Teil der syrischen Küste, wenn auch nicht in der Ausdehnung,
wie sein Oheim l\'ichr id Dm, sich zu erhalten. Er starb im Jahre 1658
und wurde in Saida begraben^). Melhem hinterliess zwei Söhne: Korkniäs
und Ahmed, die zunächst gemeinsam das Gross-Emirat übernahmen*).
Um diese Zeit wurde Saida zu einem Paschalik erhoben und türkische
Truppen gegen die übermütigen beiden Emire entsandt. Korkmäs wurde
{getötet (1662), sein Bruder Ahmed konnte sich schwer verwundet retten
und behielt dann bis zu seinem Tode im Jahre 1697 ^^^ Macht in Händen.
Ahmed war der letzte Spross aus dem Hause der Ma*n, sein
einziger Sohn Melhem war schon im Jahre 1679 gestorben. Klüglich
'' hioHcr 'All hatte sich im Jahre i6i8 mit einer Tochter des 'Ah Schihäb yermählt.
* Schitljft^ tt. a. (>. S, 144 bchchet in <ler Genealogie der »Tenüch aus Jemenc,
ilu«» dienrr lunir 'Ali *Alcin id Dm im Schlosse von 'Abeih die letzten eigentlich tenachidischen
Mmirc umtrebracht hübe.
!«> VtMcl. Mariti a. a. O. S. 303.
'"^ Kiue ansohHiiliche Schilderung der leichtsinnigen Lebensführung der beiden Emve
vrrgl. in von Arvieux" Merkwürdige Nachrichten, deutsch von I.abat, Band I, Kopen-
hai^en und l.eipric 1753. S. 3550*.
Kap. IV. Die Schleicht bei *Aindara. iaq
benutzte er den Zwiespalt zwischen den Kaisi und Jemeni, um nach dem
Erlöschen seines Geschlechts, das er voraussah, den mit seinem Hause
seit Jahrhunderten durch zahlreiche Zwischenheiraten verwandten Schihäb
die Oberherrschaft im Libanon zu sichern. Unter dem Vorwande, der
drusischen Nation Bruderkriege ersparen zu wollen, versammelte er alle
vornehmen Geschlechter um sich und setzte die Wahl des jugendlichen
Emir Haidar Schihäb, seines Enkels (eines Sohnes seines Schwiegersohnes
Müsä Schihäb), zum Häkim des Libanon durch. Nach dem Tode des
Ahmed Ma'n übernahm zunächst Beschir Schihäb an Stelle des
noch minderjährigen Haidar Schihäb die Regierung ^). Die Schihäb
siedelten nunmehr von Hä.sbejä nach Der il Kamar über, das
bereits zur Zeit Fachr id Dins an Stelle von Ba*aklm der Regierungs-
sitz des Schuf, des Stammlandes der Ma'n, geworden war. Beschir
Schihäb starb im Jahre 1708 in *Akkä an Gift, das ihm angeblich
von Haidar Schihäb oder dessen Freunden beigebracht worden sein soll,
und nunmehr ergriff Haidar Schihäb selbst die Zügel der Regierung.
Inzwischen hatten die Jemeni wieder ihr Haupt erhoben^). Der Pascha
von Saidä nahm ihre Partei und gestattete sogar dem Jemeni Mali mild
Abu Harmüsch, den Titel eines Pascha des Libanon anzunehmen. Haidar
Schihäb war zeitweilig gezwungen zu flüchten, und die Kaisi waren mannig-
fachen Bedrückungen preisgegeben. Endlich sammelte IJaidar seine Ge-
treuen um sich. Abu Harmusch zog ihm entgegen, die Unterstützung der
Pascha von Saidä und Damaskus erhoffend, aber noch ehe die türkischen
Truppen zu seinem Heere stiessen, kam es zur Schlacht bei *Aindära(i7 1 1)^),
*) Müsä Schihäb war der Enkel KäsimSchihäbs, der seinerseits ein Sohn jenes Ali Schihäb
war, mit dessen Tochter 'Ali ibn Fachr id Din sich vermählte. Der Bruder jenes 'Ah Schihäb,
A^med Schihäb, hatte einen Sohn Ilusen und dessen Sohn war Beschir Schihäb, der erste Schihä-
bide, der die Oberherrschaft im Libanon thatsächlich ausübte. — Der von Blau, a. a. O. S. 492 ff,
wiedergfeg^ebene Auszug^ aus einer arabischen Geschichte des Libanon lässt die Emire nach dem
Tode Al?med Ma'ns dessen Gross-Neffen, den Emir Beschir Schihäb, zum Oberhaupte des
Libanon wählen. Seinen Nachfolger Haidar Schihäb bezeichnet diese Quelle als seinen Vetter.
*'' Mariti, a. a. O. S. 307 ff., stellt die Genealogie der letzten Ma'n und die I^eihen-
folge der Gross-Emire nach dem Tode Melbems L etwas anders dar, als die übrigen
Quellen. Nach ihm waren Korl^mäs und A^med die Söhne des im Jahre 1633 (oder, 2 wie
Mariti angiebt, 1635"^^ gefallenen 'Ali ibn Fachr id Din. Auf Korl^mäs sei, »ohne
dass man den Grund davon angeben könne«, ein Färis Schihäb Gross-Emir geworden.
Diesem sei zunächst Junis Schihäb gefolgt und erst dann sei Atimed Ma'n zur Regierung
gekommen. Abiöed sei mit einer Tochter des Junis Schihäb vermählt gewesen und nach
seinem im Jahre 1695 erfolgten Tode sei sein Schwager Man§ür Hakim des Libanon ge-
worden. Als Sohn des Atimed und der Tochter des Junis nennt Mariti Beschir Manogli
den er im Jahre 1708 zu 'Akkä an Gift sterben lässt. Dessen Sohn Musabin habe wider
aUe Familientraditionen die Partei der Jemeni ergriffen und sei bereits im zwanzigsten Jahre
(1723) ermordet worden. Erst dann sei Haidar Schihäb, der mit einer Tochter des Beschir
Manogli vermählt gewesen wäre, Gross-Kmir geworden.
■) Vergl. Schidjälf a. a. O. S. 364 f.
I ^O Kap. IV. Auswanderung der Jemcni nach dem Haurän.
die mit der völligen Niederlage der Jemeni endete. Die ganze Familie
der *Alem id Dln wurde vernichtet, dem Harmüsch wurden die Zunge
und die Zehen abgeschnitten, sein Leben aber aus Respekt vor seinem
Paschatitel geschont. Ein grosser Teil der Jemeni wanderte damals
nach dem Haurän aus^), darunter namentlich die Familie der Hamdän,
die das Haupt der Haurän-Drusen wurde und bis zu ihrem vor etwa
dreissig Jahren erfolgten Aussterben in Suwedä residierte.
Durch die Schlacht bei 'Aindära wurde das Ansehen des Haidar
Schihäb ungemein gestärkt, und er gebrauchte seine jetzt fast unbestrittene
Machtstellung dazu, um die Jemeni, namentlich die Arslän, zu schwächen
und sich selbst und die ihm befreundeten Familien auf deren Kosten zu
bereichem. Er entriss den Arslän den Norden des Rarb und des öurd
und übergab die beiden Gebiete den Talhük und den *Abd el Melik"*),
die sich in der Schlacht bei *Aindära ganz besonders ausgezeichnet
hatten. Die Beilama*, die sich nicht minder durch ihre Tapferkeit hervor-
gethan hatten, erhielten das Recht, den Emirtitel zu fuhren, und Haidar
Schihäb nahm selbst eine Bellama' zur Frau.
Nach der Schlacht bei 'Aindära verlor der Gegensatz der Kaisi und
Jemeni seine Bedeutung, da die im Libanon verbliebenen jemenischen
Elemente ausserordentlich geschwächt waren ^). Seit dieser Zeit bildete
sich eine neue Spaltung unter den Familien des Libanon aus: es ent-
standen die Parteien der (iumbläti und der Jezbeki (Jazbekgi). Die Gegner der
regierenden Schihäb, darunter in erster Linie die jemenischen Familien,
sammelten sich um das Geschlecht der (^umblät, das nächst den Schihä-
biden das mächtigste im Libanon geworden war. Die öumblät sind
ihrem Ursprünge nach Kurden (oder Türken?). Im Anfang des 17. Jahr-
hunderts finden wir sie als selbständige Territorialfürsten in der Ortschaft
Killiz (Klis) unweit von Aleppo, wo die Familie noch heute muhammedanische
Mitglieder besitzt Eine Zeit lang hatten sie sogar die Regierung von
Aleppo in Händen. Später gerieten sie in Streitigkeiten mit dem Pascha
von Aleppo, und dies war der Grund, dass sie Killiz verliessen und nach
dem südlichen Syrien zogen, wo sie in den kriegerischen Wirren der
damaligen Zeit eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Im Jahre 1630
folgten sie einer Einladung Fachr id Dins, sich im Libanon sessbaft zu
machen. Mit den Ma*n hatten die (jumblät schon früher freundschaft-
liche Beziehungen unterhalten, der Aufforderung des damals von seinen
^^ Verg^l. oben Kap. III, S. 100 und weiter unten S. 166 f.
'} Dies war für die Arslän um so kränkender, als die Tal\^ü^ und die *Abd el Melik
in ihren Diensten gestanden hatten.
'; Im Jahre 1767 vermachte Isma'il Arslän, der sich mit seinem Hause überworfen
hatte, einen fp-ossen Teil seines \'ermöj;jens seiner Gattin, einer Schihäb, ein Umstand, den
sich der damals rej^erende Melkern Schihäb zu Nutze machte, um die Hand auf den STÖssten
Teil der den Arslän noch verbliebenen Besitzungen zu legen.
Kap. IV. Jczbeki uml öumbläti. iC]
Widersachern hart bedrängten Fachr id Din hatte zweifellos der Wunsch
zu Grundegelegen, sich einen kräftigen und verlässlichen Bundesgenossen im
eigenen Lande zu schaffen. So war denn der Schech (lumblät^) mit seinen
Söhnen Sa*id und Rebäh nach dem westlichen Libanon gekommen, wo er
sich im Schuf unweit von Der il Kamar niederliess. Schech Gumblät wurde
einer der Ratgeber Fachr id Dins, der ihn bereits im Jahre 163 1 mit der
Führung einer kriegerischen Expedition betraute.
Nach dem Tode des alten Cumblät (1640) wurde .sein Sohn Rebäb
Schech im Schuf. Rebah hatte drei Söhne, 'Ali, Färis und Scheref
id Din. *Alf (jumblät heiratete die Tochter des sehr reichen und
durch seine Stellung als Oberrichter und geistlicher Führer der Drusen
sehr einflussreichen Kablän il Kädi it Tcnüchi, also eines Jemeni^).
Als dieser im Jahre 17 12 starb, vermachte er sein Vermögen zur einen
Hälfte seinem Schwiegersohne *Ali, zur anderen Hälfte dem regierenden
Emir Haidar Schihäb. Die Drusen wollten indess den Besitz nicht in die
Hände der muhammedanischen Schihäbiden übergehen lassen und er-
kauften denselben für die damals enorme Summe von 25 000 Piaster für
*Ali öumblät, den sie ganz zu den ihrigen zu rechnen sich gewöhnt
hatten. Der religiöse Einfluss des Kablän il Kädi scheint bei den Drusen
den Glauben erweckt zu haben, dass die Familie der Ciumblät durch
Prädestination im Grunde längst drusisch gewesen und ihre Aufnahme als
Brüder seitens der Drusen daher naturgemäss gegeben sei. Der Wohlstand
der öumblät wurde durch diesen Vermögenszuwachs noch ausserordentlich
vermehrt. 'Ali siedelte jetzt nach Bazrän über und baute sich dort die
Burg il Muchtära, die heute noch der Stammsitz der Ciumblät ist'^). *Ali
(lumblät wurde, den Vorschlägen der vornehmen Familien des Schuf ent-
sprechend, von Haidar Schihäb als Gouverneur dieser Landschaft bestätigt.
Der wachsende P-influss der Gumblät scheint für die Schihäb Ver-
anlassung gewesen zu sein, (^ie Bildung einer Gegenpartei zu fördern.
Zu den treuesten Anhängern des regierenden Hauses zählten neben den
Bellama' die Talbük und die *Abd il Melik, die ihren Wohlstand dem
Emir Haidar Schihäb verdankten. Diese Familien schlössen sich mit
dem reich begüterten und mächtigen Geschlecht der 'Abd is Selam il
Jezbeki zu einer Gruppe zusammen, die den Namen Jezbeki erhielt^).
Die folgenden Jahrzehnte sind durch unaufhörliche kleine Fehden zwischen
den in die beiden Parteien gespaltenen drusischen Familien ausgefüllt,
*) Schidjäl^ hat auch die Schreibung Gan Bülad i^a. a. C). S. 129'.
') Dieses ist eine weitere Erklärunjr für den Anschluss der Jemeni an die ClumbläJ.
') Vergl. oben Kap. I, S. 30.
*) Vergl. Niebuhr, a. a. O. Bd. II S. 365 Anm. 6 (das dort erwähnte zur Gegen-
partei gehörige »Beit Schocifat« sind die Arslän), ferner S. 367, wo Niebuhr als Wohnsitz
des *Abd is Seläm die Stadt Barak in 'Ar^üb nennt und den Schech selbst bezeichnet als
IC2 Kap. IV. Die egyptische Invasion.
•
in die auch die im Libanon wohnenden Maroniten und Metäwile oft
genug hineingezogen wurden.
Inzwischen war auf Haidar Schihäb im Jahre 1729 sein Sohn
Melbem II. gefolgt, der sich besonders die Niederwerfung der Metäwile
angelegen sein iiess, die er aus dem Norden des Libanon vertrieb und
zur Ansiedelung am öebel *Ämul unweit Saidä und Sür zwang. Ihre
Besitzungen übergab er maronitischen Familien zu Lehen. Im Jahre
1756 dankte Meinem ab, und statt seines noch minderjährigen Sohnes
Jüsuf übernahmen seine beiden Brüder Ahmed und Man§ür die
Regierung. Alsbald kam es zwischen den Brüdern zu Differenzen, bei
denen Ahmed sich auf die Jezbeki, Man$ur auf die öumbläti stützte.
Die Letzteren gewannen die Oberhand und Ahmed musste fliehen. Die
von dem siegreichen Man§ür grausam unterdrückten Jezbeki hoben
nunmehr Jüsuf, den Sohn Melhems II., auf den Schild^).
Während der Konflikt zwischen Man§ür und Jüsuf noch andauerte,
entsandte 'All Bey, einer der Mamlulcenbeys von Egypten, die Ende
des vorigen Jahrhunderts im ganzen Nillande die Macht in Händen
hatten, ein Heer nach Syrien. *AlI Bey hatte sich mit Daher il *Amr,
dem Herrn von *Akkä, verständigt, doch mussten die Egypter, obwohl
Man§ür ihre Partei nahm, unverrichteter Sache wieder abziehen. Bald
darauf kam es zum Kampf zwischen Jüsuf, den der Pascha von Damaskus
mit Truppen unterstützte, und den Metäwile, die mit Daher il 'Amr
verbündet waren. Jüsuf und die Türken erlitten eine gründliche Nieder-
lage, gleichzeitig erschien, von Daher und *AIi Bey herbeigerufen, eine
russische Flotte vor Berüt, das bombardiert wurde. Der Pascha von
Damaskus entsandte nun Ahmed il öezzär*) nach Berüt, der sich auch
der Stadt bemächtigte, sie aber dem Emir Jüsuf vorenthielt und für die
Türken in Anspruch nahm. Infolgedessen verbündete sich Jüsuf mit Daher il
*Amr, dieser rief abermals die russische Flotte herbei, die Berüt einen
Monat lang belagerte. II Gezzar musste weichen, doch gelang es ihm,
nachdem Daher il *Amr in 'Akkä von seinen eigenen Leuten erschossen
war, *Akkä und Safed zu erobern, und er wurde zum Pascha von *Akkä
ernannt. Seine Machtstellung missbrauchte er, um von dem Emir Jüsuf
grosse Summen zu erpressen und ihn zum Spielball seiner Willkür zu
r^le chef du parti qui soutient actuellement TEmir rep^nant.« Mein ( vewährsmann, dem
die Entstehung der Parteibezeichnun^ unbekannt war, meinte, es sei, um keine RiTalität
aufkommen zu lassen, nicht der Name einer der beteiliji^ten Familien, soodern irgend ein
fremder Name gewählt worden.
*} VergL Blau a. a. O. S. 497, Mariti a. a. O. S. 314 ff.
'; Abmed il Gezzär war ein bosniakischer Mamluk Ali Bey's, der in Egypten als
Scharfrichter (daher sein Beiname il (lezzär'^ debütierte; vergl. Ix)ckroy, Ahmed Ic Boncher,
Paris 1888, S. 13, 15, 27.
Kap. IV. Emir Bcschir Schihab I. je?
machen. Jüsuf legte zeitweilig die Regierung in die Hände seines Neffen
Beschir Schihäb, und als er ihn in einer diplomatischen Mission zum
öezzär entsandte, benützte Beschir diese Gelegenheit, um sich von dem
Pascha die Investitur als Häkim des Libanon zu holen. Der Neffe hatte
seinem Onkel diese Wendung der Dinge selbst prophezeit, indem er
sagte: »Jetzt bin ich Dein Sohn, ich furchte, ich werde als der Sohn
des öezzär zurückkehren!« Jüsuf flüchtete vor Beschir nach *Akkä, wo
er hoffte, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden, doch täuschte
er sich, und als er die Geldgier des Pascha, der seine Gunst zwischen Onkel
und Neffen lediglich nach deren Zahlungsfähigkeit verteilte, nicht mehr
zu befriedigen vermochte, wurde er in *Akkä getötet.
Der Emir Beschir Schihäb hat 54 Jahre lang, allerdings mit zahl-
reichen Unterbrechungen, die Herrschaft im Libanon geführt. Er hat,
um sich in seiner Herrscherstellung zu erhalten, mehr als einmal sein
Land verraten und die Drusen empfindlich gedemütigt. Mit den Maro-
niten, die nächst den Drusen das kräftigste Element im Libanon bildeten,
hatte schon Melhem Schihäb zu liebäugeln begonnen^). Im Jahre 1756
waren die Schihabidenfürsten *AII und Käsim zum Christentum über-
getreten^), und es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch Emir Beschir —
der Sohn dieses Käsim — die Taufe empfangen hat^), wenn er auch der
Oeffentlichkeit gegenüber an seinem muhammedanischen Glauben fest-
gehalten zu haben scheint*). Jedenfalls hat er in den zahllosen inneren
Streitigkeiten, die während seiner Regierungszeit den Libanon erschütterten,
sich vorzüglich auf die Maroniten zu stützen gesucht. Beschir war ein
^) Es ist deshalb chiirakteristisch, dass 'AH öuniblat die xMelkiten (Griechisch-Katho-
lischen) ^egen die Maroniten unterstützt hat. Das Kloster Der il Muchalli? verdanken die
Melkiten dem öumblät.
') Vergl. Blau, a. a. O. S. 496.
*) Verß:l. Ritter, 11. a. O. Bd. XVII, S. 693, Robinson, Voyage en Palestine et
en S)Tie, Paris 1838, II. Bd, S. 427. — Auch die Bellama* traten zum Christen-
tum über, um in dem vorwiegend christlichen Distrikt von Metn sich in der Regierung be-
haupten zu können. Nach dem Reglement organique muss auch jetzt noch der Käinima\^äm
dieses Distrikts ein Christ sein vergl. oben Kap. I, S. 35), und das Amt wird noch heute
von den Bellama' verwaltet. Von den christlich gewordenen Schihäb sind später einige aus
politischen und finanziellen Gründen zum Islam zurückgetreten.
*} Heute wird noch von einem unterirdischen Gange im Schlosse zu Bteddin ge-
sprochen, der von dem Bade nach der ausserhalb des Schlossgartens gelegenen maronitischen
Kirche geführt habe. Im Libanon hiess es in der Mitte dieses Jahrhunderts, dass der Emir
Beschir als Christ geboren sei, als Muselmann lebe und als Druse sterbe. (Vergl. Gerard de
Nerval, Revue des deux mondes, Bd. XVIII. l*aris 1847, S. 639). Die charakteristische
Anekdote, dass Beschir einem Maroniten, einem Drusen und einem Muhammedaner, die sich
über den Glauben des Emirs stritten und schliesslich bei ihm selbst anzufragen beschlossen,
wegen übergrosser Neugier die Bastonnade habe geben lassen, siehe bei Rey, Voyagc cii
Syrie, Paris 1862, S. 73 f.
I ^4 K.a^ IV. Beschirs Flucht nach E^rypten.
grausamer und gewaltthätiger Mann, sein Vermögen mehrte er durch
Konfiskation der Güter nicht nur seiner Gegner, sondern selbst seiner
Verwandten. Er nahm ferner die Regie verschiedener Verbrauchsartikel,
wie Seide und Seife, an sich. Nie soll er ein fremdes Weib angesehen,
nie gelacht und nie ein Fluchwort gesprochen haben, aber oft genug
liess er Menschen unter furchtbaren Qualen töten.
Als Beschir nach der Ermordung Jüsufs im Libanon als Häkim
anerkannt war, hielt er es für ratsam, sich mit dem Schech Beschir
öumblät, der nach der Niederwerfung der Jezbeki der mächtigste Mann
des Libanon und insbesondere der Führer der libanesischen Drusen war,
in gutes Einvernehmen zu setzen. Der Ciezzär, in dessen Interesse
es keineswegs lag, wenn geordnete Verhältnisse im Libanon sich bildeten,
sah sich bald veranlasst, regelrecht gegen die beiden Beschir vorzu-
gehen. Als der Emir Beschir nach *Akkä kam, um sich mit den
Insignien des Häkims bekleiden zu lassen, wurde er gleichzeitig
mit dem Schech Beschir öumblät, der ihn begleitet hatte, gefangen
gesetzt und zwanzig Monate lang im Kerker behalten^). Aber im
Gefängnis wusste der Schihäb die Habsucht des Gezzär derart zu reizen,
dass dieser ihn wieder in seine Machtstellung einsetzte. Ein Vetter
des Jüsuf Schihäb, der inzwischen die Rolle des Gross -Emirs usurpiert
hatte, wurde von Beschir und seinem Freunde (lumblät überwältigt
und erdrosselt. Fast ein Jahrzehnt hindurch herrschte jetzt Beschir
im Libanon, ohne dass ihm ein ernsthafter Widersacher erstand. In
diese Zeit fällt die Expedition Napoleons nach Eg>'pten und Syrien.
Beschir wartete vorsichtig den Gang der Ereignisse ab, ehe er sich für
oder gegen Bonaparte erklärte, und die Fruchtlosigkeit der Belagerung
von St. Jean d'Acrc (1801), das der (iezzar heldenmütig gegen die Fran-
zosen verteidigte, gab ihm recht ''^).
Aber gefährlicher als alle bisherigen Schwierigkeiten drohte der
Herrschaft Beschirs ein Aufstand zu werden, der im Anfange des neuen
Jahrhunderts unter der Führung der Söhne seines Vorgängers Jüsuf sich
erhob. Beschir musste in den Haurän fliehen, und als er dank der Unter-
stützung des (lezzär zurückkehren konnte, sich in die Herrschaft über
den Libanon mit seinen Vettern teilen. Die Intriguen und Kämpfe hatten
mit dieser Lösung der Dinge naturgemäss kein Ende. Aber das Ge-
schick war Beschir ungünstig, und er zog es schliesslich vor, sich über
Cypern, Kleiuasien und Malta nach Egypten zu begeben (1805). Hier
schloss er mit Muhammed *Ali, dem grossen Begründer der gegen-
\' Veru^L Perrier. La Syrie sous le gouvemement de Meh^met Ali joiqu'en 1840,
Paris 1842, S. 330.
^) Napoleon wusste die Klugheit des Schihäbiden zu schätzen und verehrte ihm eine
goldgeschinückte Flinte als Zeichen seiner Freundschaft
Kap. IV. Aufstand und Ende de» Schech Heschir öumbläj. 155
wärtigen egyptischen Dynastie, ein Freundschaftsbündnis, welchem beide,
merkwürdig genug, bis zum Ende ihrer Laufbahn treu geblieben sind.
Der Bund war auf Interessengemeinschaft gegründet: Beschlr scheint
schon damals Muhammed *Ali in seinen weitausschauenden Plänen be-
stärkt zu haben, und zielbewusst hat er ihm bei ihrer Durchführung zur
Seite gestanden. Als Gegenleistung erhoffte und erhielt er durch Muham-
med 'Ali eine Befestigung seiner Machtstellung in Syrien. Zunächst ver-
dankte er der Fürsprache des Egypters die Wiedereinsetzung in seine
frühere Würde.
Kaum war Beschir nach dem Libanon zurückgekehrt, als er einen
Rachefeldzug gegen seine Widersacher inscenierte. Die Söhne Jüsufs
wurden gefangen genommen, und es wurden ihnen die Augen mit
glühenden Eisenstäben ausgestossen und die Zunge mit Zangen aus-
gerissen. Mehrere einflussreiche Parteigänger der jungen Emire wurden
getötet, ihre sämtlichen Besitzungen konfisziert (1807). Bald darauf
starb der Bruder Beschirs, der bei der Unterdrückung des letzten Auf-
standes eine wesentliche Rolle gespielt hatte, eines geheimnisvollen Todes,
und nunmehr hatte der Emir keinen Nebenbuhler mehr in seiner Würde
als Häkim.
Inzwischen war auch der Gezzär vom Schauplatz seiner Thätigkeit
abgetreten. Die Lust am Intriguieren verleitete Beschlr, sich in die
Streitigkeiten zwischen dem jungen Pascha 'Abdallah von *Akkä und dem
Pascha von Damaskus zu mischen. ¥Jn Firman des Sultans verurteilte
'Abdallah zum Tode und erklärte Beschlr seiner Würde für verlustig.
Während ein türkisches Heer 'Abdallah in St. Jean d'Acre belagerte,
entwich Beschir zum zweitenmale nach Eg>'pten. Abermals gelang es Mu-
bammed 'All, Beschir gleichzeitig mit 'Abdallah Pascha die Verzeihung
des Sultans auszuwirken, und wiederum kehrte der Schihäb als Herr in
den Libanon zurück (1823). Er hatte vor seiner Abreise die Regierung
seinem Bruder Abbäs anvertraut, dessen geringe Geistesgaben die Garantie
zu bieten schienen, dass er im gegebenen Augenblicke ohne Widerspruch
zurücktreten werde. Aber die Schwäche dieses Verwesers hatte der
Schech Beschir Gumblät sich zu nutze gemacht, um sich die Herrschaft
anzumassen. In dem Kampfe, der sich alsbald zwischen dem Emir und
dem Schech entspann, nahmen die drei jüngsten Brüder des Schihäb
Partei fiir den (jumblät. Mit Hilfe 'Abdallah Paschas gewann endlich
der Emir Beschir die Oberhand; der Schech Beschir (jumblät wurde
erdrosselt und sein Leichnam den Hunden vorgeworfen^). Die eigenen
Brüder Beschirs traf dasselbe Schicksal, das einst seine Vettern erlitten
hatten: ihnen wurden die Augen ausgestochen und die Zunge abgeschnitten.
*) Vergl. Perrier, a. a. O. S. 336.
I c6 Kap. IV. Mu^amined 'Ali wird Herr in Syrien.
Zu Beginn der dreissiger Jahre sollten die kühnen Pläne Mubammed
*Alis ihrer Verwirklichung entgegengehen. Zwischen ihm und 'Abdallah
Pascha war ein ernster Konflikt ausgebrochen. Als Ibrahim, der Sohn
und Feldherr Mubammed 'Alis, die bisher als unbezwingbar betrachtete
Festung 'Akkä erobert hatte, erklärte sich Beschir offen für den Sieger
(1832). Ibrahim nahm nach einem kurzen Feldzug ganz Syrien in Besitz,
und die Egypter richteten sich häuslich im Lande ein. Mit der alten
Pascha- und Emirwirtschaft wurde aufgeräumt, und Beschir Schihäb erhielt
über ^en Libanon hinaus grosse Landstriche, sowie einen Teil der syrischen
Küste überwiesen, über die er als nahezu selbständiger Gouverneur
herrschte. Die Gewalt seiner Persönlichkeit in Verbindung mit seiner
früheren Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit hatte bewirkt, dass er von
Drusen und Maroniten mit einer fast abgöttischen Scheu gefürchtet und
verehrt wurde. Gestützt durch das Bewusstsein der Freundschaft mit
den egyptischen Herren, missbrauchte er sein Prestige, um den Liba-
nesen unerhörte Summen zu erpressen.
In seinem Schlosse Bteddin, das er in unmittelbarer Nähe von Der
il Kamar sich errichtet hatte, führte Beschir eine prunkvolle Hofhaltung.
Die Falkenjagd war sein Lieblingsvei^nügen, und der Ruf dieser Jagdzüge
und der damit verbundenen rauschenden Festlichkeiten drang bis nach
Europa. Er war ein musterhafter Gatte und Familienvater. Als seine
erste Frau starb, die er mit aller Zärtlichkeit umgeben hatte, Hess er
sich eine tscherkessische Sklavin aus Konstantinopel kommen, die er zu
seiner Gemahlin erhob und mit der er ebenfalls eine ausserordentlich
glückliche Ehe führte. Aber auch bei dieser Eheschliessung waren
politische Gesichtspunkte für Beschir n>assgebend. Er wählte sich seine
Frau nicht aus einem libanesischen Geschlecht, damit die auf diese
Weise ausgezeichnete Familie nicht zu besonderem Ansehen gelange.
Die Circassierin musste zunächst die Taufe empfangen, um dem Emir
einen weiteren Berührungspunkt mit den Maroniten zu schaffen. Die
Maroniten gegen die Drusen auszuspielen und die Drusen gegen die
Maroniten aufzuhetzen, war hinfort das wirksamste Mittel, dessen Beschir
sich bediente, um sich seine Machtstellung im Libanon zu erhalten.
Als aber die Expansionspolitik der Egypter Ibrahim Pascha im
Norden weiter vorzugehen zwang, wurden hierfür immer mehr Gelder
und Menschen notwendig. Der Steuererhebung fügten sich die Be-
wohner des Libanons, aber die Ankündigung, dass sie zum Dienst in
den regulären Truppen der Egypter herangezogen werden sollten, rief
eine ungeheure Aufregung unter Drusen und Maroniten hervor. Ibrahim
bereitete daher eine allgemeine Entwaffnung der Bevölkerung vor. Beschir
Hess zunächst die Maroniten durch die Drusen entwaffnen, denen ver-
sprochen wurde, dass sie ihre Waffen behalten dürften. Aber kaum war
Kap. IV. Aufstand der Haurnndrusen. I 57
die Entwaffnung der Christen durchgeführt, als egyptische Truppen im
Libanon erschienen und die Drusen zwangen, ihre Gewehre auszuliefern,
wobei die Maroniten Kundschafter- und Angeberdienste leisteten. Die
wehrlosen Gebirgsbewohner wurden nunmehr von den Steuererhebern
in einer so brutalen Welse ausgebeutet dass bald an allen Ecken des
Libanon Revolten ausbrachen. Auf Beschirs Rat bewaffnete jetzt Ibrahim
die Maroniten gegen die Drusen, und wenn auch die Drusen den
Christen an Kriegstüchtigkeit und Tapferkeit bedeutend überlegen waren,
so mussten sie dennoch der Uebermacht der vereinigten egyptiscjien
und maronitischen Waffen im westlichen Svrien weichen und sich unter-
werfen.
Ungleich gefahrlicher als die bisherigen Unruhen erwies sich ein Auf-
stand der Haurändrusen, der Ende des Jahres 1839 ausbrach^). Ibrahim
Pascha wollte aus dem Haurän 175 Mann zum Kriegsdienst heranziehen,
und der Wali von Damaskus, Scherif Pascha, wurde mit der Ausführung
des Befehls betraut. Als der Führer der Haurändrusen, Schech Han^^^n»
hiergegen geltend machte, es sei wegen der Verteidigung des Gebirges
gegen die Beduinen und Christen unmöglich, dass so viele waffenfähige
Leute dem Haurän entzogen würden, entsandte Scherif Pascha einen
Trupp von vierhundert Mann nach Umm iz Zctiin. um die Konskription
mit Gewalt durchzuführen. Diese ganze Schar wurde von den Drusen
getötet, nur der Anführer entkam. Ibrahim Hess darauf sechs Regimenter
in den Haurän marschieren; aber die Drusen hatten sich in die Legä
zurückgezogen, wohin die egyptischen Truppen ihnen folgten. Unter den
ausserordentlichen Terrainschwierigkeiten hatten die Egypter sehr zu
leiden, zu einer regelrechten Schlacht Hessen die Drusen es nicht kommen,
brachten aber von den natürlichen Felsenschanzen und den unzugänglichen
Verstecken der Legä aus ihren Feinden die empfindlichsten Verluste bei.
Gleich zu Beginn der Campagne war der General Mubammed Pascha
getötet worden, und bei einem Zusammenstoss in der Nähe von öeddel,
wo drei egyptische Regimenter die Stellung der Drusen zu nehmen versuchten,
blieben zwei Generäle und über dreihundert Soldaten auf der Stätte.
Die Niederlagen und Misserfolge der Egypter machten in ganz Syrien
den tiefsten Eindruck, die Haurändrusen erhielten von allen Seiten
Munition und sonstige Unterstützungen. Nunmehr beschloss Ibrahim, den
Feldzugsplan zu ändern. Er Hess der Reihe nach die Wasserstellen der
Legä besetzen und ausleeren, und zwang dadurch den grössten Teil der
Drusen, ihre Schlupfwinkel zu verlassen und sich nach dem Abhänge
des Hermon, in die Umgegend von Räschejä und Hä§bejä zu wenden.
Doch musste zur Beobachtung der Legä ein Teil der Truppen unter
i>
Verjjl. Rcy, Voyagc dans Ic Haouran pendant les ann^es 1857 et 1858, Paris o.J., S. 23 ff
I cg Kap. IV. Knde der egyptischen Herrschaft in Syrien. — Beschlrs Stnrz.
Soliman Pascha mit dem Hauptquartier gegenüber Mismije zurückgelassen
werden.
Der Sieg Ibrahims über die türkischen Truppen bei Nizib (1839)
hatte seine Stellung in Syrien nicht befestigt. Die immer wiederkehrenden
Gerüchte von einer bevorstehenden Aushebung Hessen die libanesische
Gebirgsbevölkerung nicht mehr zur Ruhe kommen, und unter dem Drucke
der gemeinsamen Gefahr schlössen sich endlich die Maroniten und die
Drusen zusammen ^). Als nun Muhammed *Ali zur Befestigung der egyp-
tischen Küste eine Nationalgarde formierte und, um diese bewaffnen zu
können, die Maroniten zur Ausheferung der ihnen übergebenen Gewehre
aufforderte, brach die Empörung im Gebirge los {1840). Grosse Scharen
von Aufstandigen, unter denen man übrigens französische Abenteurer
in leitenden Stellungen sah, wälzten sich nach Tripolis, Saidä und Berüt
Täglich wuchs die Menge der Revoltierenden, mit denen nicht nur der
Emir Kangar der Metiwilc, sondern auch mehrere Schihäb gemeinsame
Sache machten. Trotzdem blieb der alte Beschir in seiner Residenz
Bteddin unbehelligt. Die Egypter stellten drei Armeen auf, um der
Bewegung Herr zu werden^) und bei Zafele kam es zu einem Zusammen-
stoss, dessen Kosten die Maroniten allein bestreiten mussten, da die
Drusen, durch die Intriguen Beschirs umgestimmt, ihre Bundesgenossen
plötzlich im Stich Hessen. Der Aufstand erreichte damit ein vorzeitiges
Ende. Zwar leisteten die iMaroniten noch an einzelnen Orten, besonders
in Der il Kamar Widerstand, doch wurden sie bald überwältigt, und ihre
Anführer wanderten in die Verbannung.
Unterdess hatte sich die öffentliche Meinung in Europa gegen
Mubammed 'Ah erklärt. Die Türken waren im Vormarsch gegen die
cg>'ptischen Truppen, welche Syrien noch okkupierten, eine englisch-
österreichische Flotte erschien in Bcnit und nahm die Stadt für die
Türken in Besitz. Die Drusen erklärten sich offen für ihren früheren
Oberherrn, den Sultan. Mubammed *AIi zog jetzt seine letzten Streitkräfte
zurück, und damit hatte die achtjährige Herrschaft der Egypter in Syrien
ihr Ende erreicht. In dieser kritischen Zeit hatte der alte Emir Beschir
noch zu paktieren-*) versucht, aber er wurde von dem Sultan seiner
Würden für verlustig erklärt und begab sich (12. Oktober 1840) in Saidä
an Bord eines englischen Schiffes, das ihn nach Malta brachte. Später
wurde er in Konstantinopel interniert, wo er im Jahre 1851 gestorben ist.
Dem Emir Beschir ist in erster Linie die Schuld beizumessen,
dass der Gegensatz zwi.schcn den Maroniten und den Drusen in den
^} Damals wurde an den Sultan eine Petition gerichtet, in welcher Dmsen ond
Nfaroniten um die Vertreibung der Egypter und Beschirs baten.
^) Ver<jl. Perrier a. a. (). S. 380.
^} Vcrjjl. Paton, Histor\- of the Eß^)'ptian Revolution, II. Rand, S. 190.
Kap. IV. Die Entwicklung der Beziehunj^en zwischen Drusen und Maroniten. i cg
folgenden Jahrzehnten in so unheilvoller Weise zum Ausdruck kam.
Als eine arabische Enclave im Libanon fanden wir die Bekenner der
Lehre des Darazi im i I.Jahrhundert. Unter der Führung muhammedanischer
Geschlechter errangen sie eine prädominierende Stellung über die Maro-
niten ihrer Nachbarschaft, deren Vorfahren einstmals von den süd-
arabischen Einwanderern aus ihren Wohnsitzen v^ertrieben worden waren,
und über die Metäwile, die Nachkommen der alten syrischen lsma*ilier.
Nach und nach aber bildete sich ein freundnachbarliches Verhältnis
zwischen den Drusen und Maroniten heraus, drusische Geschlechter
setzten sich in maronitischen Gebieten fest Maroniten siedelten sich im
Schuf und in anderen drusischen Bezirken an. Die Drusen wurden dabei
als die Vornehmeren, die Lehnsherren, anerkannt. Aber die zahllosen
Parteikämpfe der Drusenfamilien, die Besorgnis, dass einzelne führende
Geschlechter gar zu mächtig würden, Hess zur Zeit der Schihäb die
Maroniten in dem Ringen um den Vorrang im Libanon zu immer
grösserer Bedeutung gelangen. Die Metäwile wurden schliesslich von
den Drusen und Maroniten aus dem Libanon herausgedrängt. Politische
Erwägungen veranlassten einzelne Schihäb und Bellama', zum Christentum
überzutreten*), und damit steigerte sich naturgemäss der Einfluss der
Maroniten weiter. Aber erst Beschir Schihäb hat zielbewusst die Drusen
gedemütigt und das Selbstbewusstsein der Maroniten zu einer für ihre
drusischen Lehnsherren verletzenden Ueberhebung gesteigert. Er trägt
damit zum grossen Teil die historische Schuld an den unheilvollen
Ereignissen, die unmittelbar nach seiner Absetzung den Libanon und
ganz Syrien erschütterten.
Längst hatten die Maroniten verlernt, ihren angestammten Schechs
zu folgen. Die Schihäb hatten sie an ihre Person zu fesseln gesucht und
zu diesem Zweck ein Element gross gezogen, das bis dahin nur geringen
Einfluss besessen hatte, den Klerus. Durch grossartige Besitzverleihungen
wurde der maronitische Klerus den Schihäb zum Freunde gewonnen
und gleichzeitig zum eigentlichen Führer der Volksmassen prädestiniert.
Die freundschaftlichen Beziehungen, die PVankreich zu der maronitischen
Geistlichkeit unterhielt und noch jetzt unterhält, sind oben 2) dargelegt
worden. Die maronitenfreundliche Politik Beschirs, der der Verbündete
des von Frankreich protegierten Muhammed 'Ali war, die Beteiligung
französischer Abenteurer an den von den Maroniten ausgehenden Auf-
.ständen, sowie das Verhalten der französischen Konsuln in Syrien"*) --
alles dies Hess bei jedem einzelnen Maroniten den Gedanken aufkommen,
dass er ein Schützling Frankreichs sei.
') Vergfl. oben S. 153, Anm. 3.
*) Verjjl. Kap. I dieses Werkes S. 16 f.
8N
Verg:!. Perrier a. a. O., S. 381 f. Churchill ;i. .1. ()., S. ii4fi".
1 6o Kap. IV. Emir Beichir Schihäb U. — Kampfe zwischen Christen and Dnuea.
An Stelle des alten Emir Beschir \vurde Beschir Schihäb Käsim,
der sich offen zum maronitischen Glauben bekannte, zum Häkim des
Libanon eingesetzt, ein Mann von . niedriger Gesinnung, der seiner
schwierigen Aufgabe in keiner Weise gewachsen war*). Die Drusen
nahmen diese Ernennung, die eine Konzession an die christliche Be-
völkerung des Libanon bedeutete, mit lebhaftem Misstrauen auf, da sie
weitere Demütigungen ihres Volkes voraussahen. Der maronitische
Patriarch erliess bald darauf ein Rundschreiben, in welchem die Maroniten
aufgefordert wurden, in jedem Dorf zwei Männer zu ernennen, denen die
Lokalregierung übertragen werden sollte. Wenn diese Massregel durch-
geführt wurde, so waren die Drusenschechs ihrer traditionellen feudalen
Vorrechte thatsächlich beraubt, und es ist begreiflich, dass die Kund-
gebung, die von den Maroniten Der il Kamars mit lärmender Freude b^friisst
wurde, bei den Drusen die ernstesten Befürchtungen wachrief. Schon am
14. September 1841 kam es in Der il Kamar zu einem blutigen Zusammen-
stoss zwischen den Angehörigen beider Parteien, bei dem fünf Christen
und 16 Drusen getötet und mehrere Personen ver^^'undet wurden*). Dieses
Ereignis war das Signal zu einer regelrechten Belagerung Der il Kamars
durch die Drusen. Die Stadt, in welcher der Emir Beschir Käsim sich
befand, wurde in Brand gesteckt, die benachbarten Dörfer verwüstet und
zahlreiche Maroniten fielen der Wut der Drusen zum Opfer. Dem eng-
lischen Generalkonsul gelang es endlich, Der il Kamar vor der gänzlichen
Vernichtung und dessen Einwohner vor einem allgemeinen Gemetzel zu
bewahren. Aber die Einschliessung der Stadt dauerte noch drei Wochen,
die Maroniten mussten die Waffen ausliefern und in einen schimpflichen
Abzug willigen, an ihrer Spitze verliess der Emir Beschir den Ort
Charakteristisch für die Beurteilung der damaligen Verhältnisse ist es,
dass auch diesmal, wie immer bei den Streitigkeiten zwischen Drusen
und Maroniten, die griechisch-katholischen Melkiten^) sich auf die Seite
der ersteren stellten. Die Drusen hatten einen unbestrittenen Erfolg
davongetragen, und wenn sie ihn nicht weiter ausnutzten, so war das
lediglich der Mässigung ihres angesehensten Führers, des Na'män
Ciumblät, zu danken.
Der Emir Beschir Schihäb wurde seines Amtes entsetzt (Januar 1842)
und demnächst nach Konstantinopel geschickt, an seiner Stelle wurde
*Omar Pascha, der ungari.sche Renegat, der sich später im Krimkriege
») VercrI. Churchill, a. a. O. S. 37.
-] Der Führer auf drusischer Seite war Nä^if Bcy Abu Nakad.
*l Ein grosser Teil der griechisch-katholischen Libanesen soll erst im Mittelalter in
das Gebirge ein^^e wandert sein. Sie scheinen bis zu den Ereignissen von 1860 Tiel anter
dem Uebermut und der religriösen Unduldsamkeit der maronitischen Geistlichkeit gelitten
zu haben.
K&p. IV. Verwaltungsreform im Libanon. l6l
Lorbeeren erwarb, mit der Leitung der Geschäfte im Libanon betraut.
Die Drusen waren durch ihre Erfolge übermütig geworden, die Schcchs
pochten auf ihre alten feudalen Vorrechte und machten Miene, der
türkischen Verwaltung die Anerkennung zu versagen. Sie warfen *Omar
vor, dass er, seine christliche Abstammung nicht verleugnend, die
Maroniten begünstige, und im November 1842 erfolgte ein Vormarsch
der Drusen auf Bteddin, wo sich das Hauptlager 'Omar Paschas befand.
Aber ein Heer, aus türkischen und albanesischen Truppen bestehend,
fiel den Drusen in den Rücken, während 'Omar Pascha ihnen mit seiner
Besatzung und einer Abteilung maronitischer Reiterei entgegenrückte.
Nach tapferem Widerstände wurden die Drusen zersprengt, ihre Schechs
flohen in den Haurän, viele angesehene Drusen wurden in Berät ins
Gefängnis geworfen.
Die Pforte teilte jetzt den Libanon in zwei Verwaltungsbezirke und
setzte als Grenze die Linie Berüt-Damaskus fest. In dem nördlichen
Gebiete wurde ein maronitischer, in dem südlichen ein drusischer
Käimmakäm bestellt. Die Schihäb wurden bei der Besetzung dieser
Aemter übergangen, die Pforte hatte eingesehen, dass sie mit ihnen
nicht mehr im Libanon regieren könnte, und sie kamen auch in der
Folge für die leitenden Stellungen nicht mehr in Betracht. In dem
südlichen, drusischen Bezirk wurde vorsichtiger Weise nicht ein Mit-
glied der mächtigsten und reichsten Familie, der Gumblät, gewählt,
sondern das Geschlecht der Arslän zur Regierung herangezogen, dessen
vornehme Abstammung von allen Drusen respektiert wurde, das aber
seinen Einfluss und Reichtum fast ganz eingebüsst hatte. In dem
maronitischen Gebiet wurde der Emir Haidar Isma'il Bellama' zum
Käimmalyäm ernannt, aus dessen Familie seit langer Zeit die Herren des
Metn entsprossen waren. Der drusische Regierungssitz wurde Schwcfät,
woselbst sich die Stammburg der Arslän befand, Bekfaijä wurde der
Amtssitz der maronitischen Regierung. In Der il Kamar, dessen Ein-
wohner sich unter keinen Umständen den Drusen unterwerfen wollten,
wurde ein türkischer Mudir ernannt.
Aber keine zwei Jahre später brachen neuerdings blutige Streitig-
keiten zwischen Drusen und Maroniten im Libanon aus. Diesmal ent-
sandte die Pforte Schekib Effendi aus Konstantinopel auf den Schauplatz
der Unruhen. Schekib Efifendi entsetzte den Emir Ahmed *Abbäs Arslän
seines Amtes und machte an seiner Stelle den intelligenteren Emir Emin
Arslän zum Chef des drusischen Libanonbezirks. Die Fehde hatte mit
dem Siege der Drusen geendet, der J^^ricde zog wieder im Libanon ein.
1859 starb der Emir Emin Arslän und wurde von seinem Sohn ersetzt,
einem gebildeten und gelehrten Manne, der halb europäisch erzogen war,
fremde Sprachen verstand, Bücher schrieb, aber kein Kriegsmann war.
Prhr. V. Oppenheim, Vuiu Mitteimcer zum Pcr>i«chen Goll. 11
l62 Kap. IV. Der französische Generalkonsul und der maronitische Patriarch.
•
Bald darauf brach der Streit zwischen den Drusen und den Maroniten
von neuem aus. An der Spitze der maronitischen Bewegung stand der
intrigante und einflussreiche Bischof Tobia in Berüt, dessen g^te Be-
ziehungen zum französischen Konsulat oflenkundig waren. Käimmakäm
des nördlichen Libanon war damals der Nachfolger des Abmed Bellama',
der Emir Beschir Bellama'. Diese Trias')» der französische Generalkonsul,
der Emir Bellama' und der maronitische Patriarch, vermochte längere
Zeit hindurch den christlichen Einfluss in Syrien derart zu stärken, dass
die muselmanische Bevölkerung mancher Bezirke sich im Zustand der
Notwehr zu befinden glaubte und mit den Drusen Fühlung suchte.
Der Zusammenschluss der Drusen und der Muhammedaner brachte es
zuwege, dass in der Folge auch die Melkiten sich auf die Seite der
Maroniten stellten, wiewohl sie unter deren Uebermut und religiöser
Unduldsamkeit namentlich in Zahle viel zu leiden gehabt hatten *). So
stand jetzt die ganze Christenheit des Libanon in Kampfbereitschaft.
Die Christen rechneten aus, dass sie im Gebirge wenigstens 60000 waflTen-
fahige Männer stellen könnten, während die Streitmacht der Drusen auf
höchstens 1 3 000 Mann veranschlagt wurde. Bei dem Zusammenstoss,
der alsbald erfolgen sollte, beobachtete die türkische Regierung zunächst
eine wohlberechnete Neutralität. Die Drusen waren bei diesen Kämpfen
in letzter Linie überall die Siegreichen, dank ihrer überlegenen militärischen
Disziplin, die, ein Ausfluss des feudalen Verhältnisses zwi.schen Schech
und Gefolgsmann, dem Führer den unbedingten Gehorsam und die blinde
Ergebenheit seiner Leute sicherte. Trotzdem sollte die blutige Kraft-
probe mit der politischen Niederlage der Drusen enden und eine völlige
Umgestaltung der Verhältnisse im Libanon herbeiführen.
Zuerst kam es (30. August 1859) in dem Dorfe Betmeri zu einem
Handgemenge, bei dem die Drusen eine empfindliche Schlappe erlitten.
Der folgende Herbst und Winter verging in umfassenden Kriegs-
Vorbereitungen der Drusen. Sa*id Hey Gumblät versammelte alle drusischen
Schcchs in Muchtära, und bald darauf begannen an allen Orten des Ge-
birges die Reibungen zwischen Drusen und Christen von neuem. Bei
*Aindära, in der Nähe von Zahle, kam es endlich zu einer Schlacht
(27. Mai i8(5o), in der 3000 Maroniten von 600 Drusen in die Flucht
geschlagen wurden. Die Drusen nutzten ihren Sieg rücksichtslos aus:
brennende Dörfer und zahllo-c Morde bezeichneten den Weg, den die
drusischen Trupi)s nahmen. Sa'id Hey konzentrierte jetzt seine Streit-
kräfte auf Der il Kamar, das am 2. Juni den Drusen in die Hände fiel;
die Chn.«>tcn durften vorerst ihre Watten behalten, aber die Stadt nicht
* V..r-1. Churchill a. .1. «.). ^. li'). I2l und 125.
• Vi;r::l. Julcs l-t:rroito in der Revm- da- dcux Mondes Bd. XXVIII, Paris i86o,S. 1009.
Kap. IV. Die Blatbäder von Hä^bejä und Der il Kamar. — Die Intervention Europas, i gß
verlassen. Am 3. Juni erschien ein drusisches Heer vor Hä§bejä; nach
kurzem Widerstand wurde der Ort besetzt. Die männliche Bevölkerung
wurde entwaffnet und in das Serai eingesperrt, und dann erfolgte das
erste der furchtbaren Massacres, indem die wehrlosen Christen von den
Drusen, die durch die fanatische Schwester Gumbläts, die Sitt Naifa,
aufgestachelt waren, im Hofe des Serai zu Hunderten hingeschlachtet
wurden, ohne dass Osman Pascha mit seiner Besatzungstruppe einschritt^).
Der nächste Vorstoss der Drusen galt Zahle, der Hochburg des
Maronitentums. Die Haurändrusen waren unter Isma'il il Atrasch mit
3000 Mann zur Verstärkung ihrer libanesischen Stammesgenossen heran-
gezogen, Kurden- und Beduinenhorden, selbst die Metäwile stiessen zu
den Drusen, die unter der Führung Chattär Bey 'Amäds vorrückten.
Nach wiederholten kleineren Scharmützeln kam es am 18. Juni 1860 zum
Entscheidungskampf, der mit der völligen Niederlage der Maroniten
endete. Die Drusen zogen in Zahle ein und die Stadt ging in Flammen
auf. Was sich nicht in wilder Flucht ins Gebirge und in die rein
maronitischen Distrikte retten konnte, wurde niedergemacht, aber die
unmündigen Kinder und alle Frauen wurden geschont Zwei Tage später
wiederholte sich in Der il Kamar das Gemetzel von Hä§bejä, im Serai
der Stadt wurden 1200 Christen abgeschlachtet^). Auch hier blieben
die türkischen Soldaten der Besatzung müssige Zuschauer.
Die furchtbare Erregung, welche den Libanonbezirk erschütterte,
ergriff jetzt immer weitere Kreise und steigerte auch den Fanatismus
der Muhammedaner zu einer unmittelbaren Gefahr für die Christen ganz
Syriens. Schhesslich, am 9. JuU 1860, kam es zu den bekannten
Massacres von Damaskus. Damit waren die syrischen Wirren zu einem
Ereignis der europäischen Politik geworden. Der Sultan entsandte Fuäd
Pascha, einen der hervorragendsten Männer seines Reiches, um den
Frieden wiederherzustellen, die europäischen Mächte griffen ein, loooo
Franzosen unter dem General Dufort landeten in Syrien — welche
übrigens keinen einzigen Schuss abfeuerten — , die türkische Regierung
opferte grosse Geldsummen, um das Los der unglücklichen Christen zu
verbessern. Der il Kamar, das zerstört worden war, wurde auf Kosten
der Regierung wieder aufgebaut, und die Neuordnung der Dinge, die
vorher*) dargestellt ist, wurde eingeführt.
^) Dass das Verhalten Osman Paschas nicht den Heifall seiner Kameraden halte, er-
picht sich aus der Mitteilung Ferrcttes a. a. O. S. loii.
*) Mein Gewährsmann behauptete mir jjej^enüber, dass die Mitglieder der vornehmen
drasischen Familien sich an dieser Gräuelthat nicht beteilifs^t und soviel \ne möß:lich auch
. dem Blutver^essen Einhalt zu thun versucht hätten; das Blutbad sei ausschliesslich von
Uebelthätem und Gesindel ausgeführt worden. Doch vergl. Churchill a. a. O. S. 191.
*) Vergl. oben Kap. I, S. 32 ff.
164 ^P* I^'^- ^ic NeaordDang der Dingfe im Libanon. — Nene Parteibildungen.
Seitdem ist es im Libanon ruhig geblieben, Kämpfe zwischen den
beiden Religionsparteien haben nicht mehr stattgefunden. Durch das
Eingreifen der Mächte wurde es den Drusen unmöglich gemacht, die
Früchte ihrer Siege und ihrer Grausamkeiten zu ernten. Zwar ist bei der
Besetzung der lokalen Verwaltungsstellen dem numerischen Verhältnis
der Drusen und Maroniten Rechnung getragen, und die überwiegend
drusischen Distrikte entsenden drusische Deputierte in den Conseil ad
ministratif. Aber die Machtvollkommenheit des früheren Häkims ruht
jetzt in den Händen eines christlichen Gouverneurs, und nur in einem
der sieben Kadäs*) des gegenwärtigen »autonomen Libanonbezirkes«, dem
Schuf, ist ein Druse Käimmakäm. Der Einfluss der vornehmen drusischen
Geschlechter ist geschwunden, und lediglich die sorgfältig gewahrten und
bereitwillig erwiesenen traditionellen Ehrenbezeugungen im persönlichen
und schriftlichen Verkehr mit den Abkömmlingen der alten Familien^
erinnern an die feudale Periode der Geschichte des Libanon. Die Ver-
gangenheit der Drusen macht es erklärlich, dass sie sich nur schwer und
langsam in die modernen geordneten Zustände hinein gefunden haben.
Deshalb haben z«ihlreiche Drusen den Libanon verlassen und sich nach
dem Haurän gewandt.
Der historische Parteiunterschied zwischen Gumbläti und Jezbeki
hat sich dem Namen nach bis auf den heutigen Tag erhalten, ist aber
jetzt ohne praktische Bedeutung und hat sich zu einem Wettbewerb um
die den Drusen zugänglichen Amtsstellen und den grösseren Einfluss im
Libanon verschoben. Bei diesem Wettbewerb stehen mit ihrem Anhang
auf der einen Seite die Gumblät» die gegenwärtig die vermögendste und
auch an Grundbesitz reichste Familie des Gebirges sind, auf der anderen
Seite das der Abstammung nach vornehmste Geschlecht, die Arslän,
deren Führer der heutige Käimmakäm des Schuf, Emir Mu§tafa Pascha
Arslän, ist^). Unter dem gewöhnlichen Drusenvolke hat sich seit etwa einem
halben Jahrhundert eine eigenartige Spaltung, die der Schakräwl (CJ)\yAZ»
und Samadi ^^-».^ herausgebildet. Die Schakräwi haben ihren Namen
von dem reichen und starken Bauerngeschlecht der Abu Schal^rä, ihre
Gegner sind nach der Bauernfamilie der Abu Samad benannt. Beide
P^amilien stammen aus 'Amatur. Der ganze drusische Libanon und mehr
als das, selbst die christlichen Bewohner drusischer Dörfer im Gebirge
' Veri^I. oben Kap. 1, S. 36.
- Wrirl. .luch Ritter a. a. O. IM. XVII, S. 715, 716. .\uch die ISeschränkung' der
Heiraten innerhalb der verschiedenen Kamilien;:ruppen vergl. oben S. I40) hat sich erhalten.
^ Von den üellama' halten es i^ewisse Zweii^e, nämlich die Muräd Bellama* und die
*I(1 Bellarna', mit den (iumblaj, während die Kä<Ji Hey Bellama' auf Seite der Arslän stehen.
Kap. IV. Frankreichs und Englands Stellunjiif zur syrischen Frage. ige
sind in diese beiden Gruppen gespalten, ja im Süden des Libanon
zeigen völlig christliche Dörfer diese Parteiung. Die Angehörigen der
beiden feindlichen Gruppen heiraten untereinander, aber ihre Streitig-
keiten verlaufen oft sehr blutig. Vor 40 Jahren sind in *Amätur bei
einem solchen Streit mehr als 40 Männer beider Parteien gefallen, bis
die Frauen, die auf der einen Seite ihre Brüder, auf der anderen ihre
Gatten verloren, den Kampf zum Abschluss brachten.
Auch die Verhältnisse der christlichen Libanonbevölkerung haben
sich geändert Die Maroniten bilden, wie oben ausgeführt*), die breite
Masse der Bevölkerung und stehen nach wie vor unter der Leitung ihres
Klerus, von dem freilich in jüngster Zeit die zahlreichen > Ausgewanderten«
sich zu emanzipieren trachten. Ein grosser Teil des libanesischen Grund-
besitzes befindet sich in den Händen der maronitischen Geistlichkeit,
die auch hierdurch ein politischer Machtfaktor geblieben ist. Dagegen
haben sich neben den Maroniten griechische Katholiken und MitgUeder
anderer christlicher Bekenntnisse mehr und mehr im Libanon festgesetzt,
die infolge ihres grösseren Bildungsbedürfnisses den aufgeklärteren und
geistig überlegenen Teil der christlichen Bevölkerung bilden, unter
der sie zum Teil auch an Wohlstand hervorragen. Gerade diese
Elemente sind es, welche gegenwärtig fast sämtliche höhere Aemter der
Libanon regierung und somit die eigentliche Macht in Händen haben.
Die Beziehungen Frankreichs zu der christlichen Bevölkerung des
Libanon sind unverändert geblieben. Dagegen hat England seit dem
Ende der Regierung Beschir Schihäbs die Partei der Drusen ergriffen.
Als bei den Verhandlungen der europäischen Mächte mit der Pforte,
welche den Ereignissen von 1860 folgten, Frankreich die Hin-
richtung von 1500 Drusen, darunter die Häupter sämtlicher vornehmer
Familien forderte, verlangten die Engländer die Hinrichtung ebenso-
vieler Maroniten, auch des Bischofs Tot>ia*). Diese Stellungnahme hatte
unverkennbar den Zweck, die Drusen als Gegengewicht der Christen im
Libanon zu erhalten und damit zu verhindern, dass vielleicht einmal ein
französisches »Protektorat« in Syrien sich entwickle. Bis dahin hatten
vorwiegend die 6umbläti sich von P^ngland unterstützt geglaubt^), seit
1860 betrachten auch die Jezbeki die Engländer als ihre Freunde. Ich
selbst habe in Muchtära, dem Stammsitz der Ciumblät, die Bildnisse
*) Vcrgl. oben Kap. I, S. 6 ff.
') Infoljje dessen sah ilie Pforte von den Ilinrichtun^^en ab, und die Ilaupträdelsführer
der Drusen wurden nach der europäischen Türkei und nach Tripolis verl)annt.
•) Enfi^lischer Einfluss hatte es durchjresetzt, dass Na'män Ounibläl, der Xachfoljjer
des erdrosselten Beschir ( rumblat, die Besitzungen zurückerhielt, die unter dem Emir Beschir
Schihäb von den Egyptern konfisziert worden waren. Isma'il Gumblä^, der jüngste Sohn
des Schech Beschir Crumblät, ist in En^rland erzogen worden (vergl. Churchill a. a. O. S. 88^.
166
Kap. IV. Die HanTiuilnuen.
Lord Dufferins und anderer hervorragender Engländer vorgefunden,
welche mit sehr freundlichen Widmungen versehen, im Empfangszimmer
des Schlosses einen Ehrenplatz einnahmen. Für die Stellungnahme der
Engländer haben neben politischen Erwägungen wohl auch konfessionelle
Rücksichten mitgesprochen : Frankreich war von jeher bestrebt, im
Libanon mit Hilfe der Maroniten jedes Wirken der englischen und
amerikanischen Missionen zu vereiteln und das Aufkommen des Pro-
testantismus unmöglich zu machen'). Im Gegensatz zu den (jumblät
vermeiden es übrigens die Arslän, schon weil sie deren politische Gegner
inbeduiDe (Na'emi).
im Libanon sind, englandfreundliche Gesinnungen an den T^ zu legen;
sie stützen sich jetzt rückhaltlos auf die türkische Regierung. Mehrere
Söhne Mustaß Arsläns sind in Konstantinopel, darunter einer im Mini-
sterium des Aeusseren, beamtet.
Die Neubesiedlung des Haurän durch die Drusen hatte, wie oben
dargestellt^), nach der Schlacht bei 'Aindärä im Jahre 1711 begonnen.
Seit jener Zeit aber haben fortgesetzt weitere Einwanderungen drusischer
Familien aus dem Libanon und dem Hermon nach dem Haurän statt-
gefunden, und diese Bewegung nahm einen grösseren Umfang an,
1 Vercl. Churchill a. a. O. S. 40 a. 4Z.
) Vergl. S. 150 and Kap. III S. 100 dieses Werkes.
Kap. IV. Die Haurandrnsen.
167
als mit dem Emir Beschir Schihäb die Maroniten die Oberhand ge-
wannen, vor allem aber, als später, nach dem Jahre 1860, die Verhältnisse
im Libanon dem unfiigsameh, ein geordnetes Unterthanenverhältnis un-
wiUig ertragenden Charakter der Drusen immer weniger zusagten. Im
Haurän lebten die Drusen völlig unabhängig, sie zahlten keine Steuern, und
das althergebrachte Feudalsystem regelte allein das Verhältnis von Hoch
und Niedrig. Die eigentlichen Herren des Landes waren einzelne Schech-
familien, unter denen die Hamdän die Führung hatten. Ihnen traten die
Bauern den Ueberschuss der Feldarbeit ab, und die ausserordentliche
Fruchtbarkeit des Bodens erzeugte rasch allgemeinen Wohlstand. Die
verlassenen, Jahrhunderte alten Steinhäuser der friiheren Ilauränbewohner
boten den Neuankömmlingen fast fertige Wohnungen, in die nur noch die
Thiiren einzusetzen waren. .•\uch die Kampfcslust der Drusen fand ihre
Befriedigung, fast jeden Abend wurde in einem Dorfe Alarm (i"isije)
gerufen. Zunächst galt es, die Hergbeduiiien des liaurän, welche
dort einen Teil des Jahres wenigstens ihre Horden zu weiden und sich
als Wächter des Gebirges zu betrachten sich gewöhnt hatten, zu bekriegen,
und als sie diese in Abhängigkeitsverhältnis gebracht oder ganz verdrängt
hatten, mussten sie sich gegen die unaufhörlichen Linfallc der in der
Ebene hausenden Raubbeduinen und grösseren Stämme verteidigen.
I68
Kap. IV. Plilnderang tod 6a;r il Htrir'i dnrch die Dnuen.
Die weiteren Zuzügler, die durch die nach dem Herraon und dem
Libanon dringenden Berichte über die ungleich günstigeren Zustände im
Haurän herbeigezogen wurden, halfen die Stellung der fuhrenden Familien
befestigen, die ihre verarmten Stammesgenossen mit Geld und Getreide
unterstützten. Das Geschlecht der Hamdän hatte sich im südlichen Haurän
festgesetzt, hier blühten auch die N'a^r, während im Norden die Familie
der 'Amr sassen. Nachdem die Hamdän mit Wäkid Hamdän ausgestorben
waren, traten an ihre Stelle die Atrasch'), deren Chef Isma'il il Atrasch
_ im Jahre l86o, wie bereits hervor-
gehoben, mit 3000 l^aurändrusen
an den Kämpfen im Libanon teil-
nahm').
Der wachsende Wohlstand, das
Bewusstsein der kriegerischen Ueber-
legenheit über die Beduinen und die
Erinnerung an die gegen die Egypter
errungenen Erfolge steigerten den
Uebermut der t^faurändrusen derart,
dass die türkische Regierung sich
im Jahre iS$2 veranlasst sah, Kibrisli
Pascha mit einem Heere von 35000
Mann nach dem Haurän zu eot-
senden. Bei Rabärib _^W, noch
in der Ebene, kam es zu einem Ge-
fecht, der Beginn des Krimkriegs')
machte Jedoch der Expedition ein
vorzeitiges Ende. Das Selbstbewusst-
sein der Drusen wurde durch diesen
Ausgang noch erhöht. Besonders in Damaskus benahmen sie sich
in der arrogantesten Weise, und die Damascener Hessen sie gewähren,
weil sie ihre Handelsbeziehungen mit den Hauränicrn nicht aufgeben
konnten, und weil sie wiissten, dass für den Tod jedes einzelnen Drusen
doppelt und dreifach Rache genommen werden würde.
Als aber im Jahre 1S79 die Drusen das muhammedanische Scherifen-
dorf Busr il Hariri ausplünderten, entsandte Midhat Pascha, welcher da-
■;. .-Ms ich im Jalire 1S93 deo Haurän bereislc. f»nd ich eine Kranze Aoiahl von Mit-
Rlieilem der FainiJii- .^tr.iioh im südlichen Teile rles Uebii;;cü als .Schechs beiw. als von
der Rejricruny eingesetzte Mudire.
'' Vi-rcl. oben S. [63.
'; An dem KrimkrieHB hat eine Handvoll Drusen unter dem Oberbefehl 'Ali Bey
Kap. IV. Einj^^eifen der Türkei und Verwaltungsreform im Haoran. i5q
mals Wali von Damaskus war, den General Gemil Pascha nach dem
Haurän. Bei Kiräte in der Nähe von Bu§r il Harlri kam es zur Schlacht,
in welcher die Drusen durch die Ueberlegenheit der türkischen Waffen
150 ihrer besten Reiter verloren. Sie zogen sich zurück, überraschten
aber während der Essenszeit das türkische Lager und töteten 500 Soldaten,
worauf öemil Pascha die Flucht ergriff. Midhat Pascha stellte jetzt eine
grössere Truppenmacht gegen die Haurändrusen ins Feld, aber er musste
bald einsehen, dass der Kampf ausserordentliche Anstrengungen und be-
deutende Verluste erfordern würde. Deshalb zog er es vor, sich gütlich mit den
*
Drusen zu einigen. Verschiedene Gründe sprachen dafür, ihnen besondere
Rücksicht angedeihen zu lassen. Sie unterhielten gute Beziehungen zu den liba-
nesischen Drusen, die als ein Gegengewicht gegen die franzosenfreundlichen
Maroniten und als Parteigänger der Muhammedaner Syriens galten. Auf
der anderen Seite konnten sie als Bollwerk gegen Invasionen der frucht-
baren Thäler Syriens durch die grossen Beduinenstämme der eigentlichen
arabischen Wüste gelten. Selbst die mächtigsten Stämme, wie die Wuld
'Ali und Ruala, wagten sich nicht mehr in die Nähe des Haurängebirgcs.
Der früher menschenleere Gebirgsstock war durch sie neu bevölkert
und in ein fruchtbares Ackerland umgewandelt worden. Damaskus trieb
einen schwunghaften und gewinnbringenden Getreidehandel mit dem
Haurän, und es hatte sich gezeigt, dass jede Unternehmung gegen die
Haurändrusen eine erhebliche Steigerung der Kornpreise in ganz Syrien
zur Folge hatte.
Midbat Pascha ernannte daher einen ihrer Schcchs, den Schibli Bey
.• 1..
Talljul^ f^jpdj^ zum Kaimmakam des Haurän mit dem Sitz in Suweda, und
diesem gelang es, die Drusen zur Nachgiebigkeit zu bewegen und eine
Neuordnung der Dinge anzubahnen. Das Land wurde in acht Mudirijen
eingeteilt, zu Mudiren wurden jedoch nur Drusen ernannt, Gerichte
wurden eingesetzt, in Suwedä und Bo§rä Kasernements errichtet, später
auch nach Busr il Hariri, Mismije und Mezra*a Besatzungen gelegt. Suwedä
wurde auch zur Residenz des Militärkommandanten der nach dem Haurän
gelegten Truppen ausersehen, um sowohl eine Unterstützung als eine
Beaufsichtigung des Käimmakäms zu ermöglichen. Die Drusen fanden sich
indess nicht leicht in die neuen Verhältnisse hinein, die Verwaltungsreform
blieb naturgemäss nur eine äusserliche, die Unzufriedenheit trat überall hervor.
Diese Verhältnisse benutzte der schlaue Ibrahim il Atrasch, der nach
dem Tode seines Vaters, des vorgenannten Isma*il, der Chef der Familie
Atrasch geworden war, um Schibli Bey Talhuk zu verdrängen und sich
an seiner Stelle zum Käimmakäm des Haurän ernennen zu lassen.
• • •
Inzwischen war innerhalb der drusischen Bauernbevölkerung des
Haurängebirgcs eine Bewegung entstanden, welche dahin ging, die Ab-
I70
K»p. IV. Schibli il Atras«b.
tretung des herkömmlichen Drittels der Ernte an die Schechs zu ver-
weigern. An die Spitze dieser Bauernpartei {'Ammije) stellte sich der
ehrgeizige und ränkesüchtige Bruder des Ibrahim, Schibli il Atrasch, der
Mudir von 'Ire. Infolge seiner unablässigen Heimarbeit nahm die Bewegung
einen revolutionären Charakter an, und zahlreiche Schechs mussten vor
ihren aufrührerischen Gefolgsleuten fliehen '). Die Unzufriedenheit mit
dem aufoktroyierten Verwaltungssystem hatte an diesen Unruhen starken
Anteil. Ibrahim il Atrasch
wurde von den Drusen auf-
' gefordert, den Käimoaal^äm-
titel abzulegen und sich wieder
einfach Schech Meschäich zu
nennen*). Er musste schliess-
lich nach Damaskus flüchten,
wo er die Unterstützung der
Regierung erbat. Der Waii
von Damaskus stellte ihm
eine starke Truppen macht
unter Mansür Bcy zur Verfü-
gung, mit der er im Verein
mit den ihm treu gebliebenen
Drusen sein eigenes Volk be-
kämpfte. Das siegreiche Ge-
fecht bei Suweda machte
ihn wieder zum Herrn der
Situation. Er wurde als
Käimmalfäm des Haurän
restituiert, die früheren Mu-
dire wurden wieder in ihre
Dörfer eingesetzt*).
Aber nach wie vor
^ichibii il Atraäch. blieben unruhige Zeiten im
Gebirge. Ibrahim begriff,
dass er, um sich in seiner Stellung behaupten zu können, die Unter-
stützung der Regierung nicht entbehren könne. Als davon die Rede
war, aus Drusen irreguläre Regimenter (Hamidije) zu schaffen, ebenso
' L'mer ihnen auch ,1er Schech Muh-immed Nassär von Sali.
'^; Ibrahiin haue 'ien l'arhusch ancelt;:! als Zeichen seiner forti;eschritteDen Ideen,
die Drusen vcrlan[;len, dass er sich wieder der volkslUmlichen Kopfbedeckaa(>, de* TotImd*,
beilienen aolle. VL-r:;l. üben .S. 142. Als ich ihn 1893 in SuwedÜ aufsuchte, hatte er xich
'" Erst seit dieser Zeil liuiierl die Starke der Besatiuouen in den Ter«chiedeneo
Garnisonorlen des Ilauran, wie icli sie 1S93 dürt vorfand ^iin ganien etwa 4 Bataillone).
Kap. IV. Die Belafjferang von Mezra'a. I ^ I
wie CS im Hochland Kleinasiens bei der dortigen kurdischen Be-
völkerung geschehen war, suchte Ibrahim il Atrasch sich bei der Pforte
zu insinuieren und diesen Plan zu unterstützen. Er begab sich deshalb
anfangs des Jahres 1893 mit einigen Freunden, darunter Mubammed
Na$$är, nach Konstantinopel. Aber von Damaskus aus war gegen ihn
intrigiert worden, und insbesondere hatte die französische Regierung gegen
die Bewaffnung der Drusen mit modernen Gewehren Einspruch erhoben ^).
Schliesslich sah man in Konstantinopel von dem Projekte ab, Ibrahim
il Atrasch wurde mit geringen Ehren aufgenommen, immerhin aber
wurden er und seine Begleiter durch Orden ausgezeichnet, und er selbst
erhielt den Rang eines Pascha. Bei seiner Rückkehr wurde ihm ein
schlechter Empfang bereitet, weil es ihm nicht gelungen war, einigen
Drusen, welche infolge der Ereignisse des Jahres 1890 nach Rhodos
verbannt waren, die Freiheit wieder zu gewinnen *). Bald darauf brachen
neue Streitigkeiten zwischen den beiden feindlichen Brüdern Schibli und
Ibrahim aus, bei welchen Ibrahim am Fuss verwundet wurde. Kurz darauf,
Juni 1893, besuchte ich ihn in Suwedä^), wenige Monate nach meiner
Abreise starb er.
Nach seinem Tode wurde zunächst *Omar Bey, derselbe, welchen
ich 1893 als Militär-Kommandant in Suwedä traf, mit der interimistischen
Führung der Amtsgeschäfte betraut, behielt aber gleichzeitig seinen
militärischen Posten. Während dieser Zeit blieb alles ruhig im Haurän,
da Schibli il Atrasch die Hoffnung hegte, selbst Käimma^äm des öebel
id Drüz zu werden. Als jedoch statt seiner ein in Damaskus geborener
Araber diese Stellung erhielt, begannen die Intriguen Schiblis von neuem.
Seine Leute führten Raubzüge in die Haurän -Ebene aus, bis die Klagen
der Geplünderten nach Damaskus drangen. 'Omar Bey wurde beauftragt,
Schibh gefangen zu nehmen. Er führte den Befehl im Herbst 1893 aus,
aber als Schibli nach Damaskus transportiert werden sollte, griffen nach-
eilende Drusen den Geleitzug unweit des Forts von Mezra'a an, in das
sich die Leute *Omars flüchten mussten. Mehrere Tage lang wurden sie
hier belagert, und als es endlich den Drusen gelang, der Citadelle das
Wasser zu sperren, mussten sich die Eingeschlossenen bequemen,
Schibli il Atrasch herauszugeben. Schibli, der bei dem Handgemenge
von seinen eigenen Leuten verwundet worden war, kehrte nach 'Ire zurück.
Die Verluste waren auf beiden Seiten gross, und die Regierung löste bald
darauf die Garnisonen von Suwedä und Mczra*a ab, wie die Drusen
*) Bisher hatte man nur einiß:e wenige Drusen mit Miliiär-Gewchren ausß:e8tattet, so-
weit sie als Zaptije der Mudire zu fun^^ieren hatten.
■) Nachträglich wurden diese Verbannten durch die Hilfe der Arslän, welche mit
Ibrahim il Atrasch befreundet waren, befreit. — Schibli il Atrasch galt als Freund der önmblät.
*) VergL Kap. V dieses Werkes S. 191.
■72
Kap. IV. üeneiulpsrdoi:
e EmpümDg.
meinten, um den Anlass zur Blutrache zu nehmen. Eine Kommi:ision
aus verschiedenen Notabeln von Damaskus unter Vorsitz des Mutesamf
von Schech Sa'd, von dem das Haurängebirge dependiert, untersuchte
den Fall, und auf Grund direkter Weisungen aus Konstantinopel wurde
den Drusen der Aman (Generalpardon) erteilt und Schibli il Atrasch als
Mudir in 'Ire belassen. Der bisherige Käimmakäm des (lebel id Driiz
in Suwedä wurde einige Monate später durch Jüsuf Pascha Zijä ei Chälidi
ersetzt. Dieser, ein stiller Gelehrter'), war wenig dazu geeignet, die
Megdi,'] ä
Ruhe im Haurän aufrecht zu erhalten. Nach etwa einem Jahr brachen
die Flammen der Empörung wieder offen aus, Jüsuf Zijä wurde abberufen
und Chosrew Pascha zum Käimmakäm des Haurän ernannt In diese
Zeit fallen blutige Streitigkeiten zwischen den Tscherk essen') und den
I dem
: des 1
Unler den Flüchtlingen Muhh^
dänischen, später christlich gci
ADsbreituni:; Kusslands in ilen
Wohnsiifc suchten, stehen sie
eine kurdische (irammatik verfnssL
ch am Ilermon, uic in vielen anderen Orten Syrieai, DameDÜich
rusiisch-tiirki sehen Krieges in grosserer Zahl niedergelassen.
Irin), die im Laufe dieses Jahrhunderts au früher muhamme-
urdi-nen Hegenden kumen und besonder» seit der ßTösseren
Kaukn ■Ausländern im Gebiete des türkischen Reiches neue
n erster Linie. Lin iin'osser Ted dieser Cirkassier fand m-
Kap. IV. Die Kiissam und die ZarrÄba. ly^
Drusen von Meg;del Schems an den Abhängen des Hcrmon. Die Un-
sicherheit drohte in Südsyrien allgemein zu werden, und die Regierung
ersetzte im Juli 1894 den Wali von Damaskus, Ra'üf Pascha, durch *Osmän
Pascha, der bereits einmal in Damaskus und zuletzt in Aleppo Wali ge-
wesen war. *Osmän stellte den Frieden zwischen den Tscherkessen und
den Drusen im Hermon wieder her. Aber im Haurän war die Ordnung jetzt
völlig gelockert. Die Drusen scharten sich mit Beduinentrupps zu Räuber-
banden zusammen, die sich Kassära d jL5 nannten und die Ebene durch-
zogen, auch Christen und sesshafte Muhammedaner sollen sich ihnen an-
geschlossen haben. Andere drusische Freischaren, Zarräba Aj\cJ genannt,
•
mit dem Hauptsitz in Salchad, hatten sich angeblich lediglich den Zweck
gesetzt, Ungerechtigkeiten zu steuern und den Bedrückten zu helfen. Die
alten Streitigkeiten und Spaltungen innerhalb des Drusenvolkes lebten
wieder auf, die Anarchie war allgemein, und nur die religiösen Schechs,
namentlich Hasan il Hagari ^^pt^'l jV-^ ^" Kanawät und Husen Tarbaih
A^ Jjp ^J^^>' in Suwedä, hatten noch einigen Einfluss.
Den eigentlichen Anlass zu neuerlichem bewaffneten Einschreiten der
Regierung und zu den blutigsten Kämpfen, die der Haurän in der jüngsten
hcl Ju^ u
il Haräk ti\j>- in der Nukra. Ein Damascener Kaufmann, Namens 'Osmän
Zeit gesehen, bot im Jahre 1895 ein Angriff auf die Dörfer Kehcl L^ und
en Nüri, der von einigen in dem Dorfe Kehcl ansässigen Muhammedanern
Greld zu beanspruchen hatte und nicht zu seinem Recht kommen konnte, hatte
sich an die Zarräba gewandt, um mit deren Hilfe Zahlung zu erhalten.
Die Zarräba sagten ilire Unterstützung zu, drangen im Spätherbst 1895
in Kebel ein und schleppten das Vieh fort. Darauf überfielen die
muhammedanischen Einwohner des Dorfes Kehel und des benachbarten
nächst iu Bul^^'aricn eine neue Hcimnt, die sio dann nach der dem letzten russisch-türkischen
Krießfe folgenden Umwandlung: der Verhältnisse in »kr europäischen Türkei wieder verliesscn,
nm nach den asiatischen Provinzen weiter zu ziehen. Die Pforte hat diesen Zuzüfjlern
Ländercien überwiesen, die sie meist in schweren Kämpfen mit der anjjesessenen lievolkerunjj
zu verteidijTcn hatten. Nicht selten sin<l dahei die Tscherkessen völlig aufirerieben worden.
Dieses heimatlose Element suchte stets Anlehnun;^^ an die Rei^ieruug, welche die Tscher-
kessen an vielen Orten als Gendarmen unil lieamte verwendet, so s])eziell in Syrien
(Damaskus, Palmyra'^ und in einzelnen (gebieten Mesopotamiens. L'ebrij^ens haben Circassier
seil Jahrhunderten in einzelnen muhammedanischen Ländern eine ijewisse Rolle jjespielt.
Es waren «lies die an den Höfen und im Hausstand \ornehmer Familien erzoüjenen Nach-
kommen teils freier muhammedanischer Tscherke*isen , teils in die Sklaverei verkaufter,
ursprünglich christlicher Tscherkessen, teils Angehörij^e circassi.^cher Mädchen, die in die
Harems der Grossen kamen. Ueber die circassischen Mamlukensultane ver^l. Kap. II. dieses
Werkes, S. 52, Anmerk. 3).
IVJ, Kap. IV. Die Zentörnng der Moichee vod i1 IJuäL
il Haräk eine drusische Karavane, plünderten sie aus und töteten mehrere
Leute der Begleitmannschaft. Als die Nachricht hiervon nach dem
I:Iaurän drang, eilten die Drusen racheschnaubend in die Ebene und
ccrnierten die in eine Moschee umgewandelte alte Burg von il Haräk,
in welche die Muhammedaner der beiden genannten Dörfer geflüchtet
Schech llasan il lliigaii von Kanawät.
waren. Bei der Belagerung wurden den Drusen 22 Mann getötet, dtc
Muhammedaner niussten sich jedoch ergeben und baten um Frieden; es
wurde ihnen auch das Leben geschenkt, aber die Moschee von il Haräk
wurde zerstört. Der damalii^c Mutejarrif des Haurängebietes, der Kurde
Redri Hey, war mit einigen Leuten herbeigekommen, um den Frieden
wiederherzustellen, wurde aber von den il Haräk belagernden Drusen
angegriflen und musste sich, nachdem sein Pferd unter ihm erschossen
worden war, nach Schech Sa'd zurückziehen.
Kap. IV. Die Mission Edhem Paschas. — Die Schlacht bei Kirite. 1J5
Die Zcntörung der Moschee von il Haräk verursachte nicht nur
unter den Muhammedanem der H^uränebene, sondern auch ganz Syriens
eine gewaltige Entrüstung gegen die Drusen. In damaliger Zeit war
die Aufregung infolge der armenischen Wirren eine sehr lebhafte. Man
glaubte auch in den jüngsten drusischen Unruhen den Einfluss englischer
Machenschaften^) sehen zu sollen, und die Pforte beschloss deshalb, um
neben der armenischen keine »drusische Frage« aufkommen zu lassen, die
Haurändrusen sofort mit aller Energie zur Botmässigkeit zu zwingen und
ihre Autorität fortan im öebel id Drüz in derselben Weise geltend zu
machen, wie in den muhammedanischen Distrikten Syriens. Die Drusen
versuchten, den Konflikt zunächst dilatorisch zu behandeln und baten,
den Fall von il Haräk durch eine gemischte Kommission, aus Drusen
und Muhammedanem bestehend, untersuchen und die Schuldigen auf
beiden Seiten bestrafen zu lassen; Schibli il Atrasch erbot sich, dabei
mitzuwirken, er bezeichnete als die Rädelsführer bei den letzten Unruhen
die Kassära, deren er sich entledigen wollte. Die türkische Regierung
Hess sich aber auf nichts ein, sondern entsandte Edhem Pascha mit einer
grossen Truppenmacht ins Gebirge, die in Bu§r il Hariri konzentriert
wurde. Die Drusen boten jetzt ihre Unterwerfung an, und es wurden
ihnen darauf folgende Bedingungen gestellt: sie sollten die Haurän-
Muhammedaner für ihre Verluste entschädigen, sie sollten Militärdienste
leisten, sie sollten Steuern zahlen, die rückständigen Steuern nachträglich
abliefern und sich im allgemeinen allen Vorschriften, die fiir die rein
muhammedanischen Bezirke bestehen, unterwerfen.
Während diese Verhandlungen im Gange waren, schnitten die Drusen
von Kiräte den in Bu§r el Hariri lagernden Truppen das Wasser ab. Da-
mit war der Kampf unvermeidlich geworden. Es wurden erst kleinere,
später grössere Truppenabteilungen nach Kiräte geschickt, und eine Schlacht
begann, die drei Tage lang dauerte und sich bis nach Neg;rän hinzog, ohne
dass es zu einer endgiltigen Entscheidung gekommen wäre. Im ganzen
hatten 15 — 16000 Mann auf Seiten der Türken an dem Kampfe teil-
genommen. Die Führer der Drusen rieten zum Frieden, und die Türkei
erteilte wieder einmal Generalpardon ^). Ein Teil der Drusenschechs, der
Volk.spartei angehörig, lehnte es jedoch ab, sich zu unterwerfen, der
trotzige Abu Tfilib *Amr zog sich mit seinen Angehörigen in die Harra
zurück. Die türkischen Truppen wurden nach Suwcdä vorgeschoben.
Edhem Pascha blieb zunächst unthätig und wurde bald darauf durch
'Omar Rüstern ersetzt, der dann einen militärischen Spaziergang durch
den ganzen Haurän unternahm.
*) In Wirklichkeit stehen die Pnisen (U^r all'^enieinen \Velt])olitik vullständiij fern,
and der HaurnuaMfstand dürfte Icdi^^lich auf die lokalen Vcrwicklunj^^en zurückzuführen sein.
*) In dem Kampf hatten die Drusen zwei Kanonen mit einiger Munition, sowie eine
Anzahl Gewehre erbeutet, die zurUck!:^ej;;feben werden mussten.
1^5 Kap. IV. UmgesUltung der Verwaltung. — DemUtif^ng der Drusen.
Die Anwesenheit des türkischen Militärs glaubte Schibli il Atrasch
für seine Zwecke benutzen zu können. Er mochte von der Annahme
ausgehen, dass in absehbarer Zeit die alten feudalen Verhältnisse in den
Haurän zurückkehren würden, und hielt es für geraten, unter Preisgabe
seiner früheren Stellungnahme für die Bauernpartei an die Spitze der
Schechpartei sich zu stellen, in der Hoffnung, demnächst das Käimma-
kämat in Haurän zu erhalten und dieses benutzen zu können, um die
Abgaben der Bergbewohner in seine Tasche abzuleiten. Auf Grund
seiner Denunziationen wurde eine grosse Anzahl seiner früheren Partei-
gänger festgenommen. 'Omar Rustem Hess bekannt geben, dass alle
Drusen, die nach Suwcdä kommen würden, um sich zu unterwerfen,
straffrei ausgehen sollten. Aber dieses Versprechen wurde nicht ge-
halten. Abu Tälib *Amr erschien, um Schibli il Atrasch anzuklagen,
dass er es gewesen sei, der die Drusen gegen il Haräk und Kebel
geschickt habe, und die Türken Hessen nunmehr sowohl Schibli il
Atrasch als Abu Tälib *Amr festnehmen. Mit ihnen sind eine grosse
Anzahl vornehmer Drusen in die Citadelle von Damaskus gewandert,
darunter fast die sämtlichen Atrasch, Suleimän Chälid und der Schcch
Hasan il Hagari. Beim Eintritt in die Stadt soll ihnen öfter von den
erbitterten Damascenern schlecht mitgespielt worden sein. Mehrere
hundert Drusen wurden von Rustem Pascha als Rekruten nach Kreta
gesandt, wo die meisten allerdings desertierten. Schibli wurde bald
darauf über Berüt nach Anatolien gebracht, weil er im Verdacht
stand, noch im Gefängnis an der Aufwiegelung der Drusen beteiligt
zu sein. Eine allgemeine Entwaffnung der Haurändrusen wurde an-
geordnet, aber viele vergruben ihre Gewehre und entzogen sie auf diese
Weise der Konfiskation.
Inzwischen waren überall an Stelle der früheren drusischen Schechs
Türken oder Tscherkessen als Mudire eingesetzt worden; nur Ibrahim U
Ka<Jmäni und Muhammed Nas§är blieben im Amte, ersterer in Schuhba,
letzterer in Sali. Die türkischen Truppen waren bis auf sechs Bataillone,
welche unter dem Oberbefehl von Mamdüb Pascha in Suwedä und Bu§r il
Hariri verblieben, zurückgesandt worden; etwa loo Soldaten wurden nach
Bosrä eski Schäm detachiert, die Festung Mezra*a wurde geschleift. Dafür
wurden kurdische Zaptijes in grosser Zahl nach dem Haurän gebracht,
deren annias-^endes Benehmen viel dazu beitrug, die unter der Asche
glimmende Empörung des Volkes wieder anzufachen. Die religiösen
Brauche der Drusen wurden der Gegenstand des Spottes und ihre An-
dachtsübungen wurden oft ge-^tört. Völlig kleinlaut geworden durch
die ausserordentliche Machtentfaltung der Regierung, suchten einzelne
sich in den Aeusserlichkeiten der Religion den Muhammedanem an-
zupassen. Sie bauten selbst eine kleine Moschee in Suwedä, aber
Kap. IV. Die Vorgänge in Kanawät und *Orinän. \nn
wenn ein Druse zum Beten kam, so wurde er als Heuchler beschimpft.
Ganz besonders musste es die im Punkte der weiblichen Ehre so fein-
fühligen Drusen kränken, dass ihre Töchter mehrfach für türkische
und arabische Harems begehrt wurden. Zu allem diesem Ungemach
kam noch hinzu, dass die Bergbeduinen des Haurän, welche früher
die Diener und die Hirten der Drusen waren, plötzlich in der frechsten
Weise gegen ihre ehemaligen Herren auftraten.
Es konnte nicht ausbleiben, dass die Flammen des Aufstandes
schliesslich wieder hell emporlohten. Die ganze Nation war lange zum
Aeussersten entschlossen, als zwei Fälle den Anlass zum Kampfe gaben.
In Kanawät war zwischen Bergbeduinen und Drusen ein Kampf aus-
gebrochen, den zu schlichten der Kommandant von Suwedä einen Trupp
Reiter entsandte. Aber anstatt die bezichtigten Drusen festzunehmen,
versuchten die türkischen Soldaten, die angesehensten Männer des Ortes
zu ergreifen. Als die Drusen Widerstand leisteten, wurden weitere
lOO Reiter von Suwedä abgeschickt, mit dem Auftrage, nötigenfalls das
ganze Dorf niederzubrennen. Es wurden auch fünf Häuser eingeäschert
und die Notabein von Kanawät nach Suwedä gebracht. Der zweite Fall
hatte einen blutigeren Verlauf. Ein Druse von *Ormän hatte einen Befg-
beduinen angeschossen. Daraufhin wurde der türkische Bimbaschi
'Abdallah Effendi mit 30 kurdischen Gendarmen und mit ihnen ein
Druse, der als Offizier in türkische Dienste getreten war^), sowie dessen
Sohn nach *Ormän entsandt Die Zaptije und die beiden Drusen wurden
bei dem Schech Abu Cher untergebracht, der sie gastfreundlich aufnahm.
Während der gemeinsamen Mahlzeit verlangte der drusische Offizier in
barscher Weise von seinem Wirt den Aufenthalt des schuldigen Drusen
zu erfahren. Als er eine abweisende Antwort erhielt, zog er seinen
Revolver und schoss Abu Cher nieder; die natürliche Folge war, dass
der Thäter und seine kurdischen Zaptije hingemetzelt wurden. Der
Mudir des Distriktes, 6umblät Bey, ein Circassier, der in Malab
residierte, kam auf die Kunde mit sieben Reitern hinzu, wurde aber
ebenfalls mit seinen Leuten getötet. Nur ein Mann entkam und
brachte die Mitteilung von der Blutthat nach Suwedä. Hier waren die
Ansichten über die zu ergreifenden Schritte geteilt. Man entschied
sich endlich dahin, sofort die Drusen in 'Ormän zu züchtigen und nicht
erst, wie von anderer Seite vorgeschlagen wurde, grössere Truppenkräfte
in Suwedä zu konzentrieren.
So gingen zwei Bataillone, im ganzen 800 Mann, mit zwei Kanonen
nach *Ormän ab. Die Drusen waren jedoch auf der Hut und über-
^) Auch heute dienen noch mehrere Söhne dnisischer Schechs als türkische Offiziere
in Damaskus.
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Penischen Golf. 12
1^3 Kap. IV. Die Schlacht bei *IjuD. — Die Belagerung von Suwedä.
fielen die türkischen Truppen bei *Ijün unweit von Salchad, woselbst
sie ihnen eine sechsstündige Schlacht lieferten, die mit der Vernichtung
des grössten Teils der Regierungstruppen endete, während die Drusen
HO Mann verloren. Muhammed Ära von öerüd, welcher gleichzeitig
mit einer kleinen Abteilung seiner irregulären Beduinenreiter nach *Ormän
gesandt worden war, erschien zu spät, und die Drusen bedeuteten ihm,
sich zurückzuziehen, da sie mit ihm befreundet seien. Mubammed Ära
zog es vor, Suwedä zu meiden, und verschwand in der Steppe. Als-
dann zogen die Drusen nach Suwedä und cernierten die etwa i km
westlich oberhalb der Stadt auf einer Höhe gelegene Citadelle, in der
noch zwei Bataillone, die Frauen der Offiziere und die hohen türkischen
Beamten der Stadt, im ganzen etwa looo Menschen, lagen. Die muham-
medanischen Bewohner von Suwedä flüchteten in die Ebene, die drusischen
Frauen verliessen den Ort mit allem Gepäck und begaben sich nach
Kanawät. Darauf schritten die Drusen, deren Schechs zuvor in Kanavvät
zusammengetreten waren, zum Bombardement der Citadelle von Suwedä,
einer der kurdischen Gefangenen musste das bei *Ijün erbeutete Geschütz
bedienen. Nachdem aber die Terrasse der Kaserne zum Teil zusammen-
geschossen war, und die in der Festung eingeschlossenen Frauen zu
jammern begannen, wurde auf Anraten Muhammed Na$$ärs das Bom-
bardement eingestellt, und auch bei den übrigen Drusenschechs drang
die Auffassung durch, die Feindseligkeiten nicht zum äussersten zu
treiben. Die Absicht der Belagerer, der Festung die Wasserzufuhr ab-
zuschneiden, wurde von einem Teil der in Suwedä wohnenden Drusen
vereitelt, ein Dienst, der ihnen von der Regierung später nicht ver-
gessen wurde.
Inzwischen war die Nachricht von den Ereignissen im Haurängebirge
nach Damaskus gedrungen und hatte dort eine grosse Aufregung
hervorgerufen. Die Centralregierung in Konstantinopel beschloss, mit
allen Mitteln den neuen Aufruhr zu ersticken. Der Wali von Damaskus,
'Osmän Nur! Pascha, wurde seines Postens enthoben und an seine Stelle
Hagi Hasan Pascha, welcher durch seine Amtsführung des Wilajets
Bardäd bei der Pforte in gutem Ansehen stand, nach Damaskus berufen.
Bis zu seiner Ankunft wurde der Gouverneur von Berüt, Na§übl Bey^
mit der interimistischen Wahrnehmung der Amtsgeschäfte betraut. Gleich-
zeitig wurde der Kommandeur des 5. Armeekorps, *Omar Ruschdl Pascha,
durch den F*eldmarschall (Muschir) Tähir Pascha ersetzt. Von allen
Richtungen her wurden reguläre Truppen nach Damaskus gezogen und
die Landwehr verschiedener Jahrgänge in Syrien aufgeboten. Die
Besorgnis in Damaskus war um so grösser, als man dort befürchtete,
dass die libanesischen Drusen sich ihren Stammesgenossen im Haurän
Kap. IV. Die Anfregung in Damaskus. — Der Kampf am Teil Hadid. j^g
anschliessen würden^). Auch traute man den grossen Beduinenstämmen,
welche sich zum Teil nicht weit von Damaskus in der Syrischen Wüste
aulhielten, nicht — mit Unrecht: dieselben stellten sich vielmehr sofort
auf die Seite der Regierung, insbesondere nahm der Schech der Ruala,
Sottäm Ibn Scha'län, an dem Kampfe gegen die Drusen teil und stellte
den Türken Kamele für den Transport von Schech Miskln nach Suwedä
zur Verfügung. Die *Aneze, zu denen die Rualabeduinen gehören,
betrachten die Drusen als ihre Erbfeinde, weil diese ihre Raubzüge in
der Nukra bedeutend eingeschränkt haben, und weil sie den Berg-
beduinen des Haurän, der Le^ä und der Rubbe ihren Schutz angedeihen
lassen, so dass diese kleineren Stämme sich Razus gegen ihre viel mäch-
tigeren Nachbarn erlauben können. Nur diese Bergbeduinen blieben auch
während der letzten Ereignisse den Drusen treu*).
Tähir Pascha rückte Anfang Juli 1896 mit einer Heeresmacht von
ungefähr 30000 Mann von Schech Miskln, bis wohin hauptsächlich die
Eisenbahn zum Truppentransport benutzt wurde, gegen den Haurän vor.
Am ersten Tage wurde bis id Därä unweit östlich von il Haräk marschiert,
am zweiten Tage das Lager auf der Höhe bei Teil HadId aufgestellt,
am dritten Tage begannen die Kämpfe. Die Truppen, welche von Teil
HadId wieder bergab und dann die steile Anhöhe des Haurän nach
Suwedä zur Entsetzung der dortigen Garnison emporklimmen mussten,
wurden von dem Feinde unausgesetzt beschossen. Die Drusen besassen
trotz der von Edhem Pascha angeordneten Waffenkonfiskation eine grosse
Anzahl von guten Gewehren; ihre alten versteckten Bestände hatten sie
durch Ankauf bei Berüter und Damascener Händlern ergänzt, und durch
den unglücklichen Tag von *Ijün waren weitere Waffen in ihre Hände
gefallen. Es dürften etwa 6 — 7000 Drusen an den Kämpfen dieses Tages
teilgenommen haben, welche den türkischen Truppen viele Hunderte von
Toten und Verwundeten kosteten. Aber Tähir Pascha gelang es noch
an demselben Tage, Suwedä zu nehmen. Die Besatzung der Citadelle
^) Dass dies nicht (reschah, ist ein entschiedenes Verdienst des Libanon-Gouverneurs
Na'^üm Pascha und des Emir Mustafa. Arslän.
') Ihren Höhepunkt erreichte die Bewef^^nqf in Damaskus, als während des ei^cnüichen
Hauränfcldzue^cs im Juli der Schech Ismall il Hazil aus Salchad mit etwa 400 Drusen,
unweit Rabärib in der Nähe des Dorfes Subba, ungefähr 8 Stunden von Damaskus entfernt,
500 Lasttiere, welche mit Getreide aus der Hauränebene nach Damaskus {ringen, abfing.
Ein Teil der muh<immedanischen Bevölkerung: von Damaskus verlangte, von der Regieruni^
bewaffnet zu werden, was Na^ült^i Hey wohlweise ablehnte. Die Nacht jedoch waren zahl-
reiche Leute vor den Thoren versammelt. Insbesondere glaubten die Christen für ihr
Leben und ihre Habe fürchten zu sollen. 'Omar Pascha, der älteste der in Damaskus
weilenden Söhne des algerischen Emir 'Abd el Kädir, machte sich unter anderen um die
Beruhigung der Gemüter verdient. Tähir Pascha schickte infolge des Vorkommnisses sofort
ein Bataillon und 150 Reiter als Wache nach Subba.
12*
I 80 Kap. IV. Ucr Fall Sawcdäs. — Die Schlacht am Teil Knleb.
hatte einen Ausfall gemacht und war den herannahenden türkischen
Truppen entgegen gekommen, worauf die Drusen ins Kreuzfeuer ge-
nommen wurden. Nach dieser Niederlage verliessen die Drusen fast
.sämtliche Dörfer im Haurän. Die Frauen und Nicht-Combattanten wurden
teils nach dem (jcbel Kulcb, einem der höchsten Punkte des Gebirges, teils
nach der ILirra und der Le^ä in Sicherheit gebracht. Mubammed Nassär
hatte sich mit über looo Dru.sen zu seinen Freunden, den Riät, in die
Safabcrge zurückgezogen, da er an dem Kampfe gegen die Regierung
nicht teilnehmen wollte.
Nach einer Woche brach die erste Division des türkischen Heeres
unter Mamdiih Pascha, im ganzen acht Bataillone mit sechs Feldkanonen,
nach dem (iebel Kulcb auf, während die zweite Division unter A gib Pascha
in Suwcda blieb. Tahir Pascha wollte die drusischen Frauen gefangen
nehmen, um dadurch die Männer zur Unter\verfung zu zwingen. Aber die
Drusen, deren Hauptmasse bei Kanawät vereinigt war, eilten alsbald eben-
falls nach dem Teil Kulcb, woselbst es zu einem heftigen Zusammenstoss
kam. Auch diesmal siegten die Türken mit ihrer gewaltigen Ueberzahl,
doch gelang es den Drusen, ihre Frauen wegzufuhren; die meisten wurden
nach Schuhba gebracht, die übrigen nach der Legä, wo die dortigen
Suhlt- Beduinen ihnen Schutz gewährten. Tähir und Mamdüb Pascha
wandten sich jetzt, ohne dass sich der Gegner ihnen stellte, nach Kana-
wat, das inzwischen gleichfalls von den Drusen verlassen worden w-ar, und
schlugen dort ihr Lager auf. In der nächsten Nacht überraschten die
Dru.sen unter Chalil 'Amr die Türken und töteten und verwundeten über
loo Mann. Innerhalb des Lagers wurden 40 Drusen als Leichen gefunden.
Den türkischen Soldaten war inzwischen die Munition fast ausgegangen,
aber 'Omar Hey, dem früheren langjährigen Militärkommandanten von
Suwcda, gelang es am Tage darauf, mit nur einem Bataillon sich nach
Suwcda durchzuschlagen und die Truppen in Kanawät wiederum mit
Patronen zu verschen. Nunmehr wurde der Marsch nach Schuhba fort-
gesetzt, eine halbe Stunde vor dem Ort wurde auf einer Höhe bivouakiert.
Abermals wagten die Drusen während der Nacht einen Angriff auf das
Lager. Am nächsten Tage fiel Schuhba, trotz tapferer Gegenwehr, den
Türken in die Hände. An der Erstürmung des Ortes, die drei Stunden
dauerte, nahmen acht Nizam- und vier Redif-Bataillone teil. Die Verluste
der Drusen sollen mehrere hundert Mann betragen haben; der Rest zog
sich jetzt in den inneren Teil der Le^ä zurück.
Die türkische .Armee übernachtete in Schuhba, marschierte Tags
darauf in den südöstlichen Zii>fel der Lci^ä hinein, und die erste Division
bahnte sich über die zerklüfteten Lavafelsen des vulkanischen Plateaus
einen Weg bis nach *Ahire. Hier lagerten die Truppen* obwohl ihnen
das Wasser abgeschnitten war; am folgenden Tage aber beschloss Mamdüb
Kap. IV. Die Unterwerfung der Drusen. igj
Pascha, über Negrän nach Kiräte am Südrand der Legä zurückzu-
marschieren. Vier Tage wurde in Kiräte Rast gemacht; die Soldaten
hatten durch die Hitze, die Strapazen und die Kämpfe ausserordentlich
gelitten, trotzdem gingen die Truppen abermals nach der Legä vor, und
das Lager wurde nach Bu?r il Hariri verlegt. Hier boten die Drusen
endlich ihre Unterwerfung an. Inzwischen war die Mitteilung von dem
verzweifelten Widerstand der Drusen bis nach Konstantinopel gedrungen
und hatte dort die Ueberzeugung reifen lassen, dass die Einstellung der
Feindseligkeiten ratsam sei. Ausserdem sprachen die Erschöpfung der
türkischen Truppen und die starken Verluste, die insbesondere die Division
Mamdühs bei den letzten Kämpfen zu verzeichnen hatte, für eine gütliche
Beendigung des Feldzuges. Tähir Pascha verlangte die Auslieferung aller
Drusenschcchs, die Zurückgabe aller Waffen und der bei *IjQn eroberten
zwei Kanonen. Die Drusen sagten alles zu, worauf der Sultan seinen Aman
sandte. Tähir Pascha ordnete einen militärischen Rundgang durch das
Gebirge an, welcher von acht Bataillonen ausgeführt wurde, und bei
welchem alle Waffen, deren man habhaft werden konnte, mit Beschlag
belegt wurden. Zunächst wurden sämtliche Schcchs in Suwedä vereinigt
und dann wieder in ihre Dörfer zurückgeschickt. Eine Volkszählung
zum Zwecke der Einstellung der Drusen als Soldaten wurde angeordnet.
Auch Mubammed Naj=j.sär war, nachdem der Aman des Sultans bekannt
geworden, aus der Safä nach dem Haurän zurückgekehrt; ein nicht un-
beträchtlicher Teil der Drusen blieb indes, aus Furcht, nachträglich doch
noch zur Verantwortung gezogen zu werden, teils in der Lcgä, teils
unter der Führung Chalil *Amrs in der Ruhbe und den unzugänglichen
Safäbergen zurück.
Die Drusen wünschten, dass ein aus ihren Stammesgenossen und aus
Muhammedanern zusammengesetzter Ausschuss über die obschwebenden
Streitfragen beraten möge, die Pforte entsandte indess aus Konstantinopel
eine Kommission, bestehend aus dem Conseiller de droit Hakki Bey,
dem President de la Section criminelle de la Cour de Cassation, Schewki
Bey, und einem Beamten des Seraskiriats, Namens Malik Flffendi. Kurz
nach dem Eintreffen dieser Kommission wurde Tähir Pascha durch den
Muschir 'Abdallah Pascha, denselben, der kurz vorher in Kreta gewesen
war, ersetzt. Dieser ging alsbald wieder in strengerer Weise gegen
die Drusen vor. Er lies» einen zweiten militärischen Rundgang durch
das Gebirge unter Mamduh Pascha ausführen und zahlreiche drusische
Schechs festnehmen, die dann, meist begleitet von ihren Familien, haupt-
sächhch nach Anatolien verbannt wurden. Etwa 200 vornehme Drusen
wanderten in das Exil ^), darunter auch Muhammed Na.ssär, obwohl er der
^) Die noch in Damaskus aus früherer Zeit ^efan^en gehaltenen Drusen wunien bei
dieser Gele^^^enheit mit verschickt.
lg2 Kap. I\'. Gegenwärtiger Zustand im Haurän.
Regierung zweifellos manche Dienste geleistet hatte. Mehrere Hundert
Drusen wurden ausserdem als Rekruten nach Tripolis gesandt, wo sie
jedoch zunächst keine Waffen erhielten, sondern nur eingereiht wurden,
um sich an militärische Zucht und Ordnung zu gewöhnen. Diese Mass-
nahmen hatten zur Folge, dass abermals zahlreiche drusischc Familien
in die Leg^ä und die Harra flüchteten.
Bald darauf wurde indess der Aman erneuert, und 'Abdallah Pascha
verliess mit seinen Soldaten den Haurän, worauf die geflüchteten Drusen
allmählich wieder ihre alten Wohnstätten aufsuchten. Chalil *Amr blieb
bis zum Beginn des griechisch-türkischen Krieges in der Harra und kehrte
erst auf Grund eines Spezialpardons zurück. Als Käimmalj:äm des Haurän-
bezirkes wurde ein Tscherkesse, öawäd Bey, eingesetzt, die Mudirijen
wurden von acht auf fünf herabgesetzt, unter denen sich nur noch zwei von
Drusen verwaltete befinden, nämlich Schuhba unter Hamed Atrasch und
Sali unter Sälem Abu Arslän. In die früheren Garnisonorte, Suwedä,
Bu$r el Hariri, Brak, Mismije^) und Bo§rä Eski Schäm wurden wieder Be-
satzungen gelegt. Die Kaserne von Mezra*a ist, wie bereits erwähnt, ge-
schleift worden und wird auch nicht wieder aufgebaut, da sie kein eigenes
Wasser besitzt und schlecht zu verteidigen ist. Als Zaptije sind Kurden
angestellt.
Seitdem ist es im Haurän, wie auch im Hermon ruhig geblieben;
das energische Vorgehen 'Abdallah Paschas hat die Drusen gänzlich
entmutigt, in den letzten Kämpfen haben sie nahezu looo Mann ver-
loren, abgesehen von den Verbannten und Konskribierten. Ihr Wohl-
stand hat durch die lang andauernden Kämj)fe sehr gelitten, fast ihr gesamtes
Vieh ist ihnen durch die Räubereien der Tscherkessen und Beduinen ab-
handen gekommen. Vor allem aber empfinden sie es auf das schmerz-
lichste, dass sie ihrer angestammten religiösen und weltlichen Führer
beraubt sind. Als ich im Jahre 1897 wiederholt in Damaskus weilte,
kamen mehrere Deputationen der Drusen sowohl vom Haurän als auch
von den Abhängen des Hermon, aus Räscheijä, Hä.sbejä und Meg^del
Schems zu mir. Mein früherer Aufenthalt im Haurän war ihnen in
der Erinnerung geblieben, und sie hofften, dass ich als Unterthan
Seiner Majestät des deutschen Kaisers, dessen Freundschaft mit dem
Sultan sie kannten, ihnen nützlich sein und insbesondere die Rück-
berufung ihrer Schechs oder wenigstens einzelner derselben betreiben
könne. Es war ein malerischer und ergreifender Anblick, wenn die Reihen
weissbärtiger Männer mit ihren Söhnen in würdigster Haltung herankamen,
um mir ihre Klagen vorzutragen. Namentlich die Verbannung Mubam-
\ Lci<ler sind die schönen Tempelrcsta von Mismije fast ganz in die vor einigen
Jahren neu errichtete Kaserne verbaut worden.
Kap. IV. Gegenwärtiger Zustand im Hanran. I83
med Na§§ärs wird von den Drusen noch immer als eine befremdende
und nicht gerechte Mafsregel betrachtet.
Im übrigen scheinen sich die Haurändrusen in die neuen Ver-
hältnisse allmählich hineinzuleben. Bei der ausserordentlichen Frucht-
barkeit des Gebirges dürften sie sich wirtschaftlich bald wieder erholen,
die versöhnliche Politik, welche der jetzige Wali von Damaskus ihnen
gegenüber befolgt, trägt, wie ich noch in jüngster Zeit aus Syrien und
zwar auch von drusischer Seite hörte, gute Früchte. 'Abdallah Pascha
ist aus Damaskus abberufen^) und durch Halcki Pascha ersetzt. Von
dem Plane, die Drusen zum regulären Militärdienst heranzuziehen, hat
die Regierung vorläufig Abstand genommen und will damit warten, bis
die Zustände im Haurän sich weiter befestigt haben. Ich halte es nicht
für unwahrscheinlich, dass die Durchführung dieser Mafsregel den Anlass
zu neuen Unruhen im Haurän geben würde.
^) Er erhielt das Kommando des VII. Armeekorps in Jemen mit der besonderen
Mission, den Aufstand in Südarabien zu unterdrücken.
tj)?
V. KAPITEL.
Durch das Hau ran -Gebirge
(äebel id Drüz).
Bu^r il Hariri. — II MezraM. — Suwedä. — Ibrahim Pascha il Atrasch. — Ein Festmahl
bei den Drusen. — II Kanawät. — 'Ire. — (iemerrin. — Bosrä Eski Schäm. — SaJchad. —
Schech Mubaiiimed il Afrasch. — Romerstrassen. — Sali. — Die Nekropole bei Sali.
Bei Bu.«iir il Hariri i^j j>^ j^a^ fand ich, wie berichtet, mein Lager
aufgeschlagen und zwar am Fusse der hier steil in die Ebene abfallenden
Le^ä oU-, während der Ort selbst, ebenso wie die hier befindliche
türkische Kaserne, auf dem Lohf i^ii-, dem Rande des Lavaplateaus
liegt. Unweit des Lagerplatzes führte eine steinerne Brücke über den
Wädi il Kanawät. Nur der kleinste Teil der alten Steinhäuser von Bu§r
il Hariri ist zur Zeit bewohnt, die Bevölkerung besteht zum grösseren
Teil aus Muhammedanern, zum kleineren aus Christen.
Burckhardt^) giebt an, dass der Ort im Jahre 1810 hauptsächlich
von Drusen bewohnt gewesen sei, während Buckingham^) ausdrücklich
betont, dass zur Zeit seiner Anwesenheit(i8i6)der Ort nur Muhammedanern,
und zwar etwa hundert Familien, zum Aufenthalt gedient habe. Auch
(irahanr*) fand 1859 in Busr nur Muhammedaner, die ihn recht un-
freundlich empfingen, wenn es ihm auch nicht so schlimm erging, wie dem
Reisenden Porter^) in dem wenige Stunden westlich gelegenen Ezra*.
Gegenwärtig sind die Verhältnisse in l^usr il Hariri vollständig geordnete,
'' J. L. Hurckhardt, Travels in Syria and the Holy Land, London 1S22, S. 64.
- J. S. Buckinj^liain, Travels araonir the Arab iribes inhabiünt^ the countries east
of Syria and Palestine, Lon<lon 1S25, S. 265.
'^\ Verj;l. Journal of the Royal Geographical Sociely, Band XXVUI, S. 260.
*' J. L. Porter, Kive years in Damascus. London 1S55, Band II, S. 216 u. 230.
Kap. V. Bu§r il Harirl. 185
nachdem der Ort Sitz eines Käimmakäm geworden ist, dem ein halbes Tabor
(Bataillon) Infanterie und eine Abteilung Reiter zur Verfügung stehen.
In Bu§r liegt das Grab des Lokalheiligen il Hariri ( *der Seidenweber«),
nach welchem noch mehrere Orte der Umgegend benannt sind; an-
geblich soll hier in einer Moschee, die westlich von der Kaserne, gleich-
falls dicht am Rande des Lavaplateaus, steht, der Prophet Elischä*
p-uLjJI (Elias oder Elisa?) begraben sein, zu dessen Grab an gewissen
Tagen Christen und Muhammedaner wallfahrten. Die Moschee ist ein
aus alter Zeit stammendes Kauwerk, welches von zwei mit modernen
Spitzenaufsätzen versehenen Türmen flankiert ist und mit seinem weissen
Kalkanstrich als Wahrzeichen des Ortes weithin in die Ebene hinableuchtet.
Zahlreiche, allerdings stark zerfallene Bauten .aus der Rassaniden-Zeit
lassen erkennen, dass hier einstmals eine umfangreiche Niederlassung
bestanden hat; namentlich erweckte ein weitläufiges, mit Pfeilern und
Bogen geschmücktes Gebäude, das »Schloss«, dessen Aussenseite unweit
des Portals eine grosse griechische Inschrift, sowie eine kürzere arabische
in kufischer Schrift trug, mein Interesse. Der Beginn der aus 13V2
Zeilen bestehenden griechischen Inschrift (die erste Zeile und die
ersten Buchstaben der zweiten Zeile) deckt sich mit der Nummer 2472
in Waddington's Inscriptions grecques et latines ^). Leider habe ich nur
den Anfang an Ort und Stelle flüchtig aufgenommen, weil ich vermutete,
dass die Inschrift bereits von früheren Forschern abgeklatscht worden sei.
Da ich sie jedoch bisher nirgend wiedergegeben fand, folgen nachstehend
die von mir aufgezeichneten Zeilen.
ZHCHOAEAOCOAIAACKAOC
Z TY/BOCYnOYOAI0)NHAK
APCOl/tO AETOaeNIKeTAYCY .
KAHTOY /ONO MA
Die arabische Inschrift ist nicht mit Sicherheit zu lesen; die Zeichen
scheinen Folgendes zu geben:
\ • • ^
Darunter finden sich auch einige Zeilen in feinerer Schrift.
Von einem etwas erhöhten Punkte bot sich eine ausserordenthch
wirkungsvolle Aussicht: südlich lag die düstere Stadt mit ihren not-
dürftig wieder hergestellten und zum Teil noch in Ruinen liegenden
Häusern aus Dolerit- und Lavablöcken, die nur wenig von dem Unter-
\^ \V. H. Waddinsjton, Inscriptions grecques ei latiues de la Syrie, Paris 1S70.
Inschriften, S. 562, Text, S. 566. Die von Wadciington kopierte Inschrift wurde jedoch
nicht am Schloss, sondern in der »kleinen Kirche<< gefunden.
l86 Kap. V. II Mezra»a.
grund abstachen; nach allen anderen Richtungen dehnte sich weithin
die Le^ä mit ihren erstarrten Lavamassen, aus denen nur hier und da
wie gelbe Punkte einzelne steinfreie, dem Getreidebau dienende Flächen
hervortraten, welche nach der Regenzeit mit Gerste und Mais bestellt
werden.
Am folgenden Tage traten wir den Marsch nach Suwedä \Jü^^ an,
der uns in südöstlicher Richtung führte. Die Leg^ä und die alte Ruinen-
stadt Neg^rän*) blieben nördlich liegen; zu unserer Linken wurden die
verfallenen Reste der Städte Karrä§e <^'^ und Sig^n /Pt-^, zur Rechten
E)ür j j^ und I§lftba <^i^\ passiert, — wildromantisch auf kleinen Berg-
kuppen gelegene Felsennester. Ob diese Orte lediglich alte Ruinen-
städte oder heute wieder bewohnte Dörfer sind, habe ich nicht feststellen
können.
In il Mezra*a APj 'X\ fanden wir auf einer isolierten Anhöhe eine
türkische Kaserne, zu welcher die abgetragenen Baureste eines noch von
Burckhardt^ gesehenen alten Kastells, sowie die Ruinen eines Dorfes aus
der sabäischen Glanzperiode des Haurän die Bausteine geliefert hatten.
Das umfangreiche, ein Viereck bildende Gebäude lag links vom Wege;
es hatte, wie die meisten türkischen Kasernen, ein einziges starkes
Thor und schloss einen grossen Hof ein, während rechts noch die
Grundrisse einzelner alter Häuser zu sehen waren, neben denen sich
kleine Gartenanlagen befanden. In früherer Zeit soll hier eine gute
Quelle vorhanden gewesen sein, die nach der Volkssage von Timur-
Lenk verschüttet worden ist. Wie oben berichtet, ist die Kaserne
nach den letzten Unruhen im Haurän geschleift worden.
Hinter il Mezra*a stiegen wir zunächst bergab; nachdem zur Linken
Rime AZ j und zur Rechten Walra <iij passiert waren, ging der Weg
wieder steil bergauf; auf einem immer steiniger und holperiger werdenden
schmalen Saumpfade, der einer ausgetrockneten Rinne glich, stiegen
wir zum eigentlichen Haurän-Gebirge empor. Links am Wege erhob
sich, malerisch am Bergabhange gelegen, ein viereckiger, starker Turm,
der schon zu Suwedä gehörte.
Eine Zeitlang ritten wir zwischen niedrigen Mauern hindurch, die
Kornplätze einzäunten, und umgingen dann ein rechts von der Strasse
gelegenes, trotzig aussehendes, viereckiges, von dorischen Säulen um-
\ Der Name ist >'ie11eicht eine Krinnening an die vorislamische Stadt und den Stamm
Negrän in Südwestarabien.
*) a. a. O. S. 65.
Kap. V. Suweils.
187
gebenesGebäude, 4 uiDubese genannt, das ein gewisser Odenatos') für
seine Frau hat errichten lassen. Das Grabmal trägt auf seiner Plattform
einige Steinlagen, welche einen pyramidischen Aufbau vermuten lassen,
wie er sich bei anderen Grabtiirmen in Syrien, in Petra u. s. w, vor-
findet. Wir passierten darauf eine grosse Birke, ein in den Erdboden
gegrabenes VVasserservoir, dessen Umfassungsmauern halb verfallen waren
und das mehr einem Tümpel glich, und standen dann vor dem riesigen
Mauergewirr der alten Stadt Suwedä. Der Marsch von Buyr bis hierher
hatte einschliesslich des Aufenthaltes in il Mezra'a etwa 4'/a Stunden
gedauert.
Das Kastell Suweda ist nach einer Notiz Abulfedas von dem
Rassaniden in Na'män ibn 'Amr ibn il Mundir ^^ ^\ j\*»j'
jJui\ Jr' erbaut worden*), der Ort dürfte jedoch älter gewesen sein.
Nach einer lateinischen Inschrift aus dem Jahre 103 hat hier Nerva
Trajanus Caesar, Sohn des Germanicus Dacicus, einen Aquädukt und
andere Bauten errichtet^). Zu seiner Zeit, also vor dem Beginn der
Aera Bostrensis (105 n. Chr.) und vor der direkten Angliederung des
Haurän an das römische Keich muss Suwedä bereits eine volkreiche
') Vergl. VoeUc. Sj-rie centrale, Arcliitecliire, S. 29. TnM I; Vol'UÜ, Inscripti
«imilicinee, S. S9fr. Der Name Odenato» iM in lier llerrsoherfaniiUe von Piilinyra häi
Auch der Gatte ZcntibU;«. der letzten Königin von l'almyra, hie«ii <'>(lenatos.
)) Abulfe<1ae histori.1, anieislainica. srabice ed. H. O. Fleischer, l.i:ipzi(; 1S31, S. :
») Vercl. Ritter a. a. O.. Bd. XV. .S. 928.
ijjg Kip. V. Snwedä.
Stadt gewesen sein. Unter den heute erhaltenen Bauresten') sind be-
sonders die Ruinen einer Basilika beachtenswert.
In einem Privathause der Stadt wurde mir ein sehr schön gearbei-
tetes Hochrelief gezeigt, welches den bärtigen Kopf eines Mannes dar-
stellte, der ganz aus zusammen gefügten Weinblättern gebildet war. Der
Kopf sollte unweit von K^"'''^^ät — ■ nach den mir gemachten Angaben
könnte es sich mir um Si* ^^-^ handeln — gefunden worden sein. Neuer-
dingshat Clcrmont-Ganneau ein aus der Umgegend von Suwedä stammendes
Basaltrelief beschrieben, einen 2 m langen und 80 cm breiten Block, der
vermutlich als obere Thiirschwelle gedient hat. Das Relief, das der
Zeit des Niederganges der griechisch-römischen Kunst angehört, ver-
anschaulicht eine Episode aus der Gigantomachie und wird von dem
französischen Korscher als die Darstellung des Vorganges gedeutet,
wie Zeus die Sonne aufhält, so lange Herkules die Mächte der Finsterais
bekämpft. Nach Clermont-Ganneau soll die Gestalt des Herkules eine
mythologische Vcrgütlerung des Kaisers Maximianus (256) sein, der den
Beinamen » Herkules ' erhielt. Babylonische und assyrische Dar-
stellungen drücken bcreit.s den gleichen Gedanken aus: den Kampf zwischen
Licht und Finsterni.i; auch die Bildwerke, welche den heiligen Georg
im Kampf mit dem Drachen zeigen, werden vielfach auf dasselbe Motiv
zurückgeführt.
Da^ gegenwärtige Suivcdä besteht aus einem ausserordentlich aus-
gedehnten Ruincnfcldc; e.s wird von einer langen, ziemlich geraden
Strasse durchzogen, welche in ein triumphbogenartiges Thor endet.
' V.T^'l. Huraii-irdt, a. .1. < 1. ,s. 79 iT. ; nr.ham, Jouni;il of the ßeotrr. Soc„ Band XXIV.
S. 35.S: IVrlcr, l'ivt ye;ir»m l>am;iscus. l.on.liin. Band II. S. t zo iT. uud ii VA. ^1870% S. 219 B.;
Key. V0y:i:;i- .lati^ Ic tl.iouran 1S57 un.i iS.qS' S. 144. 15; ff.; SeeUcn. S. 76 ff.; Vogfle.
.^rchitcotun- S. 31), 60 elc. ; Vngüc. Inscr. scmiliquos. S. Sg. 92; Waddington. iDicripüons
l^eciiucs et latincs de la Syriv. Inschiiflen No. 3303 — lJ2ä; Socin a. a. O. S. 3t 1.
Kap. V. Suwedä. 189
*
Terrassenförmig baut sich die Stadt auf einem Plateau und am Abhang
des Haurän-Gebirges auf; in dem tiefer gelegenen südwestlichen Teile,
auf dem Wege nach *Ire, liegt ein Viertel mit neueren Behausungen,
die von kleinen Gärten umgeben werden, während im übrigen die Wohnungen
unter Benutzung der aus früherer Zeit vorgefundenen Häusermauern her-
gestellt worden sind.
Suwedä ist durch seine Lage zum Vorort des Haurän bestimmt
und von den Türken mit gutem Vorbedacht als Sitz der Centralregierung
des Haurän-Bezirkes ausersehen. Schon zu Porters Zeit wohnte hier der
mächtigste Drusenschech des Haurän, damals (i853)der Familie der Hamdän
zugehörig. Suwedä ist der bevölkertste drusische Ort des südlichen Haurän,
zu meiner Zeit mögen hier mehrere Hundert Familien ansässig gewesen
sein, unter ihnen auch einige Christen. Mitten in der Stadt sahen wir
auf der Plattform eines Hauses sogar einen europäisch gekleideten Effendi,
einen christlichen Militärarzt, der gleichzeitig Privatpraxis ausübte.
Das Haus des in Suwedä residierenden Käimmakäm des öebel id Drüz,
des Ibrahim Pascha il Atrasch ij^J^^^ jcnä\j<I, befand sich an einem
freien Platze im nordöstlichen Teile der Stadt. In der Nähe standen noch
einige mit schönen Kapitälengeschmückte Säulen eines heidnischen Tempels,
indessen altes Material eine riesige, nachdemfreien Platze zu offene Empfangs-
halle, J J *•!> Manzül genannt, hineingebaut war. Auf einer breiten
steinernen Freitreppe stieg man zu der Halle empor, deren Deckenbogen
durch Säulen getragen werden. Solche Empfangshallen, die sich in allen
grösseren drusischen Ortschaften des Haurän finden, meist im Häuser-
komplex des Schechs oder in dessen Nähe, dienen den geringeren Gästen
als Schlafraum und werden zu öffentlichen Empfangen, Versammlungen
u. s. w. benutzt.
Wir schlugen unser Zeltlager neben dem Hause des Käimmafeäm
auf, nachdem wir die Stadt bei der erwähnten halbverfallenen Birke betreten
und uns durch eine Menge kleiner, meist nicht bewohnter Gässchen
durchgewunden hatten. Wenige Minuten oberhalb unseres Lagerplatzes
befand sich ein anderer, weit besser erhaltener Wasserteich, die Birket
il Hagg^ Äi-\ Aj j< , d. h. der »Wasserteich des Pilgerzuges«, ein Name,
der darauf hindeutet, dass hier eine Zeitlang die nach Mekka pilgernden
Karawanen durchgezogen sind oder dass sich hier die Gläubigen des
Haurän zur Pilgerfahrt versammelt haben. Eine weitere riesige Birke
lag mitten in der Stadt, schmale steinerne Stufen führten zu der Wasser-
stelle hinab und waren ständig von bunt gekleideten Frauen belebt,
welche grosse Thonkrüge auf dem Kopf oder der Schulter trugen. Neben
I90
dem Teich lag in dem Hofe eines zerfallenen und zum Teil neuer-
dings festungs massig hergerichteten und mit einer kleinen Besatzung
ausgestatteten Gebäudckomplexes ein alter mit Köpfen geschmückter
heidnischer Altar.
Die Kaserne, ein grosses, stattliches, neues Gebäude, befand steh in
einer Entfernung von etwa zehn Minuten oberhalb östlich der Stadt. Zu
meiner Zeit standen zwei Bataillone in Suwedä. Der türkische Militär-
kommandant war Ibrahim il Atrasch koordiniert; Letzterer hing von
dem Chef des gesamten Haurängebietes, dem Mute$arrili^_^,i.dl* in Schcch
Sa'd .Xaw tcx^ ab und hatte sieben Mudire unter sich, die damals noch
sämtlich Drusen waren und zum Teil zu seiner Familie gehörten. Die
Zaptije der Mudire waren gleichfalls Drusen. Die Garnison pflegte die
Stadt nur zu verlassen, um in die Ebene hinabzusteigen, ging jedoch
nicht weiter in das Gobirge hinein. Die militärischen Uebungen wurden
in dem grossen Hofe der Kaserne oder auf dem davor gelegenen
Platze abgehalten.
Bei unserer Ankunft in Suwcda wurden wir von den Söhnen des
Ibrahim Pascha il Afrasch empfangen, welche in der liebenswürdigsten
Kap. V. Im Hanse des Ibrahim Pascha il Atrasch. iqi
Weise die Wirte machten; einer derselben war türkischer Offizier, und
gerade aus seiner Garnison Damaskus beurlaubt. Der Pascha selbst war
krank. Die Gerüchte von seinem Tode, die wir in Schech Miskin gehört
hatten, waren zwar unrichtig, doch war er infolge einer Verwundung
durch eine Gewehrkugel, die er in einem kürzlich stattgehabten Gefecht
mit den Anhängern seines Bruders Schibli erhalten hatte, gezwungen
das Zimmer zu hüten. Sein bald darauf erfolgtes Ableben dürfte auf
diese Verletzung zurückzuführen sein^). Während unseres mehrere Tage
dauernden Verbleibens in Suwedä sahen wir ihn nur zweimal. Er empfing
uns in einem im zweiten Geschoss gelegenen geräumigen Gemach, zu dem,
wie bei allen grösseren Häusern im Haurän, eine grosse steinerne Freitreppe
vom Hofe aus emporführte. Das Zimmer hatte ein flaches Steindach und
war durch riesige Bogen in zwei Räume geteilt. Den Fussboden bedeckten
schöne Teppiche und in Suwedä selbst fabrizierte Filzdecken. An der
Westseite des Raumes zog sich unter mehreren grossen Fenstern ein
die Wand ausfüllender Divan aus bunt gemaltem Holze hin. Ibra-
him lag auf einer Matratze in der Mitte des Saales. Nur mit Mühe
vermochte er sich bei unserem Eintritt zu erheben. Der ganze Saal
war von wild, aber vornehm aussehenden, bärtigen, weiss beturbanten
Männern besetzt, welche sich sämtlich zugleich mit dem Pascha schweigend
erhoben und dann wieder in langen Reihen auf dem Boden niederhockten.
Meinem arabischen Sekretär Ne^ib und mir wurden Plätze auf dem Divan
angcwiesjen. Im Gespräch wurden die ausgesuchtesten Höflichkeits-
formeln ausgetauscht, deren sich die Drusen so gern bedienen. Die
offizielle Legitimation des Mute^arrif, mehr aber noch der Geleitbrief,
den ich in Berüt von dem Emir Mustafa Arslän erhalten hatte, sicherten
mir eine ausgezeichnete Aufnahme. Der Pascha Hess uns später durch
seine Leute nach Kanawät führen und, als wir Suwedä verliessen, durch
den ganzen Haurän nach Salchad JbJL» und Sali ^w begleiten.
In der That ist die Gastfreundschaft, die ich während meines
Aufenthalts im Haurän bei den Drusen genoss, eine aufrichtige, herz-
Uche und weitgehende gewesen. Schon am ersten Tage wurde mir
ein grosses Gastmahl gegeben, an welchem die Angesehensten des
Ortes in dem zu ebener Erde gelegenen Herrengemach des eigent-
lichen Hauses der Atrasch , die übrigen in der schräg gegenüber-
liegenden Empfangshalle teilnahmen. Die Civilisation hat in Suwedä
schon Fortschritte gemacht. Die Schüssel, aus der gegessen wurde,
stand hier nicht, wie sonst gewöhnlich bei den Drusen und Beduinen,
auf der blossen Erde, sondern auf einem kleinen Stühlchen, auf das
*) Verjfl. oben Kap. IV S. 171.
192
,lm:M h
i den Dru
noch eine riesige Kiipferplatte gelegt war. Das hölzerne Untergestell
wiederum war auf eine hübsche, bunte Matte placiert. Die Schüssel
hatte etwa einen halben Meter im Durchmesser und enthielt Reis und
grosse Stijcke Hammelfleisch. Der Reis wurde in unserer Gegenwart
mit beträchtlichen Mengen flüssigen Hammelfettcs übergössen. Um die
Mittelschüssel henim waren in kleineren Tellern Leckerbissen, mit
Honig zusammengekochter Rosin.
keiten — Haläwi äj^^ — , S!\
saft — Dibs . i — , andere Süs^ig-
e Ziegenmilch — Leben -J — -
W-
^ii^m^M M»
u:-
\
1
und stark gewürzter Käse aufgetragen, sowie die etwa 20 cm langen,
in der Mitte dickeren, nach den Enden schmaler auslaufenden harten
Kuchen, aus Brot, Milch, Mandeln, Fleisch und allen möglichen sonstigen
Substanzen gebacken. Dieses Gebäck ist eine Lieblingsspeise der
Kinder, die ich oftmals mit einem solchen Kuchen in der Hand den
Tisch verlassen sah. Auf der Matte lagen dann noch in mehreren
Haufen die Brote, und zwar die in den Städten gebräuchlichen, etwa 20
bis 30 cm im Durchmesser haltenden und 1^2 cm dicken Fladen, wie
die bis zu ',im grossen, manchmal papierdünnen, runden Kuchen, die
zusammengefaltet werden und ebenso nahrhaft wie wohlschmeckend sind.
Um die Tafel herum nahmen gleichzeitig lO — 15 Personen hockend
Platz, mit ihren Händen — Löffel gab es für die drusische Küche nicht —
Kap. V. Ein Festmahl bei den Drasen. ig^
warfen sie den fettigen Reis wiederholt in die Höhe und ballten ihn dadurch
zu einem eiförmigen, ziemlich voluminösen Knödel zusammen, den sie
dann in den Mund schoben*). Was bei diesen Manipulationen übrig blieb,
wurde in die gemeinsame Schüssel zurückgeworfen. Die Fleischteile
wurden, wenn sie nicht schon klein genug auf der Schüssel lagen, mit
der Hand von einem oder mehreren zerrissen, dann und wann auch darauf
vor den Gast hingelegt. Der Rosinensaft und die saure Milch wurden
mit Hilfe von Brotstückchen genossen, die man in Löffelform gebracht
hatte, wenn man nicht vorzog, die Milch aus dem gemeinschaftlichen
Napf zu trinken. Ausserdem wurde auf Verlangen Wasser in einem
Lederbeutel oder Thonkruge gereicht*^). Erstaunlich war die Geschwindig-
keit, mit der meine Tischgenossen ihren Reisbrei verschlangen. Sobald
einer satt war, stand er auf, um einem weiteren Gaste seine Stelle einzu-
räumen, bis etwa siebzig Personen aus einer Schüssel gespeist waren. Ich
habe meinen Wirten manchmal eine Freude dadurch bereitet, dass ich
zwei oder drei Serien von Essern überdauerte, deren Schnelligkeit ich
nicht zu folgen vermochte.
Die Drusen machten mir damals den Eindruck durchaus zufriedener,
behäbiger Bauern. Die Feldarbeit ist im Haurängebirge keine leichte,
aber sie lohnt durch vielfache Frucht die aufgewandte Mühe reichlich.
Oft habe ich gesehen, dass der Pflug, um nur kleine Stellen urbar zu
machen, um Steinflächen herumgeführt oder einen Abhang empor ge-
hoben werden musste. Die Oberfläche des vulkanischen Gebirgsstocks
zeigt zum Teil anstehende Felsen, zum Teil mehr oder minder verwitternde
Lava, die zwar einen ungewöhnlich guten Ackerboden liefert, aber oft
den Bodenarbeiter zwingt, die nicht in Humus umgewandelten Lavablöcke
einzeln aufzulesen. Diese Steine pflegen zu Mauern aufgeschichtet zu
werden, welche die Felder umgeben und gleichzeitig als Schutzwehr der
Dörfer gegen feindliche Angriffe dienen, in derselben Art, wie die Garten-
umzäunungen von Damaskus eine strategisch nicht zu unterschätzende Um-
wallung bilden. Die dunkle Ackerkrume des Haurängebirges trägt alle
möglichen Getreidearten, auch Oliven- und Mandelbäume. Der Weinbau
muss früher im Haurän in grösserem Massstabe betrieben sein, worauf
noch die Traubenmotive der sabäischen Ornamentik, die auf die altarabische
^) Die Drusen essen ebenso wie die Araber nur mit der rechten Hand, die Linke
gilt als unrein. Bis in die niedrigsten Klassen ist die Sitte verbreitet, vor und nach dem
Essen sich die Hand zu waschen und den Mund zu reinigen; nur die Beduinen verzichten
oft darauf, weil ihnen das Wasser zu wertvoll ist. Die in Marokko beliebte Methode, dem
Gastgeber nach der Mahlzeit durch wiederholtes vernehmliches Rülpsen zu bekunden, dass es
geschmeckt hat, ist in Syrien und Mesopotamien nicht üblich.
*) Wasser ist bei den jjewöhnlicheu Mahlzeiten das übliche Tischgetränk, wird aber
nur auf besonderen W'unsch gereicht.
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golf. 13
194
Kap, V.
dem Dionysos venvandte Gottheit Dusara bezug hat, hindeuten dürfte;
heute werden nur noch an wenigen Orten im Cebel id Drüz, so in
Salchad, Reben gepßanzt. In Bo$rä fand ich, allerdings nur in Gärten und
Töpfen, einige BaiimwoUenstauden, deren Herkunft den Einwohnern nicht
mehr erinnerlich war. Pferde, Kamele und Rinder giebt es wenig im
Kaurängebirge, dagegen sah ich Schafe und namentlich Ziegen in
grosser Zahl.
1 I
Tempel bei li^anawät.
Von Suwedä aus unternahm ich einen Abstecher nach dem nördlich
im Gebirge gelegenen il Kanawät »Tj^^^uI^') einem der ältesten Orte des
Haurän, der vielfach mit dem biblischen Kenät identifiziert wird. Der Weg
führte auf holpriger Strasse an wilden, nicht sehr dichten, kleinen Eichen-
waldungen vorbei, und bot vielfach prächtige Ausblicke auf die Haurän-
Kbene mit den daraus hervortretenden Hügcichen und Stadtruinen und
die schwarze wilde Legä , während im fernen Westen , jenseits der
Xubra, die nordpalästinensischen Gebirge und der ehnvürdige, schnee-
bedeckte Hermon aufragten. Ehe wir in die Stadt einritten. kamen wir
', Vercl. Biirckh.inll
VocUe. Archil. Bd. I, .S 59
und Qacllen
und Hüuiün
. 83-87: Uraham ^.258: Key S. llS fT.; Seeuea S. jSff.;
W.-iddingtcin, lascripiians S. 533 bis 539: Porter, FJve ytar»
[, S. Iioff.; Hsn bei Rey, .^tliis. Ta(el VI; lemer die Ansfühningcii
von Professor Guthe, l>r. A. StUbeU Reise nach der Diret et Tolül
Zeilschrift de» Deutschen PaläJtina-Vereins. Bd. XII, l^eipzig 1889.
Kap. V. II Kanawät. mc
an den Resten eines kleinen Tempels aus heidnischer Zeit, des sogenannten
Peripteraltempels, vorüber, von dem noch sieben mit herrlichen Kapitalen
geschmückte Säulen stehen.
Kanawät wird von mehreren breiten Strassen durchzogen, die
an manchen Stellen noch das alte Pflaster aufweisen. Nur zum kleinsten
Teil ist der einst bedeutende Ort jetzt wieder bewohnt; öde sind die
Strassen, deren Häuser vielfach von aussen kaum die Spuren ihrer Jahr-
tausende tragen. Aber wenn man die Schwellen überschreitet, erkennt
man die furchtbaren Verwüstungen, welche die oft wiederholten Erd-
beben auch hier angerichtet haben. Eine schmale Strasse führt am Ab-
hang des Wädi il Kanawät zu einer im Südosten der Stadt gelegenen
dominierenden Akropole hinauf, welche die bemerkenswertesten Ruinen
in sich vereint. Hier sind noch mit den schönsten Ornamenten geschmückte
Bogenportale, Säulen und ganze Wände von Tempeln und Schlössern
erhalten, femer die Reste eines Triumphbogens und einiger Cisternen. Im
westlichen Teil der Stadt erblickt man die Ruinen einer christlichen
Kirche. Auf dem rechten Ufer des Wädi il Kanawät, unweit des
Baches, liegt das offene Theater, dessen gut erhaltene steinerne Sitz-
bänke den Zuschauern eine herrliche Aussicht auf die Stadt gewährten.
Heute ist die alte Musenstätte von wildem, Jahrhunderte altem Gestrüpp
umrahmt, das dank dem fliessenden Wasser auch im Sommer sein
saftiges Grün beibehält, den Bach aufwärts bis zu den Ruinen eines
Nympheums hinzieht und nur hin und wieder modernen Nutz- und
Gartenanlagen Platz macht. Die heutigen Bewohner von Kanawät, aus-
schliesslich Drusen, hausen in den alten Bauten des südwestlichen Stadt-
teiles, bei meiner Anwesenheit waren kaum mehr als 30 oder 40 Familien
dort ansässig.
Der Schech von Kanawät, in dessen kühlem, von Säulen ge-
tragenem Manzül wir rasteten, war einer der Söhne des Ibrahim il
Atrasch, wohl der Hünenhafteste von allen an Gestalt, aber auch der
Derbste in den Umgangsformen. In Kanawät lebte auch der Schech
Hasan il Hagari (^j^\ <V-^» ^^^ ^^^ ^'^ höchster geistlicher W^ürden-
träger der Drusen im Haurän bezeichnet wurde und an den mir der
Mute§arrif in Schech Sa*d einen Brief mitgegeben hatte. Ich unter-
liess jedoch meinen Besuch, da der junge Atrasch anscheinend nicht in
guten Beziehungen zu ihm stand. Auch zu Grahams Zeiten, P2nde der
50er Jahre, soll in Kanawät »der grosse Imäm der Drusen«, der
gelehrteste Mann des Landes, gewohnt haben.
Am Tage vor meinem Abmarsch aus Suwedä gab ich den Söhnen
des Atrasch und seinen Leuten in meinem Zeltlager ein Diner, an
welchem auch der Militär - Kommandant von Suwedä, der Bimbaschi
13*
ig6 Kap. V. *Irc.
'Omar Bey und dessen Adjutant teilnahmen; ersterer Hess es sich nicht
nehmen, mich noch zum Frühstück in seiner Dienstwohnung in der
Kaserne einzuladen, wo wir ä la Franka mit Messer und Gabel, jedoch
aus einer gemeinschafdichen Schüssel ohne Teller zusammen mit mehreren
Offizieren speisten. Die Kaserne, vor deren einzigem Thor ein kleines
Gärtchen angelegt war, machte ebenso wie die Soldaten einen recht guten
Eindruck. *Omar Bey hat dank seiner Ortskenntnis bei den letzten Wirren
im Haurän den türkischen Truppen gute Dienste geleistet*).
Am 4. Juli verliessen wir Suwedä und zogen in fast gerader Richtung
südsüdwestlich weiter. Anfangs in steilem, dann in sanfterem Abstieg ging
es zur Ebene hinab. Zuerst führte der Weg parallel einer alten Römerstrasse;
später wurde diese selbst benutzt. Eine halbe Stunde hinter dem Ort trafen
wir eine dem Ibrahim Pascha gehörige grosse Wassermühle, kamen dann an
dem rechts gelegenen Dorfe il Mug^edil Jjl^\ vorbei, über die ausge-
bt»
trockneten Bäche Köm il Hasä ^^i-l ^ß (»Kieselsteinhaufen«) und Wädi
Tälit slJyt (^^^Jy bis nach zweistündigem Marsche das malerisch auf
einer Höhe gelegene *Ire*) (^j^ erreicht ward. Kurz vorher lag
rechts ab vom Wege ein verfallenes grosses Gebäude Kischlat Darärik,
^j\j^ A>^i welches uns als eine jetzt verlassene Kaserne bezeichnet
wurde. In *Ire wohnte in einem weithin sichtbaren Bau der mehrerwähnte
Bruder Ibrahims, Schibli il Atrasch ,j^J^^ ^ U*-^- Ihm meinen Besuch
zu machen, verhinderten mich die mitgekommenen Leute Ibrahims,
welche behaupteten, sie wären froh, dass Schibli uns nicht angreifen
Hesse. Auf dem Weitermarsch blieben links die Trümmerhaufen des
Dorfes il Magemir ^^-^^ und dann eine andere Ruine liegen, die mir als
DerZuber --; j j ^ (»Kloster des Zuber«)*) bezeichnet wurde. Hinter dem
Dorfe il Charäbe i» ^J>^\ das angeblich nur von Christen bewohnt
wird, trat die Strasse aus dem Haurän -Gebirge und damit aus dem
Gebiet der Drusen heraus. Erst hinter Bosrä (^j-^^ sollten wir wieder
die Gebirgsregionen betreten.
Etwa in zwei Stunden flotten Marsches, von *Ire ab gerechnet, ge-
*) Vergl. üben Kap. IV S. 180.
*) Verjjl. Burckhardt a. a. O. S. 225.
'; Vergl. Porter a. a. O. Bd. II, S. 140.
Kap. V. öemerrin. IQ7
langten wir nach der Ruinenstadt Ciemerrin ^j yt-^), die bereits in der
Ebene und zwar an einem bei meiner Anwesenheit ausgetrockneten,
im Winter jedenfalls ziemlich starken Bache liegt, über den im
Zuge der Römerstrasse eine aus mehreren Bogen bestehende Brücke führt
Unweit letzterer, auf der nach der Stadt zu belegenen Seite, steht ein ver-
fallener, viereckiger, starker Turm, in dessen Nähe die wohlerhaltenen
Stadtruinen beginnen. Unter diesen ist besonders ein Gebäudekomplex
bemerkenswert, der verschiedene Höfe und Flügel enthält. In einem der-
selben fanden wir im Erdgeschoss und im ersten Stock mehrere neben-
einander liegende Zimmer mit schön dekorierten Kuppeldächern in so
guter Verfassung, als ob sie soeben erst verlassen worden wären. Das
Haus gehört dem Man§ür il Käsim ^u)\ j yULJ^^ dessen Angehörige
hier mit ihrem geringen Viehstand vereint hausen und neben wenigen
anderen muhammedanischen Familien die einzigen Bewohner dieser nicht
sehr grossen, aber einst prächtigen und reichen Stadt sind. Die Fagade
des Hauses besteht aus wohlbehauenen Quadern und zeigt als Mauer-
aufsätze treppenartige und giebelförmige Verzierungen. Die Fenster-
öffnungen lassen schon von aussen mehrere Etagen erkennen. In
Gemerrin finden sich mehrere griechische Inschriften vor; so war auf
dem Eingangsthore des Man.stlr'schen Hauses der Name ♦ H A I K O C
deutlich zu lesen; auf einem Steine unweit der Brücke sah ich eine
grössere arabische Inschrift in kufischen Schriftzeichen. Der Stein lag
auf dem Boden unweit des vorerwähnten Turmes und stammt nach
Angabe der Eingeborenen von der Brücke her, die augenscheinlich in
arabischer Zeit erneuert worden ist.
Nach kurzem Ritt erreichten wirBo§rä Eski Schäm ß\Zi .S-*^^ ^^^-.a»,
(d. h. Alt-Damaskus), wohl die grossartig.ste Ruinenstadt des Haurän-Gebiets.
Mit seinen Türmen, Minarets und der das ganze Trümmerfeld hoch
überragenden Burg macht der Ort einen überaus imposanten Eindruck;
jiicht minder ergreifend aber wirkt der Anblick der furchtbaren
Zerstörung, welcher auf Schritt und Tritt dem Wanderer sich bietet.
Neben den Wirkungen der Erdbeben erkennt man die Spuren der
zahlreichen Kriege, die über Bo.?rä hingezogen sind, was bei der
Lage des Ortes, am Fusse des Gebirges und am Eingangsthore der
Wüste, ganz natürlich erscheint. Boj^rä beherbergt jetzt in seinem östlichen
Teil mehrere hundert Seelen; Burckhardt traf keine vierzig Familien
an. Die Einwohner sind neben einigen wenigen Christen sesshaft
*) Bnrckhardts Schreibart »Shmerrin« (a. a. O. S. 105), Rey's (a. a. O. S. 176)
»Jermarrinc und SeeUen's (a. a. O. S. 65) »SchmUrrin« ist falsch.
Iq8 Kap. V. Bo$rä Eski Schäm.
gewordene Beduinen, Bauern (Fellachen), die aber noch nach alter
Stammessitte ihr Ross zu tummeln und mit der Lanze bewaffnet ins Feld
zu reiten lieben. Auch in der Kleidung ähneln sie ihren nomadisierenden
Vettern, mit den Drusen standen sie in schlechten Beziehungen.
Wir betraten die Stadt von Nordosten her, nachdem wir den weit-
gestreckten Friedhof passiert hatten, aus welchem die weisse Kubbe
der Moschee il Mabrak iJju^ hervorleuchtete, durchzogen das ganze
Trümmerfeld, besuchten den Schcch und fanden endlich im Südosten
der Stadt in der Nähe einer guten Wasserquelle unsere Karawane, im
Begriff, das Lager für mehrere Tage aufzuschlagen.
Bo§rä zerfällt in zwei Teile: der östliche enthält die nennens-
wertesten Ruinen, und hier hausen, wie gesagt, die wenigen Einwohner,
die sich in den Trümmern der alten Bauwerke ihre Wohnungen
errichtet haben. Der westliche Teil zeigt bedeutend weniger Ueber-
reste ehemaliger Bebauung; vielleicht stand hier früher das alte
römische Lager. Eine noch deutlich erkennbare Strasse durchschneidet
diesen Teil in seiner ganzen Ausdehnung in westnordwestlicher Richtung
und führt nach dem Bäb il Hawa \^^ w-)l oder Bäb il Rarbi LiSi\ «^^L
dem »Thor des Windes^^ oder »Westthor«, einem mächtigen Bauwerk,
dessen übereinander gelagerte Rundbogen noch heute gut erhalten
sind. Von diesem Thor aus geht ein uralter gepflasterter Weg in ge-
rader Linie nach Der'ät iWj^, dem Edre*i des Alten Testaments.
Auch in dem östlichen Stadtteil sind manche alte Strassen erkennbar,
und die Traccn derselben beweisen die grosse Regelmässigkeit des
ursprünglichen Bauplanes. Die Strassen sind freilich überaus holprig:
wenn auch hin und wieder das alte Pflaster zu Tage tritt, so haben
doch die Trümmer es vielfach verschüttet und sich meterhoch darüber
aufgehäuft; mit Mühe verfolgt man den unwegsamen Pfad, den spätere
Generationen über das Schuttlager gebahnt haben.
In dem westlichen Stadtteil liegt ein grosser, jetzt ausgetrockneter
Wasserteich, der in alter Zeit als Naumachie gedient haben soll.
Unweit hiervon nördlich befand sich die Quelle, neben der mein
Lager aufgeschlagen war. Von den Ruinen im östlichen Stadtteil sind
in erster Linie zwei Moscheen erwähnenswert, die Moschee *Omar
ibn il Chattäb w-)wlai.l (j* \ ^ (erbaut vom zweiten Chalifen'Omar634 — 644)
und das Der il Muslim J^^y^ genannte Bauwerk. Beide haben vier-
eckige Minarets, ein Beweis, dass sie aus der ältesten islamischen
Kap. V. Bo^ra Eski Scham : Die Moscheen 'Omar ihn il Cbattäb und Der il Muslim, i qq
Zeit stammen.^) Von der erstgenannten Moschee stehen noch mehrere
Reihen von Säulen und Säulenstümpfen, welche einstmals die Decken
jetzt völlig eingestürzter Hallen trugen. Die Säulen, teils aus einem
Stück bestehend, teils aus mehreren zusammengesetzt, sind aus grünem
Marmor und Dolerit gemeisselt, wunderschön sind einzelne in korinthischem
und ionischem Stil gehaltene Kapitale aus weissem Marmor. Zweifellos
sind die Bestandteile älteren Bauwerken entnommen; die Kreuzornamente
der Säulen lassen darauf schliessen, dass sie früher in christlichen Kirchen
gestanden haben. Bemerkenswert sind die Reste des an einer Mauer
herumlaufenden Frieses mit reich ornamentierten kufischen Schriftzeichen
in Stuck. An der Aussenseite der Moschee, dort wo der Haupteingang
sich befindet, gegenüber den Resten eines alten Portikus, sind mehrere
Inschriften angebracht; eine lautet: 'Abd ir Rahmän il Masri jl^J\ JLP
(C^^^\, d. h. 'Abd ir Rahmän der Egypter. Jenseits der Strasse
ragen vier prachtvoll erhaltene korinthische Säulen empor. Westlich von
der *Omar-Moschee steht ein grosses Gebäude, das nach einer Inschrift
aus der Römerzeit stammt und zweifellos ein luxuriöses Bad war.
Die Moschee Der il Muslim dient noch jetzt religiösen Zwecken;
in dem Gebäude wohnt ein Tempelhütcr, und von der Galerie des
Minarets, von der aus man eine wundervolle Fernsicht auf die Nukra
und das Haurängebirge bis zu dem Berg von Salchad gcnicsst, werden
noch heute die Gebetszeiten ausgerufen. Im Hofe des Der lehnte an
einer Mauer noch derselbe Stein, auf dem sich die bereits von Burckhardt^)
envähnte und von Rey-*) abgezeichnete Inschrift befindet. Alte Inschriften
in Kursiv-Arabisch (Nes-chi) finden sich vielfach in Boj?rä, so auch in der
Nähe einer ausserhalb des eigentlichen Ruinenfeldes gelegenen Birke
auf einem Stein über der Thür einer kleinen Moschee, die danach im
Jahre 655 (1257) gebaut i.st. Diese Inschrift lautet:
4A\ J^^J
JilUi
•
jrr-J»
f)\ *A\
r-".
i\c-'J J^^3 ^ ^
^Jl Aa^jJ \ci
0' ^^
r'
aIW
aA\
^) Die modernen Minarets sind in der asiatischen Türkei und in Ej^pten nmd oder acht-
eckig, dagegen sind in Marokko die Minarets durchfi^ehends viereckig, ein Wahrzeichen dafür,
dass sich im Marrib, im äussersten Westen, der Islam in seiner ältesten Form erhalten hat.
') a. a. O. S. 232. Doch giebt Burckhardt nur einen kleinen Teil.
») a. a. O. S. 179, 192. Atlas, PI. XV.
200 Kap. V. Bo$rä Eski Schäm: Die Burg.
Südlich von derStadt erhebt sich dieBurg, ein Bauwerk von gewaltigen
Dimensionen, umgeben von tiefen Gräben, die aus einer benachbarten Birke
bewässert werden können. Diese Birke ist wohl eine der grössten des ganzen
Orients; auf der einen Seite des Rechtecks misst sie nach Rey*) nicht
weniger als 216 m. Der Grundriss der Burg ist ein unregelmässiges
Parallelogramm, mit einem halbkreisförmigen Ausbau nach Süden
hin. Eine aus sechs Bogen bestehende Brücke führt von Norden her
über den Burggraben zu dem einzigen Eingangsthor. Die Wälle sind
bastionartig gebaut und tragen lange arabische Inschriften. Das Kastell
selbst besteht aus mehreren Etagen. Der ganze untere Teil ist kase-
mattiert und stellt ein Labyrinth von Korridoren und Kammern dar, in das
absteigende Gänge hineinführen. In demselben befindet sich auch eine
Moschee, die in ihrer gegenwärtigen Gestalt wenig Interessantes bietet;
allerdinj^s sind Spuren von Kalk und Erdanwurf deutlich sichtbar, wo-
durch möglicherweise einiges Wertvolle verdeckt wird. Ueber der Thür
steht eine fromme Inschrift.
Den oberen Teil des Kastells, ich möchte sagen die Plattform,
nimmt ein gewaltiges, halbkreisförmiges, teilweise noch mit schönen
Säulen geziertes Theater-) ein. Am rechten Eingange zur Bühne haben
die Eijubiden ein grosses Wafifenmagazin gebaut, auf dessen Thorbogen
die folgende Inschrift sich vorfand:
Nach dieser Inschrift ist das Gebäude errichtet von dem Eijubiden-
sultan von Damaskus is Sälili Ismail Ibn il *Adil im Jahre 629 d. H.
(1231/32 n. Chr.). Wie diese, so mögen die meisten anderen arabischen
Inschriften des Kastells ebenfalls aus der Eijubidenzeit, und zwar aus dem
13. Jahrhundert n. Chr., stammen. Die Burg, die einer grossen Anzahl
von Soldaten Unterkunft gewähren könnte, beherbergte zu meiner Zeit nur
etwa fünfzig Mann, deren Kommandant in einem der die Wälle flan-
kierenden Türme wohnte. In nächster Nähe der Burg liegt der dürftige,
aus einigen Läden bestehende heutige Bazar von Bo§rä; Spuren des
alten ßazars sind noch heute vorhanden.
M a. a, O. S. 186.
* Verjrl. Vog^iie, Architect. Bd. I S. 40, PI. $. Rcy a. a. O. Atlas PI. 13.
Kap. V, Bojrä Kski Schäm: Dag vflitgende Sohloas»,. 2OI
Aus der Römerzeit stammen die sehr umfangreichen Ruinen des so-
genannten »fliegenden Schlosses," arabisch Kasr tajarän j',;J* j-ai-
das der Sage nach von Dschinncn ((ienien) hierher versetzt sein soll,
seinen Namen aber vielleicht der Erinnerung an den Kaiser Trajanus
verdankt. In die ReKierungszcit des Kaisers Trajan ist der eigentliche
Aufbau der Stadt Hostra zu verlegen. Nova Trajana Kostra wurde der
Name der neuen Kolonie und der Hauiitstadt der neu gegründeten Pro-
vinz Arabia').
IJic ]'>inncnui^ an i\^n I'roplieten Muhammod \^ird geweckt durch
drei Gebäude, die *S^\\ Namen des Manches üahira aj^ tragen: ein
Haus, eine Kirche un<l ein Kloster. Als Muhanmicd auf einer Reise
von Damaskus über Hosrä zurückkehrte, soll er hier den Nestoriancr
liahira kennen gelernt haben, der ihm seine zukünftige Griisse weissagte.
Der ganze Osten der Stadt wird von einem weitgedehnten I'ricdhof
umschlos.scn , aus dem sich die bereits envähnte Mo^chee il Mabnik
: V<:rKl, Moini
. V. 4- -
202 Kap. V. Bo^rä Eski Scham: Der Friedhof.
^ jJl\ als vornehmstes Monument hervorhebt. Der Name il Mabrak (»Ort
des Niederknieens«) wird auf den Chalifen *Otmän jUip zurückgeführt, der
auf der Stelle eine Moschee zu bauen gelobt hatte, wo sein Kamel zuerst sich
niederlassen würde. Im Jahre 1854 ist hier Prinz Mubammed, ein Sohn
des Chediven *Abbäs I. von Egypten, bestattet worden. Ihm zu Ehren
Hess der Chedive Sa'id Pascha die von den Wahhabiten zerstörte Kuppel
der Moschee wieder aufbauen^). Der junge Prinz Mubammed war im Alter
von drei Jahren den Ruala, einem Zweigstamme der 'Aneze, zur Erziehung
übergeben worden, um bei ihnen die Reitkunst, die Kriegsführung und
die Fähigkeit, Strapazen zu ertragen, zu erlernen. Der gegenwärtige
Chedive, 'Abbäs II., dem ich später in Kairo von meiner Anwesenheit
in Bosrä berichtete, sagte mir, dass Prinz Muhammed nicht der einzige
seiner V^erwandten sei, dem die Beduinen Lehrmeister geworden. Auch
sei eine der Prinzessinnen seines Hauses die Tochter eines Beduinen-
schechs gewesen; manchmal habe sie sich auf dem Dache ihres Palastes
ein Zelt aufrichten lassen, um der Zeit zu gedenken, in der sie mit ihrem
Stamme in der Wüste weilte.
Bosrä ist noch heute eine strategisch wichtige Stadt und hat an
Bedeutung noch gewonnen durch den Bau der Bahn nach Muzerib und
die dadurch erhöhte Wichtigkeit des Jahrmarktes von Muzerib, welchen
Bo§rä gegen den Andrang der Beduinen des Hamäd ^{jt- zu schützen
bestimmt ist. Muzerib, das auch eine der Hauptstationen des Hagg ist,
wird an den Markttagen vom ganzen Haurän, vom südlichen Hamäd, von
Bardäd und selbst von Negd aufgesucht, um Pferde und Vieh, auch
wohl die geraubten Gegenstände zu verhandeln und Waffen, Zelttücher,
Matten, Kleiderstoffe und Erzeugnisse des Westens dafür einzutauschen.
Von Bo?rä aus wandten wir uns ostwärts, um auf der alten Römer-
strasse nach Salchad JbtJL» zu reiten. Nachdem wir eine rechts
vom Wege liegende grosse Stadtruine, Burd ^j, passiert hatten,
kreuzten wir einen von Süden her nach der nördlich gelegenen be-
*} Auf dem Grabstein stehen zwei arabische Verse, die in der Uebersetzung von
Wetzstein (a. a. O. S. 72) wie folj^t lauten:
Der Taj^ hat sich geneig^t, ich bin als Gast
Im reichen Hause Gottes angekommen,
Und Gäste sind ja freundlich überall
Vom Gasttreund und mit Ehren aufgenommen.
Kann durch den Eintritt in die König^sburg
Ein Fehlender Verzeihung schon erlangen,
Wie dürfte dann nicht hoffen, wer ins Haus
Des allbarmherz'gen Gottes eingegangen?
Kap. V. Salchad. — Schech Mabammed 11 Aptsch. 20^
deutenden Drusenstadt il Kreje 4»^'l fuhrenden Weg, dann sahen
wir den noch nicht wieder bevölkerten Ort il Munecjara 2jla.Il\. Von da
ab stieg die schnurgerade Römerstrasse sehr steil nach Salchad hinan,
dessen Bergschloss ich schon von dem Minaret des Der il Muslim zu
Bo§rä erblickt hatte. Unterwegs war im Norden der Kuleb ,_ 1^
{>Herzchen' )^j, der Haupt\'ulkan des Haurän, mehrfach erkennbar.
Wir wurden in Salchad in der herzlichsten Weise aufgenommen.
Der Schech Mubammed il Atrasch, ein Bruder Ibrahims und gleich
diesem ein vornehm ausschauender, weissbärtiger Mann, führte uns bald
aus der offiziellen EmpfangshaUe in das Innere seines Hauses, wo wir
mit ihm speisen mussten; er zeigte uns nach der Mahlzeit sein Haus
bis in die kleinsten Details und stellte uns sogar seine junge, schöne
und stolze Frau vor, die Mutter seines etwa sieben Jahre alten Lieblings-
sohnes. Die Empfangshalle befand sich innerhalb eines Hofes, durch ein
zweites Thor gelangte man in den schön gepflasterten Innenhof, wo die
aus mehreren Stockwerken bestehenden Wohngebäude lagen. Mubammed
hatte vor kurzer Zeit einige Zimmer durch einen Damascener Künstler
mit geschnitzten Holzbänken versehen und die Wände weiss kalken und
stellenweise bunt übertünchen lassen.
Salchad ist am Südostabhange des Burghügcls aufgebaut: zu Füssen
der nicht sehr ausgedehnten Stadt liegt das mächtige eingemauerte Wasser-
reser\'oir. Grosse, steinerne Tröge dienen zum Tränken der Tiere. Das
Wasser der Birke war von dunkler Färbung und unangenehm bituminösem
Geschmack. In einzelnen Häusern befinden sich seit alter Zeit künstliche
Cistemen, die aber noch schlechteres War»ser als die Birke liefern. Nur
der Schech lässt jeden Tag seinen Bedarf von der mehrere Kilometer
nördlich gelegenen, durch ein vorzügliches Wasser sich auszeichnenden Birke
holen, einer Stelle, die den Namen 'Ijün j^, d. h. Brunnen, Quellen, fuhrt.
Die Burg von Salchad ist auf der .Spitze eines steilen, vulkanischen
Kegels errichtet; mitten in dem runden Kastell befindet sich eine ein-tmais
tiefe Birke, die auf dem Kratergrund aufgemauert ist. Durch eine hohe
Bogenbrücke gelangt man zum Eingangr.lhor. an dem noch heute
römische Adler sichtbar sind. Dann fuhrt ein tunnelamger Durchgang
in das Innere der P'c-lung. deren Hofe zumeist mit glatten, viereckigen,
grossen Steinen gq^flastert ^ino. Eine Anzahl von Gangen und Zimmer-
weise 'iebtl Klt'.j c:»: NuTj.tLi-'^'rz^-'-hi.'jLt^ r.'.r.::4f::t.-t»:i]:. 'i:s i-is drihiL '»er-tl Ktlr- ^t-
heiss^D habe. w«i^ H-:jd«::-»*:rg. :/*: -*r-:r iuHai: -^HtTz'iftrg' . «o :*i i:e» eiri Imswi. >cbcia
Wetzsieia i's. a. O. .S. 2S .'itt Cit Y'^nri KtV:* aut-drücküch vemncilL :iiii s^ocät Sfetr*n
(a. a. O. Bd. J y>. 1041 b'/r.iriot o^re:ti CtJtb el Hacr^n Debea el Kalb.
204
Kap. V. äakhad: Die Buri^.
sind noch deutlich erkennbar; ebenso mehrere kleine Wasser-
reservoirs. Die Aussicht von der Spitze der Trümmer ist prachtvoll;
man überschaut das Innere der Burg und die bis auf den Grund der
Birke führenden Treppen, im Norden ragen die zerklüfteten Berge des
Haurän empor, im Westen dehnt sich die weite, helle Nukra, im Süden
und Osten erblickt man kleine Bergkegel und das Lavameer der Aus-
läufer des Vulkangebirges und der Steinwüste Harra; rings, soweit
das Auge reicht, gewahrt es fast auf jeder Bodenerhebung Burgen,
Dörfer und Städte.
In dem Kastell von Salchad fand ich eine grosse Menge arabischer
Inschriften in Kursiv, von denen ich die folgenden, welche den Ausbau
der Burg betreffen, hier wiedergebe:
>i ^Vl ^jUl ■^J^ lÜA J.JL»i ^\
Kap. V. Inschriften an der Burg von Salchad. 20^
»Befohlen hat diesen gesegneten Turm zu restaurieren der Emir
Fachr id Din il Meleki in den Tagen des Melik il *Ädil [Abu Bekr ihn]
Eijüb« (reg. 592 — 615 d. H. = 1196 — 1218 n. Chr.).
An einem Portale stand:
a\ ^V\ iJjUi r-jJi lA* öU ^\
—
x« Dieser gesegnete Turm ist errichtet worden auf Befehl des Emir
Ihn Ruwäba in den Tagen des Melik il *Ädil Sef id-Din Abu Bekr ibn
Eijüb im Jahre 601.«
An der südlichen Aussenseite der Wallmauer:
• • ••
A»\c^^J ^jfVAi j\^ ju-w Al-*>
J I Jp JU *»\ Jl j^\ J^\ lyy
I
»Im Namen Gottes des Allbarmherzigen wurde dieses gesegnete
Kastell erbaut auf Befehl unseres Herrn, des Sultans, des Weisen, That-
kräftigen, welcher den heiligen Krieg führt . . ., des Siegreichen, des
Eroberers, il Malik iij Sälili Fachr id Dunjä wa *d Dm Eijüb ibn Hamdän
ibn Abu Bekr ibn Eijub, Stellvertreters des Beherrschers der Gläubigen
am sechsten Tage des Monats (rumädä I im Jahre sechshundert und sieben
2o6 Kap. V. Geschichte Salchadi .
und vierzig, unter der Statthalterschaft des armen Knechtes vor Gott
dem Allerhöchsten, 'Ali, Sohn des Imäm Aljmed, Sohn des Sälih in
Nag^ibäni (Xa^rrmi?) i§ Sälibi.«
Diese Inschrift befand sich, in den Wallquadern schön eingemeisselt,
nicht weit von einer jetzt eingestürzten Brücke, die über den Burggraben
geführt hat. Unter dem den Wall umgebenden Schutt dürften noch
weitere Inschriften begraben sein.
Die Geschichte der Stadt scheint bis auf die ältesten Zeiten zurück-
zugehen. Es wird angenommen*), dass Salchad das im Alten Testament
mehrfach als Grenzstadt Basans genannte Salcha sei. Die grösste Zahl
der Häuser stammt jedenfalls aus der Rassaniden-Zeit. Römische Adler
mit ausgebreiteten Schwingen finden sich, wie erwähnt, mehrfach auf
Steinen der Burgruinen eingemeisselt Den persischen Löwen, welchen Lady
Anne Blunt*) auf der Burg gefunden hat, erinnere ich mich nicht gesehen
zu haben. Unter den sarazenischen Fürsten ist die Burg jedenfalls zu einer
starken Festung umgebaut worden, und auch sonst mag manches für die
Stadt geschehen sein, wie das schon von dem Mamlukensultan *Izz id Din
Eibek itX^\ ^jM 's- im Jahre 603 (?) der Hig;ra (1225 n. Chr.) gebaute
Minaret der grossen Moschee im Innern der Stadt beweist, welches
folgende Inschrift trägt:
»Im Namen Gottes des Allbarmherzigen, mit der Erlaubnis
Gottes hat befohlen zu errichten (diesen Bau) der gottesbedürftige
*Izz id Din Eibek, Sohn des Melik il Mu'azzam *Isä, Sohn des Abu Bekr
in dem Jahre 603, möge Gott es ihm vergelten und ihn belohnen, unter
der Statthalterschaft seines Mamluken Man§ür.€
Die Inschrift war in Kursiv auf einem weissen Marmorstreifen an-
gebracht, der rund um den achteckigen Turm lief, und zwar in so be-
^] Verii^l. Guthe, Dr. A. Stübels Reise nach der Diret et Tnlul und llauran 1S82, in der
Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins, Jahrgang 1S90, Bd. XII, Heft 4, S. 236.
^ VergL Blunt, Pilgrimajje to Nejd, Bd. I. S. 55.
Kap. V. Gescbichle SiUchads.
20;
trächtlicher Höhe, dass sie schwer und nur mit Hilfe eines Fernglases
zu entziffern war. Wetzstein') hat als Jahreszahl 630, anstatt 603, herau.s-
gelesen. Jedenfalls aber ist die Angabe Burckhardts '), nach der das
Minaret zu seiner Zeit erst zweihundert Jahre alt gewesen .sei, unrichtig.
Burckhardt^) hat in dem Hofe der Moschee einen Stein mit einer cin-
gemeisseiten Lilie gefunden und Wetzstein*) in einem grossen Saale neben
der Moschee Spitzbogen^). Hieraus .sowie auf Grund eines von Dmäri
verfassten historischen , vielbän-
digen, arabischen Romans, der in
jener Zeit spielt, glaubt Wetzstein
die Annahme rechtfertigen zu
können, daas die Kreuzfahrer eine
Zeit lang Herren in Salchad ge-
wesen seien, wiewohl selbst die
europäische Chronik bisher das
Gegenteil hat gelten lassen. Viel-
leicht ist jedoch die Lilie, welche
sich bereits auf assyrischen Bild-
werken vorzufinden scheint, ein
schon zur Rassaniden ■ Zeit ge-
brauchtes Ornament gewesen.
Burckhardt fand Salchad gänz-
lich unbewohnt; fünfzehn Jahre
zuvor sollen jedoch nach seiner
Angabe einige christliche und
muhammedanische Familien dort
gelebt haben. Wetzstein *) traf
wieder einige christliche und dru- Minarei in Salchad.
sische FamiUen an, die sich aber
gerade zum Verlassen der Stadt anschickten, und die Blunts, welche sie
im Jahre 1878 besuchten, erwähnen ihre Wiederbevölkerung durch Drusen.
Diese Angaben sind charakteristisch für das Fluktuieren der Bevölkerung
im Haurän. Ich selbst fand neben einer starken Drusenniederlassung
noch einige wenige christliche Familien,
Die erwähnte Römerstrasse, welche Salchad mit Bosrä verbindet,
setzt sich von Salchad aus in südöstlicher Richtung fort und soll
a. O. S. 70.
) Spillbogen kannte die ambiäche oder vielmehr mohammedanische Kunst oncb.
1 a. a. O. S. 66.
208 Kap. V. Römerstrassen.
nach einer jedenfalls übertreibenden Ueberlieferung früher bis zum
Persischen Meer geführt haben. Allerdings haben die Blunts diese Strasse
mehrere Tagereisen südöstlich von hier gekreuzt, aber es ist doch wahr-
scheinlich, dass sie sich in der bis auf unsere Tage erhaltenen VortrefTlichkeit
nur bis zu den letzten damals bewohnten, bisher unbekannt gebliebenen
Städten des Vulkangebietes erstreckt hat. Nachdem die Strasse einmal
den Rand der Harra erreicht hatte, bedurfte es keines Kunstweges mehr,
höchstens waren in der Wüstensteppe Marksteine zur Angabe der
Richtungen erforderlich. Zur Glanzzeit Palmyras wird dieses Handels-
emporium in der Wüste mit den östlichen Endpunkten der durch das
Gebiet der Rassaniden gehenden Römerstrassen verbunden gewesen
sein. Nach dem Sturze von Palmyra soll allerdings von Bo.srä aus ein
viel benutzter Karawanenweg nach dem nördlichsten Zipfel des Persischen
Golfes gegangen sein*) und diese Thatsache wird zu der Sage Veranlassung
gegeben haben, dass die Römerstrassc sich von Salchad bis zur Mündung
des Schatt el *Arab fortgresetzt habe. Eine weitere Römerstrasse verband
Salchad mit Maläh r-^^^ und Der in Na.sräni ^^^aÜ^ j^ (^Christen-
kloster«). Graham hat sie benutzt, und nach seiner Annahme ging der Weg
bis Nemära dju , von wo aus Wetzstein^) die Spuren einer Römerstrasse
nach Schakkä, Graham'') die einer solchen in der Richtung nach Palmyra
verfolgt hat; von Nemära führte eine weitere Römerstrasse nordwärts
nach der Ruhbe.
Ein Wallfahrtsort in der Nähe von Salchad trägt den Namen il
Chidr j\^2^y d. h. heiliger Georg, übrigens nicht die einzige Stätte,
welche die Erinnerung an den Heiligen bewahrt; bis nach Mesopotamien
hinein finden sich Lokalitäten, deren Namen mit dem Chidr in Ver-
bindung gebracht sind und die gleicherweise von Christen wie von
Muhammedanern verehrt werden. Die Namen Eijüb = Hiob, Müsä
= Moses, Elischä' = Elias (EHsa.^), *Isä = Jesus kehren ebenfalls in
diesen Gegenden häufig wieder, und zwar vornehmlich für Hügel, auf denen
irgend ein Heiligtum, meist in der bekannten Kubbe-Form, errichtet ist.
Die Bemerkung, welche die Blunts gelegentlich der Beschreibung
ihres Besuches von Salchad machen zu sollen glauben, dass die Land-
schaft einen um so blühenderen Charakter aufweise, je weiter man sich
von dem Sitz der türkischen Verwaltung entfernte, ist, soweit ich die
^) Verijl. ;iuch Graham a. a. O. S. 255; ferner Sprenßfcr, die alte Geographie Arabiens»
Bern 1875, S. 151, sowie Kap. VI II dieses Werkes S. 301.
• a. a. ( ). S. 35 ; S. 68 Anin, und S. 73.
*■ a, a. O. S. 250, 255.
Kap. V, Aufbrach von Salchad. 20Q
türkischen Provinzen Asiens durchreist habe, nicht mehr zutreffend. Im
Gegenteil habe ich in den Gegenden, in welchen die Türken in der
letzten Zeit sich festgesetzt haben und die dadurch von dem Druck der
nomadisierenden Beduinen befreit wurden, einen entschiedenen Fortschritt
zu geordneten Verhältnissen und eine Zunahme der Anbaufläche gefunden.
Von Salchad an begleiteten uns mehrere Leute des Mubammed il
Atrasch, (J^J^ii^ ^ ^ darunter ein als Kriegsheld berühmter, d. h. be-
rüchtigter Druse, der sich oft wochenlang von seinem Wohnsitz entfernte,
um nach Beduinenart mit einigen Genossen oder auch in V^erbindung mit
den Zubed JU j, den gleich östlich von Salchad hausenden Berg- oder
•••
Harra-Beduinen, Razu j'j^ (Raubzüge) auszuführen. Den Erlös aus seiner
Beute teilte er mit seinem Lehnsherrn il Atrasch, seinen Anteil verwandte
er, um seiner bildhübschen jungen Frau, die er mit Stolz zeigte, Silber-
schmuck und schöne Kleider zu kaufen.
Meine Abreise von Salchad brachte mir noch Unannehmlich-
keiten, die allen denen zu widerfahren pflegen, die mit arabischer
Dienerschaft reisen. Ich hatte Befehl gegeben, dass die Karawane
morgens früh, während ich die Burg besuchte, nach Sali abmar-
schieren sollte; trotzdem fand ich meine Zelte nachmittags noch auf-
geschlagen. Ein Streit meiner Diener, der in eine Messerstecherei aus-
zuarten drohte und erst durch meine Dazwischenkunft geschlichtet wurde, war
die Ursache der Verzögerung. Obgleich nun Sali für einzelne Reiter in vier
.starken Stunden, für eine Karawane bei dem steinigen, holprigen Wege in
.sieben bis acht Stunden zu erreichen ist, lie.ss ich trotz der vorgeschrittenen
Zeit die Zelte abbrechen, die Tiere beladen und die Karawane abrücken;
ich selbst ritt vorauf, da ich wusste, dass ich für die Nacht im Hause
des Drusen.schechs in Sali Unterkunft finden würde. Muliammed il
Atrasch, auf den ich mich vollständig verlassen konnte, versprach, durch
seine Leute die Lastkamele sicher geleiten zu lassen; allerdings war die
Gefahr, dass ein oder das andere Tier abstürzte, nicht au.sgeschlossen.
Indess kam die Karawane ohne Unfall um drei Uhr nachts in Sali an. Der
Marsch ging in nordöstlicher Richtung durch die überaus pittoreske,
vulkanische Landschaft. Wir fanden im Gegensatz zu Graham^), der
im Frühjahr hier durchzog und die Gegend mit ihren vielen kleinen
Wa.sserläufen in üppigem Grün prangen sah, nur wenig Vegetation und
die Bäche sämtlich versiegt. Die von Graham erwähnten Eichenwälder sowie
der >Mandelbaumhügel« Teil il Lauz j^l t müssen mehr westlich liegen.
^) a. a. O. s. 245.
Frhr. v. Oppenkeim, Vom Minelmeer cum Persischen Golf. 14
2IO Kap. V. Sali. — Schech Mubummed Na^^ör.
Sali ^ uw^) war zur Zeit meiner Anwesenheit, wenn auch nicht die grösste,
so doch die wichtigste Stadt im ganzen östlichen Haurän, weil daselbst der
höchst einflussreiche Drusenschcch Mubammed Effendi Nassär ^Xil
jUoj lebte. Als Wohnung diente ihm ein starker Rassanidenbau ; ein
grosser, von riesigen Mittelsäulen gestützter, überdachter Raum bildete
die Empfangshalle, an deren Wänden breite, gemauerte Bänke hinliefen,
die mit Matten und kostbaren persischen Teppichen bedeckt waren.
Thüren und Fensterläden bestanden auch hier schon aus Holz. Schech
Mubammed Na.ssär empfing uns auf das AUerherzlichste, obgleich er
auf so späten Besuch gewiss nicht vorbereitet war, zumal nicht eines
Fluropäers; waren doch vor mir nur Graham, Wetzstein und Stübel in
Sali gewesen. Uns wurde bald ein treffliches Mahl vorgesetzt und zum
Nachtlager Matratzen und Kissen auf die Bänke der Halle gelegt. Wir
fanden in Schech Mubammed Nassär einen aufgeklärten und zum Fort-
schritt neigenden Mann; in seinem Dorfe hatte er einen aus Damaskus
gekommenen muhammedanischen Schullehrcr zum Unterricht der Kinder
angestellt.
In der Nähe der besten der vorzüglichen Quellen, durch die Sali
ausgezeichnet ist, wurde unser Lager aufgeschlagen. Das Wasser wird
wenige Minuten von dem Orte in grossen Steintrögen aufgefangen. In
der Nachbarschaft befinden sich weite, fruchtbare Felder, von denen
manche mit Bäumen bepflanzt sind. Allabendlich sahen wir die Feuer
der in der Nähe übersommerndcn Beduinen.
Sali birgt noch zahlreiche sabäische Ruinen, die ich jedoch nur
zum kleinen Teil bewohnt fand. Immerhin dürfte die Einwohnerzahl
bereits mehrere hundert Seelen betragen, darunter einige wenige christ-
liche Familien, welche aus ältester Zeit hier ansässig *^ein dürften ; auch
ein christlicher Kaufmann aus Damaskus hatte sich in Sali niedergelassen.
Interessant sind einige Baureste, die wenige Minuten südlich und süd-
östlich von der Stadt liegen, bis jetzt aber von keinem Reisenden erwähnt
sind; meiner Ansicht nach stammen sie von einer ausgedehnten Nekro-
polis her. Dafür spricht der Umstand, dass beim Aufheben der Stein-
blöcke vielfach Menschcnschädel und -knochen gefunden werden, die
*) Der Name der !^tadt Sali ist in Büchern und Karten verschieden geschrieben.
Hurckhardl (.S. 93 schreibt Zaele, Hurlon .Bd. II, .S. 177) .Sailuh, (iraham 'S. 244)
.Sali, Porter SAleh, Wetzstein S. So] Sähi und Kiepert auf seiner Karle ebenfalls Said.
Die gewöhnliche Aussprache ist jedenfalls .Sali mit tieni Acccnt auf der er^^ten Silbe. Ich
bemerke dies darum, weil es mir thatsächlich schwer geworden war, durch meine der Schreib-
weise der Bücher nachj^eformte .Aussprache mich im Lande verständlich zu machen unil
Über die geographische Lage von .Sali Bestimmtes zu erfahren.
Kap. V. Die Nekropole toh Sali. 2II
blendend weiss gebleicht und teilweise fast schon zu Staud zerfallen
sind. Die Dorfbewohner erklarten, dass diese Knochen »seit Urzeiten«
dort lägen und dass sie selber ihre Toten anderwärts begrüben ; über die
Bestimmung der eigenartigen Baurestc vermochten sie jedoch keine Auskunft
zu geben. Deutlich erkennbar waren Fundamente und die unteren Teile von
viereckigen, etwa 6 — 7 m in den Seitenlinien haltenden Mauern. Die Mauern
.Sthech Mubammed Nnjfiir.
umschlo.ssen einen Innenraum, der wiedi-rum durch leichtere Wände in
mehrere, meist acht, kleinere Kammern geteilt war, und zwar so, dass
die Kammern gleich massige Dreiecke bildeten, deren Spitzen mit dem
Mittelpunkt des Vierecks zusammenfielen. Diese Spitzen aber waren
durch je zwei Steine abgestumpft, zwi.schcn denen von dem innersten
Achteck Eingänge zu den Kammern führten. Die Kauten hatten nur
einen einzigen Eingang, in nächster Kähe einer der Ecken des Vier-
kants. Das Material waren behauene Quadersteine oder grob zurecht-
212 Kap. V. Die Nekropolc von Sali.
gehauene Blöcke; weitere Steine lagen in der Nähe der Ruinenstätte auf-
gehäuft, so dass auf eine frühere turmartige Form dieser Bauten geschlossen
werden kann. Die Begräbnistürme waren ziemUch zahlreich, aber immer
nur wenig über der Erdoberfläche noch erhalten. Vielleicht lässt sich
eine gewisse Veru'andtschaft mit den von Perrot-Chipiez*) beschriebenen
Bauten in Sardinien, den runden Nurhagen, behaupten. Eine Unter-
suchung von Schädeln aus diesem Totenfelde würde vielleicht zu anthropo-
logisch und historisch wertvollen Schlüssen führen. Ich selbst musste
leider darauf verzichten, weil ich die Empfindlichkeit meiner Gastfreunde,
von denen die Ausführung meiner Reise in die Harra abhing, nicht
verletzen wollte.
*) Perrot-Chipiez, Histoire de l'art de I'antiqaitef Bd. IV, S. 22 ft.
y^^
VI. KAPITEL.
Harra und Safa.
Europäische Forschungsreisende in der Rubbe. — Die Riat. — Aufbruch von Sali. —
Sa*ne. — Der Kintritt in die Hurra. — Die Wasserstelle il Hufne. — Die Sieb. — Ein
• • •
Zwischenfall. — Ein Zusaininenstoss mit den Riat. — Friedliche Lösung. — Nemära. —
Schech Serä!|^. — Die Ru^be. — Im Zeltlajjer der Riät. — Die Besteigung der Safäberge.
— Die Chuschbe. — Tulül is Safä. — Die Zuneta'a. — Niedcrlassung^en auf der Safä. —
Flora und Fauna. — K*?' ^^ Abja4. — Schlechte Gastfreunde. — Neue Schwierigkeiten. —
Der Aufbruch aus der Ru^be. — Der Bir Umm Räbil. — Der ftcbel Ses und seine
Ruinen. — Der östliche Trachon. — Ankunft in Dumer.
Nur viermal war es bis zum Jahre 1893 Europäern gelungen, in die
Harra einzudringen und die Ruljbc zu erreichen. Zuerst dem Engländer
Cyrill C. Graham, der im Spätherbst 1857, ^^^^ Damaskus kommend,
von Westen her die Safäberge umritt und nach verschiedenen Touren in
der nordöstlichsten Harra diese von Nemära aus auf westnordwestlichem
Wege in der Richtung nach Schal>ka verliess. Ueber die Ergebnisse
dieser Expedition sowie seiner grösseren Hauränreise hielt Graham
leider nur einen einzigen Vortrag, der in der Zeitschrift der Londoner
Geographischen Gesellschaft^) abgedruckt ist.
Der zweite Europäer, der — ohne von der Reise Grahams gcwusst
oder dessen Resultate gekannt zu haben — im Frühling 1858 die Harra
besuchte, war der Arabist Dr. J. G. Wetzstein, damals preussischer Konsul
in Damaskus und durch seine langjährige Thätigkeit auf das Innigste mit
Land und Leuten vertraut. Die Reise war gründlich vorbereitet und
lieferte ausserordentlich wertvolle Ergebnisse, insbesondere -wahllose In-
schriften aus der Harra und dem Haurän. Der ausführliche Reisebericht
erschien in der Zeitschrift für allgemeine Erdkunde und wurde nebst
*) The Journal of the Royal Geographical Society, Vol. 28, London, 1858, S. 226 AT.
ExploratioDS in the Desert East of the Hauran, and in the ancient Land of Bashan. Ry
Cyrill C Graham Esq. F. R, G. S.
214 Kap. VL Europäische Korse hungsreisende in der Harra.
einem Anhang und ausfuhrlicher Karte als besondere Abhandlung^)
herausgegeben. Das Werk ist noch heute von grossem Wert fiir
unsere Kenntnis jener Gebiete und seiner Bewohner. Wetzstein betrat
die Harra von den Wiesenseen bei Damaskus aus, folgte dem Lobf, dem
Rande der DiretitTulül J>u\ ij^, besuchte den Krater von Rig;m il Marä
Jl^l jVf" J und durchzog die Rubbe, von wo aus er die Safäberge bestieg,
was bis zu meiner Anwesenheit in der Ruhbe kein Europäer ausser ihm
unternommen hatte. Er machte Ausflüge nach el Rarz und Knese, ging
nach Nemära und vcrliess die Harra auf nahezu demselben Wege wie
Graham, in der Richtung auf Schakka.
Im Jahre 1862 machten die beiden Franzosen, Graf de Vogüe und
der nachmalige Botschafter in London W. H. Waddington einen Ausflug
von Schakka aus nach dem Gcbel Ses und Xemiira, und zwar in der
Weise, dass unter Umgehung der Safäberge abermals der direkte Weg
Schakka-Ncniära benutzt wurde. Von dieser Expedition liegen aus-
gezeichnete Abbildungen und Abdrücke von Inschriften in besonderer
Publikation*'^) vor.
Der letzte Besucher der Harra vor mir war Dr. Stübel, welcher
namentlich geologische Untersuchungen vornahm, und von dessen Ex-
pedition eine Karte nebst ausführlichem Ortsverzeichnis in der Zeitschrift
des Deutschen Palast ina- Vereins '\) veröftcntlicht wurde. So gut diese Karte
für den Hauran selbst ist, so waren doch bezüglich der Harra Irrtümer in
der Zeichnung unvermeidlich, da ein grosser Teil der Darstellungen nicht
auf eigener Beobachtung, sondern auf Erkundigungen basiert ist, die
Dr. Stübel oder seine Vorgänger eingeholt hatten. Stübel war von
pumer aus nach Umm in Niran und dann nach dem Ciebel Ses ge-
gangen. Der Rückmarsch nach den Wiesenseen wurde im Norden der
Safä auf der Wetzstein'schen Route ausgeführt"*).
Der Versuch, in die Harra einzudringen und nach der Ruhbe zu
gelangen, ist noch mehrfach von anderen gemacht worden, jedoch mit
weniger Glück. Ich erwähne nur den bekannten Mekkapilger Burton,
*' Reisebericht über Haur.m uml die Trachoncii nebst .Vnhuiij,'. Von Dr. Johann
Gottfried Wetzstein. Herlin, iSöo.
^ Voj^üe, .Syne Centr;ile, Architccture civjle el rcligieuse du j)rcmier au septi^me
Siecle. Paris 1S65 — 1877. Derselbe, Inscriplions seinitinues, Paris iSoS - 1877. Waddington,
Inscriptions |T7ec«|ues et latines de la Syrie, Paris 1870.
^ Hd. KU, LoipziLT 1SS9, S. 235 tV. Ucber seine ijeulotrische Arbeit ver^jl. Kap. III
dieses Werkes S. 90 f.
*] Nach mir ist es unserem Landsmann Herrn H. Hurchardt j^elnnsren, auf ungefähr
demselben Wege wie Wetzstein die Rubbe zu erreichen und «gleichfalls die Safäberge zu
besteiii^en. Ihm verdanke ich insbesondere die Abbildun;^en vom Weissen Schloss und der Safä.
Kap. VI. Die «Orbän il Öebel. 21$
welcher nach seiner eigenen Angabe im Südwesten der Safaberge von
Riät, wahrscheinlich wohl von Schtäje beschossen^) wurde. Sein Be-
gleiter wurde schwer verwundet und musste umkehren. Obgleich Burton
englischer Konsul in Damaskus war, konnte er eine Bestrafung der An-
greifer bei der türkischen Behörde nicht durchsetzen. Im Winter 1871
reiste er dann von Schal^ka aus am Ostabhang des Nord-Haurän entlang
nach Umm in Nirän und Dumer, ohne die eigentliche Harra betreten zu
haben. Die Safävulkane und die Ruinen am Fusse derselben waren
bis zu Anfang dieses Jahrhunderts für Europa vollständig unbekannt.
Die erste Nachricht davon gab Burckhardt*) auf Grund von Erkundigungen
bei Beduinen.
Alle meine Vorgänger in der Harra halten den nördlichen Teil
dieser Steinwüste in nächster Nähe der Safaberge besucht. Keiner war
in südlicher Richtung über die Linie Schakka-Nemära hinausgekommen.
Wetzstein^) bezeichnete ausdrücklich das südlich gelegene Terrain als
vollständig unpassierbar. Meine Absicht war, gerade diesen Teil der
Harra zu untersuchen und den Versuch zu machen, vom Süden aus die
Ruhbe zu erreichen. Thatsächlich gab es auch von Sali bezw. Sa*ne aus
südlich der von Wetzstein begangenen Route einen Weg nach Nemära
und der Rul;ibe.
Neben den grossen Schwierigkeiten, welche die Terrainverhältnisse
einem Eindringen in die Harra und die Ruhbe entgegensetzen, ist die
Gefahr, welche dem Reisenden von Seiten der dort hausenden Beduinen
droht, in Anschlag zu bringen. In der Ruhbe selbst und in den stein-
freien Stellen der nördlichen Harra leben die Riät sI^Lp und die ihnen
verwandten Schtäje, westlich von ihnen vereinzelte kleinere Gruppen, im
Südwesten der Harra, östlich von Salchad, der starke Stamm der Zubcd.
Alle diese werden unter dem Namen Bergbeduinen, *Orbän il Gebel
Li-1 jl^j zusammengefasst*). Steuern zahlen die Bergbeduinen nicht,
sie sind durch ihre Raubsucht berüchtigt und liegen mit der türkischen
Regierung und untereinander in fast ununterbrochener Fehde. Insbesondere
*) Vergl. Richard F. Burton and Charles F. Tyrwhitt Drakc, Uncxplorcd Syria, London,
1872. Vol. I S. 154.
*) Travels in Syria and the Holy I^and, by the late John Lewis Burckhardt. London,
1872, S. 92.
») a. a. O. S. 68.
*) Unter dem hier üblichen Saniinelbejjriff Berijbeduinon werden noch andere Stämme
verstanden, so mehrere (Iruppen, welche im Winter am Nordwestrande des östlichen Trachon
hausen, die Sulüt- Beduinen der Lc^a, kleine, stets im Hauränge birii^e selbst verbleibende
Stammesteile u. a.
2l6 Kap. VI. Die Riät.
liegt zwischen den Riät und den türkischen Soldaten »Blut«, wie der
Volksmund sagt: Die Beduinen rächen ihre im Kampf mit den Gendarmerie-
truppen gefallenen Brüder nach den Satzungen der Blutrache, wann und
wo sich immer einer ihrer Erbfeinde sehen lässt, und die Soldaten zahlen
ihnen mit gleicher Münze heim — es sei denn, dass der Riäti sich unter
dem direkten Schutz eines Freundes der Regierung befinde. Der Auf-
enthalt in der Harra und in der Rubbe ist den *Orbän il öebel nur so
lange möglich, wie die Sommerhitze nicht die Wasserstellen ausgetrocknet
hat und sie Futter für ihre Herden finden. Sobald die Quellen und
Wasserreservoirs versiegen, suchen die Beduinen an den Abhängen des
Haurän und an den Wiesenseen andere Wohnsitze und Weideplätze.
Die Riät kampieren während des Sommers im Ost-Haurän, und zwar in
der Nachbarschaft von Sali, und sie müssen deshalb notgedrungen mit
den dortigen Drusen Frieden halten, die ürigens kräftig genug sind, sich
bei den Wüstensöhnen Respekt zu verschaffen
Die X)rusen sind dann mit Getreide, Waffen und dergl. Käufer für
alles das, was die Riät im Laufe des Jahres zusammengeraubt haben —
so stammte auch ein prächtiger Teppich, den ich in Nas«;ärs Empfangs-
halle bewundert hatte, von einem Raubzug der Riät. Noch weitere
Interessengemeinschaften führen ein Einvernehmen zwischen Drusen und
Riät herbei. Im Winter halten beide Stämme gemeinschaftlich die kleineren
*Orbän il Gebel im Zaum, ausserdem stehen die Drusen den Riät gegen
die mächtigen *Aneze bei. Schliesslich haben Drusen und Riät auch noch
einen gemeinschaftlichen Lokalheiligen, den Schech Scräk, dessen Grabmal
am Eingange der Ruhbe liegt. Der türkischen Regierung ist dieses
Freundschaftsverhältnis sehr wohl bekannt, und sie weiss, dass die Drusen
ihr keinen Riäti ausliefern würden; auch bei den letzten Aufständen der
Haurändrusen haben die Riät ihnen die Treue bewahrt und Tausenden
von P'lüchtlingen Aufnahme in der Ruhbe gewährt. In Zeiten der Gefahr
bieten den Riät die Lavafelscn der Safäbergc Schlupfwinkel, in die ihnen
kein Feind zu folgen vermag. Alle Versuche, ihrem räuberischen Treiben
ein Ende zu machen, sind bisher gescheitert, und mit Stolz erzählten
sie mir, wie noch vor wenigen Jahren zur Zeit Midhat Paschas der
schneidige Militärkommandant von Damaskus, Fczi Pascha, der mit einem
Heere von loooo Mann sie unter das türkische Joch hätte zwingen wollen,
nach ungeheuren Verlusten an Menschen und Tieren gezwungen worden wäre,
unverrichteter Dinge heimzukehren. Erst in letzter Zeit ist es ejelungen, die
Postreiter zwischen Dumer und Bardäd gegen die Angriffe der Riät zu
schützen, indem man einen ihrer Schechs, den ich später kennen lernte, ge-
fangen nahm und nur unter der Bedingung freiliess, dass er in Dumer
wohnen bleibe, wo er mit seinem Leben für die Sicherheit jener Post-
reiter garantieren muss.
Kap. VI. Aufbruch von Sali. 217
Die Riät leben in sehr loser Gemeinschaft, ein Oberschech ist nicht
vorhanden, höchstens kann man von der Hegemonie einzelner Familien
reden. Gemeinschaftliche Kriege fuhren sie nur selten, wohl nur im
Verteidigungsfalle; ihre Raubzüge werden meist von kleineren Trupps
unternommen, grössere Razus kommen selten vor und dürften dann
70 — ICX) Mann schwerlich übersteigen. Als wir in der Rubbe weilten,
war gerade eine solche grössere Raubkarawane nach dem Norden zu
den *Aneze unterwegs, nach deren Rückkehr die in der Oase noch
anwesenden Riätfamilien ebenfalls nach dem Haurän ziehen wollten, da
das Wasser in den Birke der Rubbe nur noch für wenige Tage aus-
reichte.
Die äussere Erscheinung der Riät zeigt gewisse Abweichungen von
derjenigen der nordarabischen Stämme, z. B. der 'Aneze. Ihr Aussehen
ist wilder, das Auge besonders unstät, das Gesicht spitzer, der Körper
mager und leicht, die Kleidung äusserst zerlumpt und schmutzig, selten
tragen sie eine 'Abäje. Der Kopf ist unbedeckt, das Haar lassen sie
lang flattern.
Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Drusen und den
Riät ermöglichten mir meine Expedition auf der von mir projektierten
Route. Mubammed Nas.sär gewann ein Mitglied einer der Schcchfamilien
der Riät, Namens Dablän, der ihm schwören musste, mich durch die
Harra zu geleiten. Dablän stellte noch sechs Kamele zu un.screr Karawane,
die speziell dem Wassertransport zu dienen bestimmt waren und für die
als Treiber einige weitere Stammesgenos^en des Dablän mitgenommen
wurden. Doch mochte Muhammed Na.s^är den Kiat nicht allzuviel
trauen, denn er gab mir noch drei seiner Verwandten, darunter seine
beiden Neffen Ne^Ib und Färis, sowie einen alten drusischen Diener mit
auf den Weg.
Am 10. Juli, morgens 9 Uhr 30 Min., brachen wir von Sali auf. Die
Route ging zunächst östlich und lief an dem Huwaijat .Sali /^Iw ^ ^,
einem fast senkrecht aus einem Hügel hervorragenden kleinen Felsen,
vorbei. Nach etwa 5 Kilometer*) Wegstrecke schlugen wir nördliche
Richtung ein, und nach 10 Minuten passierten wir den Wadi ir kusch«:dc
äJL-1»J- /C^*J, einen Bach, der ausgetrocknet war, im Wmter aber an-
scheinend bedeutende Wa5?icrma:^sen führte. Auf dem jensoiti^^en VAi'.x
erblickten wir eine steinerne Wassermühle. Oestlich von hirr la^^ auf
einer Anhöhe, dort wo der Bach au-i dem Haurangebirge tritt, um sich
welcher hier etw^ia üb'tr 3* ^ km W':(;lirj((#- 2firü'.k{f<tk;ft wrir'l«;n
2 1 8 Kap. VI. Sa'ne. — Der Wädi isch Schäm.
in die östliche Steinwüste zu ergiessen, das Dorf ir Ruschede Sjul^^^,
beherrscht von einem trotzig aufragenden Wachtturm.
Weiter ging es nordnordöstlich nach Sa*ne <!»-*», das eine interessante
Burgruine birgt*), und welches früher eine bedeutende Stadt gewesen
sein mag. Wir tränkten unsere Pferde in einem der beiden grossen
Birke, die hier dicht neben einander liegen. Es scheint, als ob dieser
natürliche Wasserbehälter durch künstlichen Ausbau verbessert worden
sei, indess sind die Spuren menschlicher Thätigkeit fast zerstört. Dicht
bei Sa*ne waren die Sommerquartiere Dabläns und unserer neuen Kamel-
treiber.
Die Marschrichtung wurde nun nordöstlich, und bald sahen wir die
Harra vor uns liegen. In ihrer düsteren Eintönigkeit bot sie einen
schauerlichen Anblick, und scharf und deutlich hoben sich ihre Grenzen
von den Ausläufern des Haurän ab, die mit ihren spärlichen, zwischen
den Steinen spriessenden Kräutern im Gegensatz zu der völlig schwarzen
Harra geradezu als eine grünliche Matte erschienen. Jenseits derselben,
in weiter Ferne, wurden in unsicheren Konturen die Safäberge sichtbar.
Terrassenförmig dachte sich das Haunlngebirge hier nach Osten ab,
und über das Hasalt- und Tuffgerölle kletterten wir in geringer Entfernung
südlich des Wädi Ischbike AXJl» ^^^ J ^^^i^ bergab. Unterwegs ritten wir
zu einigen künstlichen alten Höhlen am Abhänge des ausgetrockneten, tief
eingeschnittenen Baches, wie sich solche im ganzen Flaurän und den
Nachbargebieten häufig vorfinden.*) Am Fusse des Plateaus angelangt,
marschierten wir ^ « Stunde nordnordöstlich, bis wir an eine ganz mit
gelbem Sande bedeckte Einsenkung, Muschbik il Wudjän, j'u^ J» <^A-La,
»Vereinigung der Wädis* kamen, in welcher von O., X. und S. her eine
grössere Anzahl jetzt versiegter Wasserläufe mündeten, um in einem
gemeinsamen Bette als Wädi isch Schäm ^liJ\ ^^^J ostwärts durch die
Harra nach der Ruhbe zu fliessen. Bald in dem Bett dieses Baches,
bald am rechten oder linken Ufer wandernd, durchzogen wir dann die
öde Steinwüste.
Wie ein ungeheures Grab nahm die Harra uns auf. Die Aussicht
auf den Haurän und die vor uns liegenden Safäberge war jetzt ver-
schwunden, in leichten, wellenförmigen Linien dehnte sich das steinerne
Meer vor uns aus. So weit das Auge reichte, war überall der Boden
^) Vergl. Wetzstein a. a. O. S. 65.
-) Vcrgl. oben Kap. 111, S. 93.
Kap. VI. Der Eintritt in die Harra. 2 IQ
dicht mit schwarzen, mattglänzenden, glatten und mit Blasen bedeckten
lose neben einander liegenden Blöcken besät, fast nirgends schimmerte der
gelbe sandige Untergrund durch. Die Steine hatten eine durchschnittliche
Höhe von 20 — 30 cm, selten waren sie zu mehreren zusammengehäuft,
und nur hin und wieder ragte ein Felsen aus der Steinebene empor.
Und doch führt, nur den Augen der Eingeborenen erkennbar, hier ein Pfad
durch die Harra, welcher durch den Jahrtausende langen Verkehr in der
Art entstanden zu sein scheint, dass der Tritt der Hufe die einzelnen
Steine bei Seite geschoben hat, so dass die Reittiere auf dem sandigen
Untergrunde Fuss fassen können. Aber fast nirgendwo ist dieser Pfad, wenn
man ihn so nennen darf, breit genug, um zwei Reitern neben einander
Platz zu bieten. Wehe dem Reisenden, welcher von diesem Wege, der
nach den wenigen Wasserplätzen der Harra führt, abirren würde! Auf
dem Steingeröll würden die Tiere bald erlahmen, und Mensch und Tier
wäre dem Tode durch Verschmachten unrettbar verfallen. Die Harra
behält diesen Charakter bis unweit der Quelle Nemära. Ich bestätige
übrigens die Beobachtung Wetzsteins, dass die Lavasteine der IJarra hin
und wieder mit lautem Knall zerspringen, eine Erscheinung, die sich aus
der durch die glühenden Sonnenstrahlen bewirkten raschen Verdunstung
der Wasserteilchen erklären mag, die sich während der Nachtkühle und
aus Niederschlägen in den Steinporen ansammeln.
Die Julihitze und der Reflex der Sonne von den Steinen machten
den Marsch zu einer wahren Qual. Dazu kam, dass wir mit unseren
Wasservorräten sehr haushalten mussten und unseren Durst nie völlig
löschen konnten; war doch trotz der Sorgsamkeit unserer Führer immerhin
die Gefahr nicht ausgeschlossen, dass wir vom Wege versprengt oder die
bekannten Wasserstellen ausgetrocknet oder leer getrunken finden würden.
Namentlich die Tiere litten unglaublich, und es war ein Glück, dass dieser
Teil der Reise in den Anfang unserer Expedition fiel, wo sie noch frisch
und rüstig waren. Beständig musste auf die Pferde und Kamele Acht
gegeben werden, um sie vor dem Stürzen zu bewahren. Mehrere Kamele
verletzten sich an den Steinen die Füsse derart, dass ihnen später in
Dumer Lederstücke auf die wunden Stellen der Sohlen genäht werden
mussten.
Während des ganzen ersten Tages trafen wir kein Wasser an. Etwa
um vier Uhr nachmittags fanden wir dicht am rechten Ufer des Wädi
isch Schäm einen fast eine halbe Stunde langen, schmalen, dem Bachlaufe
folgenden Lagerplatz (Mantar), welcher im Winter dem Beduinenstamm
der ir Reseje <-wJ\, einem der Stämme der 'Orbän il Cicbel, ein Haupt-
Stützpunkt ist. Mit unendlicher Mühe ist hier Stein um Stein entfernt,
um auf dem platten sandigen Untergrund die Zelte aufschlagen und den
220 Kap. VI. Die Wasserstelle il Hafne.
Herden eine Lagerstätte bieten zu können. Mit den fortgeschafften
Steinen hat man dann \'2 bis i m hohe Umfriedigungen für die Zelte
und Weiden der einzelnen Familien errichtet. Solche künstlich ge-
stalteten Lagerplätze, deren die Harra noch mehrere birgt, heissen
Meschtä ^2-^ (»Winterplatzt). Kurz darauf kamen wir zu einer Ein-
senkung im Flussbett, die man Hifän nannte und wo wir Wasser zu
finden erwarteten; doch wurde unsere Hoffnung getäuscht.
Erst um 6 Uhr abends erreichten wir die Wasserstelle il Hufne <1a>-^
die Stübel und Wetzstein auf Grund ihrer Erkundigungen in die Karten
eingezeichnet haben, die aber bedeutend weiter östlich vom Haurän liegt,
als dort angegeben ist. Auch glaubte ich auf Grund der Karten hier
eine seeartige Ausbuchtung des Bachlaufes vorzufinden, traf aber nur auf
eine 15 — 20 m lange, 4 — 5 m breite und etwa 40 cm tiefe Wasserpfutze,
die auch im Winter nicht über 30 — 40 m breit, mithin auf der Karte
bedeutend zu gross bemessen ist. Nördlich steigt das erweiterte Bett der
Hufne sanft zum Niveau der Harra empor, während das rechte, südliche
Ufer als eine vielleicht 30 Fuss hohe Wand steil aufragt, welche das Wasser,
über das sie sich emporhebt, vor der ausdörrenden Sonnenglut schützt.
Einige Minuten vor dieser Stelle waren auf dem linken Ufer die deutlichen
Spuren der Löcher von Bijär, Ziehbrunnen, sichtbar, welche in den felsigen
Untergrund hincingebrochen, später aber verschüttet und zerstört waren.
Wahrscheinlich waren diese Brunnen einst eine Station auf dem Wege
zu den Rassanidcn- Niederlassungen in der Rubbe A..>-j.
Während die Harra selbst völlig pflanzenlos ist, fanden sich in dem
ziemlich tiefen Bett des Wädi isch Schäm und in der Nachbarschaft
anderer Wasserstellen gelegentlich ^anzc Büschel violetter, aromatisch
duftender Blumen, sowie eine Strauchpflanze mit bläulichen Blüten, welche
hier die Stelle des im nordwestlichen Afrika so häufigen Oleanders ein-
zunehmen scheint. F^erner kam eine äusserst übel und penetrant riechende
gelbe Blume vor, die von den Kamelen gern gefressen wurde.
Wir schlugen unser Lager in der Hufne in der Mitte des Bachbettes
auf, und Menschen und Tiere mussten ihren brennenden Durst mit dem
gelblichen brakigen Wasser löschen. Die in den Ziegenhäuten mit-
gebrachten Vorräte aus der herrlichen Quelle zu Sali, welche trotz aller
Massigkeit stark zusammengeschrumpft waren, blieben für alle Fälle
reserviert.
Dicht neben der Hufne lagerten etwa 20 S'cb *^^JL^, Angehörige
• -
eines der merkwürdigsten Stämme, die in ihrem Typus und in der Lebens-
i '^"'51^^* '^
■
^^^^^i
w^^
äfev^T'^
1^
^k^^K^^' ^^^^^ ' ''* ■ _^
ijjL
^^^^^äs
K"^
^' ^' '^^^3^— —*»»'*■■ ^^
Ä' ''
K^^^^-^L^^^SkiF^
^:
^^^"* 3B
,' '-^
^■-^ j^ "^ . »^
^^
Kap. VL Die Sieb. 221
weise in vielen Beziehungen von den arabischen Beduinen verschieden
sind. Meist kleiner als diese, leben sie hauptsächlich von der Jagd auf
Gazellen, deren Häute sie häufig als Kleidung tragen. Die Frauen
zeichnen sich zum Teil durch wunderbare Schönheit aus. Ich sah in der
Ruhbe eine Slebije von etwas über mittelgrosser Figur, mit stark ge-
bräuntem Teint, schmalem Gesicht schwermütigen, aber blitzenden Augen
unter langen Wimpern, herrlichem, schlichtem, schwarzem Haar und
prachtvollen Zähnen. Pferde und Kamele besitzen die Sieb nur selten,
sie reiten vielmehr auf kleinen Eseln von grosser Widerstandsfähigkeit,
halten sich auch nur hin und wieder einige Schafe und Ziegen. Die Sieb
leben mit fast allen Stämmen der Wüste in gutem Einvernehmen und
versehen für die Gastfreundschaft, die ihnen allerseits gewährt wird, und
für die Schonung ihres geringen Eigentums überall Führerdienste; niemand
kennt auch die Wüste so gut, wie der Slebi. Auch pflegen Männer wie
Weiber bei Gelegenheit den Beduinen ihre Tänze vorzuführen, wofür
sie dann Geschenke erhalten. Die ethnographische Abstammung der
Sieb ist noch nicht genau festgestellt, wahrscheinlich sind sie nicht Semiten,
sondern indischen Ursprungs. Die spateren Chalifen haben sich, wie es
heisst, Musikkapellen aus Indien an ihren Hof nach Bardäd kommen
lassen, deren Mitglieder beim Einfalle Timur Lenks in die Wüste gezogen
sein sollen. Ich hörte die Ansicht aussprechen, dass die heutigen Sieb
die Nachkommen jener Musikanten seien. Die Sieb sind gegenwärtig in
der Wüste von Aleppo bis zum Persischen Meerbusen sudlich des Euphrat
zu finden; wahrend die Beduinen stamm weise umherziehen, wandern sie
nur familienweise, sogar oft nur zu zweien oder dreien, manchmal sogar
ohne Zelte; ihre Toten be.statten sie indess möglichst auf grossen ge-
meinsamen Kirchhöfen. Mit gewisser Berechtigung kann man sie die
»Zigeuner der Wüste« nennen.
Auch unser Abendessen nach dem schweren Ritt wurde gewürzt
durch die Gesänge eine.'^ Slebi, der zu den Klängen einer viereckigen
Guitarre das Loblied auf einen Schech der Ruala vortrug, für welches
ihn ein.st dieser freigebige Beduinenfürst mit einem Kamel beschenkt
haben soll.
F*ast wäre an einem Missgrift', den ich bei diesem Abendessen be-
ging, meine ganze Expedition durch die Harra gescheitert. Meiner
Gewohnheit gemäss hatte ich allein gespeist und wollte nachher auch den
* *
mich begleitenden Drusen und Riat ihren Burrul Ip / vorsetzen lassen, als
ich eine sehr tiefgehende I^rregung und \'erstimmung unter den Wüsten-
söhnen wahrnahm, die, wie ich alsbald erfuhr, ihren Grund darin fand,
dass ich durch meine Absonderung von der gemeinschaftlichen Tafel
gegen die Regeln der arabischen Gastfreundschaft Verstössen hatte.
222 Kap. VI. Ein ZwischeofalL — Ein Zusammenstoss mit den Riät.
Meine Begleiter, die niemab mit einem Europäer, vornehmen Türken oder
Städter verkehrt hatten, waren dadurch in ihrem Stolz tief verletzt. Es
kam thatsächlich auf Dabläns guten Willen an, ob ich von ihnen weiter
geleitet wurde oder gleich hier umkehren musste. Um die Gekränkten
zu versöhnen, griff ich dann auch bei ihren Schüsseln mit zu, indem ich
sagte, ich hätte bisher auf europäische Weise gespeist und wollte ihnen
nun zeigen, dass mir auch die arabischen Sitten nicht fremd seien.
Dieser kleine diplomatische Kunstgriff stellte das gute Verhältnis
glücklicherweise bald wieder her. Dablän hat mir, wie ich gleich hier
zu seinem Lobe bekennen muss, in der Folge treu gedient und mich
bald nach diesem Zwischenfall mit eigener Lebensgefahr mehrfach gegen
seine Stammesgenossen in Schutz genommen.
Am folgenden Morgen um 6 Uhr rückte die Karawane von der Hufne
ab. Um 7^2 Uhr gingen wir in OXO. -Richtung auf das rechte Ufer des
Wädi isch Schäm, schlugen nach einer Viertelstunde wieder östliche
Richtung ein und kamen um 9^ 2 Uhr zum zweiten Mal an einem bedeuten-
den W^interplatz (Meschtä) vorüber. Der Ort zog sich mehr als eine
Viertelstunde lang am Hachufer hin, die Breite war dagegen, wie die
des früher passierten Winterplatzes, gering. Um loV 2 Uhr trafen wir in dem
ausgetrockneten Bette unseres Wädi eine kleine Wasserpfütze, Namens
Radir is Süs ^ ^^\ j Js^. Hier schlugen wir das Frühstückszelt auf,
ohne zu ahnen, dass wir in einen Hinterhalt gegangen waren, der für
die Expedition beinahe verhängnisvoll geworden wäre. Wie immer,
wenn eine Gefahr nur von vorn drohen konnte, war ich mit einigen
Berittenen der Karawane vorangeeilt und hatte dann um die Zeit der
grössten Mittagshitze Halt gemacht und gewartet, bis die Karawane,
die mit ihren Kamelen unseren Pferden nicht so schnell zu folgen
vermochte und daher im gleichbleibenden Tempo von morgens bis
abends unter der Eskorte der übrigen Reiter zu marschieren pflegte, an
mir vorbeigezogen war. Kaum sassen wir wieder im Sattel, als wir Schüsse
hörten und sahen, wie unsere Karawanen leute schleunigst umkehrten und
hinter ihren Kamelen Deckung suchten. Das Feuer kam von einer vor
uns liegenden, lang gestreckten Bodenerhebung, die mit zahlreichen Ri^m ')
-^ j, künstlichen Steinhaufen, besetzt war. Dablän war der Ueberzeugung,
dass das Schiessen nur von Leuten seines eigenen Stammes ausgehen konnte,
und stürmte so rasch, als das glücklicherweise hier etwas bessere Terrain
*' Die Rigm sind aus den aufijelcsenen Steinblöcken der Harra herpestellie Wälle,
die sowohl als Standort zur Keko^nos/.iening der Gef^end wie als Schiessschanzen und Schutz-
wehre dienen.
Kap. VI. Friedliche Lösung. 223
es gestattete, gegen die Höhe vor, ich folgte ihm. Man^ür blieb zurück,
weil, wie er später erklärte, wenn wirklich Riät vor uns wären, diese ihn als
*Aneze und Erbfeind erkannt und uns für die Vorläufer eines grossen
'Aneze-Raubzuges gehalten haben würden. Sobald die Angreifer unserer
ansichtig wurden, eröffneten sie ein ununterbrochenes Feuer auf uns,
doch wurde, merkwürdig genug, niemand verletzt. Wir ritten vorwärts,
bis es Dablän gelang, uns bei den Angreifern als Freunde zu legitimieren,
worauf das Schiessen eingestellt wurde. Wir selbst hatten wohlbedachter-
weise keinen Schuss abgegeben. Der Tod eines Beduinen hätte bei der
Uebermacht unserer Gegner, die etwa loo Büchsen stark waren, zweifel-
los den Untergang der Karawane zur Folge gehabt, denn die Angreifer
waren wirklich Riät, und der Schutz, den uns die Geleitschaft durch
ihren Stammesbruder Dablän sicherte, wäre illusorisch geworden und hätte
sich in Blutrache gewandelt, wenn einer von ihnen verletzt worden wäre.
Vielleicht war es gerade die Absicht der Angreifer, uns zu einer solchen
Uebereilung zu verlocken, damit sie sich scheinbar mit gutem Recht
der reichen Beute hätten bemächtigen können. Allerdings behaupteten
sie, dass sie uns wegen unseres spitzen, weissen Zeltes für türkische
Soldaten gehalten hätten, die wie zur Zeit des Generals Fezi Pascha
einen Einfall in die Harra versuchen wollten; den heranstürmenden Dablän
hätten sie zwar erkannt, ihn jedoch für einen freiwilligen oder geprcssten
Verräter gehalten. Wir ritten nun mit den Riät, die fast alle mit Martini-
Gewehren bewaffnet waren, weiter und gelangten, eine zweite Reihe von
Ri^m passierend, nach etwa einer Viertelstunde in ihr Lager, wo sie mich mit
Ziegenmilch und Brot bewirteten, jedoch nicht ohne mich darauf aufmerksam
gemacht zu haben, dass dies Entgegenkommen ein kleines Gastgeschenk ver-
diene. Ein halber Megidi (etwa 2 Mark) wurde mit Dank angenommen. Unsere
Karawane passierte das Zeltdorf der Riät um i2'/2 Uhr, marschierte aber
ohne Aufenthalt in NO. -Richtung weiter, bis sie um 4'/a Uhr Nemära
Ä ju erreichte. Bei Nemära stiessen wir wieder auf den Wädi isch Schäm,
den wir beim Radir is Süs verlassen hatten, da der Bach von da aus
einen grossen Bogen nach Osten hin beschreibt.
Der mit einem Gebäude besetzte Hügel von Nemära war schon
von weitem sichtbar. Er liegt auf einer Insel in dem Wädi isch Schäm,
der an dieser Stelle von Osten her einen Nebenfluss empfängt und sehr
breit wird. Wir fanden stagnierendes, aber reichliches Wasser; denn
der vom Winter übrig gebliebene Rest des Bachwassers wird hier durch
eine spärlich, aber doch dauernd fliessende Quelle, wohl die einzige in der
ganzen Harra, vermehrt. Ausserdem befinden sich östlich vom Hügel
einige Ziehbrunnen, bis zu 5 m breit, von denen einzelne noch gut er-
halten sind. Auch die vorerwähnte dürftige Flora war hier etwas reich-
224 Kap. VL Nemära.
haltiger vertreten und gab mit ihrem Grün dem etwa 20 Minuten langen
und 5 Minuten breiten Platze stellenweise einen rasenartigen Anstrich.
Der ungefähr 30 m hohe Hügel hat die Form eines abgestumpften Kegels;
auf dem Plateau erhebt sich neben Mauerresten und vielen Gräbern das
Grabgebäude eines alten Beduinenschechs, welcher sich angeblich Nemär
ju nannte und der von den Arabern geschaffene Heros Eponymos des
Ortes ist Das Mausoleum besteht in seiner gegenwärtigen Gestalt aus
einem Viereck ohne Dach, welches durch einen Bogen in zwei Teile geteilt
ist, von denen der hintere das mit Steinen in Form eines hohen Sarges
bedeckte Grab enthält. Das Gebäude stammt aus älterer Zeit und
diente früher als Wachtturm. Ueber der Thüröffnung und auf ver-
schiedenen aus dem Boden ragenden Felsen fand ich griechische Inschriften.
Die Schriftzüge sind sehr roh und wohl von Leuten eingemeisselt, die
des Schreibens wenig kundig waren. Auf anderen Steinen waren noch
verschiedene nicht minder kunstlose Graffiti in himjarischen Schriftzügen
vorhanden. Westlich und östlich von diesem Hügel stehen auf zwei
benachbarten Höhen noch Häuserreste aus alter Zeit. Die Inschriften
von Nemära sind von den früheren Besuchern^) her bekannt, sie tragen
zumeist die Namen römischer Soldaten von unverkennbar arabischer
Abstammung. Aus den Inschriften geht hervor, dass hier eine römische
Besatzung gelegen hat, welche zur Legion von Bo<;rä gehörte, und eine
derselben^) lässt vermuten, dass der antike Name des Ortes Namara war.
Nach der Notitia dignitatum standen (im 4. Jahrhundert n. Chr.) in Namara
Equites promoti indigenae. Nemära bildete den am meisten in die
Harra vorgeschobenen Posten zum Schutz der Rubbe auf der einen,
des Haurän auf der andern Seite.
Wir überschritten den Bach und schlugen jenseits des Nemärahügels
unser Lager auf Als ich am anderen Morgen, während meine Leute
das Lager abbrachen, abermals den Hügel besuchte, sahen wir von Westen
her eine grosse Karawane anrücken. Mit seinen scharfen Augen erkannte
jedoch Dablän den Zug als dieselben Riät, welche wir Tags zuvor
getroffen hatten. Zur Begrüssung wurden auf beiden Seiten die her-
kömmhchen Schüsse in die Luft abgefeuert. Von weitem dröhnte uns
das wilde Geheul der Riät entgegen, welches immer wiederkehrend die
Worte enthielt: Merhabä ja Dablän j^\»S l ^t/^ (^^^ gegrüsst, o Dablän).
Einem weit voranlaufenden Fussgänger folgten ein Dutzend auf Delül J j)S
V^ ^'crgl- Waddinijton, Inscriptions grecques et Intines de la Syrie 2264 — 2285. Vogiie,
InscripüoDs semitiques S. 146. Wetzstein, ausgewählte Inschriften aus Ilaurän S. 265, 266.
''^] Vergl. Waddington No. 2270 a. a. O. S. 523. Moritz, Zur anüken Topographie
der Palmyrene S. 15, glaubt in Nemära das alte Salthata oder Salthada sehen zu sollen.
Kap. VL Aufbruch von Nerafir«. — RÖmer»ln(i«ii in der Jjhrnu 225
(Keitkamelen) sitzende Reiter, darnach in einiger Entfernung das Gros
der Kamele mit Mannern, Weibern, Zelten und L^ergerät, von einer
Anzahl Bewaffneter eakortiert, hinter denen in kurzem Abstand wieder
ethche Kamelreiter kamen, alles in leichtem Trabe. Manchmal hockten
die Riät zu Dreien auf den starken Tieren, unter denen wir verschiedene
ganz schneeweisse Exemplare bemerkten, und es gewährte einen hübschen
Anblick, mit welcher Kraft und Grazie die Frauen mit ihren Kindern
im Arm sich von den Kamelen herabgleiten Hessen, wenn diese über
den Bach setzen mussten.
Unser Aufbruch von Nemära erfolgte um 7 Uhr morgens. Die Riat
waren im Begriff, vor dem Brunnen von Nemära ihr Lager aufzuschlagen,
eine Arbeit, die mit staunenswerter Schnelligkeit verrichtet wurde. Die
Zell der Rifil-Bedainen.
Steinwüste wurde jetzt immer welliger, und um 9 Uhr waren wir auf der
höchsten Stelle, dem Manägg in Nemära »jl^Jl ^y^, angelangt. Bald da-
rauf benutzten wir auf eine kurze Strecke eine alte Römerstrasse, deren
Spuren noch deutlich erkennbar waren, und die in nördhcher Richtung nach
der Oase geführt haben mag. Die Strasse war etwa 10 m breit und durch
hier und da noch vorhandene Steinreihen in drei nebeneinanderlaufende
Wege geteilt. Die verschiedenen durch die Harra hinführenden Römerstrassen
sind in der Weise ausgeführt, dass Stein für Stein entfernt und zur
Seite gelegt ist, eine wahre Titanenarbeit an Geduld. Zeit und An-
strengung. Die Strasse, welche wir hier kreuzten, scheint nicht weiter
ausgebaut zu sein, jedenfalls waren südlich von Manä^ in Nemära
ihre Spuren auf der von uns begangenen Route nicht mehr zu ent-
decken. Graham notiert auf seiner Karte eine Strasse, welche von
Nemära in nordöstlicher Richtung, angeblich nach Palmyra, geführt^
Fifar. *. Opp«BlialD, Vom Wnelm«« lua Pwücb« Calf. IE
226 ^V- VL Du Grab dn Scbeuh Seiäk.
haben soll. Wir selbst wandten uns bald etwas mehr östlich und sahen,
nachdem wir eine grosse Einsenkung passiert hatten, die Rubbe (d. h.
Ebene) genannte Oase vor uns liegen. Seltsam hob sich die weite
gelbe Fläche von der schwarzen Harra ab, und doppelt düster er-
schienen hinter ihr die zackigen Lavafcisen der Safäberge. Die Sonne
leuchtete grell, und eine wunderbare Luftspiegelung erhob sich über der
Rubbe. Man glaubte, VVasserplätze vor sich zu sehen, hinter denen hoch
oben Häuser und Baume erschienen. Als wir näher kamen, verschwand
das Trugbild. Der Boden wurde jetzt immer besser, der Weg er-
träglicher, und der gelbe Sand bot den Hufen unserer armen Tiere,
welche mit sichtlich erfrischten Kräften der Ebene zustrebten, an immer
grösseren Stellen einen steinfreien Untergrund. Links von uns lag der
Südostabhang des Plateaus der Safävulkanc »U^aJU Unsere Richtung war
Rutbe.
NW. geworden; wir stiegen langsam zur Ruhbe hinab und näherten uns
den Safäbergen im spitzen Winkel. Die zahlreichen Ruinen steinerner
Häuser am Rande der Höhen gewannen an Deutlichkeit, und endlich
ragten auf einem niedrigen Vorsprung der Safälava die Konturen des
Kasr il Abjad jjÄ-Vl j-^* ("Weisses Schloss») scharf hervor. Vor uns.
mitten in der Oase, lag das weisse Häuschen des Schech Seräl; 3'^j^>
des Lokalheiligen der ganzen Gegend; um lo' i Uhr hatten wir es
erreicht und ruhten im kühlen Schatten des Heiligtums aus. Es war ein
einfaches viereckiges Steinhaus, aussen mit Kalk weiss bestrichen, mit
niedrigen Thüren und zwei kleinen Fensterchen auf der Ostseite; erst im
vorigen Jahre war es mit einem flachen Steindach bedeckt worden.
Einzelne vom »Weissen Schloss« hierher geschaffte Steine mit Ornamenten
schmückten die äussere Mauerwand. Im Innern befindet sich das Stein-
grab des Schech, mit einer Unmenge von Lappen und Lumpen behangen.
Kap. VI. Schech Seräk. — Die Rull^be. 227
denn weit und breit giebt es keinen verehrteren Namen als den seinen.
Auch meine drusischen Begleiter brachten dem Schech Seräk ihre Spende
dar, sie bedeckten — ganz in der Weise wie es die Muhammedaner mit
ihren heiligen Gräbern zu thun pflegen — grosse Teile des Sarges mit
langen bunten Kattunstreifen, die sie, vorsorglich in Tücher gehüllt, mit-
gebracht hatten, dann umschritten und küsstensie das Grabmal des HeiHgen.
Ich selbst wollte nicht zurückstehen, und ich weihte dem Toten ein mit
meinen Initialen versehenes, freilich nicht mehr ganz frisches Taschentuch.
Vom toten Schech geht die Sage, dass, als man ihn in der Safä be-
graben habe, er sich dreimal an seinen jetzigen Ort begeben habe, erst
dann seien endlich seine Gebeine an der von ihm selbst gewählten
Ruhestätte belassen worden. Der tote Heilige soll ausgerufen haben:
»Die Safä ist die Hölle, die Ruhbe das Paradies, und ich habe das
Paradies verdient«. Noch heute wird die Safä die Hölle und die Rubbe
das Paradies genannt. Schech Seräk gilt als der Beschützer der Rubbe;
wer von einer in der Nähe seines (irabes gewachsenen Frucht geniesst,
einerlei ob Mensch oder Tier, wird zur Sühne dafür durch ihn getötet.
Den Mauern des Heiligtums vertraut jeder Beduine sorglos sein Eigen-
tum, selbst Geld an, so versicherte man mir, denn er weiss, dass er es
noch nach Jahren hier unangetastet wiederfindet. Wir fanden denn auch
eine Unmenge Sachen vor: *Abäjen, Hausgerät, ganze Zelttücher u. a.
Im Frühjahr soll sich die Ruhbe in einem freundlicheren Gewände
zeigen, als zu der Jahreszeit, da ich sie besuchte. Aber selbst dann ent-
spricht ihr Bild nicht der Vorstellung, die man sich von einer Oase gemein-
hin zu machen pflegt. Hier gedeihen nur Mais und Ger3te und die
wuchernden syrischen Kräuter und Blumen; jetzt, im Juli, lag eine öde
gelbe Steppe vor mir; neben dem Heiligtum des Schech Seräk standen
einige wenige Maisstauden, welche die erwähnte Fata morgana veranlasst
haben mochten; einen Baum habe ich in der Ruhbe nicht gesehen, nur
noch einige Futterpflanzen für Kamel, Schaf und Ziege und die Stoppeln
der letzten Ernte. Wollte man übrigens die Ruhbe in ihrer ganzen Aus-
dehnung bebauen, so würde sie Tausenden von Menschen und Tieren
Nahrung geben. Thatsächlich sprechen die zahllosen Ruinen am Ost-
abhange*) der Safäberge sowie in der Ruhbe selbst für eine frühere
grosse Bevölkerung. Ein Eigentumsrecht auf besonders abgegrenzte Acker-
stellen hat der einzelne Riät-Mann nicht, denn jeder hat ein Anrecht auf
die ganze Ruhbe und sät sein Getreide, wo es ihm passt.
Die Länge der Ruhbe von Südsüdwesten nach Nordnordosten mag
etwa 24 km betragen. Der südliche, also direkt östlich von den Safä-
') Burckhardt giebt (a. a. O. S. 93) schon einzelne Namen der Ruinenstätlen. Er
nennt die Ru]|^be-Oase einen Distrikt, in welchem eine Stadt gleichen Namens sich befinden
soll. Diese existiert aber nicht.
228 Kap. VI. Im Zeltlajjcr der Riäi-
bergen gelegene, etwa 15 km lange Teil ist eine Art von Ueber-
schwemmungsgebiet. Vom Süden her führen ihm der Wädi il Rarz
jjiü\ ^^(j und der Wädi isch Schäm ^LlJ\ ^^^J das Wasser vom Ost-
Haurän herzu, vom Osten her erhält die Einsenkung während der Regen-
zeit Zufluss durch den Amlüd il Kunese <*-aI>J( ^^^ und den Amlüd il
Rumär jUjLm ^^^, vom Norden her durch den Amlüd is Scs ^,juJ\ ^yo^^-
Das im Norden an diesen tiefstgelegenen Teil der Rubbe sich anschliessende
ebenfalls noch anbaufähige Gebiet der Oase enveitert sich nach Westen
hin, um einen grossen Zipfel der Safäberge zu umfassen.
Von einer sofortigen Besichtigung des Weissen Schlosses nahmen
wir Abstand, weil Dablän fürchtete, dass die in der Rubbe anwesenden
Riät einen Ueberfall auf uns ausführen würden, wenn sie nicht zuvor
davon unterrichtet wären, dass wir unter der Geleitschaft eines ihrer
Stammesgenossen reisten. Die Hauptniederlassung der Riät befand
sich direkt nordwärts vom Grab des Schech Seräk, kurz vor der
südöstlichen Ecke der Safäberge. Auf diese ritten wir zu. Dablän
führte mehrmals den sogenannten Freundschaftsritt aus, d. h. er
beschrieb, sich absondernd von dem Gros der übrigen Reiter, die im
Schritt blieben, einen grossen Kreis im Galopp und hielt dann plötzlich
sein Ross an. Nun kamen uns bewaffnete Gestalten entgegen, von
Ziegen- und Schafherden begleitet, aber Dablän, der alsbald als Stammes-
genosse rekognosciert ward, wurde nicht mit Flintenschüssen, sondern
mit Küssen begrüsst, und unbehelligt ritten wir weiter, bis wir nicht
weit von dem nordöstlichen Zipfel des Gebirgsmassivs, nur wenige
Minuten vom Safärandc entfernt, das Zeltlager der Riät antrafen. Hier
lag ein altes, tief in den vulkanischen Boden gebrochenes Wasser-
bassin, die Birket is Suwedir jJüjJl O jr, und daneben ein Bir Fa<Jl
La3 j^ genannter Ziehbrunnen, was auf eine im Winter grössere Nieder-
lassung schliessen Hess. Wir schlugen hier neben dem Zelte des Bruders
unseres Dablän, eines der vornehmsten Riätschcchs, unser Lager auf.
Abends wurde uns zu Ehren ein Hammel geschlachtet, einige anwesende
Siebfrauen führten Tänze auf, und zwei alte Riät wetteiferten in Barden-
liedern, die mir und meinem Rosse galten und die ich deshalb mit
klingender Münze lohnen musste. Im übrigen wurde der Abend mit
Verhandlungen über den bevorstehenden Aufstieg in die Safäberge hin-
gebracht. Wetzstein hat in beredten Worten die Schwierigkeiten ge-
schildert, welche sich ihm bei seinem Vorhaben, den Safabergen einen
Besuch abzustatten, entgegengestellt haben. Ich erhielt mit leichterer
Kap. VI. Di« BesteiguDg der ^afäberge.
229
Mühe die Mitwirkung einiger ortskundiger Riät zugesagt. Für einen
Megidi pro Mann und Kamel erboten sich jene beiden Riätbarden nebst
zwei jüngeren Kriegern, uns auf Reitkamelen nach der höchsten Spitze
des Gebirges zu geleiten. Unsere Absicht war, oben zu übernachten und
erst am nächsten Tage nach einer Besichtigung des Kagr ü Abjad
zurückzukehren.
Bei Sonnenaufgang brachen wir auf. Da unser Lager dicht in der
Nähe des Lohf lag, so befanden wir uns nach wenigen Minuten im
Bereich der Berge. Gleich hier möge die Darstellung berichtigt sein, welche
Burckhardt') nach einer Schilderung der Beduinen entwirft, ohne selbst die
Safäberge betreten zu haben. Er vergleicht sie mit der Lej^ä, hält jedoch
die Felsen der Safä für bedeutender, einen Brunnen gebe es hier nicht,
sondern das Regenwasser werde in Cisternen gesammelt; kein Feind
vermöge in sie einzudringen, ein einziger Weg führe hinein, nämlich ein
schmaler Pass, genannt das Thor der Safa, zwischen hochragenden Felsen
und nicht breiter als 2 Yard^ und lOO Yards lang — echt arabische
Fantastereien '^. Thatsächlich ist die Safä von der Riihbe aus leicht
') a. a. O. S. 92, Vergl. auch Rey a. a. O. .S, 32 1.
■; Vergl. Burckhardt a. a. O. S. 93 udiI Appendix VI, S, 667.
230 Kap. VI. Die Safä. — Die Chuschbe.
zugänglich und entwickelt erst, nachdem man eine Zeitlang gestiegen ist,
die Schrecknisse und die Grossartigkeit ihrer Gebilde, welche alles über-
treffen, was ich bisher gesehen habe.
Meilenweit zieht sich das Gebirgsmassiv hin, wir hatten 4Va Stunden
zu marschieren, bis wir den Gipfel erreichten. Dieses ganze Massiv mit
seinem riesenhaften Kubikinhalt stellt sich als ein ungeheurer Lavaerguss
dar. Der Boden, der unter dem Hufschlag erdröhnt, der bald in me-
tallischem Braun schillert, bald matt glänzend und grau und in düsterer
schwarzer Tönung erscheint, gleicht an manchen Stellen erstarrten Wogen
auf sturmgejagter See. Grosse Höhlen und Löcher zersetzen und zer-
klüften wieder diese Stein gewordenen Wogenkämme, welche einst den
feuerspeienden Kratern der Safävulkane entflossen sind. Eine solche
Höhle durchquerten wir, die fast fünf Minuten Weglänge im Durchmesser
hatte und ein selbstthätiger Krater gewesen sein mochte. Viele Kilo-
meter weit dehnte sich dieses Steinchaos vor uns aus, und ein des Weges
Unkundiger wäre unfehlbar in eine der zahllosen Spalten, die neben
unserem Wege gähnten, hinabgestürzt oder hätte sich verirrt, um jämmerlich
zu verschmachten. Uns führten unsere Riät auf kaum erkennbarem Pfade
bergan. Ich hatte nicht geglaubt, dass es möglich sein werde, die Safa
auf Reittieren zu erklettern, und war deshalb angenehm enttäuscht, dass
wir unsere an den höchst beschwerlichen Weg gewöhnten Reitkamele nur
an besonders schlechten Stellen verlassen mussten. Mein eigenes Dromedar
litt freilich sehr und stöhnte unaufhörlich, weshalb ich es alsbald mit
einem anderen, den Riät gehörigen Tier vertauschte, welches vier grosse
Ziegenhäute voll Wasser schleppte.
Zunächst ging es etwa eine halbe Stunde westwärts, nicht sehr steil
bis zu einem ersten Plateau, das sich wie eine Terrassenstufe im Osten
des Safamassivs hinzieht und das wir in südsüdwestlicher Richtung in etwa
1 7« Stunden, immer massig ansteigend, durchzogen. Als wir uns etwa in der
Breite des Ka§r il Abjac^ befanden, dessen Zinnen wir tief unten erblickten,
wandten wir uns abermals eine halbe Stunde lang westlich, bis wir ein
zweites Plateau erreichten, das wir passierten, um uns dann nach Norden
zu wenden. Hier begann die schwierigste Partie des ganzen Aufstiegs,
die sogenannte Chuschbe 4u*vl (»der Wald«), ein mehrere Kilometer
im Umfange haltendes Lavachaos, welches mit seinen Klüften und
Höhlen, mit seinen phantastischen Grottenbildungen und seinen steinernen
Aesten und Zweigen, die aus den Abgründen emporragen und die Spalten
überbrücken, ein Bild darbietet, wie es die kühnste und bizarrste
Phantasie nicht ersinnen könnte. Im bunten Wechsel drängen sich
hier die Lavaformationen aller Arten, tuffähnliche Gebilde wechseln
mit lasurglänzenden Schlacken, und die erstarrte Masse zeigt alle
Kap. VI. Tulül i9 §afä. — Die Zuneta*a. 23 1
Schattierungen von Rot über Braun bis zu dem vorwiegend vertretenen
Schwarz. Selbst für den Eingeweihten nur mühsam erkennbar und durch
gewisse, besonders grosse oder sonstwie auffallende Lavablöcke als Weg-
weiser markiert, führt eine Art Pfad durch die Chuschbe hindurch, die
wir in etwa halbstündigem Ritt durchquerten, um nunmehr zum höchsten
Plateau anzusteigen, welches die Kratergipfel der Safä träg^ Nach
wenigen Minuten hatten wir dieses Plateau erreicht, das etwa 12 Kilo-
meter lang ist und sich in Hufeisenform von Südsüdosten nach Nord-
nordwesten zu erstrecken scheint. Im südöstlichen Ende liegen die
höchsten Gipfelerhebungen, die eigentlichen Tulül i$ Safä ouUl uj^^
bestehend in mehreren riesigen Kraterbildungen von spitzer Hügelform,
zwischen denen, umschlossen von einem niedrigen und an vielen Stellen
zerbröckelten oder zusammengefallenen Rande, sich eine fast glatte, runde
Ebene vorfindet, die vielleicht 1 km im Durchmesser hat. Auf dieser
ist, wie die Riät angeben, bis vor einigen Jahrzehnten Gerste gebaut
worden, ein Beleg dafür, dass Burckhardts Mitteilung*), man könne aut
dem Safägipfel Getreide säep, richtig ist.
Die östlichste Erhebung der Tulül ist ein selbständiger, von aussen
kegelförmiger, im Innern trichterartiger Krater, dessen Ostrand zerborsten
und eingestürzt ist. An Stelle der sonst überall vorfindlichen Lava sind
hier nach aussen wie im Innern des Kraterkegels die Resultate eines
Aschenergusses mit Lapilli vermischt zu erkennen, und als merkwürdige
Naturerscheinung zeigen sich besonders hier viele präcis durchgebildete
Röhrchen von wenigen Centimetern bis zu einigen Metern lichter Weite,
welche ehemals als Ausflussöffnungen für Lavaergüsse fungiert zu haben
scheinen und selbst wohl nichts anderes sind, als geplatzte Blasen in der
Sudmasse aus der Zeit der Kraterentstehung.
Nordwestlich reiht sich an diese Krater eine nur massige Erhebung
des Lavaplateaus, die Zuneta^a AmLjJ\y welche völlig unvermittelt einen
etwa 150 m langen, 30 m breiten und ebenso tiefen, gähnenden Schlund
öffnet. Am südlichsten Punkte dieses ellipsenförmigen Abgrundes ragt,
wie eine zu Stein erstarrte lodernde Flammensäule, eine rote mattglänzende
Lavamasse auf, die grell von der durchweg schwarzen Färbung der
ganzen Umgebung absticht und vielleicht als Rest einer früher den
Schlund der Zuncta'a umgebenden natürlichen Randmauer zu betrachten
ist. Unheimlich blickte der schwarze Grund des Kraters zu uns empor,
aber vergebens spähten wir nach dem von Wetzstein*) erwähnten eisernen
') a. a. O. S. 92, 93.
*) a. a. O. S. 1 1.
232
Kap. \'L Dai Plateau der SafiL
Ring, von dem auch die Riat erzählten und an welchem der Sage
gemäss ein Rassanidenfürst die Verbrecher henken liess, damit sie in dem
schaurigsten Teil seines Reiches, die Hölle vor Augen, stürben.
Die ferneren Krater der Safaberge schliessen sich weiter nordwestlich
und in Abständen von etwa I km der ZunSta'a an. Das Safäplateau dacht
sich nach dieser Richtung hin immer mehr ab. Leider war unser Wasser-
vorrat infolge der ungeheuren Hitze derartig zusammengeschmolzen, dass
ich nicht daran denken durfte, diese Gipfel aufzusuchen, von denen ich
PlateHn der Safä n
dem Krater Merüli.
noch den Meräti (j'JLl, den Wäsit ia— i'jil und den Abu Ränim ^Uj"'
deutlich unterscheiden konnte. Die Karten von Wetzstein und Stiibel
weichen insofern hier von einander ab, als die Richtung dieser Krater-
linie bei ersterem eine nordwestliche, bei letzterem eine nördliche ist
Auf der Stübel'schen müssten der Meräti etwas mehr westlich und die
Hügel der Tulül mehr auseinander geruckt, auch die östlichen Vor-
berge als weniger starke Erhebungen gezeichnet sein. Ueber die ver-
schiedenen Namen der Gipfel waren die uns begleitenden Riät selbst un-
einig, jedoch sind offenbar die auf der Wetzstein sehen und der Stübel'schen
Karte aufgeführten Namen vorzugsweise im Gebrauch. Für die höchste Er-
hebung der Tulfil ig Safa verlangten einzelne Riät durchaus den Namen
Kap. VL Niederlassungen auf der 5?afä. — Flora. 233
Abu Ränim ^\^ y\, welchen die genannten Karten dem nördlichsten
der Krater des Safäplateaus geben.
Von dem Plateau der Tulül bot sich eine sehr lohnende
Aussicht auf das Steinfeld zu unseren Füssen , die Harra im
Hintergrund , das Haurängebirge im Westen und die anderen
nördlich gelegenen Erhebungen des Vulkangebietes. Auch wurden
mir weit im Osten der Rubbe verschiedene Erhebungen bezeichnet,
wo sich noch Ruinenstädte vorfinden sollen. Wir begannen, durch
den drohenden Wassermangel angetrieben, bald den Abstieg, und
zwar auf demselben Wege, den wir gekommen waren, durch die fürchter-
liche Chuschbe, dann nordöstlich über das schmale obere Plateau bis zur
unteren Terrassenlage, und zwar auf dieser so weit, bis wir das Kasr il AbjacJ
wieder westwärts hatten. Hier wurde nach 2' 2 stündigem Hinabklettern
an einer ebenen Stelle das Lager aufgeschlagen, der Hurrul gewärmt
und das letzte Wasser ausgetrunken, dann hüllten wir uns in unsere
Decken und gaben uns der Nachtruhe hin.
Die Stätte, wo wir rasteten, zeigte deutlich«: .Spuren einer winter-
lichen Niederlassung, wie denn überhaupt die .Safaberge durchaus nicht
immer unbewohnt sind. Die Hohlen und Klüfte, welche die Lavaflut
hier geschaffen hat, sind teilweise kun-tlich erweitert, ur.d wohl sclion in
uralter Zeit mit Vormauern und Uebcrdachungen ver^chc-n worden.
Zahlreiche von der Natur aufgerichtete Kigin. welche die Kiät noch ver-
bessert und vermehrt haben, machen d:een \o:: mir betretenen Teil der
Safä vollends zu einer für Feinde voüi;^ unzugangliciien Ee^^te. und es
wurde mir hier klar, we-haib ein V crfok^-^n'^-zw/ '/e^/en die Hewohner
der Rubbe so ifdnzlich aussichtslos :-t. An -.'er-chiedenen Stellen liess
sich deutUch erkennen, das- rn<^r noc;) -jnlangst Mensclien in ;^rösserer
Ansiedelung gelebt hatten. Ajch e:ne \'e;fetation fehlt der Safä
nicht, namentiich dorr, vio in einzelnen grosseren Lavaein Senkungen
das Winterwasser zv.sammenfiie-st und die vorn \\':nde herangewehten
oder sonstwie vorhandenen Sand und hrc*j:i\f:htn einen Nährboden für
die anspruchslosen Pf.anzen derW: te ;;es'.haffen haben. J>^ie V.'jrh. der
Safä, soweit ^:e im ]Sa -j^ ::\\, ].'J'^*: :':'u v.oj?' i^•i we-entliciien 'Jt
sammelt* : ich fa.nc etwa '/j .^rt'rr.. darunter !!.e;:rere, d:e ';ns a-jch in
der Harra l^egegnet -.:A. -.0 c:e y'e oe -rViKjj^'c.r/e fe^'r^rr * r.t ;/.re'S-'rre
blauliche Bl'jme. e.T.-e "r;.e r,'. j^ *v.'.e'::;;^.'t . d:«: aoer n'jr in ::.»rd'':;;^en
straucharJgen Lxe:.^::v.a''er: .o^'r-aM. ]j:*t /'j'-.'/ki. l-ipezie- v. a'-e:: kle.re'-e
Krautchen, die :r. <iitr. J^av:,.o'.:ierf » ei^*:rt.erten
' V»rr;rl. -^jei. L»yla.i:ib<:iit:i, h^K.f.rc .11. iL bfci*'"^» CL-i«:bc.* Wfrr*;^t
234
Kap. VI. Fauna.
Die Fauna ist, wenn auch nicht reich, so doch immerhin ver-
treten*). Wir fanden mehrere Hyänenspuren, verschiedene Schlangen-
und Eidechsenarten. Besonders schön war eine schon auf dem Nemära-
Hügel gesehene, etwa 25 cm grosse Eidechse, mit kleinen, aber starken
Schuppen, breitem Kopf, ziemlich hohen Beinen, von zierlicher Figur
und braunroter Färbung, die etwa von der Mitte des Leibes an nach
dem Kopf zu und besonders auf der Bauchseite in ein intensiv schillerndes
Blaugrün übergeht Von Vögeln kommen Feldhühner und Falken vor.
An unserem Lagerplatz neben der Zuneta'a las ich ein leeres Pupagehäuse
(Pupa uva.^) auf, und weiter unten fand sich eine überall in der Harra
begegnende Helix-Art Die Insekten sind wohl die nämlichen wie in
der Harra und der Rubbe.
*) lo Dumer wurden mir später die nachstehenden Tiere als in der Ru\^be und der
§afä vorkommend genannt, doch sind dabei rweifellos mehrere in Dumer und dessen Nach-
barschaft lebende Tiere mit untergelaufen.
Dab'
Abu '1 Hu^ein
Fär
öardän
Haijc
*A^ab
Nisr
Ruräb
Ha^el
•UVäb
Hyäne
Fuchs (eig. Vater der kleinen
Burg; vergl. Malepartus)
Maus
Ratte
Schlange
s^i^ Skorpion
Geier .Adler"^
\J^ Rabe
Rebhuhn
lUf' eine Adlerart
Hamäm (aswad wa'azraV:) (c3-^j( J "^^0 f^ Taube (schwarze und blaue}
Sunünu
Teir il Lei
Büme
lianesch
Schibii
Abu Brei?
Dabb
y y>^ Schwalbe
JJll\ J^ Nachtvogel (Fledermaus?)
<jky Eule
^-4>- Schlange (grosse, giftige)
vl^A^ Tausendfüssler?
l/^ J y \ Eidechsenart
1^,^^«^ Dornschwanz
Rill
J .
m
K
^^^^^ffb-^j /^^B^^^^^^S^^^H
-M
^^_^^^-fK.' '^-- '. _
'^i^-y'^
jH^^H^H^^^^BB^Hpt^'t
1 den Kui
ä Uei
ii-n Schluss.
r Kutlis
Vor Sonnenaufgang brachen wir am anderen Morgen auf. um zu-
nächst wieder eine Stunde weit dem alten Wege zu folgen und dann
rechts östlich den steilen Abstieg nach dem Ka^r il Abja<;l fortzusetzen,
welches wir nach einer weiteren Stunde erreichten. Das am letzten
Ausläufer des Lolif belegene Kajr il AbjaJ'), von den Bewohnern der
Hubärä
Tawülfi
pnrije
Hubeibe
Raclini
JjLb- kleine Traj
jj_ji* Truthahn^
i_5jLi=- \Vil,U-nle>
I. O. S. 6! ff. un.i VoßUe, Archiieciure ». :i. ü. S. 69 t.
Kap. VL Dai Kifr il Abja^.
~:ubbe auch Chirbet il Beiijä (nveisse Ruine«)
enannt, hat seinen Namen daher, dass das
chte Grau des für den Bau verwendeten
teines sich hell und grell von der schwarz-
etönten Umgebung abhebt. Das Material
tammt aus der Nähe von il 'Odesije ^)
uJa-)\,
im südöstlichen Teil der
Kubbe gelegenen Steinbruch, wo Ruinen-
;ste und zahlreiche sabäische Inschriften
efunden worden sind. Die Aussenmauern
ind in ihren unteren Teilen noch gut er-
alten und zeigen eine ganz eigenartige
truktur: keilförmige, nach innen spitz zu-
lufende Steine bilden die äussere Fläche,
ährend das Innere mit losem Material ge-
jllt ist, hin und wieder sind Steinplatten in
er ganzen Breite der Mauer zwischen die
Hocke gelagert. Diese Aussenmauern, die
her 60 m lang und etwa i' t m stark sind,
ilden ein an allen Ecken mit runden Türmen
ankiertes Vierkant, von welchem drei Seiten
1 ihrer Mitte wieder mit halbrunden Türm-
hcn versehen sind; die Ostfront hat statt
ieser in der Mitte das Hingangsthor, dessen
^rchitrav zerbrochen in der Nähe am Boden
egt. Er ist mehrere Meter lang, über 80 cm
och und über 60 cm breit; seine in Hoch-
elief gehaltenen reichen Ornamente sind
och wohl erhalten. Parallel mit diesen vier
Lussenmauern laufen in etwa 10 Schritt Ab-
tand bedeutend leichtere Innenmauern, die
ur noch im Grundriss erhalten sind. Der
Laum zwischen beiden Mauerzügen ist durch
ünne, rechtwinkelig zu denselben aufge-
ihrte Wände in schmale, rechteckige Zimmer
et eilt gewesen. Diese Innenmauern um-
chliessen einen grossen Hofraum, der durch
ine der Thorfront parallele Wand in zwei
Verel. Wctj
. o. S. 133, Vogai
Kap. VI, Das ^a^r il AhjaiJ.
Aus den Rulni
der Rutibe.
Teile geteilt wird, von denen der vordere, östliche, der grössere ist. In
diesem befindet sich, etwas linksab vom inneren zerstörten Hofthor,
ein verschüttetes Brunnenbassin, während in dem dahinter liegenden
kleineren Hofe, ebenfalls links an die Scheidewand sich anlehnend,
ein turmartiges Gebäude von nahezu quadratischem Querschnitt in Grösse
der Zimmerräume, mit einer schmalen Eingangsthür in seiner West^vand,
steht. Dieser besterhaltene Südteil des ehemaligen Palastes zeigt mehrere,
bis in die zweite Etage hinauf noch erkennbare Gemächer, deren Höhe
und Grösse verschieden, aber durchweg recht gering sind. Vom Erd-
geschoss führen Treppen in mehrere auf halber Höhe zwischen diesem
und dem ersten Stock befindliche kleine Räume. Die Aussenseiten
weisen mehrfach ornamentierte Steine in schöner Meisselarbeit auf,
gleichartige Steine liegen am Boden, einige sind von hier wegge-
schleppt und an dem Grabgebäude des Schech Ser.ik angebracht.
Eine einzige Thür führt in den Turmbau hinein, dessen Wände durch
mehrere kleine Fensteröffnungen durchbrochen sind. Mauerreste und
Steintrümmer liegen überall im Ka^r il AbjatJ verstreut, aber Inschriften
habe ich ebensowenig wie meine Voi^änger finden können. Indess glaube
ich annehmen zu dürfen, dass durch Nachgrabungen manches Wertvolle
aufgedeckt werden könnte, denn das Niveau des Hofes scheint durch
Aufschüttung von Trümmern erhöht worden zu sein. Die Zerstörung
238 Kap. VI. Schlechte Gastfreunde.
des Schlosses wird von der Volkssage den Scharen Timur Lenks (um
1400 n. Chr.) zugeschrieben. Der Turm im Hofe ist sicherlich rekonstruiert;
dafür sprechen sowohl die eingelegten Ornamentsteine als die Struktur
des Mauerwerks. Doch hat es den Anschein, als ob das Gebäude
niemals vollendet worden sei'). Bauart und Ornamentik zeigen hier in
besonders ausgeprägter Weise Motive, die der römischen Kunst fremd
zu sein und auf östliche Vorbilder hinzudeuten scheinen. Die V^er-
wendung runder, die Fläche der Aussenmauer nur im Halbkreis über-
ragender Turmansätze fand ich bereits in der Dubese bei Suweda, ich
fand sie wieder in dem moscheeartigen Gebäude zu Samarra und der
Samarra benachbarten Palastruine El 'Aschik, beides Bauten aus der
Zeit der ersten Abbasiden-Chalifen. Die Frage nach der eigentlichen
Bestimmung des Weissen Schlosses ist noch nicht entschieden. Wetzstein
glaubt, dass es von einem Rassanidenfürsten als Prunkschloss erbaut
worden sei, zumal es im Gegensatz zu der in der Bauart verwandten Burg
von Sa*ne keinen Wallgraben aufweist, immerhin ist es nicht unmöglich,
dass die vielen kleinen Stübchcn in der ganzen Länge doch für eine
militärische Belegung bestimmt waren, wenn sie freilich auch der Diener-
schaft Unterkunft geboten haben könnten.
In der nächsten Nähe, im Nordosten des Schlosses, befand sich
eine alte Birke, die jedoch kein Wasser mehr enthielt, ausserdem lagen
im Norden und Süden zahlreiche Häuserruinen, welche auf eine frühere
starke Niederlassung deuteten. Insbesondere fiel ein grosses altes Ge-
bäude auf, das etwa eine Viertelstunde nördlich vom Weissen Schloss
dicht an der Grenze der Ruhbe aufragte und ebenfalls keinerlei In-
schriften trug.
Als ich vom Kasr il Abjad in etwa zweistündigem Ritt zu meinem
Lager zurückkehrte, fand ich meine Leute in Sorge und Aufregung.
Die Haltung der Riät erschien ihnen verdächtig, den ganzen Nachmittag
hindurch hatten meine Gastfreunde in erregtem Ton mit einander ver-
handelt. Die Ursache war, wie ich erfuhr, dass sie in meinem Leder-
koffer viel Geld vermuteten, und ersichtlich lag ihre Habgier in schwerem
Kampfe mit dem geheiligten Gastrecht. Dass die Situation eine unangenehme
war, entnahm ich schon daraus, dass Dablän, der gleich bei unserer An-
kunft im Riätlager zwei Hammel als Geschenk an meine Zeltseile hatte
binden lassen, augenscheinlich um unser Gastverhältnis noch mehr zu
betonen, jetzt eines der Tiere schlachten Hess und aus meinen Reis-
vorräten den Ricit ein Gastmahl gab. Vor dem Schlafengehen erschien
er gegen alle Gewohnheit mit der Büchse im Arm in meinem Zelt und
^' Ich stimme hierin mit Wetzstein uml Vogüe üherein. Vorgl. im übrigen die
Ausführungen in Kap. III. dieses Werkes S. 104. ' '
Kap. VL Neue Schwierigkeiten. 2XQ
erklärte, die Nacht bei mir verbringen zu wollen, angeblich, um mich
besonders zu ehren. Es ist mir nicht zweifelhaft, dass die Riät einen
Anschlag gegen mich geplant hatten, der nur durch die Klugheit und
Ergebenheit meines pablän verhindert wurde. Uebrigens ist dies, so lange
ich in muhammedanischen Ländern gereist bin, der einzige Fall gewesen,
dass ich der Gastfreundschaft der Beduinen nicht habe trauen können.
Der folgende Tag brachte weitere Unannehmlichkeiten. Meine Ab-
sicht war, auf einem bisher von Europäern noch nicht betretenen Wege
den Gebel Ses ^.a— L>- und dann eine auf den Karten nicht verzeich-
•
nete, aber allen Beduinen unter dem Namen Bir Zubede dJU j ^
bekannte Quelle aufzusuchen, die sich hoch auf einem Berge ausserhalb
des \'ulkanischen Terrains befinden sollte. Von da aus wollte ich auf direktem
Wege Palm\Ta erreichen. Tags zuvor war ein Kundschafter nach dem
Gebel Ses und einer nur wenige Stunden entfernten Wasserstelle ab-
gesandt worden, um über die Wasser\erhältnisse zu berichten. Er war
mit erfreulicher Antwort zurückgekommen und hatte — hier eine grosse
Seltenheit — eine Gazelle mitgebracht. Da ich beabsichtigte, meine
Karawane zeitweilig getrennt von uns Reitern ziehen zu lassen, weil es
nicht geraten erschien, sie mit ihrem langsameren Tempo an samtlichen
von mir geplanten Umwegen teilnehmen zu lassen, so war für beide
Gruppen die schützende Anwesenheit eines Riäti erforderlich, besonders
auch deshalb, weil ein Razu von "jo Riät gegen die *Aneze unterwegs war,
dessen Ruckkehr jeden Augenblick erwartet werden konnte. Ich wünschte
deshalb, dass Dabläns Bruder mich mit einigen seiner Stammesgenossen
bis nach Palmyra begleiten sollte, obgleich bereits vor dem Bir Zubede
die Machtsphäre der Riät endet. Jetzt türmte sich indess auf einmal eine
gp-nze Fiille widriger Umstände vor mir aul. Zunächst zeigte sich die Un-
fähigkeit meines .Schech Man^-r in ihrer ganzen Grosse. Er hatte nicht
die geringste Kenntnis von der Entferuung und den Wasserstellen und
hatte aus Damaskus nur zwölf Kirben mitgenommen, die, wie er meinte,
auf alle Fälle ausreichen wurden. G]ucr:l:cherweise folgte ich meinen
Ratschlägen diesmal nicht, ich wusste au- 6tn Erfahrungen der leti^ten
Tage, dass wir auf dem bevorstehenden, nach Angabe der Ki^t zwei-
bis dreitägigen Marsche d-jr-'jh \\a-5serloses Land -Atni^^stens 5O K:rben
gebrauchen wurden. ^^^^ ni:t M:he gelan;^ e^ zv.\r. '^r\r:Atr^x\ \'ornit auf
diese 2^hl von Schlaucrjen zu venuehren. trotzden: kamen wir l>ei aller ."^par-
-samkeit spater ohne ;ectn '1 -opferj ^^*a~^er \z\ \r:^xn<tx an. .vjhech Maiiir-r hatte
mir überdies ejne:. Losen .V.re:^rj ^^e>;y.e.t. indem er f jr d:e Strecke von <i^r
Rubbe nach Dumer bezw. r^tzzn bir ZuLece den Kamelreitern einen Preis zu-
gef^'-^hcrt hatte, welcher ötm Kaufpreis für die Tiere bemahe gleichkam.
240 Kap. VL Dablän und seine Angehöri^^en.
Als ich selbstverständlich diese Zahlung ablehnte, entspann sich ein sechs
Stunden währender Wortkampf zwischen mir und den Riät, der schliess-
lich eine leidliche Einigung dadurch fand, dass ich den für die dortigen
Verhältnisse noch immer sehr beträchtlichen Preis von 10 Mark pro Tag
und Kamel bewilligte. Neben diesen Schwierigkeiten hatte ich nun noch
die Furcht meiner eigenen Kamelreiter vor den Riät einerseits und der
Riät vor den türkischen Soldaten andererseits — in Dumer lag ein
türkischer Gendarmerieposten — zu bekämpfen. Erst als Dabläns Mutter,
der ich ausdrücklich versprechen musste, ihren Sohn vor den Türken zu
beschützen, ihre Einwilligung gegeben hatte, willigten die Riätschechs ein,
mich zu begleiten. Bedeutend schwieriger wurde es mir, die Angst meiner
eigenen Leute zu überwinden. Die Kameltreiber, welche den Bir Zubede
als verrufenen Durchgangspunkt für Raubkarawanen kannten, weigerten
sich entsqhieden, mitzugehen, und zwei von ihnen schwangen sich sogar
auf ihre noch nicht beladenen Kamele, um sich davon zu machen —
ein Wagestück, das nicht minder gefährlich gewesen wäre, als der Weiter-
marsch, da die Riät ihnen unverzüglich nachgejagt wären, ihnen die Tiere
abgenommen und sie selbst bei dem geringsten Widerstand getötet hätten,
ganz abgesehen davon, dass sie ohne Wasser in der ihnen unbekannten
Harra verirrt und verschmachtet wären Mit Gewalt musste ich diese
•
Abtrünnigen erst wieder zurückführen lassen. Mehr als alles andere
fürchteten diese Leute die Tücke der Riät, die, wie sie meinten, uns
hinter Zubede hinterlistig angreifen würden. Als ich indess endlich den
Bitten der Leute nachgab und anstatt über Zubede weiter westlich
über den Cebel Scs nach Dumer zu gehen versprach, verweigerten wieder
die Riät und selbst Dablän unter Hinweis auf die Blutfehde mit den
türkischen Soldaten die Begleitung. Ich wage nicht zu entscheiden, ob
nicht vielleicht die Besorgnis meiner Leute vor den Riät begründet und
wirklich vor oder hinter dem Bir Zubede Böses gegen mich geplant war.
Dem Zuspruch der Drusen gelang es endlich, in Verbindung mit meinem
ausdrücklichen Versprechen, mit meiner Person den Türken gegenüber
(lir die Riät einzustehen, die letzteren zur Einwilligung in das mir ab-
gerungene Kompromiss zu bewegen. Trotzdem beharrten einzelne Kamel-
führer, darunter Dabläns Bruder, auf ihrer Weigerung, die dem älteren
Bruder gehörigen Kamele mitgehen zu lassen, und die Mutter Dabläns
selbst begründete diese Weigerung mit den Worten, dass die Seinigen
ihm die weitere Begleitung verböten. Mit Mühe brachte ich endlich die
genügenden Leute mit Kamelen für meinen Zug zusammen und verab-
schiedete erst dann meine braven Drusen, deren Anwesenheit wahr-
scheinlich verhütet hatte, dass dieser unangenehme Auftritt ein schlechtes
Ende nahm. Ich gab ihnen Dankesbriefe an Mubammed Xa$§är und
Ibrahim Pascha il Atrasch mit, welchen ich die glückliche Ankunft in
. VI. Aufbruch a
r Rubbe.
241
der Rubbe und den Abmarsch aus der Oase mitteilte. Negib erhielt eine
Uhr, Färis ein türkisches Pfund und zwei Keffije, der dritte Verwandte
Muhammed Na^särs ein Pfund und eine KefTije, der Diener drei Megidi.
Um 9 Uhr 45 Minuten erfolgte endlich unser Aufbruch, nachdem trotz
scharfen Aufpassens doch einer der neuen Kameltreiber sich aus dem
Staube gemacht hatte ; dagegen schlössen sich einige Sieb, zwei Männer und
eine Frau, unserer Expedition an; sie wollten uns bis zu dem nördlichen
Rande des Vulkangebietes begleiten und dann nach Nordosten zu ihren
duinenfrauL-ri. Wasser holenil.
Stammesgenossen ziehen. Dablan, den ich in IJumer zu entlassen
versprochen hatte, war wieder guter Dinge geworden und ritt an meiner
Seite fröhlich dem Zuge voraui.
Unser Weg führte an der früher erwähnten Hirket is Suwcdir und dem
Bir Fadl genannten Ziehbrunnen vorbei und zunächst über eine Chischm
Ribän genannte Lavazunge hinweg, eine nur wenige Meter hohe Kr-
hebung, die sich als nordöstlichster Zipfel des Lobt in die Ruhbe hinein
erstreckt. Diese Lavazunge') ist mit zahlreichen Ruinen bedeckt, welche
unsere Begleiter unter dem Namen il Brcsije <uJjJ\ zusammenfassten.
') Chischm bedealet Vorsprui^; im IlcdalneD' Dialekt wird chischm für chischm
iNisef (;e braucht.
2J.2 Kap. VI. Der Bir Umra Räbil.
Am Nordrande der Chischm standen auch wieder etwa 30 bis 40 Riät-
zelte. Wir wurden hier und später nochmals von den Hütern der
Ziegenherden mit saurer Milch bewirtet, die mit Wasser verdünnt war,
einem köstlichen, erfrischenden Getränk, und zogen in bester Stimmung
nordnordostwärts durch die jetzt sehr breite Rubbe.
Etwas nördlich von der Linie, wo die Safäberge im Nordosten
abschliessen, erhebt sich das Terrain allmählich; die steinfreie Ebene
verbreitert sich hier auch nach Westen zu und zieht sich am Rande der
Safa entlang. Die Ausdehnung dieses Teils nach Norden zu mag von hier
ab noch etwa 8 km betragen. Unser Weg lief jetzt im allgemeinen dem
ausgetrockneten Lauf des Amlüd is Ses parallel, jenes früher erwähnten
Baches, welcher von Norden her zur Regenzeit der Rubbe Wasser
zufuhrt. Erst um 12 Uhr, also nach fast zwei Stunden, war der ebene
Boden, der hier nur in massigen Mengen vulkanisches Geröll zeigte,
durchritten, und wir betraten wieder das eigentliche Vulkangebiet,
eine Steinwüste von allerdings nicht so furchtbarem Gepräge als die
südliche Harra. Zunächst passierten wir das Ausflussgebiet des Rigm
il Marä dl^U /t^J» eines bedeutenden, uns nicht sichtbar gewordenen
Vulkangebildes, das wir westlich weit linksab liegen Hessen. Gegen
I2\^2 Uhr sahen wir ein grosses Meschtä, auf das noch an der östlichen
Abdachung des Marä-Gebietes verschiedene kleinere Lagerplätze folgten.
Um I Uhr 40 Minuten war das grosse Gebiet des Ses-Kraters erreicht,
das wir in der Richtung auf den Kessel, also direkt nordwärts, betraten
und immer langsam ansteigend durchritten.
Nach IG Minuten war ein Lavaplatcau erstiegen, und jetzt sahen
wir den Gebel Ses vor uns liegen, während links sich die Aussicht auf
mehrere andere Berge eröffnete. Die Richtung blieb nördlich, und um
2^2 Uhr standen wir vor einem weiteren Plateau, welches als neue
Terassenstufe von wenigen Metern Ansprungshöhe sich über der sanft
ansteigenden ersten Stufenfläche erhob. Der Abhang des Plateaus bildete
eine halbmondförmige Einbuchtung, in welcher sich der nur den Orts-
->
kundigen bekannte Bir Umm Rabil j3->-^J r^ j-* (»Brunnen der Mutter
der Rahel«) befand.
Dies war der Brunnen, den uns unser ausgesandter Bote tags zuvor
als wasserhaltig bezeichnet hatte, aber es gehörte der brennende Durst
dazu, der uns plagte, um den Inhalt geniessbar zu finden. Eine grünliche
Schlammschicht hatte den Wasserspiegel überzogen; nachdem wir sie ent-
fernt hatten, erblickten wir zahlreiches Gewürm, mehrere Frösche und eine
Schlange in dem Wasserloch, und trotzdem tranken Menschen und Tiere
in langen Zügen das erfrischende Nass. Das Bassin des Bir Umm Räbil
Kap. VI. Der öebel Ses. 243
ist ein jedenfalls künstlich erweitertes Felsenbecken von 3 m Durchmesser
und etwa 2 m Tiefe, dessen Wasser im Winter auch einen Teil der
Umgebung bedecken dürfte.
Obgleich der Tag noch nicht weit vorgeschritten war, beschlossen wir,
hier zu übernachten, weil unser Bote berichtet hatte, dass der Wasserbehälter
des öebel Ses leer sei. Die Luftlinie von hier bis nach Dumer betrug
etwa 70 km, wir brauchten bei dem schlechten Gelände also mindestens
zwei starke Tagemärsche, um wieder zu einer Wasserstelle zu stossen,
und waren deshalb auf den Wasservorrat in unseren 36 Kirben angewiesen,
Ueberdies mussten wir darauf gefasst sein, wegen irgend eines den Riät
feindlichen Stammes möglicherweise zeitraubende Umwege machen zu
müssen. Schon der Aufenthalt am Bir Umm Räbil, besonders abends
und morgens, war nicht ganz ungefährlich, denn dieser Platz war auf viele
Tagereisen bis zum Bir Zubede im Norden, abgesehen von der Rubbe
selbst, die einzige Wasserstelle für die Razu.
Am folgenden Morgen trennten wir uns, wenn auch nicht leichten
Herzens, von unserer Karawane, die jetzt direkt nach Dumer ziehen sollte,
während wir den Umweg über den (jebel Ses zu machen gedachten.
Die Route, die ich einschlug, führt geraden Weges vom Bir Umm Räbil
zum Bir Zubede und ist deshalb räuberischen Ueberfallen sehr ausgesetzt.
Schon aus diesem Grunde war es nicht geraten, die schwerfalligere Last-
karawane mit dem wertvollen Gepäck, welches die Habgier der Beduinen
reizen musste, auf dieser Strecke mitziehen zu lassen, während wir Reiter,
die wir überdies sehr gut bewaffnet waren, es leichter auf einen Angriff
der Wüstenräuber ankommen lassen konnten. Immerhin war die Gefahr
nicht ausgeschlossen, dass unsere Karawane auf ihrem Wege von abseits
des Darb il Razawät ^\jyü\ <w>J^(»Weg der Raubzüge«) schwärmenden
'Aneze angegriffen wurde. Deshalb wurde unser Aschbän, einer der Ge-
fährten Man§ürs, welcher den 'Aneze gut bekannt war, diesem Teil der
Expedition beigegeben, während Man^ür bei uns verblieb.
Nach zwei Stunden scharfen Rittes (etwa 12 km) in nördlicher
Richtung gelangten wir an den Gebel Ses. Der Ses bildet einen über
eine Tiefebene wohl 100 m steil aufragenden, nahezu kreisrunden Krater,
dessen innerer Durchmesser etwa einen halben Kilometer beträgt. Der
Kraterrand ist ungewöhnlich dünnwandig und fällt fast senkrecht wohl
70 — 80 m tief ab. Nach Nordwesten hin zeigt er einen weiten Durchbruch,
westlich und südlich von dem Berge befindet sich eine Art Graben, eine Ein-
senkung zwischen der Erhöhung des von uns durchrittenen Plateaus und dem
eigentlichen Kraterrand. Dieser Graben senkt sich südostwärts, immer breiter
werdend, und geht am Süd- und Ostabhang des Ses in ein weites Flachthal
über. Nach Osten hin wird das Thal zur Tiefebene, die ein mehrere Kilometer
16*
244 ''"P' ^'' ^'" L'ing^ifend de« ftebel Set.
weites rundliches Sandbecken einschliesst und zur Winterzeit eine seichte
Wasserlache bildet. Nicht weit von der Stelle, wo der Graben ansetzt,
finden sich drei oder vier merkwürdige kleine Kesselchen, Neb' ^w
genannt. Hier zeigte sich im sandigen Grunde tropfenweise ein «Venig
klares Quellwasser. Wir konnten im ganzen nur einige Liter heraus-
schöpfen, und mir wurde gesagt, dass erst einige Wochen später ein
gleiches Quantum sich wieder angesammelt haben werde. Nach den
übrigen Seiten hin fällt das Lavaplateau des Ses langsam ab und bildet
ein riesiges Ausflussgebiet des Kraters, das im NW. an dasjenige des
frhwtiU
,^'i %
=^f-==- y^ O RapiacmTfSKqjrt^i
mr
i L'mcegend (ieg ficbel Ses.
Cebel ilMakbül ^jpS1\ J^, im SW. an das des kigm il Marä l\J^ ^j
und im O. an die Wüstensteppe, den Hamäd ^Ir', stösst. In der südlichen
Einsenkung stand einst eine verhältnismässig grosse Stadt, deren Häuser-
reste man hier in einer Längenausdehnung von mehr als '/i Stunde
verfolgen kann, während die Hreite nur gering ist. Die Spuren be-
ginnen schon in der Thalerweiterung im SW. des Kraters. Am Ost-
und Südabhange des eigentlichen Kraterrandes befinden sich ebenfalls
Ueberreste von Gebäuden. Die Nekropole mag an diesem östlichen
Kap. '
a am (icb«l Ses.
245
Abhänge gestanden haben. Ich fand hier eine etwa i\s m lange, 40 cm
breite, am Boden liejjende Steinplatte, an deren Oberfläche ein langes
Rechteck ausgehöhlt war, dessen eines schmales Ende sich zu einem
bogenförmigen Auslaufe erweiterte. Am Siidostabhange oberhalb der
Xckropole, vor allem aber hoch oben auf dem Kraterrande selbst,
fanden wir eine grosse Anzahl der rätselhaften sabäischen Schrift-
zeichen mit strahlenden Sonnen, mit Menschen, Kamelen und anderen
Darstellungen, welche deutlich auf die südarabische Abkunft der ein-
stigen Städteerbauer oder Bewohner hinwiesen'). Die Römer hatten am
tiebel Siis eine Hauptstation, welche dazu bestimmt war, die Beduinen
der Marra in Schach zu halten und Syrien gegen I-infalle von Osten
zu schützen. Lateinische oder griechische Inschriften sind aber weder
von Vogiie und Waddington, noch auch von Stübel und mir ge-
funden worden. iJie römische Station des Sos wird wohl mil dem alten
Anatha") ku identifizieren sein, welches nach der Notitia dignitatum mit
eingeborenen Reitern belegt war und wie die (iarnison de.-; übrigens be-
deutend kleineren Ncmam (Namarai dem Diix I'hocnicis unterstand^).
' VogUc hal nur iln-i »
Scs. viclcil;(;|rcbeD ^Sit. 10, 1 1
Inscbriflen lr;i^en rl;is Krcu<t.'!':i
riuchdirisllichen Jahrhinidcn.
») Moriut. Zur Antiken
IJLTlin 1889, S. i(), .sclimlil .\ui
'' Vorcl. Noiiiia iliijiiiiatii
.Ichur
I hi~uliriflcn
■ du f
2AiS Kap. VL Die Ruinen am öebei Ses.
Einige kufische Inschriften, die Vogüe*) gefunden hat, stammen aus der
Zeit des Islam.
Unter den bemerkenswertesten Ruinen des Gebel Ses möchte ich
die folgenden besonders auffuhren:
I. Am weitesten westlich auf dem dem öebel Ses gegenüberliegen-
den Rande des Ruinenfeldes liegen die Mauerreste eines rechteckigen
Gebäudes, das vielleicht nur aus einem einzigen grossen Räume, einer
gedeckten Halle, bestanden haben mag. Die Aussenmauern messen
29 Schritt in der Längsseite und 17 Schritt in der Tiefe. Sie weisen in
der Mitte der Längsseiten im Norden und im Süden je eine Thür auf.
Parallel den Längsseiten sieht man heute noch einen Doppelbogen,
welcher die Decke tragen half und den Raum in zwei Teile schied.
I THOR I
DOPPELBOGEN
THOR
Grundriss einer Ruine am (*iel)el Ses.
Noch erhalten ist auch der übrij^ens bedeutend kleinere Bogen des Süd-
Thores, sowie Reste der aus Quadern errichteten Mauern.
2. Wenige Minuten von diesem Gebäude entfernt, schon in der
Tiefebene belegen, befindet sich ein grosses, quadratisches, wahrscheinlich
römisches Kastell, dessen fast 2 m dicke Grundmauern noch sichtbar sind.
An den Ecken und in der Mitte der etwa 90 Schritt langen Seiten
sind runde Türme erkennbar, nur an der Xordfront statt dessen eine
erweiterte halbkreisförmige Bastion mit einem grossen Thor. Diese
ist aus starken Quadern erbaut und mit zwei Schiessscharten ähnlichen
Fenstern verschen. An die Nordseite lehnt sich, die Tliorbastion noch
umschliessend, ein kleiner, wohl neuerer, ebenfalls quadratischer Anbau
von 54 Schritt Seitenlänge, in dessen Nordwest-Winkel weitere Mauer-
reste vorhanden sind. Hier liegt ein verschütteter Bir. Von den Mauern
1'
] Virryl. Voirüe, Inscript. Semit. S. 142. PI. 18.
Kap. VI. Die Ruinen am öebel Ses.
247
Stehen lediglich die untersten Steine. Die Thorbastion ist besser erhalten.
Vogüe^) irrt sich in seinen Massen, er giebt für das Kastell etwa 34,20 m
im Geviert, ausserdem hat er in seinem Grundrisse das grosse, mit dem
Fort im Zusammenhang stehende Aussengebäude fortgelassen. Dies
Kastell erinnert in seiner Form sehr an das Ka$r il AbjacJ in der Rubbe,
ist aber von einem deutlich erkennbaren Wallgraben umgeben.
3. Ein anderer, grösserer und noch immer etwa 10 m tiefer Zieh-
brunnen, umgeben von einer quadratischen Mauer, befindet sich einige
Minuten nordöstlich vom Kastell entfernt.
4. Nicht weit von diesem Brunnen stehen die Grundteile eines
fünfeckigen alten Turmgebäudes, welches nach Westen, also zum Gebel
Ses hin, eine einzige Thür besitzt.
• M
E
Sil
liSli
%4 ^..^
•^vb
Das Kastell am (lebel Ses.
5. In etwas grösserer Entfernung nach Südosten sind die am besten
erhaltenen Baureste der Scs-Stadt zu finden. Hier fällt namentlich ein
Gebäude auf, das die Beduinen bald als Bad, bald als Kirche be-
zeichnen. Es besteht zum Teil aus roten Ziegeln und wird daher
Chirbet il Hamrä \j^\ ^ J>' ('>die rote Ruinen) genannt, im Gegensatz
zum Chirbet il Bei(Jä, der weissen Ruine, dem Ka.?r il Abjad in der
Rubbe. Das 5 Schritt breite und von Nord nach Süd etwa 25 Schritt
lange Hauptgebäude hat als Nordfront einen chorartigen, halbrunden Aus-
bau, welcher zweifellos mit einem Kuppelgewölbe abgeschlossen war. Im
Südende sind zwei rechteckige Stuben von etwa 2 m Seitenlänge. Der
untere, aus Rohquadern aufgeführte Teil der Mauer scheint erst, nachdem
diese eingestürzt, den jetzt sich vorfindenden Zickzack- Auf bau aus rotem
') a. a. O. S. 71.
248 Kap. VX. Die Rainen am öebel Ses.
Ziegelstein erhalten zu haben. Diesem Mauerrest schliesst sich im Westen
ein Vorraum von ausgezackter Kreuzform an, der durch eine Thüröffnung
mit dem Hauptgebäude in Verbindung steht. Von diesem Vorräume
sind nur noch geringe niedrige Reste vorhanden. Die röhrenartigen
Oeffnungen in den kleinen Gemächern der Südseite des Hauptgebäudes
lassen meines Erachtens darauf schliessen, dass das Ganze ein Bad ge-
wesen ist*).
6. Im Süden dieser Ruine ist der Mauerstumpi eines sehr umfang-
reichen quadratischen Gebäudes von etwa 80 Schritt Seitenlänge zu sehen.
Dieses Gebäude liegt am Abhänge des Plateaus, auf dem wir von Umm
Räbil hierher geritten waren. Weitere bedeutende Ruinenreste schliessen
sich nach Osten hin an.
7. Im Mittelpunkte des von uns trocken vorgefundenen grossen
Sandbeckens am Abhänge des Ses steht auf einer leichten Erhöhung
Ruinengemäuer, welches anscheinend einem alten, isoliert liegenden
Kastell angehört hat.
8. Am Fusse des eigentlichen Scs-Randes ist ein grosses, viereckiges
Thor und der bereits erwähnte Stein bemerkenswert.
Um 8 Uhr 50 Minuten verliessen wir den Gebel Ses, um nunmehr
den östlichen Trachon in seiner nordwestlich laufenden Diagonale zu
durchqueren. Wir ritten zunächst durch den bereits erwähnten Graben
in westlicher Richtung mit geringer Abweichung nach Norden und hatten
um 10 Uhr 40 Minuten zu unserer Linken ein grosses Meschtä an der
westlichen Grenze einer kleinen steinfreien l^lbene.
Derartige Ebenen mehrten sich von jetzt an, und wenn auch das
vulkanische Geröll immer noch pfadlos den Wüstengrund bedeckte, so
Hess sich doch der Marsch nicht mit den Strapazen im südwestlichen
Teile der Harra vergleichen. Mit einer Geschwindigkeit von gewiss 4^12 km
in der Stunde kamen wir, durch die Ortskenntnis unseres Dablän geführt,
vorwärts. Um i i-\a Uhr hatten wir zu unserer Rechten wieder ein Meschtä,
bald darauf passierten wir die ersten der vulkanischen Höhen, welche
die am weitesten östlich gelegene Reihe von Erhebungen bilden, die sich
von den Safäbergen aus nach Norden hinziehen: die Berge Teil ir Ruhaije
is Samrä \ .^ . n a^^j\ \j (»der Braune«) und Teil ir Ruhaije isch Schahbä
L^-lII <.s>-j\ (m (»derGraue«), die um 12^/2 Uhr in etwa 2 km Entfernung zu
unsererLinken lagen. Um I2'V4 Uhr kamen wir zumTulel ilAk'as ^^^^^ ^\^
und zum Teil il Ak*as ^^^^ ^> der etwa 3 km zur Linken lag. Unsere
^] Verjjl. Grundriss und Zeichnunj^ bei Vo^^üe, Syrie Centrale, Architect. S. 71 und
Plan 25.
Kap. VL Der östliche Trachon. 24Q
Richtung war nun völlig NW. geworden. Von hier aus peilten wir den
Berg Rurele aJoPj Jjj- imSüden und sahen dahinter etwas rechts das Haurän-
gebirge. 3 Uhr 20 Minuten lag Teil Kubaijän il Aschhab ^.^^-i V^ jLi \}
rechts und die beiden Daräir y\j^\, die beiden »Frauen eines
Mannes« Ünks; hinter letzteren und zwischen beiden hindurch war
um 3 Uhr 35 Minuten der Teil i(J Dirs fj^jJai\ Jj (»der kleine Zahn«)
sichtbar. Links und südwestlich von den Daräir lag Teil il Bauwäg
^3^>Jl ^ (»die Kornblume«); rechts Chunefis il Aswad ^^S)l\ ^i-'-^
(»der kleine schwarze Käfer«). Um 57* Uhr hatten wir zur Linken und
nicht weit von uns den Schech it Tulül, auch Teil 'Ä^il J>-U ^ oder
BuJ\ Ij genannt, der diesen Namen führt, weil er unter den ihn um-
gebenden Bergen der mächtigste ist. Hier wurde Halt gemacht.
Bereits hinter dem Teil il Ak*as waren wir (um 2 Uhr 55 Minuten)
auf unsere Lastkarawane gestossen, mit meiner berittenen Abteilung war
ich jedoch wieder vorausgeeilt und hatte um 5 Uhr den Lagerplatz am
Teil il *Ä^il bestimmt. Wir kampierten im Freien, die Mannschaft musste ab-
wechselnd Wache halten. Um I2^•2 Uhr nachts sassen wir schon wieder im
Sattel, zogen gemeinsam mit der Karawane erst nach Westen und dann nach
West-Nord- West, den Teil il *Ägil in einem Bogen von rechts nach links
umschreitend. Der Weg wurde zunächst wegen der Dunkelheit nur
langsam zurückgelegt. Infolge des Richtungswechsels hatten wir kurz
vorher zur Linken den Hügel Teil isch Schebe AuJÜl t, dann wurde
eine Nord- Nord -W^est- Route eingeschlagen. Vorher peilten wir den
Teil Lelä Ü t sowie den Teil Huwcfir j^ j>' l" links, die Tulctuwäh
d^^xJiH Nord -Ost und Tulül is Surcgijät rechts voraus. Um 5 Uhr
lag Teil id Dakwe 0^ J^\ X links und etwas südlich von diesem in der
Ebene ein Meschtä. In dieser Gegend hat Stübel auf seinem Marsche
eine weitere Ruine ausfindig gemacht, welche jedoch in ziemlicher Ent-
fernung westlich unserer eigenen Route zu suchen ist. Beim Dakwe
endet das eigentliche Streifgebiet der Riät und beginnt dasjenige anderer
Stämme, welche zu den *Orbän il Gebel des I.Iaurängebirges in freund-
schaftlichen Beziehungen stehen.
Um 5 Uhr 45 Minuten stiessen wir auf eine mit dünenartigen Er-
hebungen aus Flugsand bedeckte Ebene, auf der sich büschelartige Ge-
2 CO Kap. VI. Üer östliche Trachon.
wachse fanden, die uns seit langer Zeit wieder den Anblick grüner Vegetation
darboten. 5 Uhr 50 Minuten peilten wir die Tulül is Sure^ijät, und westlich
davon den Teil il Matalle AjJai^ ^J»' ^- h- *der über die andern Empor-
ragendec, einen nach Westen zu eingestürzten Krater. Rechts, nordöstlich von
uns, lag der Teil Umm Udn j^l ^\ V, hinter ihm war der Teil Milb
Krumfil ti ^ t^ P sichtbar. Um 7 Uhr waren die Berge zurückgetreten,
und wir erblickten, die weite Ebene zu unserer Linken, im Hintergrunde in ver-
schwommenen Umrissen die Minarets von Damaskus. Um 8 Uhr fanden
wir im Westen das Meschtä einer Familie, welche dem schon im Alter-
tum bekannten Stamme Ma.säid J^Läa oder Masäid JLpL-/» angehört.
Diese werden als Saijäde, »Jäger«, und Raije 4-Pj, >der Regierung unter-
worfenc, bezeichnet.
Hier waren wir fast am Rande des vulkanischen Trachon an-
gelangt; um 8 Uhr peilten wir den Teil Barcrit, »niedriges Hügelchen <
und 8 Uhr 45 Minuten den Teil *Aisch, den letzten der Hügel
der Trachonitis. Das Terrain fiel jetzt sanft zur Ebene von Dumcr
ab. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und ritten im Galopp
unserer Karawane voraus. 9 Uhr 10 Minuten lag Teil il Hudcb, und
IG Uhr 45 Minuten ein in der Ebene vereinzelter Lavafelsen rechts,
um II Uhr Teil il Urainebije links. Gegen 12^4 Uhr trafen wir
auf den aus weissen Steinen erbauten Turm il Burg, mit Ruinen aus
der Rassanidenzeit ^), welcher eine gute halbe Stunde von dem Ruinen-
felde Chirbct il Maksüra entfernt liegt.
Von il Burg erreichten wir den Nähr il Mukabrit, einen Bach von
etwa ^4 m Breite und Tiefe, dessen Wasser einen schwefelartigen Ge-
schmack besitzt, und der sich später bei Dumcr mit anderen schwefel-
haltigen Bächen, die am (iebcl Abu *I Kos entspringen, vereinigt, um dann
gemeinsam den Damascener Wiesenseen zuzufliessen. Jenseits der Stelle,
wo wir den Nähr il Mukabrit berührten, stand eine kleine Kischla. Um
I2\,2 Uhr hatten wir die Gartenanlagen von Dumcr erreicht. Vorher
übergab Dablän mir persönlich sein Repetiergewehr, um vor den ge-
fiirchteten türkischen Soldaten unbewatTnet zu erscheinen. Bis zur An-
kunft unserer Karawane gewährte uns ein Dumerer Grossbauer in gast-
* l)ie Inschriften sind bereits von Waddington .1. a. O. S. 5S5 /No. 5562 c) bekannt
gegeben; vergl. Wetzstein, .^usi;e\vählte i^riech. u. lat. Inschr. (Abhdl. d. KgL Akad.
d. Wissensch. 1863', Berlin 1S64, S. 315.
Kap. VI. Ankunft in pamer. 25 1
freundschaftlicher Weise Aufnahme. Der Mann stand mit Dablän im
ChQwe -Verhältnis und mit den Riät in Handelsverbindung. Durch
Dablän geschützt, pflegte er sich während des Winters in die Räuberhöhle
der Rubbe zu begeben und den dortigen Beduinen in Dabläns Zelt alle
möglichen europäischen Ellenwaren und wohl auch Waffen und Munition
gegen klingende Münze oder auf glücklichen Razu erbeutete Gegenstände
feilzubieten.
W
VII. KAPITEL.
Von Dumer nach Palmyra.
Damer. — Tempel. — Nördlichsie nabatäische Inschrift. — Wüstenpost. — Abschied von
Oablän. — Durch die »Thalmulde« des Hamäd. — II Mal^$üra. — Chan Abu 'seh Schamät —
Chane und Kischlas in der Wüste. — Der Zubede- Brunnen. — Abu '1 Hajäjä. — Das
Gebirge zwischen pumer und Palmyra. — Die Vulkane il *Abd wil *Abde. — Der Razu am
Hufeijir. — II Karjeten. — Das Wüstenschloss Ka^r il Her. — *Ain il Be^a. — Sandsturm. —
Das Gräberthal von Palmyra.
Unser Lager wurde an der Nordostseite des Dorfes Dumer j\^^, am
Abhänge der im Norden sich hinziehenden Ausläufer des Antiübanon, aut-
geschlagen. In der nächsten Nähe befanden sich zahlreiche, in den felsigen
Grund gebrochene, tiefe Getreidekeller, »Matämir« ^Ua>, die wohl aus vor-
muhammedanischer Zeit stammten. Die Aussicht auf Dumer mit seinen
Gärten und einem aus dem Häusergewirr aufragenden alten griechisch-
römischen Tempel erschien uns nach dem Ritt durch die Wüste ausser-
ordentlich reizvoll. Der Tempel ist leider von Hütten so dicht umringt,
dass man keinen Gesamtanblick desselben erhalten kann. In der grossen
griechischen Inschrift an seiner Ostseite ist der Name des römischen Kaisers,
dem zu Ehren der schöne Bau errichtet wurde, später unkenntHch gemacht
worden, aus den erhaltenen Resten der Buchstaben, sowie aus dem Datum
245 n. Chr. ergiebt sich aber, dass kein anderer als der Kaiser Philippus
Aräbs, ein geborener Hauränier, gemeint sein kann *). Es sei bei dieser
Gelegenheit erwähnt, dass Dumer der nördlichste Ort ist, in welchem
^"^ Verjjl. Waddington a. a. Ü. S. 586 fi. No. 2562 g — 1. Die Bezeichnung il MaV^üra,
welche Waddington für il Chirbe und für Dumer gebraucht, wird im allgemeinen nicht für
Damer, sondern nur für il Chirbe, die östlich von Dumer gelegene Kastellmine, angewandL
Der Name Domen, der in manchen Karten unweit der Stelle von Dumer eingezeichnet ist,
hat jedenfalls in einer Verwechslung; mit Dumer seinen Grund. Ein Domen giebt es in
jener Gegend des Hamäd nicht. Ueber Dumer;: Admedera der Tabula Peatingerana Seg-
mentum X vergl. Waddington, Inscriptions de la Syric S. 58^. Moritz, Zar alten Topographie
Kap. VII. Pnmer. — Nördlichste nabatäische Inschrift.
253
nabatäische Inschriften gefunden worden sind. Eine derselben, aus dem
Jahre 99 n. Chr. stammend, hat Professor Moritz abgeklatscht; die acht-
seitige Säule, auf welcher sie sich befindet, lag zur Zeit meiner An-
wesenheit in einer Strasse Dumers^).
Dumer ist das am weitesten in die Wüste, den Hamäd, vorgeschobene
Dorf der Ebene von Damaskus. Der stark bevölkerte, von krummen und
engen Gassen durchzogene Ort trägt in seiner Bauart vollständig den
Charakter der am Wüstenrande und in den benachbarten Oasen ge-
legenen Dörfer. Die ein- und zweistöckigen, aus Stein und Lehm ge-
bauten, meist weiss getünchten und mit grellen Farben bemalten Häuser
reihen sich unmittelbar aneinander, so dass die Strassenfronten eine fort-
laufende, nur von den Thüren unterbrochene Wand bilden. Die Wohnungen
Plan eines. Hauses in Dumer.
haben, da die Bevölkerung Ackerbau treibt, Höfe und Stallungen. Ueber
den niedrigen Thüren sind zahlreiche bunte, meist blaue Teller ein-
gemauert. Der Hof ist wohl geebnet. In den Wohnstuben werden mit
Vorliebe von den Frauen aus einer Art Mörtel, dem Mist beigemengt
ist, schrankartige Nischen mit zahlreichen Fächern in durchbrochener,
natürlich etwas plumper Arbeit gefertigt. Aus demselben Material
der Palmyrene (Abhdl. d. Kgl. Akad.^, Berlin 1889, S. 13 und 20 lässt unentschieden, ob
Admedera mit Dumer oder Saidnäjä gleichzustellen ist. Ritter a. a. (). Bd. XVII, ,, S. 1457 setzt
nach Addisons Bericht (1835) dagejren Admedera = il Kuleife. .\lle diese Gleichstellungen
befriedigen nicht. Admedera muss vielmehr, wenn anders der Zeichnung der Tabula Wert
beigemessen werden darf, ungefähr da gelegen haben, wo am Pass Tenijet Abu '1 *Atä der
Weg nach il Karjeten von der grossen Strasse Damaskus-Hom^ abzweigt.
') Erklärt von Sachau in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischcn Gesellschaft,
Jahrgang 1884, Bd. 38, S. 535 ff.
254
Kap. VII. Die Häuacr
werden auch die grossen, oft über meterhohen, runden, unten spitz zu-
laufenden Behälter für Stroh (Häcksel) und Getreide, Wasser und Oel
hergestellt, die oft gross genug sind, um einen Mann aufzunehmen.
Unwillkürlich wurde ich an das Märchen aus Tausend und einer Nacht
erinnert, in welchem die treue Sklavin die in den Oclgefässen verborgenen
Räuber getötet haben soll. Der ganze Ort ist von einem durch fliesscndes
Wasser befruchteten Kranze von Gärten umringt, die von Lehmmauern
umjjcbcn sind und gegen feindliche .Angriffe einen gewissen Schutz ge-
wahren. In punicr herrscht ein leidlicher Wohlstand, namentlich sah
ich viele Rinder, die sonst in den Oasenorten fehlen.
Kap. VII. Wüstenpost. 255
Die Einwohner von Dumer, welche im allgemeinen den Typus der
syrischen Bauern tragen, zeichnen sich nicht gerade durch Schönheit
aus. Sie sind sehr kräftig gebaut, starkknochig, mit plumpen Ge-
sichtszügen und unterscheiden sich darin markant von der mehr
aus sesshaft gewordenen Beduinen zusammengesetzten Bevölkerung von
Palmyra und den anderen Wüstenorten. In den Dumerern muss noch
ein gutes Teil des alten aramäischen Blutes fliessen.
Dumer ist heute der Ausgangspunkt der Kamelpostroute von
Damaskus nach Bardäd, die von Dumer an in fast östlicher Richtung
die Wüste durchquert, den Euphrat bei Hit J^^-J^ überschreitet und
dann südostwärts quer durch Mesopotamien nach Bardäd geht^). Die
Post befand sich zuerst, seit den siebziger Jahren, in englischen Händen ;
kurz darauf gründete jedoch der bekannte Reformator Midbat Pascha im
Auftrage der türkischen Regierung ein Konkurrenzunternehmen, infolge
dessen in der Mitte der achtziger Jahre die englische Post den Betrieb ein-
stellte. Seitdem besorgt die türkische Post allein wöchentlich einmal die
Verbindung von Damaskus mit Bardäd und umgekehrt.. Sie befördert,
wie überhaupt die türkische Landpost, nur gewöhnliche Briefe, aber
keine Wertsachen. Jeder Postreiter führt in der Regel ausser seinem
Reittier ein Reservekamel, welches W^asser trägt. Die Postreiter sind fast aus-
nahmslos 'AgeP). Gegen Entrichtung einer Taxe ist es Reisenden erlaubt,
auf eigenen oder von den Postreitern gemieteten Kamelen und allerdings auf
eigenes Risiko sich der Wüstenpost anzuschliessen. Vor mehreren Jahren
büsste der griechische Wirt der Locanda in Bardäd auf der Poststrasse
nach Damaskus sein Leben ein. Er konnte vor Erschöpfung nicht weiter
reiten und musste in der Wüste zurückgelassen werden. Die Reise ist
ausserordentlich anstrengend; die Tagesleistung beträgt 18 Stunden,
während welcher in schneller Gangart geritten wird. Dreimal am Tage
wird je zwei Stunden geruht. In der trockenen Jahreszeit dauert der
Ritt 8 Tage, im Winter und im Frühjahr drei bis vier Tage länger, da
dann der Regen den Wüstenboden stellenweise schlüpfrig macht. Die
Regierung hat mit allen in Betracht kommenden Beduinenstämmen Ver-
*) Der Ilamäd ist in der ungefähren Richtung der Postroute schon mehrfach von
europäischen Reisenden durchkreuzt worden, so von Ormsby 1831 (verjjl. Ritter a. a. O.
Bd. XVII,,, S. 1425 und 1431), Wellstedt 1833 (Travels to the City of the Caliphs, London
1840 Bd.I,S. 303 ff.), Chesney 1837, Socin 1872 (»Ausland« 1873, S. 221 ff.), Huber 1883 (Voyape
dans l'Arabie Centrale [Extruit du Bulletin de la Socicte de Geographie 1884— 1S85]
S. 156 ff.), B. von Rakovszki, H. Burchardt und anderen. M. von Thielmanu hat den
östlichen Theil des Hamäd. von Hille nach Palmyra, Blunt den westlichen von Palmyra
südlich der Höhenzüge nach Dumer darchzogeii.
*) VergL oben Kap. II, S. 78.
2C6 Kap. VII. Abschied von DablÄn.
träge abgeschlossen, wodurch die Sicherheit der Beförderung gewähr-
leistet ist.
In Dumer trennte ich mich von Dablän, der nicht zu bewegen
war, mich weiter zu begleiten; ob aus Furcht vor den Soldaten, die
mich von Dumer aus eskortieren sollten, oder vor den 'Aneze, welche,
wie er glaubte, sich in der Umgegend umhertrieben, weiss ich nicht.
Jedoch schieden wir nicht, ohne dass er schriftlich und vor Zeugen mit
mir die Chilwe nach Beduinenart abgeschlossen hätte, deren Wortlaut
hier in der Uebersetzung mitgeteilt sei: »Ich Endesunterzeichneter
Dablän ibn Mubammed il Läfi, habe mit Herrn Baron Max Oppenheim
die arabische Brüderschaft abgeschlossen, und dadurch bin ich verant-
wortlich vor Gott und gegenwärtigen Zeugen, die Rechte der Brüderschaft
zu beobachten und ihn zu beschützen, ihn und sein Hab und Gut, so
lange er sich im Gebiete der Riät befindet, und zu beschirmen vor
jeglicher Gefahr, die ihm zustossen könnte von den Riät, zu denen ich
gehöre, und zu dem Zwecke habe ich ihm für mich diesen Vertrag und
diese Schrift gegeben. Gezeichnet Dablän ibn Mubammed il Läfi von
dem Stamme der Riät, i8. Juli 1893.« Unterzeichnet wurde noch von vier
Zeugen, den Riät-Leuten Tälib is Sumbi, De'ekil Slimän, Mutlak iz Zäid
und dem Dumcrer (Dumräwi) Schcch Mustafa. Letzterer allein konnte
schreiben. Dablän erhielt für seine wirklich treuen Dienste einen Ehren-
mantel und vier türkische Pfund; er schied von mir, indem er der
Hoffnung Ausdruck gab, dass ich ihn wiederum aufsuchen würde.
Nach einer Besichtigung der Ruinen von il Mak^üra beabsichtigte
ich, wie erwähnt, den bei allen Beduinen der Syrischen Wüste berühmten
Brunnen Bir Zubede aufzusuchen, um dann südlich von der gewöhnHchen
Karawanenstrasse öerüd - Karjetcn nach Palmyra zu marschieren. Es
schien mir nicht ratsam, diese Route einzuschlagen, ohne wenigstens
auf dem ersten Teile des Weges von Riät-Beduinen begleitet zu sein, da
wir in der Ruhbe gehört hatten, dass ein grosser Teil des Stammes kurz vor
unserer Ankunft nach Norden aufgebrochen sei, um sein Glück auf einem
grösseren Razu noch einmal zu versuchen, bevor die Zelte, des Wassermangels
wegen, von der Ruhbe nach den östlichen Abhängen des Haurän verlegt
werden sollten. Ich warb daher den Riät - Schech Tälib is Sumbi an,
einen alten ergrauten Sünder, der vor mehreren Jahren nach einem Anfall
auf die Wüstenpost in die Hände der Regierung gefallen war und dann
nördlich unweit Dumer mit seiner Familie angesiedelt wurde, um in
Zukunft als Geisel gegen Angriffe der Riät auf die Kamelpostreiter und
Dumer selbst zu dienen. Vor Errichtung der Kischla von Dumer zahlte
der Ort an die Riät eine Art jährlichen Tributs.
Auf den bisherigen Karten sind die dem Antilibanon östlich vorgelagerten
Gebirgsketten, die sich von Dumer nach Palmyra hinziehen, als ein einziger
Kap. VIL Aaf brach von Pumer. 25?
oder ein Doppelhöhenzug eingezeichnet; thatsächlich stellen dieselben jedoch
ein gebirgiges Terrain dar, welches zahlreiche, mehr oder weniger hohe,
selbständige Parallelketten in der Richtung von Südwesten nach
Nordosten aufweist. Erst östlich von Karjeten, etwa beim öebel *Ain
il Wu*Ql, scheinen sich diese Züge zu vereinigen, um nordöstlich in einem
einzigen Gebirgsstock nach Palmyra weiterzugehen. Bei Palmyra trifft dieser
mit einem von Hom§ östlich streichenden Höhenzug zusammen, mit welchem
er die Steppe von Karjeten einschliesst. Nunmehr wieder nordöstliche
Richtung annehmend, erstreckt sich das Gebirge weiter über Erek und
Suchne bis zum Euphrat, den es unweit oberhalb Der ez Zör erreicht.
Die ganze Bergkette ist als die Nordgrenze der Syrischen Wüste zu
betrachten. Nördlich dieser Gebirgslinien weist der Boden nur im östlichen
Teil, unweit des Euphrat, dieselbe Beschaffenheit auf wie der eigentliche
Hamäd, ist jedoch weiter im Westen anbaufähig. Zahlreiche Ruinen-
Städte, wie Taijibe, Resäfe, Isrije (is Serije), Anderin etc., zeugen für die
grössere Kulturföhigkeit dieses westlicheren Gebietes.
Nach einer Ruhe von zwei Tagen, die uns selbst sehr wohl that,
und den Pferden und Kamelen ein Bedürfnis war, verliessen wir Pumer
am Dienstag, den 20. Juli, um 77« Uhr morgens. Es begleitete uns
für diesen Tag ausser Tälib is Sumbi und mehreren seiner Riät fast
die gesamte Garnison, die in der Gendarmerie -Kischla bei dem Dorfe
stationiert war, sowie einer der beiden Dorfschechs von Dumer und
einige Dumerer Bauern, sämtlich bis an die Zähne bewaffnet. Mein edel
gezogenes arabisches Pferd sowie das Pferd Mansiirs hatten die Strapazen
gut überstanden und waren kaum zu bändigen, als wir, von den auf
Stuten berittenen Riät geführt, aufbrachen. Unser eigener Tierpark
bestand ausschliesslich aus Hengsten. Man liebt es, auf dem Marsche
möglichst eine Stute die Tete nehmen zu lassen, wenn man die Pferde
ermüdet glaubt. Die Karawane Hess ich wieder getrennt von uns
marschieren und über Gerüd vorausgehen, einmal, weil es zu gefährlich
erschien, sie nach dem Bir Zubcde mitzunehmen, und dann, um in
derüd einige Zaptije für den Weitermarsch zu requirieren. Der Schech
von Cerüd, Mubammed Ära, hat seit langer Zeit die Verpflichtung
übernommen, mit seiner irregulären Reiterei die Karawanenstrassen der
Umgegend von dcrüd zu sichern. Seine Tochter hat den Oberschcch
der Ruala j(jj geheiratet.
Unser Weg führte uns zunächst in den zwischen dem debel Abiri
Kös und dem Nordrande des Trachons sich einschiebenden Zipfel des
Hamäd zurück, der, durch diese Erhebungen im Norden und Süden
eingezwängt, eine Art von Thalmulde bildet. Das Terrain fällt hier nach
Südwesten ab, die Bäche, welche auch im Sommer bei Dumer, der
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer zum Persischen Golt. ^^
258 Kap. VII. Die »Thalmulde« des Hamäd. — II Mal^^ura.
Kischla und der Ruine il Mal^^üra fliessen, ergiessen sich in die Wiesen-
seen der Damaskus -Ebene. Etwa 20 Kilometer östlich von Dumer
erhebt sich die Thalmulde etwas — hier dürfte erst der eigentliche
Hamäd beginnen — , weitere 30 Kilometer östlich bildet sie eine Senkung,
die sich zur Regenzeit mit Wasser füllt und auch im Sommer eine weithin
weisslich glänzende sumpfige Fläche darstellt. Der Boden der Senkung
ist sehr stark salzhaltig; der Salzsumpf (Sabcha) wird jedoch nicht aus-
gebeutet. Im Frühjahr bedeckt sich die Thalmulde des Hamäd mit
besonders üppiger Steppenvegetation und ist der Tummelplatz der Wuld
* Ali-Beduinen'), denen sie fette Weiden für ihre Pferde und Kamele
bietet Wir fanden hier während des Sommers kaum das eine oder andere
kleine Pflänzchen vor.
An der Kischla stiess der befehlshabende Offizier mit seinen Zaptije
zu uns. und eineStunde nach unserem Aufbruche von Dumer erreichten wir il
Mak§üra öjjuaja\ (il Chirbe Aij^\). Die Ruine besteht in der Haupt-
sache aus einem grossen rechteckigen Bauwerk, von dem fast nur der
untere Teil der Umfassungsmauern erhalten ist. Innerhalb der Mauerreste
sind die Trümmer mehrerer Gebäude erkennbar. Unzweifelhaft haben
wir es hier mit den Ruinen eines römischen Kastells^) zu thun, das den
Zweck hatte, den 1 lamfidzipfel , das Durchgangsthor von der Wüste in
die Ebene von Damaskus, zu bewachen und auch in gewöhnlichen Zeiten
gegen die stets zu erwartenden Ueberfälle der Beduinen zu schützen.
Das Jahr der Erbauung ist aus den bisher gefundenen Inschriften nicl'.t
ersichtlich, wohl aber ergiebt sich aus einer derselben, dass die Anlage
bereits zur Zeit des Kaisers Marcus Aurelius vorhanden gewesen ist. Im
übrigen enthalten die Inschriften nur Angaben über die Garnison, die
ihren Zwecken entsprechend wohl stets aus Reiterei bestand. In Dumer
war mir ein Inschriftenstein gezeigt worden, der angeblich aus il Mal^^üra
stammen sollte und folgende Inschrift trug:
■
KTOYTiA..
TKIMTIOYI
TKAKYHII
KNAIIOYA
NAIMCOAK
MOYKTüN
Nach einem Aufenthalte von 20 Minuten verlicssen wir il MaV§iüra,
um unseren Marsch in östlicher Richtung fortzusetzen. Um g^jt Uhr
^' Venjl. Hiirton, Unexplored Syria, London 1872 Ild. II, S. 3()4.
* Vcrgl. Wetzstein, Ausj^ewählle j^ricchischc und lateinische Inschriften, j^esammelt
auf Reisen in den Trachonen und um das Hauränijebirge. .-Vbh. der Kgl. Akad. d. Wiss. )
ßcrhn 1S64, S. 316. Wad«Ungton a. a. O. 2556 d— f.
Kap. VII. Der Chan Abu 'seh Schämät. 2 50
wurde uns links oben im Gebirge die Stelle der auf den bisherigen
Karten schon verzeichneten »Mönchsquelle«, 'Ain ir Rähib ^^^^w^ /;\^,
gezeigt, die nach der Angabe meiner Bes^leiter um diese Jahreszeit kein
Wasser enthielt. Rechts lagen umfangreiche Gazellenfangplätze; es waren
dies Plätze, umgeben von niedrigen, aus losen Steinen aufgeschichteten
Mauern, um welche tiefe Gräben gezogen waren. Die Gazellen werden
in diese Umgrenzung hineingetrieben, wobei sie fliehend über die Mauern
springen und in die Gräben stürzen.
Wir wandten uns jetzt etwas . südwärts und betraten wieder das mit
liasaltgeröll bedeckte Gebiet des Trachon. Auf einer langgestreckten
Welle desselben lag der Chan Abu 'seh Schämät OL>«LiJ\ ^\ jU- , bei
•
dem wir um Ii Uhr ankamen. Es war nur mehr der untere Teil der
27^ Meter starken und aus unbehauenem Gestein errichteten Umfassungs-
mauern erhalten. An den Ecken waren viereckige starke Bastionen in
turmartigem Ausbau angesetzt. Das einzige Thor führte nach Norden
in die Thalsenkung, davor lagen ein grösseres und ein kleineres vier-
eckiges Wasserbassin, die indess beide verschüttet waren. Inschriften oder
sonstige Angaben über die Zeit und den Zweck des Baues vermochte
ich nicht zu entdecken. Doch möchte ich denselben nicht für ein römi-
sches Kastell halten, vielmehr, wie der Name sagt, für einen wirklichen
Chan, der vielleicht älteren römischen Bauten nachgebildet ist.
Der Chan Abu 'seh Schämät scheint der erste einer ganzen Kette gleich-
artiger Bauwerke gewesen zu sein, die sich mit wenigen Stunden Zwischen-
raum von Damaskus bezw. Dumcr in nordöstlicher Richtung zum Euphrat
und von da quer durch Mesopotamien nach Mösul, vielleicht auch den
Euphrat entlang, hinzog: Karawanserais aus muhammedanischer Zeit,
dazu bestimmt, nötigenfalls mehreren grösseren Karawanen während der
Rastzeit oder im Augenblicke der Gefahr Schutz gegen Ueberfälle zu
gewähren. Sie mögen zur Blütezeit des Chalifats errichtet worden sein,
um diese Hauptkarawanenstrasse zwischen Bardäd bezw. Mösul und
Damaskus zu sichern. Innerhalb der Chane oder in ihrer unmittelbaren Nähe
sind regelmässig Wasserreservoire oder Ziehbrunnen angelegt. Begreiflicher-
weise fehlen die Chane dort, wo sich schon feste Ansiedelungen be-
funden haben.
Der zunächst auf Abu seh Schämät foli^ende Chan ist das Kasr is Scgal
li-ül j'O!^, südlich des Salzsumpfes in der Thalmulde des Hamäd.
Diesen habe ich gesehen. Von dort nach Palmyra sollen noch mehrere
Chanruinen südlich des Gebirges vorhanden sein. Zwischen Palmyra und
Erek fand ich den Chan il Hamrä ^^\ jU- (Ka^r il ^umyj^zwei weitere
17*
26o ^*P* ^^^* Chane und Kischlos in der Wüste.
Chane zwischen Erek und Suchne dicht nebeneinander (vielleicht zu ver-
schiedener Zeit errichtet). Zwischen Suchne und dem Bir Gabagib dürften
ähnliche Bauten am Fusse des Höhenzuges existiert haben, obwohl sie
weder von meinen Vorgängern noch von mir bemerkt wurden; höchstwahr-
scheinlich ging die frühere Strasse in einer etwas anderen Richtung, als die
jetzige. Wenige Stunden östlich der alten Station Gabägib fand ich wieder
die Spuren eines Chan. Von hier dürfte sich die Kette in direkter
Richtung nach der Mündung des Chäbiir hingezogen haben. Am westlichen
rechten Ufer des Chäbür lag eine Reihe grösserer und kleinerer Städte,
deren Namen noch heutzutage an den Schutthügeln haften, und es ist
wohl anzunehmen, dass diesen die Karawanenstrasse gefolgt ist. Den
Chäbür hat sie zweifellos bei *Arbän jl^ überschritten. Hier stehen
noch heute die grossartigen, mit schönen arabischen * Inschriften gpe-
schmückten Reste einer breiten, monumentalen Brücke. Vom Ostufer
dieses Flusses an dürfte die Strasse an der Südseite des Cicbcl Sin^är ent-
lang nach Mösul gegangen sein. Vier Stunden von Beled Singär hat Sachau
wieder einen Chan gefunden, der allerdings nach der von ihm kopierten
Inschrift erst aus dem 14. Jahrhundert stammt*), vielleicht aber auf den
Resten eines älteren Baues neu errichtet worden ist.
Die Form der von mir j^efundcnen Chane ist im Grunde genommen
regelmässig die des Chan Abii 'seh Schamat-'J. Sie sind jetzt sämtlich ver-
lassen, die Mauern eingestürzt und ihre Wasserreservoire verschüttet,
üeber die Zeit, wann der Verfall eingetreten ist. kann man nur Ver-
mutungen hegen, wahrscheinlich dürfte er auf den ICinfall der Mongolen
oder Tataren zurückzuführen sein.
Statt der Chane hat die türkische Regierung in letzter Zeit neben
einzelnen Wasserstellen in der Wüste kleine Forts, sogenannte Kischlas
^Lii, errichtet, deren Besatzung, wie die Erfahrung gelehrt hat, nur
eine ganz geringe zu sein braucht, um selbst grossere Raubzüge zurück-
zuwerfen. Bei der Annäherung von Beduinen ziehen sich die Soldaten in
die Kischla zurück, verrammeln das Thor und schiessen mit ihren guten
Gewehren die sich nahenden Räuber nieder. Ich habe glaubwürdig erzählen
hören, dass auf diese Weise zwei oder drei Soldaten hunderte von Beduinen
am Wasserschöpfen verhindert haben. Eine längere Belagerung ist aus-
*j Vcrj^l. Saciiau, Reisen in .Syrien un<l Mesopotamien, Leip/.itj 1SS3, S. 333 — 341;
ferner Ihn Chunlarll>e bei Sprenijcr, Die Post- und Reiserouten dos < )rients, S. 107.
*'*' l'ebrigens dieselbe, die ich bei IJefesti«;unji^en in Algerien und in Deutsch-
Ost-Afrika antraf: ein viereckij^es, einen «grossen freien I'lati einschliessendes (iebäude, meist
mit an den Kcken vors]>rinj;eiiden IJastioncn. Aehnliche Chan-Uauten finden sich aach anf
anderen allen Karawanenstrassen inuhaminodanischer Länder.
Kip. VII. tiUchlas
geschlossen, d;i die Angreifer ja ohne Wasser nicht auskommen können.
Ein Sturm auf die Kischia ist bei den geringfügigen Angriffsmilteln der
Beduinen aussichtslos. Wenn sich die türkische Regierung entschhesscn
könnte, die Ziihl dieser Kischlas zu vermehren, und die siimthchcn auch
während der heissen Jahreszeit wasserhaltigen I'lät^e in der Syrischen Wüste
durch kleine Hesatzungen xu schütxen, si) würde der dort jetzt im Sommer
fast ganz brach liegende Handel und Verkehr einen wirksamen Schutz er-
fahren; vielleicht könnten dann die verlassenen Städte an den grossen
Karawanenstrassen, wie Palmyra, Krek u. s. w.. einer neuen Hlüte entgegen-
gehen. Dabei würde nur eine beschrankte Zahl von Stellen in Helracht
kommen, da der ständig wasserhaltigen Quellen sehr wenige sind.
Allerdings niiissten ausserdem leicht bewegliche, auf Kamelen oder
äonst beritten gemachte Truppen zur Verfugung .stehen, welche die
Thätigkeit der Garnisonen der Kischlas zu unterstützen hätten. Welche
Hedcutung solche militäri.sche Massnahmen haben, beweist <ler I'>f"lg,
den die in Der tv, Ziir stationierte Maultierreilcrei mit ihren Pacilizierungs-
versuchen in ilcm dortigen Teil der Wüste erzielt hat.
Die Wasserstellen sind meist Ziehbrunnen, welche als Löcher von
I — 3 m Durchmesser bei einer Tiefe bis zu Xo m erscheinen. Der lirunncn
ist zuweilen ausgemauert, besonders oben am Rande, der Strick, an
welchem der Schöpfeimer (D^hi J^) hängt, läuft entweder unvermittelt
26z
Kip. VI[. ZiehbninneD.
über den Steinrand der Einfassung oder über ein hölzernes Joch, das
man über der Brunnenöffnung errichtet hat. Das Wasser wird dadurch
heraufgeschafft, dass Menschen oder Tiere, vom Brunnen wegschreitend,
an dem Strick ziehen. Auf diese Weise sind in den Steinrand durch
den langjährigen Gebrauch zuweilen tiefe Rillen eingeschnitten, so am
Bir Gabägib von lo cm Tiefe. Das Wasser ist in der Syrischen und
Nordmesopotamischen Wüste allgemein saU-, oft auch schwefelhaltig,
weil hier Gipsboden vorherrscht, der oftmals schöne Kristalle zu Tage
treten lasst. Immerhin erschien uns das Wasser des Hamäd vortrefflich
nach dem brakigen Schlamm der Umm Räbil und der Harra.
Vom Chan Abu 'seh Schamat aus war der Ciebel Zubede »-L- j , U»-,
auf dem sich unser nächstes Ziel, die verrufene Quelle, befand und der
eine Fortsetzung des Gcbel Abu 1 Kos bildet, schon zu erblicken. Auf
dem Weitermarsche hatten wir die Aussicht auf die folgenden Spitzen
des südlich von uns gelegenen Vulkan gebietes: Tel! il Matalle, Teil il
'Abd, Teil id Dakive, Tuhil is Surcgijät, Sadrische, Hügel Umm Udn; das
Gebirge Abu 1 Kös zog sich im Bogen noch weiter nach NNO. hin.
Bald nachdem wir vom Chan Abu 'seh Schämat aufgebrochen waren,
verliessen wir das vulkanische Gebiet wieder und durchzogen die bereits
etwa lo Kilometer breit gewordene Thalinulde in nordöstlicher Richtung.
Unser Rcittempo war flott, fast ständig der richtige kurze Reitergalopp.
Verschiedentlich kreuzten Gazellcnherden und Trappen unseren Weg.
Kap. VII. Der Zubede-Bninnen. 263
Um 272 Uhr begann der recht beschwerliche Aufstieg in das
nördUch der Mulde gelegene Gebirge, und um 3**^ Uhr hatten wir den
Brunnen erreicht. Die wildzerklüfteten Kalksteinfelsen des Berges boten
unseren Tieren nur selten einen Pfad, so dass die Pferde und Reit-
kamele grösstenteils geführt werden mussten. Die Felsen glühten noch
von der Mittagssonne, und ihre grau weisse Farbe blendete die Augen.
Schon von weitem kündete sich die Nähe des Quells durch grüne
Vegetation an, welche in den Ritzen des Gesteins und um den Brunnen
Platz gefunden hatte und von der kahlen Oede des Gebirges sich freund-
lich abhob. Die Quelle selbst lag fast auf der höchsten Spitze des
1 Berges in einer Höhle, überragt von einem Felsenvorsprung, welcher das
Wasser, das mehrere Meter tief aus dem Innern des Gesteins hervor-
sickerte, vor den brennenden Strahlen der Sonne schützte. Vermittelst
der mitgenommenen Zieheimer wurde das erfrischende Nass empor-
gewunden, das sich als angenehm kühl, aber von leicht bitterlichem
Geschmack erwies
Vom Gipfel des Zubede-Felsens bot sich eine überaus grossartige
Aussicht. Zu unseren Füssen lag die Thalmulde, die wir durchzogen
hatten, etwas südlich grüsste das Ka.?r is Segal herauf, und daneben
schimmerte eine weite Fläche, wie mit Schnee bedeckt: die flache, jetzt
trockene Niederung der Sabcha. Die Thalmulde selbst, deren Vege-
tation die sengende Sommerhitze verbrannt hatte, präsentierte sich als eine
kahle öde Steppe. Dahinter erschien in seiner ganzen Schauerlichkeit das
vor kurzem erst von uns verlassene Vulkangebiet des Trachon mit seiner
dunklen Lavamasse, aus der die schwarzen Kraterkegel bald spitz, bald
abgestumpft hervorragten. Ich benutzte die Gelegenheit, um die wich-
tigsten derselben von hier aus anzupeilen. Deutlich erkennbar war der
Teil Sadrische, dann Makbül, Karauwas, Ses, Tuletuwäh, ir Rubaije,
der Teil il *Ägil oder Schech it Tulül, Teil il Ak'as, id Daräir, id Dirs,
id Dakwe, il Matalle. Westlich von diesen Bergen sahen wir die Ebene
von Dumer, im Osten dehnte sich die endlose und in allen P^arbentönen
schillernde Hamädsteppe aus. Die wildromantischen Felskulissen des
Zubede-Berges bildeten einen würdigen Hintergrund dir das überwältigende
Bild, über dessen Anblick man der Gefahren vergessen konnte, welche
die Zubede als eine der gefürchtetsten Durchzugspunkte für die Razu
der Syrischen Wüste birgt.
Der Bir Zubede ist auf keiner der bisherigen Karten verzeichnet.
Jedenfalls ist es aber derselbe Brunnen, welchem die Leute der BluntsM
auf ihrer ersten Reise ihren Wasservorrat entnahmen; der Brunnen
wurde von Lady Anne Blunt fälschlich Bir Shedeh genannt.
*) Vcrjjl. Ltidy Anne Blunt, Bedouin tribcs of thc Euphnites. London 1S79, Bd. II, S. I4r.
264 ^P- ^^- ^"' ^^^ '' l:IaJ"JÄ.
Meine Begleiter hatten inzwischen deutliche Spuren einer vielleicht
erst in der vergangenen Nacht hier gewesenen Karawane entdeckt, und
da die Raubzüge der Beduinen sich gerade mit Sonnenuntergang den
Wasserstellen zu nähern pflegen, erschien es dringend geboten, an den
Aufbruch zu denken.
Der Abstieg begann um 57* Uhr nachmittags. Den Berg um-
reitend, so dass er uns zur Linken blieb, gelangten wir auf abschüssigem
Wege ostwärts in einen Pass, dessen andere Seite von dem mächtigen Cebel
KarnKabsch ^tS jj^ S^ (»Widderhorn*) gebildet wird. Wir stiegen
den hier überall mit auffallend schönen Kalkkristallen bedeckten Pfad
hinab. Am Nordabhang des Zubcde-Passes zweigte sich die Spur eines
Weges von dem unsrigen in etwa einviertelstündiger Entfernung von der
Bergspitze ab, um mehr nach Osten zu gehen.
Unsere Lastkarawane, die in der Richtung nach Palmyra den Um-
weg über Cfcrüd gemacht hatte, konnte noch nicht so weit östlich wie
wir selbst vorgedrungen sein, und wir mussten, um zu dem verabredeten
Lagerplatze zu gelangen, wieder nach Westen zurück gehen. Bei der
Auswahl des Platzes hatte in Betracht gezogen werden müssen, dass
meilenweit nach Osten hin kein Wasser zu fmden war. Am Fusse des
den Zubede-Brunnen tragenden Berges angelangt, nahmen wir NXW.-
Richtung, durchzogen zunächst eine grössere und nach Passierung eines
niedrigen Höhenzuges eine kleinere Ebene und überschritten um 7 Uhr
den einer parallel dem ("iebcl ZubedeM. also ONO., streichenden Höhen-
kette zugehörenden Teil Tmede öJS l> , indem wir einen kleinen
ausgetrockneten Wädi entlang ritten. Immer NNW. marschierend, trafen
wir um 7* 4 Uhr auf einen zweiten Höhenrücken und später noch auf
weitere Parallelzüge.
Gegen 7^^ Uhr erreichten wir den Bir Abu 1 Hajäjä lu5-\ y\ r^
(»Vater der Schlangen*); mehrere grosse und tiefe Brunnen hatten
genügendes Wasser. In ihrer nächsten Nähe standen mehrere Zelte
der Sieb. Unsere Karawane war bereits angelangt und hatte das
Lager aufgeschlagen. Wir hatten es erst nach einigem Suchen ge-
funden, nachdem mehrere Signalschüsse gewechselt worden waren. Mit
der Karawane waren einige Zaptije aus Cfcrüd gekommen, welche uns
^) In der europäischen Litteratur haben sich für die nuch Palinyni hinstreichenden
Fortselziinijen des (Jebel Abu '1 Kös und des ( iebel Zubede die Namen cicbel isch .Scharlp und
(Jcbel Tawil einjjebürgert, die an C)rt und Stelle unbt7kannt sind. Dort trägt vielmehr jede
einzelne Erhebung ihren besonderen Nanuru.
Kap. VIL DoB Gebirge zwischen I^umer und Palmyz«. 265
nunmehr nach Palmyra führen sollten, während unsere bisherigen Be-
gleiter uns hier verliessen, um nach Dumer zurückzukehren.
Am folgenden Morgen 7^ Uhr verliessen wir Abu '1 Hajäjä. Auch im
Norden wurde jetzt eine grössere Zahl von nordöstlich streichenden
Höhenketten sichtbar. Nach zweistündigem Marsch waren im Süden die
kleineren Hügelreihen zu Ende, nur die grössere Bergkette, welche unsere
Route vom Hamäd schied, setzte sich weiter fort; im Norden aber
blieben ständig mehrere Bergreihen zu unserer Seite. Wir hatten zu-
^ j
nächst nach dem Aufbruch vom Lager den (^ebel is Suraijar j\jLuJ\ L>-
zur Linken, den Duhür il Mahsä ^^\ ^ ji^ zur Rechten und hinter
diesem aufragend den mächtigen (lebel Zubede. Um 7^® Uhr lag genau
rechts die Täbijet Zubede S JU j <- lU, die höchste Erhebung in dem
», ..,
Gebirgskomplex der Zubede.
Wir betraten nunmehr eine leicht wellenförmige schmale Ebene,
Sahl Dob* ^uüa \^^, (»Hyänenebene«) genannt, die sich bald mehr
ausbuchtete und zu unserer Linken an den Crebel Nasafet Dob* AdV,A» L>-
UV«
/u^ grenzte. Hier hatten wir um SV'i Uhr den Teil Dob* als nächsten
Hügel zu unserer Rechten. Die Marschrichtung veränderte sich von NO.
mehr nach NNO. Die Hügelreihe links senkte sich 8^^ zu einem Tiefpass
Tanijet Maksar Nimr ^» ^.-^Xa <J^, dessen Name auf das Vorkommen
von Panthern an diesem Orte schliessen lä^^st. Darauf folgte zur Linken
der Bergrücken (rebel il Ruräb «^j\^'^ J^* 8*^* Uhr verlor die Bergkette
rechts beträchtlich an Höhe und setzte sich nur mehr als niedrige,
mehrere Kilometer lange Hügelrcihe bis zur Tamjet il Jabäride <Jü
Ä^jla)\ (»Pass der Jabruder«)^) fort. 9° Uhr lag links (iebel Scha*b il Loz
j j\I\ ,^.^.A-i !u>- (»Mandelschluchtberg'^), 9''" rechts (lebclljcmur )y^..^ \^.
Von hier an hiess die Ebene, durch welche unser Weg führte, Suhiil
Zaml Wadba <^^ Sf^^ ^y^- ^^^ lO**^ ab stie^ das Terrain, bis 11'^
der höchste Punkt der Erhebung, Teil Zaml Wadha, erreicht war. Der
Gluthitze wegen wurde hier eine Mittagspause gemacht. Erst eine Stunde
*) Nach dem Städtchen Jabrüd, oin Ostahhan); des Antilibanon, zwischen Damaskus
und 'Hom^.
266 Kap. VIL Die Vulkane il 'Abd wil *Abde.
später überholte uns die Karawane. Sie war in dem gut gangbaren
Terrain mit 4^,1 — 5 km Geschwindigkeit marschiert und setzte ihren
Weg ohne Aufenthalt fort i*® Uhr verliessen wir unseren Ruheplatz.
2** Uhr lag rechts Cebel il Butm J^^ U>^, links öebel ir Rüs it Tuwäl
J\jl2)\ fj^jj^ A^ (*Berg mit den hohen Spitzen«), auf den (linl
Minuten später ebenfalls links (lebel il 'Ancg tcxIJ^ U>- folgte.
Von weitem schon war uns ein merkwürdiges doppeltes Höhen-
gebilde aufgefallen, das sich durch seinen schwarzen Ton von dem
hellen Grau der Kalksteinumgebung prägnant abhob. Wir schwenkten
etwas nach Osten und erreichten um 3" Uhr die beiden Hügel, die die
Namen il 'Abd wil 'Abde äJlJ\ % JLiJl (»Sklave und Sklavin«) führten.
Ersterer lag nordwestlich von dem letzteren und durch eine kleine Sen-
kung von ihm getrennt, doch so, dass die Basen ineinander verliefen,
Dass die beiden Hügel, deren einer spitz, der andere stumpf war, vul-
kanischen Ursprungs waren, zeigte schon das sie allerdings nur in ge-
ringem Umkreis umgebende feine Lavagerüll. Die gänzlich isoliert da-
stehenden Krater sind nur durch eine einzige Kalksteinbergkette und
ein kleines Stück des Hamäd von dem Vulkangebiet des nördlichen
Trachons getrennt, und dürften mit diesem zur Zeit ihrer früheren, jetzt
langst erloschenen Thätigkeit gewiss in unterirdischer Verbindung ge-
standen haben*).
Unsere Karawane hatte ihren Weg mehr nördlich am Rande des
ziemlich bedeutenden mehrreihigen Höhenzuges zu unserer Linken
genommen, dessen höchster Punkt, (iebel Ras 11 *Ain, um 4' 4 Uhr genau
links von uns lag. Nordöstlich der beiden Krater dehnte sich eine all-
mählich sich verbreiternde, durch nur leicht wellenförmige Erhöhungen
unterbrochene Ebene aus, die zur Rechten von dem (fcbel il Butm \^-
J^\ und den seine Verlängerung bildenden (^ebel isch Schech ^cjlIJ) |b*>.
begrenzt wurde, beides Fortsetzungen des Abu 1 Kös und des Zubede-
Gebirges.
Dieser Gebirgszug, der nunmehr geradezu nordöstliche Richtung
hält, nimmt in der Folge bis nach Palmyra in seinen Erhebungen
immer neue Namen an, nämlich: (iebel in Nasräni .l\ »^äIM L>-, Gebel
il Kuhle i^UÖl L>-, ('iebel irRotiis •^yj\ U» (icbel il Bäride L>.
K ^^^^^^ oben Kap. III S. 90.
Kap. VII, Der Razu am I;Iiifeijir. 207
SijUl, Öebel 'Ain il Wü'iil J »c Jl /^«^ , U- und Öebel Haijäl Jl A \^.
Jenseits der Bergkette im Süden beginnt die grosse Steppe des Hamäd.
Nach Norden zu hören die kleineren Parallelketten, welche die genannten
Berge von der Ebene von Karjeten trennen, in der Breite des Gebel il
Bäride auf; letzterem ist nur noch die flache Erhebung des debel Chu-
(Jrijät vorgelagert, während debel *Ain il WiVül und Gebel Haijäl un-
mittelbar in die Steppe von il Karjeten abfallen.
Bald nachdem wir il *Abd wil *Abde verlassen hatten, war uns
ein niedriges, nicht sehr umfangreiches; blendend weisses Berggebilde
aufgefallen, welches im Nordosten unweit des Gebel il Kubie die Ebene,
durch die wir zogen, abzuschliessen schien. Das Gebilde war ein zer-
« j
klüfteter Kreidefelsen, il Hufeijir j^^^ genannt. Thatsächlich vereinigten
sich hier die unsere Ebene zur Linken abschliessenden Erhebungen, nach-
dem sie einen grossen Bogen nach Norden gemacht, wieder mit den
südlich von uns ziehenden vorgenannten grösseren Bergen. Der Hufeijir
hat im Westen eine breite thalartige Einsenkung, die im Winter die
Abwässer der nördlichen Höhenzüge in sich aufnehmen dürfte. Mehr
im Osten soll der Berg einen das ganze Jahr hindurch Wasser hallenden
Brunnen oder eine Quelle besitzen. Hier beabsichtigten wir, unser Lager
aufzuschlagen. Durch eine unvorhergesehene Begegnung sollten wir je-
doch daran verhindert werden.
Während unsere Karawane in ziemlicher Entfernung hinter uns in
einer nördlicheren Linie marschierte, hatten wir Reiter, die wir den Abstecher
nachil *Abd wil *Abde gemacht, aus dem Gebel isch Schcch plötzlich einige
Beduinen auftauchen sehen. Jetzt begannen sie aus grosser Entfernung auf
uns zu schiessen. Sofort machten auch wir uns schussbereit und galoppierten
den Angreifern entgegen, die sich nunmehr hinter den Bergrücken
zurückzogen. Kurz vor dem Hufeijir trafen wir mit unserer Lastkarawane
zusammen, die wir seit unserer Mittagspause ausser Gesicht verloren
hatten. Von unseren Leuten erfuhren wir, dass sie am Nachmittage
von weitem einen grossen Trupp Beduinen gesehen hatten, der
aus der Gegend von Karjeten kommend auf die uns von dem Hamäd
trennenden Gebirge zumarschiert sei. Kr sei etwa 1 50 Kamele stark
gewesen, von denen eine grosse Anzahl mit je zwei Reitern (Marduf)
besetzt gewesen sei. Unzweifelhaft hatten wir es also mit einem Raub-
zug zu thun, der uns aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Wasser-
stelle des Hufeijir auflauern würde. Nur mit aller Vorsicht wurde da-
her weiter marschiert. Die Quelle sollte sich jenseits, im Osten der
zerklüfteten Kreidefelsen, befinden, da aber keiner meiner Leute, eben-
sowenig wie Schech Man.sfir oder einer von den Zaptije, sie persönlich
268 Kap. VII. Der kazu am Hafeijir.
gesehen hatte, so wurde einer der letzteren auf die Suche geschickt,
gleichzeitig mit dem Auftrage, im Falle er den Brunnen von einer zu
starken Uebermacht von Beduinen besetzt finden sollte, ein Signal in
Gestalt eines Doppelschusses aus seinem Repetier- Karabiner abzugeben.
Als (icrüder musste er einen aus der Ferne hergekommenen Raubzug
von den Beduinen der dortigen Gegend unterscheiden können. Es
dauerte nicht lange, so hörten wir das verabredete Signal und bald darauf
weitere Schüsse. Wie wir später erfuhren, war unser Mann auf einen
Zug von über loo Beduinen gestossen, die wohl an der von uns ge-
suchten Quelle lagerten und wahrscheinlich mit dem von unserer
Karawane am Nachmittage erblickten Trupp identisch waren. Meine
Leute und Tiere waren des Wassers dringend bedürftig. Da wir der
Ueberzeugung gelebt hatten, diesen Abend wieder Wasser im Hufeijir zu
finden, hatten wir ausser einigen Zemzemijes keine Schläuche mit Wasser
gefüllt, um den Kamelen, welche noch immer an den Folgen des
furchtbaren Marsches durch die Harra litten, möglichst geringe Lasten
aufzuladen. Besondere Wasserkamele hatten wir von Dumcr aus nicht
mehr mitgenommen, weil wir jeden Tag einen Brunnen oder eine Quelle
zu finden sicher waren. Da uns jetzt das Wasser des Hufeijir gesperrt
war, mussten wir daran denken, uns sofort in Sicherheit zu bringen. Nach
einer der nach Palmyra zu gelegenen Wasserstellen weiter zu marschieren,
erschien ausgeschlossen, der *Ain il Ade, angeblich jenseits der südlichen
Berge am Rande des Haniäd, einige Stunden südöstlich des debel ir
Rotüs, und der *Ain il Wu'ül waren zu weit entfernt. Der letztere
sollte ohnehin durch einen Heuschreckenschwarm verschüttet oder doch
ungeniessbar gewordcMi sein. Die nächste Wasserstelle wäre der *Ain
il Bäride gewesen. Aber um zu diesem zu gelangen, hätten wir
den Hufeijir umreiten müssen und hätten mit Leichtigkeit von den Be-
duinen abgefangen werden k^mnen. Es blieb uns daher nichts übrig,
als uns nordwestlich über die Höhenzüge nach Karjeten zu wenden.
Alsbald änderten wir, nachdem die Schüsse gefallen waren, unsere
Marschroute nach Nordwesten, und marschierten unter dem Schutze der
Dunkelheit und des pfadlosen welligen Terrains, das wir betraten, eines
Ueberfalles immer noch gewärtig, wir Reiter in der Nachhut, in der
Richtung nach Karjeten. Erst nach längerer Zeit stiess der ausgesandte
Zaptije ^vieder zu uns. Der Verabredung gemäss war er, um die Beduinen
irre zu führen, eine ganze Strecke weit auf den *Ain il Bäride zu geritten,
verfolgt von den Kamelreitern, die ihm nicht nachkommen konnten.
Nachdem wir den Hufeijir verlassen hatten, überschritten wir einige
kleine Hügelreihen und gelangten auf ein langgestrecktes Plateau, von
dessen nördlicher Abdachung wir in der l-'erne Lichtschein erblickten, das
unser neues Ziel Karjeten ankündigte. Am Rande des Plateaus kamen wir zu
Kap. VU. 11 tiKrjetcD.
36S1
einer wohl erhaltenen Burgruine, an deren Fuss sich ein grosses, wasser-
haltiges Bassin mit abgestürzten Rändern befand, Riis ü 'Ain jull i_rO
genannt. Darauf folgten einige Bijär und die Spuren einer nach dem
Orte Karjeten führenden Wasserleitung, Wir laschten unsern brennenden
Durst und gelangten, auf steil abfallendem Wege eiliß vorwärts .strebend,
von hier aus in einer halben Stunde nach Karjeten.
Es war nach Mitternacht, als wir in dem Hause des Schoch.s von
Karjeten, Faijäd Ära \i-\ ^_^\j, gastliches Obdach fanden. Das Haus
zeugte von dem Wohlstände des Besitzer^, die Wände w;iren iiiil orn:i
mentierten Steinen geschmückt, 'lie zum Teil aus l'airnyra h'Tlni;;(-h'jli
waren. Wir erfuhren hier, dass der Schcch -.clbst iriit einctii yja-^ cti 'I i-il'-
der «affenfähigen Manner des Ortes sich zur Auf urhun;; und \'.-r(oli;uri(;
eines starken Razu aufgemacht ha!*c. d'.-r d;': N.-^.ht /.-./'«r iii <U<: 'l'-rj < Hl
in weitem L'mkrei-! um^^ebenden ''»arten •■\i];ii:ti\i'u ■■•.:it ntjd d;r: •\iiit
aufgestapelte <jctre;de •A':imc":h\>-]j]'*. ii;i'*'r. ■.\-'.'.'r.' ':.' der,';!.'- I'.uib/u;^,
der uns von der Q-ac':.': d'.-^ Ibjf'.-;;:: ;.l,;:':-.'Jji.:i-':r, i.^i'i..
macht gsrjz ccr: K r'iru'.V: -,::';.' -^'rr.'.r-: . i>:- iU,-.-! :.:.•: '.j.- ii.
hangende .Sti^tniij'rr '■...'A-.ri. •W: ::t. '.-t '"';';•■;
I I'..li(.jr4_j
270 Klip. Vn. 11 l>»rjneo,
wirkliches Thor besitzt. Die Bevölkerung besteht teils aus syrischen
Bauern, teils aus sesshaft gewordenen Beduinen, und mag zusammen
etwa I200 bis ijoo Seelen betragen; den überwiegenden Teil bilden
die Muhammedaner. Wie mir mitgeteilt wurde, waren in Karjeten die
l'.ilniyrtiiische Fif;ur, eint;eir.;iiieri im Haust i!c< Sclicch lu Karjeleo.
Sekten der Chidnjin ^^ .C*>- durch sieben Mitglieder, die Badawije
A-jAi (Aliniedije <JJ-' i durch einige wenige und die der Gindije <i Aj-
durch ein Mitglied vL-rtrctcn; die berüchtigten Seniisi _-_jL_ waren hier
ganz unbekannt. Die angeblich ;oo bis 600 Christen (Jakobiten), die
Kap. VII. Die Brunnen von il Karjeten. 271
anscheinend friedlich mit den Muhammedanern leben, besitzen ihre eigene
Kirche mit einem Geistlichen. Von dem baufälligen Minaret der Moschee
geniesst man eine herrliche Aussicht über die weissgraue Steppe und das
sie im Süden abschliessende kahle Gebirge. Von hier aus wurden mir
auch die Quellen gezeigt, die den Ort mit Wasser versorgen, und zwar
in so reichlichem Masse, dass die Gärten noch in dieser vorgerückten
Sommerszeit in üppigem Grün prangten. Die Namen der i6 Quellen
wurden mir wie folgt bezeichnet:
Ras il *Ain Jj\iJ^ c/*^-^ ™ ^'
Kanät Käsim il 'Assäf v^L^\ <«^if ö\l3 im S.
V
Kanät il *Awäsi ^^^yi^ Slä im O.
•Ainäte ilLp im O.
a.
*Ain is Suchne <l5tJ\ ^ys- im O.
*Ain HaW Muhannä \U^ ^ Ia>- /np im O.
'Ain il Mubammadije ijU^^ *nP im O.
*Ain is Sarire o -uLä)^ 'ap ini ().
6abb Kattäsch J^IÜ ,^^ im O.
•Ain Schiba AäJL 'nP im \0.
•Ain -Kam *LaP 'nP im N^^
•Ain Ab-.: <;idar j -^ •? ' **\P i"' N^^-
, \'
* T • f T ■ ■ •
, S
272 Kap. VII. Die Karawanenstrasse Damaskiis-Palmyra
Mehrere dieser Quellen sind durch unterirdische Wasserleitungen, die
mit grossen Luftöffnungen versehen sind (Kahriz)*), mit dem Orte verbunden.
Ohne Frage wegen des Wasserreichtums hat sich hier schon seit
alten Zeiten eine Ansiedelung befunden, was aus verschiedenen antiken
Bauüberresten und namentlich Inschriften hervorgeht KarjetSn ist das
römische Nezala der Tabula Peutingerana, das Nazala der Notitia
dignitatum*). Der Name Karjeten (»die zwei Dörfer«) ist schon den
arabischen Geographen bekannt.
Die Moschee von Karjeten ist nach einer von Kremer entdeckten
Inschrift im Jahre 1084 d. H. (1673 n. Chr.) errichtet worden. Ohne Frage
sind dazu zahlreiche ältere Baureste verwandt worden. Zur Zeit der An-
wesenheit Kremers in Karjeten (1850) sprachen angeblich einzelne der
Bewohner neben dem Arabischen das heute dort ganz vergessene Alt-
syrische^).
Mit Karjeten hatte ich die gewöhnliche Karawanenstrasse erreicht.
welche heute Damaskus mit Palmyra verbindet. Die Strasse führt zunächst
von Damaskus nordöstlich über Nebk bezw. (lerüd nach Karjeten und
dann weiter durch die Steppe nördlich des von uns verlassenen gebirgigen
Terrains. Noch im Anfange und in der Mitte dieses Jahrhunderts bot
diese Strasse grosse Gefahr. Erst in den 60er bezw. 70er Jahren, als
die Pacifizierung der Distrikte östlich der Linie Damaskus-Aleppo ernstlich
in die Hand genommen wurde, räumte die Regierung mit dem räuberischen
Treiben der noch ganz oder halb nomadisierenden kleineren Beduinen-
Stämme der Steppe von Karjeten und der dortigen Dorfbewohner gründlich
auf. Zunächst wurde Militär nach Karjeten gelegt und sodann, nach dem
russisch-türkischen Kriege, die Obhut der dortigen Gegend der Gendarmerie
und endlich dem Dorfschcch von Karjeten übertragen, der in ähnlicher
Weise wie der Schcch von Gcrud eine irreguläre berittene, von der
Regierung bezahlte und bewaffnete Miliz (Chaijäle, d. h. Reiter) gebildet hat.
Pluropäischen Reisenden werden gegen Entrichtung eines halben Me^di für
den Tag einer oder zwei dieser Chaijäle auf dem Wege nach Palmyra mit-
gegeben. Alle Beduinenstämme der Steppe von Karjeten sind jetzt unter-
worfen und zahlen Steuern: einen halben Megidi für jedes Kamel und
vier Piaster für jedes Schaf.
' Verjjl. V. Kremer, Mittelsyrien und Damaskus. Wien, 1S53, S. 193.
^ \ ergl. Notitia (iignitatum cd. Seeck Berlin 1S76, S. 67; ferner Waddinf^on a. a. O.
So. 2571; V. Krcmer, a. a. O. S. 19S, 199; Mordtmann. Neue Beiträge zur Kunde
Palmyras Sitzungsberichte K. B. Akad. d. Wisscnsch. München 1S75, S. 85 ff.; Sachau,
Reise in Syrien uml Mesopotamien, Leipzig 18S3, S. 3off. , und Palnuyrenische In-
schriften Z. D. M. G. Bd. 35, S. 747; Moritz a. a. (). S. 12 und Syrische Inschriften ans
.Syrien und Mesopotamien ^.Miilh. a. d. Seminar f. Orient. Sprachen}, Berlin 189S, S. 7.
^] Ver;^l. V. Krerner a. a. O. S. 196.
i.
Kap. VII. Das WUstenschloss Ka§r il Her. 273
Nach einem Ruhetage brachen wir am 23. Juli um 4^/2 Uhr morgens
auf. Es hatte sich uns eine kleine Gruppe von sesshaft gewordenen
Beduinen aus der Umgegend des Ortes angeschlossen, darunter ein
junges hübsches Mädchen, das von seinen Verwandten dem zukünftigen
Gatten aus dem Stamme der Benu 'Amur J^>^ ^ nördlich von Palmyra
zugeführt wurde. Zunächst ostwärts marschierend, erreichten wir um
6V4 Uhr das Gebiet ArcJ ir Raucja i^jjl ^j^J^ <i2is einmal im Jahre,
entweder im Winter oder im Sommer, angebaut wird. Gegen g^j% Uhr
wurde der Turm des Kasr il Her jr^\ j^/i^ sichtbar. Die Marschrichtung
wurde jetzt NO. Um io\'i Uhr überschritten wir den breiten Wädi il
Kebir juxH (^^^^ und gelangten 11^* nach dem Ka§r il Hör. Die Ruine ^),
ein Bau aus dem römischen Altertum, der Anlage nach ein kleines Kastell,
scheint in der arabischen Chalifenzeit renoviert zu sein; wenigstens ist in
einer kufischen Inschrift davon die Rede, dass der Omaijaden-Chalife
^Abdallah Hischäm'^) das Kasr il Her neu gebaut habe. Von diesem
arabischen Bau ist aber nichts mehr zu sehen, denn die erhaltenen Reste
stammen zweifellos aus der römisch-palmyrenischen Zeit. Besonders be-
merkenswert sind die hochragenden Mauern des einst viereckigen
Turmes, sowie die mit ausserordentlich schönen Ornamenten ge-
schmückten oberen Steinbalken eines monumentalen Portals. Im Norden
dehnt sich ein nicht sehr umfangreiches, mit Bautrümmern bedecktes
Ruinenfeld aus. Weiter finden sich die Spuren eines verfallenen Wasser-
reservoirs nebst denen einer Wasserleitung, welche von SSW., an-
scheinend von *Ain il Bäride, hierher geführt hat. Zahlreiche Vögel
nisteten im Turme, und in den Erdlöchern der umgebenden Ruinen
hauste eine Menge von Kaninchen.
Wir verliessen das Kaj?r il Her gegen Sonnenuntergang und mar-
schierten zunächst einige Stunden auf der Karawanenstrasse vorwärts.
Unter einer solchen Strasse hat man sich keinen geebneten Weg,
sondern schmale, durch die Tiere der Karawanen ausgetretene Fuss-
pfade vorzustellen, welche, oft ein Dutzend an Zahl, in geringer
oder grösserer Entfernung nebeneinander herlaufen. In der Nähe von
bewohnten Orten oder Brunnen pflegen sich diese Pfade bis zu Hunderten
zu vermehren und dann ein ganzes Netz von Wegen zu bilden. Uebrigens
war dieser Teil der Wüste durchaus nicht menschenleer. Mehrfach
*) Verjfl. Porter» Five Years in Damuscus, London 1855, Bd. I, S. 250. Moritr r». a. O.
S. 12. Sachaa a. a. O. S. 49, u. a.
*) Vcrgl. Mordtmann a. a, O. S. 87,
Friir. Y. Oppeahehn, Vom Mittelmeer zum Persischen Goh.
274
Kap, VII. 'Ain il Bc^ä.
begegneten uns Bauern, die einzeln oder in kleinen Trupps von Palmyra
herkamen und Semen (flüssige Butter) auf den Markt brachten. Selbst
Wagenspuren entdeckten wir, doch sollten sie nach Angabe unserer
Begleiter schon mehrere Jahre alt sein. Häufig fanden wir Aschenhaufen,
die von dem Verbrennen einer 'Uschnän jU-i^ genannten, in der
ganzen Syrischen Wüste verbreiteten Pflanze herrührten; die Rückstande
beim Verbrennen ergeben
eine Art Pottasche, arabisch
kttu ^, die in Damaskus
auf den Markt gebracht
wird, aber mit nicht mehr
als I \'2 türkische Pfund per
Kintär (56 Kilo) bezahlt
werden soll.
Wir marschierten bis
gegen Mitternacht auf der
allgemeinen Karawanen-
strasse und zo^en dann in
die pfadlose Wüste hinein,
um den Brunnen 'Ain il
Bcdä lui.vM Vp, die einzige
Wasserstelle auf diesem
Wege nach Palmyra, auf-
zusuchen. P>st spät in der
Nacht, um 3^/2 Uhr, nach-
dem wir unterwegs eine
Stunde gerastet, erreichten
wir den Brunnen. Zum
Schutze der Wasserstelle hat die Regierung im Jahre 1886 eine kleine
Kischla angelegt, deren Besatzung jetzt militärisch zu Der ez Zör ge-
hört und aus 7 bis 12 Zaptije besteht. Der Brunnen ist etwa 15 m tief
und hat reichliches, aber stark schwefliges Wasser. Daneben lagerten
einige Sleb-F'amilien mit ihren Schafherden. Pline Stunde östlich der
heutigen Kischla finden sich die deutlichen Spuren eines kleinen Forts
aus palmyrenischcr Zeit, das zu der Reihe befestigter Punkte gehört haben
dürfte, welche in der Glanzzeit Palmyras die Oasenstadt mit dem eigent-
lichen Syrien verbanden.
*Ain il Bedä liegt schon auf der Strasse Palmyra-Hom§, eine gute
Stunde südlich von dem Höhenzuge, der von Palmyra aus nach Westen
BRONNEN
a
Kischla bei 'Ain il Be4ä.
Kap. VII. Sandstarm. 27$
verläuft. Die bedeutenderen Kuppen dieser Bergkette liegen näher nach
Palmyra hin; es sind dies der öebel il Abjad /ja-'VI J^, »das weisse
Gebirge«, und der (lebel Marbit *Antar JllP ^t/^ J^> *^^^ Berg» wo
*Antar (der arabische Nationalheld) angebunden hatte« sc. sein Pferd ^).
Bei Palmyra vereinigt sich dieser Höhenzug mit dem öebel Haijäl, dem
letzten Ausläufer der nach Nordosten streichenden Verlängerung des
Abu 1 Kös.
Nach unserem Aufbruch von *Ain il Bedä um 3^/4 Uhr nach-
mittags passierten wir eine grosse sandige Ebene Widjän ir Raml jl^j
Uj\ (»Sandwädis«). Hier wurden wir Zeugen eines grossartigen
Naturschauspiels: Gegen 5 Uhr erhob sich plötzlich ein heftiger, eine
Unmenge Sandes mit sich führender Sturm aus Westsüdwest; der
Himmel verdüsterte sich so, dass die Luft nahezu schwarz erschien; es
begann fein zu regten, und dann verbreitete sich über den ganzen oberen
Teil des Himmels, aus den tiefer hängenden Wolkenschichten hervor-
glühend, ein intensives Blutrot, welches mit dem tiefen Schwarz der
Wolkenwand seltsam kontrastierte. Die Dunkelheit und das Treiben der
Sandwolken war so dicht, dass wir es aufgaben, die verschiedenen Ruinen
aus der palmyrenischen Zeit, so die etwa eine halbe Stunde nördlich
der Karawanenstrasse befindlichen drei Altarsteine aus dem Anfange des
zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, zu besuchen. Aus demselben
Grunde konnten wir uns auch bei den interessanten Brunnen von Abu '1
Fawäris nicht aufhalten, die ebenfalls aus der Blütezeit Palmyras stammen
und einem Vororte dieser Stadt die Existenz ermöglicht haben. Auch
heutzutage sind diese Brunnen zum Teil in brauchbarem Zustande, sie
spenden das nötige Wasser, um auf dem umliegenden guten Ackerboden
Getreide, hauptsächlich Dura, aber auch Gerste und Weizen bauen zu
können. In den Besitz der Brunnen und der Felder teilen sich der
Schech Mubammed 'Abdallah von Palmyra, sowie die Schechs von
Karjeten und trcrüd.
Das Unwetter dauerte etwa zwei Stunden. Als es sich verzogen hatte,
sahen wir die Grabtürme von Palmyra, welche für die von Westen
kommenden Reisenden das Wahrzeichen der alten Stadt bilden. Erst
*) VerjfL Otto Friedrich von Richter, WaUfahrten im Mor^enlande, Berlin 1822,
S. 216. In der Nähe »des Ortes im Gebirge, wo einst *Antar sein Pferd angebunden«« fand
Richter im Jahre 18 15 einen Beduinenstamm mit besonderem, yon den übrigen Arabern ver-
■chiedenem Typus, die Mezzieh, die er für Südaraber, Jemeni, hielt, TieUeicht Nach-
kommen der sabäischen Hauränier oder Hirenser.
2?6 Kap. Yll. Das Grlberthal von Palmyri.
beim Näherkommen erblickten wir die niedrige Höhenreihe, welche vom
Nordende des dicht vor l'almyra plötzlich abbrechenden (»ebel Haijäl
zu der Gebirgsgruppe des (^ebel il Abjad und ('icbel Marbit 'Antar als
Verbindungsglied herüber7ieht. An der Stelle, wo dieser verbindende
Höhenzug mit dem Marbit 'Antar zusammenstösst, befindet sich eine
passartige Einsenkung, durch welche man aus der von uns durchrittenen
Steppe auf holperigem Pfade in die Ebene von Palmyra gelangt Der
Pass ist auf beiden Seiten mit Grabtürmen und monumentalen Gräbern
besetzt und heisst darum Wädi il Kubür
j^\ ^il^,
»das Gräberthal <.
Hat man das Ortende des l'asses, der sich zuletzt ein wenig nach
Süden herumbiegt, erreicht, so übersieht man plötzlich das ausgedehnte
Ruinenfeld von Palmyra und weiter nach Osten die unendliche Steppe
des Hamäd. Gegen 7' » Uhr waren wir am Ausgange des Passes an-
gelangt und wandten uns über das Trümmerfeld nach dem grossen
Tempel, in welchem sich die Häuser des modernen Tudmur ^-»-Ju
befinden. Einer der beiden Dorfschcchs, Namens Selim, nahm uns in
seinem Hause auf, wo wir nach der Gluthitze des Tages und der recht
erheblichen Abkühlung, die der Sturm und der Sonnenuntergang her\*or-
gebracht. Erholung fanden. In gastfreundlichster Weise wurde uns sofort
Essen und ein Trunk Wasser vorgesetzt. Unsere Karawane traf sehr viel
Kap. VII. Ankunft in Palmyra. 277
später ein, und erst am nächsten Morgen bezogen wir wieder unsere Zelte,
die wir im Norden des Tempeibaues neben der riesigen alten Säulen-
strasse aufgeschlagen fanden.
Mein Aufenthalt in Palmyra dauerte nur zwei Tage. Diese genügten
aber bei gründlicher Ausnutzung der Zeit zu einer Orientierung in den ge-
waltigen Bauresten der Oasenstadt. Um Studien anzustellen, die mit
Ausgrabungen verbunden sein müssten, würden Monate erforderlich sein.
Ä
VIII. KAPITEL.
Palmyra.
Der Name Palmyra -Tudmur. — Die Lage und die Entstehung der Stadt. — Palmyra als
Centrum des Transithandels der Syrischen Wüste. — Wohlstand und Bürgersinn. — Trachten
der alten Palmyrener. — Thonsiegel und Inschriften. — Sprache und Einwohnerschaft. —
Die Stellung Palmyras zu Rom. — Hairanes I., Odenath I., Hairanes IL, Odenath IL —
Kämpfe der Römer und Palmyrener gegen den Perserkönig Sapor. — Die Glanzzeit Pal-
myras. — Die Königin Zenobia. — Ihre Abstammung und Persönlichkeit. — Kämpfe mit
Rom. — Kaiser Aurelian. — Niederlage Zenobias in Eg>'pten. — Die Schlacht in der Ebene
von *Aml^. — Zenobias Flucht. — Belagerung und Fall Palmyras. — Zenobias Demütiganf^
und Ende. — Palmyra wird christlich. — Der Einzug des Islam. — Palmyra bei den
arabischen Geographen des Mittelalters. — Wiederentdeckung der Oasenstadt durch euro-
päische Reisende. — Die Ruinen von Palmyra. — Die Säulenalleen und der Sonnentempel.
— Die Grabtürme. — Mumien. — Das KaPat ibn Ma'n. — (Quellen und Brunnen. —
Das moderne Tudmur.
Das ausgedehnte Ruinenfeld von Palmyra giebt einen Begriff von
dem, was die Stadt zu ihrer Blütezeit gewesen sein muss.
Die älteste Erwähnung Palmyras hat man lange Zeit der Auslegung
des Flavius Josephus ^) entsprechend in der Bibel im i. Buch der Könige,
Kap. DC, i8 und hieraus wiederholt im 2. Buch der Chronica, Kap. VIII, 4
finden wollen. Dort ist gesagt, dass König Salomo die Stadt Tadmor
in der Wüste gebaut hat. Man übersetzte das hebräische Tadmor
ita^ri durch Palmenstadt und hielt »Palmyra« für eine griechische Wort-
bildung unter Zugrundelegung des lateinischen Wortes Palma = Palme *).
Aber bis zu Flavius Josephus, der 34 n. Chr. geboren wurde, wird
Tadmor in keinen weiteren jüdischen Quellen genannt, und die moderne
Kritik hat längst nachgewiesen, dass mit dem biblischen Tadmor (richtiger
*) Flav. Josephus, Jüdische Altertümer, 8. Buch, Kap. VI, i, Vergl. auch Ritter
a. a. O. Bd. XVII. S. 1493.
') Kd. Schultens, Bohadini vita Saladini, Leyden 1752, Index geof^raphicus, ad yocem
Tadmora, leitet dem Laute nach Palmyra von Tadmora — Talmura ab.
Kap. Vlir. Der Niune Polmyri -Tadmnr.
lieh von Hebron gemeint ist.
Merkwürdiger Weise huldigen
die Legenden der Araber der An-
sicht, dass Palmyra thatsächlich
von Salomo mit Hilfe der dinnen
(Geister) erbaut sei, und dass ihn
hier Balkis, die Königin von Saba,
besucht habe. Selbst der Name
dieser Königin ist noch in der
modernen Bezeichnung für den
grossen Schwefelbach von Palmyra
als Hammäni Balkis ^r—^ T"^'
Bad der Balkis'), erhalten. Doch
weist diese Ansicht schon der
arabische Geograph Jäküt'). der die
Sage von der Gründung Palmyras
nach dem Zeugnisse Näbira id
Dubjanis, eines der besten vormu-
hammedanischen Dichter, wieder-
giebt, mit dem Bemerken zurück,
dass seine Landsleute die Errichtung
wunderbarer Bauwerke Salomo oder
Geistern zuzuschreiben liebten*),
griechisch-römische Wortbildung. Tudmor
-*jj hiess die Oa.senstadt in der Syrischen Wüste vor ihrer Berührung
mit der griechischen Kultur des westlichen Syriens und mit den Römern,
und Tudmur wird das Ruinendorf heute von den Eingeborenen und den
regierenden Türken genannt. Aber der griechisch-römische Name Pal-
myra ist vom Occident beibehalten worden. Die assyrischen und
scicucidischen Quellenwerke erwähnen I^almyra noch nicht. Auch bei
Strabo (60 v. Chr. geb.) wird ihr Name noch nicht genannt. In der
l'almyra ,nach \Vi
Der Name Palmyra ist e
') JUagat hat ein deutscher Gelehrier. Dr. G. Rügch, die JDleresaaDte Eptdeckunif
l-emacht, dass der Name Ball^ig nkhis mehr upd nichts miDÜer iat als das eriechische Wort
nuXXaxi; ^ Kebsweib, charakteristisch fUr die Anschauung, die mao im Atlertum von dicicr
Königin hatte.
') Jacat, Geograph. Wörterbach, ed. WUslenfeld, Leipzig iS66, Bd. I, S. SiS.
*) Tadmor = Tedmur ^ Wunder? Veif;1- Mordtoiann, Eine Republik dei orien-
laliachcD Altertomt, Beilage inr Allgent. Zeimng, Aagsburf; 1874 No. 50.
28o Kap. VIII. La^^e and EotstehHOf? Palmyras.
Geschichte tritt die Stadt zum ersten*) Male im letzten vorchristlichen
Jahrhundert auf, und zwar anlässlich eines Zusammenstosses mit den
Römern*). Wir verdanken die betreffende Notiz Appian, der im zweiten
nachchristlichen Jahrhundert schrieb^). Die Einwohner von Palmyra
müssen damals schon so wohlhabend gewesen sein, dass sie die Habsucht
des Antonius reizten, der im Jahre 41 vor Chr. einen Raubzug gegen
die Oasenstadt unternahm. Für dieses Vorgehen wird das zweideutige
Benehmen der Palmyrener in den Verwickelungen der Römer mit den
Parthem angegeben. Die Einwohner von Palmyra brachten sich und ihre
Schätze auf dem linken Euphratufer in Sicherheit, und die römische
Reiterei machte vor den trefflichen palmyrenischen Bogenschützen kehrt.
Die älteste Inschrift, die bisher in den Ruinen Palmyras gefunden
wurde, stammt aus dem Jahre 9 vor Chr. Sie gehört zu einem der
wichtigsten der noch heute erhaltenen Grabtürme der Stadt, und ist, ab-
gesehen von diesem Umstände, für die Geschichte derselben bedeutungslos.
Aber ein Grabmal, das ein gewisser Jamlichus 83 nach Chr. gebaut hat,
trägt eine Inschrift, in welcher dessen Linearascendenten einschliesslich
des Ururgrossvaters genannt und als Palmyrener (Tudmurier) bezeichnet
werden. Daraus, dass Jamlichus ferner das Grab ausdrücklich fiir seine
Kinder und Kindeskinder bestimmt hat, lässt sich der Schluss ziehen*),
dass zur Zeit der Errichtung des Grabes wenigstens des Jamlichus Kinder
schon gelebt haben, so dass etwa 180 — 200 Jahre vorher und demnach
etwa IOC Jahre vor Christi Geburt Palmyras Bestehen nachzuweisen wäre.
Weiter können wir dasselbe bis jetzt weder auf Grund von Inschriften,
noch von Geschichtswerken zurückdatieren.
PHnius (23 nach Chr. geboren) weist in seiner Naturgeschichte*)
in bezeichnender Weise auf die Lage der Stadt hin. Er schreibt: »Die
Stadt Palmyra ist berühmt durch ihre Lage, durch die Ergiebigkeit des
Bodens und anmutige Wässer; im weiten Umkreise sind ihre Aecker
von Sandwüsten umschlossen; durch die Natur gleichsam von allen
übrigen Ländern abgeschieden, liegt sie unabhängig zwischen zwei
mächtigen Reichen, dem römischen und parthischen, und wird bei jedem
\' Die Bemerkung (in Malalas Chronojjraphie ed. Dindorf 1831, S. 426; bei Ritter
a. a. O., Bd. XVII, S. 1503), '>dass Nebuchodonosor auf seinem Kriegszuge gegen Jemsalem
und Tyrus die Stadt Palmyra nicht habe im Rücken liegen lassen wollen, da eine starke
jüdische Besatzung darin gelegen, die er nach vieler Mühe besiegte, und dass er den Ort dann in
Brand aufgehen Hess,« ist in anderer Weise noch nicht belegt. Vergl. jedoch unten S. 281, Anm. 2,
■^ Vergl. Mommsen, Römische Geschichte, Berlin 1894, Bd. V, S. 423 ff. VergL
auch Bull. Corresp. Hellenique V^I, 1882, S. 441.
3) Appian, De hello civili lib. V, 10, ii.
*) Vergl. Mordtmann a. a. O. No. 50.
^) Plinius, IlisL Nat. V, 21, übers, v. Wittstein, Leipzig 1881, Bd. I, S. 388.
Kap. VIIL Pftlmyra als Centrnm des TransithandelB der Syrischen Wttste. 28 1
Zwiste auf beiden Seiten zu gewinnen gesucht. Von der parthischen
Stadt Seleucia am Tigris ist sie 337 000 Schritte entfernt, von der
nächsten Küste Syriens aber 203 000; Damaskus liegt 27 000 Schritte
näher, c
An einer anderen Stelle^) sagt er, dass in Petra die Strassen zu-
sammen kommen, welche von Syrien nach Palmyra, bezw. nach Gaza
(und Egypten) führen. Durch diese beiden Mitteilungen giebt uns
Plinius den Grund für die Entstehung und das Gedeihen der merk-
würdigen, mitten in der Wüste gelegenen Stadt, der es zum Segen
gereichte, dass sie an der grossen Karawanenstrasse lag, welche Syrien
mit Seleucia (Ktesiphon), das Mittelmeer mit dem Persischen Golf
verband.
Eine kleine Niederlassung mag bei den für die Wüste immerhin
als bedeutend erscheinenden Bächlein von Palmyra, denen die dortige
Oase ihr Dasein verdankt, schon seit langem bestanden haben # in
ähnlicher Art vielleicht wie in den letztverflossenen Jahrhunderten^).
Jene Wasserläufe wurden zudem gewiss ihres starken Schwefelgehaltes
wegen als heilkräftig angesehen und aufgesucht. Aber das eigentliche
Emporblühen der Stadt und der Beginn der Errichtung jener Bauten,
deren Trümmer noch heute unsere Bewunderung erregen, fallt in die
vorerwähnte Zeit der ersten Berührung Palmyras mit den Römern, also
in das letzte Jahrhundert v. Chr. Aus kleinen Anfängen schwangen sich
die Palmyrener zu den Hauptvermittlern des Handels zwischen dem Osten
und dem Westen empor, der sich immer kräftiger entwickelte, je grösser
die durch die Ausdehnung des römischen Reiches der Civilisation er-
schlossenen Gebiete wurden, je mehr die Bedürfnisse der immer prunk-
voller und verschwenderischer werdenden Hauptstadt Rom selbst wuchsen.
Die Handelszüge der Palmyrener brachten feine Seidenstoffe, edle Steine
und Metalle neben Gewürzen und gewöhnlicheren Artikeln des fernen
Ostens nach Syrien und Rom. Die Waren wurden in Charax Hys-
paosinis (palmyrenisch: Karak - Ispasina) am Einflüsse des Schatt el
*Arab in den Persischen Golf oder in Seleucia -Ktesiphon, bezw. in
Forath und Vologesias, zwei parthischen Handelsstädten am Euphrat**),
in Empfang genommen. Was heute der Sueskanal ist, war früher in
erster Linie der Landweg durch die Syrische Wüste, und Mesopotamien.
Und auf diesem Wege hatten die Palmyrener Jahrhunderte lang in
^) Plinius a. a. O. VI, 32.
*) Ohne Frage haben schon zu assyrischer Zeit, wenn nicht schon früher, die
QueUcn von Palmyra als Halteplatz auf der Karawanenstrasse durch die Syrische Wüste ge-
dient, vielleicht hat dort auch schon eine Befestipunj? irjiifend welcher Art bestanden.
Vergl. Winckler, Altorientalische Forschungen S. 147, und Kap. II dieses Werkes, S. 51.
'} Vergl. Vogtt^, Inscript. Semiti(|uety S. 9.
282
Kap. VIII. Wohlstand qdiI Bürf^eninc
gewisser Art das Monopol') des Transportes und des Handels in der
Hand. Die Besitzer der grössten Wasserstelle in der Mitte zwischen
dem eigentlichen Syrien und dem Euphrat verstanden es, die Beduinen-
stämnic der Syrischen Wüste sich dienstbar zu machen, welche, ihrem
eigenen Interesse gehorchend, den Valmyrenern gegen entsprechendes
Entgelt ihre grossen Kamelherden, das einzige Transportmittel io der
Wüste, zur Verfügung stellten, im Falle der Not aber auch ihren Brotherren
auf dem Kriegspfade folgten. Die Durchfuhrung der grossen Karawanen-
reisen erforderte Unternehmungsgeist und Energie und erzog nach und
nach in den Palmyrenern ein kühne^^, in den WafTen geübtes Handelsvolk
Au« den Ruinen
nach Wood'.
mit kriegerischem Geist, bereit, seine Interessen auch mächtigen Feinden
gegenüber zu verteidigen. Die Führer von »Karawanen«, oder vielmehr
von organisierten Transportgenossenschaften, wurden in der aufblühenden
Gemeinde die angesehensten Männer, ebenso wie die Kaufleute, welche
in Palmyra selbst grosse Transitläger und Stapdplätze für alle vom
Westen wie vom Osten begehrten Waren anlegten. Während die Völker
des vorderen Asiens in beständigen blutigen Kriegen mit einander tagen,
entwickelte sich Palmyra in friedlicher Arbeit, und den Werken des
Friedens, welche die Stadt gross gemacht, zollte die Bürgerschaft Dank
und Anerkennung durch die Errichtung von Denkmälern und die Ein-
zelnen erteilte Erlaubnis, solche öffentlich aufzustellen. Zahlreiche Inschriften
Uaä hatte [
ler, wohl weniger bcK^ingen^r Weg ging von Charax.llyspaoMDU beiir. TOm
ra und tlaza, eine dritte, bedeutend lani;ere Verbindung mit dem Abend-
ED Wnsaer durch das Rote Meer und dann Über Egypten.
und Statuen in l'alniyra dienten zur Verlicrrlichiing der Karawane nfii liier
und Grosskaufleute. Auf Inschriften und auf Thontäfelchen sind Kamele
dargestellt als Sinnbild für den Ursprung des Reichtums des Besitzers.
Mit dem Wohlstand blülite auch der Kunstsinn in Palmyra auf.
Die griechische Civilisation traf sich hier mit der Kultur des Ostens.
Aber massgebend wurde die griechisch-römische Kunstrichtung. Sie erhielt
in Palmyra namenthch in der Haukunst eine derartig prunkvolle und
manchmal geradezu überladene Ausgestaltung, wie sie im Altertum niemals
an irgend einem andern Ort erreicht worden ist. Die ihres Reichtums frohen
Palmyrener verlangten ohne Frage von ihren Haumeistern Werke, weiche die
bisher in Syrien bekannten an Glan;; und Schönheit überstrahlen sollten,
und so entstanden jene Haudenkmäler, die Jahrhunderte zu überbrücken
und uns mitten in die Zeit der modernen Renaissance zu versetzen scheinen.
Auch die gewaltige, von keiner antiken Ruincnsladt übertroffene
Menge der heute noch erhaltenen Haureste legt einen Iteiveis für die
Prachtliebe der Palmyrener ab. Die Bildhauerkunst wurde stark in
Anspruch genommen, für Tote und Lebende setzte man zahllose Statuen
und Büsten, und um diesen Hang besser befriedigen zu können, erfand
man steinerne Sockel, die etwa in Drittel Höhe der Säulen jener Kolonaden
angebracht wurden, mit denen man die Öffentüchen Plätze und Strassen
schmückte, und die bestimmt waren, die Bildni.sse von Burgern aufzunehmen.
Das feine Kunsthandwerk hatte, wie wir aus Inschriften wissen, seine Gilden
in Palmyra, so die Gold- und Silberschmiede und die (ioldwirker, zweifellos
blühten auch alle anderen dekorativen Kunstübungen und Handwerke.
Aus zahlreichen Büsten, Statuen, Siegeln u. s. w. ersehen wir, dass
die Kostüme der Palmyrener ausserordentlich reich waren. Die Frauen
284 Kap. Vni. Trachten der alten Palmyrencr.
liebten es, sich mit Schmuck zu beladen. Neben Ringen waren Arm-,
Hals-, Schulter- und Stirnspangen der verschiedensten Art im Gebrauch,
der Kopfputz bestand aus einer dem heutigen Fez (Tarbusch) nicht
unähnlichen Bekleidung, die mit Turbantüchern umwickelt war. Dieser
Fez war aber in seinem oberen Teile weiter als in seinem unteren. Als
Kopfbedeckung der Männer von Palmyra ^ndet sich gleichfalls ein Fez
von cylindrischer, nach oben sich verbreiternder Form, aber ohne Tur-
bantuch und ähnlich der Tarbuschtracht, wie sie in Konstant inope) in
den 30er Jahren dieses Jahrhunderts in Mode war'). Unter diesem Tar-
busch wurde, wie sich aus einzelnen uns erhaltenen Figuren ergiebt.
eine dünnere, vielleicht wie heutziitaf-e weifsleinene Kappe getragen.
VÄnc grosse .-Xnzalil von Statuen zeigt den Kopf der Männer un-
bedeckt, die Haare nach allklassischcr .Art geordnet. Die Haartracht
der palmyrenischcn Damen war eine «ichr gepflegte. Männer und Frauen
kleideten sich in ein faltenreiches, oft verziertes, um die Hüfte durch
einen Gürtel gerafftes Gewand, das regelmässig den ganzen Körper be-
deckte, in wohlanständiger W'ei.se nur Gesicht und einen Teil der Arme
freilassend. Nackte Figuren dürften in Palmyra ebensowenig gefunden
worden sein, wie jene obscönen Darstellungen, an welchen das Altertum so
reich ist. Bei den Frauen scheint mir ein den Hinterkopf und Nacken
bedeckendes, auf die Schultern herabfallendes Tuch nur selten zu fehlen.
Bei palmyrenischcn Männern kommen faltige Beinkleider vor, ein
Kleidungsstück, welches den mesopota mischen Völkerschaften schon im
'; Verul. Mordtm:inQ a. a. ü. — Hic vorstehende Abbililooi; Ul dem Anbab von
Chaboi, Notes il'Epii;r»phie el d'.\rchfoIogie Orientale, I. Buslea et Inacriptioni de PalmjT«,
Kap. VllL Thonsiecel.
SSj
frühesten Altertum eigentümlich ist. Die Gewandung der Palniyrener ist
im allgemeinen die griechisch-römische der damaligen Zeit, der Schmuck
aber weist vielfach orientalische Muster auf, die wir heute noch bei
Völkern des Ostens wiederfinden. Bezeichnend ist der Halbmond, wie
wir ihn von den assyrischen und noch älteren Daratelliingen kennen, und
wie er sich als Sinnbild des Orients im Wappen des Padischah von
Konstantinopel erhalten hat.
Ein wertvolles Material für unsere Kcnntniss des Lebens der
Palmyrener bilden die in grosser Anzahl gefundenen, bereits erwähnten
Thonsiegel (Tesserae). Sie sind aus einfachem Thon, oder auch
aus zusammengebackenem oder -geklebtem Wlistensande hergestellt,
höchsten!! einen Zoll messend, rundlich uder eck];;,
Pyramiden, Hau-er. Sarkophage. 'yierk'>\/iv. Halb)
stellend. Auf einer der Seiten 'jdcr auch auf l,ei'
Stellungen angebracht, die sich Hn:i.-teii;i auf <A-b
Todesfalle beziehen. Manchmal sind dnr-,e 'Ih'jn
eine Art von Krkcnnung-ze jeher) ',"ier al- V)Mll-:a
betrachten. Hmzclne dicirr - \')Mtkartcn' tragen
des Inhabers oder (.-in Symb'vl für dat 'j<rM:l)alt,
anderen Hallen scheiiT.-n sie au'.h als IjiHdU.-i 'jii-
oder als Sjnibolc bei rciigi',^.>en J'"i:^ilc)i '^^K'inin y,u lia
wurden nicht an Schnuren bek-stigt, .■jotid-Tii Iom; gi
' \ergl. Mi.rdin.>.i.i. * ». ';. ui.'i ü..- Aov!:-;-!.;.. ., ^.-. :
wir Kcspuii« Piilmjrai in ■■•=!• Ai.i.auilj, Ctf K^' t-..>rf. A<.iil.
187s. 1>K Mwrdiiuaiiii ■H:i.tii 'I i.t.u!al«kL. u UliU<l-:ii b,.;!. jcU'. ,1
)ch Kegel,
Kien S
fiten Sil
Kl Dar.
>urleii,
H<
rirat.;
n oder
.>,eg.-l
aij
■er u
LU.:1) als
irteti 1
:l<-r
li.-=
it/.<.-r zu
l.diiil.
<.li
den
-Naüxn
•i I..'i.
Um
b.-lr.
laiioi
■ h. In
i>k arten
ib-'ii.
Ih.
: '1 ll-
..iisicgel
..-trag..-
n U'
!l'J b.
.iiutit '1.
y.:,..u,.:
..„.
Nr:ü..
l^FilrüK«
...ir U
■.-«:.
„«■.■ii-
.\lüuci,ep
286 Ksip. Vni. Inschriften. — Sprache.
Die ältesten auf Stein gemeisselten Inschriften, welche wir in Pal-
myra kennen, zeigen einfache und eckige Buchstaben« aber die späteren
haben Schriftzeichen, welche im Gegensatz zu verwandten Schreibweisen
eine besonders charaktervolle und dekorative Eigenart gewonnen haben,
ein Umstand, der allein schon ein Beweis für die Generationen hindurch
gefertigte geistige Entwicklung der Bewohner der Oasenstadt ist. Dieses
gilt für die Zeit von et>\'a 128 — 271 n. Chr., die eigentliche Glanzzeit
Palmyras, aus welcher besonders zahlreiche Steintexte vorliegen. Nach
dieser Zeit, also nach dem Sturze Zenobias und ihres Reiches, können
wir keine palmyrenische Inschrift mehr datieren^). Sachau glaubt aUer-
dings aus Kriterien der Schrift schliessen zu können, dass die erklären-
den Notizen auf einzelnen der in der Nekropole von Palmyra gefundenen
Büsten der Zeit nach der Zerstörung der Stadt durch Aurelian ange-
hören*). Die grösste Inschrift Palmyras befindet sich auf einem 2 m
hohen und 5 m langen Stein; sie zählt 160 Zeilen und enthält einen
Steuertarif^). Die Inschrift ist zweisprachig, palmyrenisch und griechisch,
wie manche andere Inschriften aus dem zweiten und dritten nachchristlichen
Jahrhundert. Abweichend von der Schrift der in Stein gemeisselten, als
offiziell zu bezeichnenden Inschriften ist eine populäre Schreibweise,
von der uns farbige Graffiti in Palmyra selbst, sowie auch weitere
Proben ausserhalb Palmyras, in Rom, Afrika und selbst in England er-
halten sind, die letzteren niedergeschrieben von Palmyrenern, die mit
den römischen Heeren in allen Weltgegenden eine neue Heimat fanden.
Berger weist dieser Schreibart den Platz in der Mitte zwischen der
hebräischen Quadratschrift' und dem altsyrischen Estrangelo an*).
Die Sprache, welche in Palmyra seit dem Beginne ihres Bestehens
bis zu ihrer Zerstörung durch die Römer und wohl auch bis zum Ein-
gang des Islams ges])rochen wurde, war ein Dialekt des Aramäischen,
und zwar eine zu der südwestlichen, der palästinensischen, Abteilung ge-
hörende Mundart^). Als im Laufe der Zeit das Christentum nach
Palmyra kam, wird dort wohl die Sprache und Schrift des Edesse-
nischen, eines anderen aramäischen Dialektes, der bei den Christen in
Syrien damals allgemein im Gebrauche stand, das Alt - Palmyrenische
mehr und mehr verdrängt haben*), bis zur Zeit des Islam das Arabische
' Vergl. Berger, Histoire de recriture dans TAnliquit^, Paris 1891, S. 265.
'^ Vergl. Sachau a. a. O. S. 46.
^? Vergl. de Vogüe, Inscriptions palmyr^ennes inedites. Un Urif sons Tempire
romain. Paris 1883.
*) Vergl. Berger a. a. O. S. 269.
^) Vergl. Nöldeke, Beiträge zur Kenntnis der aramäischen Dialekte Z. D. M. G.,
Bd. XXIV, 1870, S. 108.
«) VergL Nöldekc a. a. O. S. 109.
Aus <ien Ruinen von Palmyra (nach Wood).
Kap. Vni. Einwohnerschaft. 28?
auch in Palmyra zur Herrschaft gelangte. Aus Inschriften ist dieser
Entwicklungsgang allerdings noch nicht nachzuweisen.
Papyri oder andere Texte neben den erwähnten Steininschriften
und Graffitis sind bisher noch nicht gefunden worden. Glücklicherweise
aber ist uns manches Dokument in Stein gemeisselt erhalten. Die alten
Palmyrener liebten es augenscheinlich, alle möglichen Ereignisse durch
Inschriften zu verewigen, und in ihrem ausgeprägten Familiensinne wie
die übrigen semitischen Völker fast regelmässig ihren Stammbaum oft
mehrere Generationen zurück der Nennung ihres Namens beizufügen.
Ausserdem besitzen wir eine ganze Menge von Münzen, welche über die
Geschichte Palmyras uns manches lehren, uns aber auch manches Rätsel
aufgeben. An niedergeschriebenem Quellenmaterial zur Geschichte Pal-
myras sind wir nicht reich. Für die Glanzzeit der Stadt sind wir nur
auf die zum Teil mit Vorsicht aufzunehmenden und sich oft genug
widersprechenden Biographen der römischen Kaiser angewiesen^). Nach
ihrer Zerstörung durch den Kaiser Aurelian hat Palmyra nie mehr eine
bedeutende Rolle gespielt, unsere Nachrichten über die Stadt werden von
da ab noch spärlicher. Bis zum Einzüge des Islam haben wir nur wenige
Notizen aus byzantinischen und kirchlichen Quellen und für die muhamme-
danische Zeit lediglich ganz kurze Erwähnungen bei den arabischen
Geographen und Geschichtsschreibern.
Die in den Steininschriften aufp^cfundenen Namen weisen mit
Sicherheit darauf hin, dass die ersten Ansiedler der Oase von Palmyra
dem Kerne nach Syrier (Aramäer) waren, und zwar, wie die Dörfler
der heutigen syrischen Steppe, gewiss vermengt mit dem Blute der rein
arabischen Wüstenbewohner, dem in der Folge griechische, und, wie wir
aus einzelnen Namen ersehen, auch arische (armenische) und jüdische^),
sowie wohl auch persische Elemente sich beimischten, nachdem die
Stadt immer grösser geworden war und infolge ihrer Lage und ihrer
Handelsbeziehungen einen halbinternationalen Charakter angenommen
hatte. Das griechisch - römische Element in Palmyra war auch später,
als die Beziehungen der Oasenstadt zu Rom immer engere wurden, nicht
stark genug, um die einheimische Sprache und Schrift zu verdrängen. Die
griechischen Inschriften, welche den palmyrenischen Texten vielfach bei-
gegeben wurden, dürften von den wenigsten Palmyrencrn verstanden
worden sein'), ebenso wenig wie die in Palmyra wirkenden Beamten
^' Trebelliua PoUio, Flavius Vopiscus, Zosimus; Cornelius Capitolinus u. a.
') Euting fand in Palmyra die Reste einer Syuaijojje nebst einer hebräischen Inschrift
aus dem 3. Jahrhundert. Vergl. Landauer, Uebcr die von Eutins in Palmyra gefundene
Synaf^o^eninschrift. Sitzunt^benchte der Kgl. Preuss. Akademie der Wissenschaften 1884, S.933.
') Vcrf^l. Nöldekc, Ueber Mommsens Darstellung der römischen Herrschaft und
römischen Politik im Orient, Z. D. M. G., Bd. XXXIX, Sep. - Abdruck, I^ipzig 1885, S. 3.
288 ^P- VlIL Die Stellimg Palmjru zu Rom.
•
des Palmyrenischen kundig sein mochten, was sich aus der Verschiedenheit
im Texte einzelner politischer Inschriften zu ergeben scheint. Als auf etwas
besonderes weisen die Geschichtsschreiber darauf hin, dass Zenobia das
Griechische sprach und im Lateinischen sich verständlich machen konnte.
Mochte die Bevölkerung von Palmyra auch eine buntscheckige ge-
worden sein, so hielt sie doch nach innen und aussen jedenfalls fest
zusammen. Bürgersinn und Bürgerstolz steigerten sich in Palmyra in
dem Masse, wie die Handelsbeziehungen sich entwickelten und das
neue Gemeinwesen aufblühte. So wuchs die Oasenstadt zu einem Staats-
gebilde heran, das aus den bereits von Plinius erkannten Gründen
nach und nach zu einem Pufferstaat wurde zwischen dem in Vorder-
asien immer festeren Fuss fassenden römischen Reiche und demjenigen
der Parther und später der sassanidischen Herrscher von Persien. Von
beiden Teilen als Bundesgenosse begehrt, war seine Haltung wegen der
Transportmittel, über die es gebot, ebensowohl wie wegen der Kriegs-
tüchtigkeit seiner Bürger und der ihnen folgenden Beduinenhorden in
Verwickelungen von grösster Bedeutung. Dieses Umstandes waren die
schlauen Kaufleute von Palmyra sich ohne Frage wohl bewusst. Alle An-
zeichen sprechen dafür, dass sie aus den Kriegen der feindlichen Mächte
immer wieder ihren eigenen Vorteil gezogen haben.
Im Grunde genommen hielt es Palmyra mit den Römern. Seinen
Bürgern wird es überlassen worden sein, die Beduinen der Syrischen
Wüste von lunfällen in das fruchtbare Syrien abzuhalten und dieses
auch gegen die östlicheren Feinde zu sichern. Die römischen Gar-
nisonen standen mehr nördlich am Euphrat, von Biregik bis Rakka,
bezw. südlich im Haurängebiete *). Aber die Stadt hatte in ihrem Verhältnisse
zu Rom vom ersten Augenblicke an eine Ausnahmestellung eingenommen,
die sie sich bis zu ihrem politischen Untergange zu bewahren wusste.
Sie hatte ihre eigene Verwaltung, eigenes Militär und eigene, von der
Gemeinde zu erhebende Zölle, sowie in Palmyra selbst geschlagene
Münzen. In der Folge erhielten wohl hervorragende Männer römische
Ehrenbezeichnungen, die Titulaturen der Beamten wurden römisch, manche
Bürger nahmen den Geschlechtsnamen, das Gentile römischer Kaiser
und wohl auch hochstehender Beamten an, und selbst gewöhnUche Leute
liebten es, ihre Namen, der Mode folgend, bei der Festigung des
griechisch-römischen Einflusses zu gräcisieren. Aber auch im offiziellen
Verkehr blieb die Landessprache, wie wir gesehen, das Aramäische*),
^) Krst später, nach der Vernichtung der Macht der Palmyrener durch die Römer
im 3. nachchristlichen Jahrhundert, erhielt auch die Palm\'rene, wie wir aus der Notitia
dig^tatum wissen, starke römische Besatzungen. Vergl. Mommsen, Römische Geschichte,
Bd. V, S. 424 und 425.
^; Vergl. Nöldekc a, a. O. S. 3.
mmmmmmmwmm'S'0*^^
imaUJ^JU ill U .1 .1. Ul m .1. II. ». ILL LllU MülMlli
Tf-. _' Ti,^.'v-'-; ^".".
Au3 den Ruinen von l'almyra ,niLh Wood}.
I
i|
Kap. VnL IlairaneB L 289
wenn auch in späterer Zeit griechische Texte den aramäischen Erlassen
beigefügt wurden. Die Palmy rener wurden nicht gezwungen, wie dieses
sonst in unmittelbar römischem Gebiete zu geschehen pflegte, eine der
beiden offiziellen Reichssprachen, das Lateinische oder Griechische^),
anzunehmen. Auch in der Zeitrechnung behielten sie ihre Eigen-
tümhchkeiten^).
Der Kaiser Hadrian besuchte im Jahre 130 oder 131 n. Chr. Pal-
myra, aber nicht als Eroberer, sondern als Freund. Die Stadt erhielt
seinen Namen, Hadrianopolis, ohne dass dieser wohl allgemein gebräuch-
lich geworden sein mag, und von dieser Zeit an figuriert in Inschriften
ein »Senat« neben der »Bürgerschaft« von Palmyra. Seither mögen die
Beziehungen zwischen ihr und dem Kaiserreiche engere geworden sein.
Aber an den Freiheiten der Stadt wurde nicht gerüttelt. Ihre politische
Macht hatte sich inzwischen bereits weit über ihr Weichbild hinaus erstreckt.
Der Geograph Ptolemaeus (um 140 n. Chr.) führt eine ganze Reihe von
Städten in der Palmyrene, also zu Palmyra gehörig, namentlich an^).
Der Kaiser Septimius Severus (193 — 211), der die zur Zeit seiner
letzten Vorgänger sehr erschütterte Machtstellung Roms im Osten wieder
herstellte und durch Erweiterung und Befestigung der Grenzen ihr zu
neuem Ansehen verhalf, erhob Palmyra zur römischen Kolonie, über-
liess der Stadt aber nach wie vor die Regelung ihrer inneren An-
gelegenheiten.
Um diese Zeit stand ein Mann an der Spitze des kleinen Staats-
wesens, dessen Geschlecht die Blütezeit, aber auch den Sturz des
Oasenreiches kennzeichnet: Hairanes, der Sohn Wahballäts, des Sohnes
Na§ors — weiter ist uns sein Stammbaum nicht überUefert*). Er wurde der
Verbündete des Kaisers im Kriege gegen die Parther und erhielt von
diesem für sich und seine Nachfolger den Familiennamen des Kaisers:
Septimius. Ob sein Vater und Grossvater bereits die Angelegenheiten
Palmyras geleitet haben, wissen wir nicht. Der senatoriale Rang wurde
ihm unter dem Kaiser Alexander Severus (222 — 235) verliehen. Kr war
eine Art Fürst des bis dahin mehr demokratischen Staates, der von den
Legaten von Syrien wohl nicht anders abhängig war, als überhaupt
Klientelfürsten von den benachbarten Reichsstatthaltern **). Macht und
^' Verp:l. Mommsen a. a. O. S. 425.
'] Vcrjjl. Mommsen a. ;i. O. S. 4 20.
•' Ptolemaeus Liber V, Kap. 15, § 24.
*) Vergl. die Inschrift des Familiengrabes Odenaihs, Nu. 21 bei Vogüe Inscriptions
Semitiques« S. 23; sowie den weiteren Stammbaum von Voffüe konstruiert a. a. ()., S. 35.
Ich möchte diesem eher folfifen als demjenigen von Oberdick, Bemerkungen zu den palmy-
renischen Inschriften. Z. D. M. G. 1864« Bd. XVIII, S. 750.
') V^n?!' Mommsen a. a. (). S. 422.
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mitielmeer zum Pertischen Golf. 19
290
Kap. VIII. OdcDsth I., Hairanei 11.
Würde wurde in seiner Familie erblich, aber die Bestallung oder die Be-
stätigung ging immer wieder von Rom aus.
Des Hairanes Sohn, Odenath I., Iiihrte noch ausschliesslich die Be-
zeichnung Senator. Allem Anscheine nach war er ein ehi^eiziger Mann,
der völlige Unabhängigkeit von Rom anstrebte. Das Partherreich war
schon im Jahre 226 in Trümmer gegangen, aus denen eine andere persische
Dynastie, die der Sassaniden, sich zu neuer Macht erhob. Die kühne
Eroberungspolitik der unternehmenden ersten Sassanidenkönige wird
Odenath zu denken gegeben haben, und nachdem der gewaltthatige
'rhtirboi>en (nach Woi
Sapor I. in Ktesiphon (im Jahre 241) den Thron bestiegen hatte, scheint
Odenath mit den Sassaniden in Unterhandlungen getreten zu sein. Noch
bevor er aber zu irgend welchen Resultaten gekommen war, fiel er durch
die meuchlerische Hand eines römischen Offiziers, der ihn in dem wohl
nicht unbegründeten Verdacht hatte, gegen Rom Ränke geschmiedet
zu haben.
Ihm folgte sein ältester Sohn Hairanes in der Regierung. Dieser
wird auf einer Inschrift vom Jahre 251') als »Fürst von Palmyra« ge-
nannt. Der Titel dürfte ihm gegeben worden sein, um ihn die Ermordung
'; Vergl, Vogile a. a. O., No. 21, S. 34.
Kap. VUI. Odcnath II. 29 1
seines Vaters vergessen zu lassen und ihn Rom als Bundesgenosse zu
erhalten. Seine Regierungszeit war keine lange. Er starb jung, und
schon im Jahre 258 figuriert sein Bruder, der grosse Odenath II., auf
einer uns erhaltenen Inschrift als Herr von Palmyra^). Auf dieser führt
er aber bereits den Titel vir clarissimus consularis, eine der Kaiserwürde
nicht mehr fernstehende Bezeichnung^). Odenath II. hatte von seinem
Grossvater, dessen Namen er trug, Stolz und Ehrgeiz und starken Wage-
mut geerbt. Rom, das er bewundern mochte, hasste er gleichzeitig, und
genau kannte er die Schwächen des römischen Regierungssystems im
Orient. Während sein älterer Bruder Hairanes sich um die inneren
Angelegenheiten der Stadt kümmerte, hatte er sich mit den Beduinen-
stämmen der Wüste befreundet und ihr kriegerisches Leben zu dem
seinigen gemacht. Vielleicht hatte er auch als Führer grosser Karawanen
den fernen Osten aus eigener Anschauung kennen gelernt.
Damals waren für Rom schlimme Zeiten in Asien angebrochen.
Sapor hatte Armenien besetzt, die römischen Grenzgarnisonen aus Meso-
potamien, Syrien und Kappadokicn vertrieben und war bis an das Mittel-
ländische Meer vorgedrungen, das flache Land verwüstend, nur hin und
wieder bei den festen Städten Widerstand findend. Publius Licinius
Valerianus (253 — 260), ein Greis, aber von grosser Pflichttreue beseelt,
war verschiedenen kurzlebigen Kaisern auf den Thron gefolgt. Er ent-
schloss sich, mit einem bedeutenden Heere nach Asien zu ziehen, um
die alten Reichsgrenzen wieder herzustellen; bei Edessa kam es zur
Entscheidungsschlacht (260). Sie endete mit der gänzlichen Niederlage
der Römer und der Gefangennahme des Kaisers. Sapor schleppte den
alten Valerianus auf allen seinen Zügen mit sich, die ganze Grausamkeit
eines Barbaren an dem Besiegten auslassend. Nach der Legende soll
er regelmässig, wenn er in den Sattel stieg, seinen Fuss auf den Nacken
des auch in der Gefangenschaft mit dem Purpur bekleideten Kaisers ge-
setzt haben. Nach des Kai.sers Tode soll seine Haut mit Stroh gefüllt
worden sein, um weiter als Sinnbild der Macht und Stärke Sapors
öffentlich ausgestellt zu werden^).
Odenathos von Palmyra versuchte es, sich mit dem Sieger zu ver-
ständigen und sandte ihm reiche Geschenke. Stolz lehnte diese der
Perserkönig ab. Da wandte sich das Glück. Bei der Belagerung der
Hafenstadt Pompeiopolis, unweit des heutigen Adana, entstand Sapor ein
neuer Gegner in Gestalt eines gewissen Kallistos oder Ballista, der im
K ^^^^^- Vügüe a. a. O., No. 23, S. 25. Diese Inschrift {jehört zu einer Statue, welche
die Gold- und Silberarbeitcrgilde Odenath gesetzt hat.
-) Der Titel wird ihm wohl vom Kaiser Valerian bei dessen Ankunft in Syrien ver-
liehen worden sein.
') Verjjl. Rawlinson, The seventh great oriental monarchy, Lon dott 1876 t S. ^(» — 88.
202 Kjip, VIII. Odeiuth II. — Kampfe gejren den Peneiköni^ Sapor.
Grunde ohne jede Berechtigung die Schiffe der syrischen Küstenstädte
und Reste des zersprengten römischen Heeres zusammenfasste und damit
Sapor empfindliche Verluste beibrachte, ja sogar einen Teil seines Harems
nahm, so dass der Perserkönig den Rückmarsch nach Mesopotamien an-
trat. Nun sammelte Odenathos die Flüchtlinge von dem Heere Valerians,
und mit diesen, den als trefflichen Bogenschützen bekannten, militärisch
wohlgeschulten Städtern von Palmyra und seinen alten Freunden, den
Beduinen der syrischen Wüste, zog er Sapor entgegen und brachte ihm,
noch bevor er den Euphrat erreichte, eine empfindliche Niederlage bei.
Sapors Rückzug venvandelte sich in Flucht, und wie Trebellius PoUio
berichtet, fielen den Palmyrenem des Perserkönigs Schätze und der Rest
seiner Frauen in die Hände.
Odenathos nutzte seinen Sieg klüglich aus. Rom gegenüber war
er der treue Bundesgenosse und Vasall: er kämpfte im Namen des
Sohnes Valerians, des verweichlichten Gallienus. Dieser blieb im Westen
und überliess zunächst dem Palmyrener die Sorge, den siebzigjährigen
Kaiser zu befreien, eine Sorge, welche sich jener allerdings nicht be-
sonders angelegen sein Hess. Antiochien, das kurz vorher zum ersten
Male den Römern entrissen worden war, und das übrige Syrien wurden
von den Persern gesäubert.
Aber Kallistos, der erste Besieger Sapors vor Pompeiopolis, er-
klärte sich gegen Gallienus. Kr verband sich mit dem römischen Heer-
führer Macrianu^, der während des Feldzuges Valerians eine zweifelhafte
Rolle gespielt und damals die römische Kaiserwürde begehrt zu haben
scheint, und dessen Söhne auch zu Kaisern ausgerufen wurden. Odenathos
trat ihnen entgegen und vernichtete die Feinde des Gallienus bei Homs
(Emesa)^). Nun war Odenathos allmächtig im Osten. Von Gallienus
wurde er als anerkannter Fürst oder König von Palmyra, wenn auch
nicht zum Mitkaiser (Augustus), so doch zum selbständigen Statthalter
des Kaisers für den ganzen Osten ernannt: Imperator dux Romanorum
ArToxoauDo -lVo«T/y;'oc Piounion'-). Dem Namen nach zwar für den
Kaiser Gallienus, mit dem er die besten Beziehungen unterhielt, in
Wirklichkeit aber ganz selbständig und für sich, regierte der Herr von
Palmyra die römischen Provinzen Asiens und auch Egypten. Die
römischen Legionen Asiens standen unter seinem Befehl. Dem Perser-
könige Hess er keine Ruhe, zwei Mal zog er siegreich bis vor die Mauern
von Ktesiphon, und alles Land von Armenien bis nach Arabien ward
ihm untcrthan. Längst schon hatte er sich, seiner Gattin Zenobia und
'' Der älteste der neuen Gegenkaiser, Fulvius Mucrianus, war nach dem Westen
jjezüfi^en und verlor dort Thron und Leben.
-) Verjjl. Mommsen a. a. O. S. 433.
Kap. VIII. Die Königin Zenobia. 203
seinem ältesten Sohne aus seiner ersten Ehe, Herodes ^), den königlichen
Titel gegeben. Seine Macht im vorderen Asien war derjenigen der
Sassaniden ebenbürtig und in einer Inschrift*'^) wird er mit der orientalischen
Bezeichnung »König der Könige« gefeiert. Aber nicht lange sollte sich
Odenathos der errungenen Erfolge erfreuen. Von einem Neffen, dem
Sohne Hairans IL, wurde er schon im Jahre 266 oder 267, sechs Jahre
nach der Besiegung des Kallistos, zu Homs ermordet. Sein ältester Sohn
Herodes scheint mit ihm umgekommen zu sein*).
Ihm folgte sein unmündiger Sohn Wahballät (auf Griechisch Uaballa-
thos oder Athenodoros). Im Einverständnisse mit Rom übernahm für
diesen seine Mutter, die Witwe Odenaths, die Königin Zenobia, die
Regierung^).
Die Abstammung der sagenumwobenen Königin hat zu den ver-
schiedensten Deutungen Anlass gegeben '*)• Ihr Vater hiess Zabbai ^uj
•
(Zabbaeus) "). Er war ein vornehmer Palmyrener, der wie Zenobias Gemahl
zu den Septimiern gehörte, also wohl mit Odenath selbst verwandt
war. In den Inschriften wird er als Militärgouverneur (der zweithöchste
General) der Oasenstadt genannt. Von väterlicher Seite her war Zenobia
also eine Palmyrenerin , ein Kind der Wüste ^). Die Araber wollen
ihren Stammbaum sogar auf einen Beduinenschech is Sumcida*") zurück-
führen. Was ihre Abstammung mütterlicherseits anbelangt, so behauptet
sie selbst, dass zu ihren Ahnen die Königin Kleopatra^) gehörte, die sie
sich in ihrem Leben zum Vorbild genommen zu haben scheint. Es ist
^) Herodes war ohne Frage, den zahlreichen ihm gewidmeten Inschriften zufolp:e, ein
hervorrafjender und tapferer Feldherr seines Vaters.
■) Vom Jahre 271, also nach seinem Tode. Vergl. Vogüc a. a. (). No. 28.
■) Nach Oberdick .^a. a. O. S. 750: wäre Zenobia dem Morde Odenaths nicht fremd
(gewesen , und zwar weil sie Wahballät — den er als einen Sohn Zenobias aus einer
früheren ersten Ehe mit einem Bruder Odenaths darstellt — die Thronfolj^^e sichern wollte.
Vergl. auch Mordtmann, Aa^sb. allj^^em. Ztg. 1874, No. 54. Mordtmann verlegt den Tod
Odenaths in das Jahr 271.
*) Vergl. Mommsen a, a. O. S. 436 ;Anm. 4\ und S. 437 i^Anm. i). Vogüe
(Inscriptions .Semititiues, S. 31 und 33) glaubt, dass Wahballät Lünde 270 gestorben sei
und dass Zenobia darauf im Namen ihrer beiden jüngsten Söhne Chairän-Herennianus
und Tem AUdh-Timolaus weiter regiert habe.
*) Oberdick a. a. O. S. 745 stellt einijje Hypothesen über den Ursprung Zenobias
zusammen.
*) Vergl. Nöldeke, Beiträge zur Kenntnis der aramäischen T)ialektef Z. D. M. G.,
1870, XXIV, S. 96.
^) Die Nachricht, dass Zenobia jüdischer Abstammung sei, erscheint nicht beglaubigt
*) Vergl. hierzu die Erzählung von Jä.]f.vLi a. a. O., Bd. I, S. 828.
*) Selbst mit der sagenhaften Königin Semiramis wird Zenobia in Verbindung
gebracht.
294 Kap. VIII. Zenobias Abstaminuiig und Persönlichkeit.
nicht unmöglich, dass ihre Mutter aus Egypten stammte, mit welchem
Lande Palmyra damals in reger Verbindung gestanden haben mochte;
jedenfalls sprach Zenobia fertig egyptisch.
Zenobia^) war ohne Frage eine bedeutende Frau; die Geschichtschreiber
schildern sie als klug, mit allen Herrschertugenden ausgestattet, würdevoll,
gerecht und freigebig, von männlicher Thatkraft, persönlich tapfer. Ge-
legentlich soll sie sich selbst mit dem Panzer umgürtet haben. Der Kaiser
Aurelian führt die kriegerischen Eigenschaften der Königin in einem von
Trebellius Pollio verzeichneten Briefe '^) an den Senat zu seiner Entschul-
digung an gegen den Vorwurf, dass er über ein Weib einen Triumphzug
abgehalten habe, indem er hinzufügt, dass die Besiegung der Perser durch
Odenathos in erster Linie dessen königlicher Gattin zuzuschreiben sei.
Des weiteren wird Zenobia besondere Schönheit nachgerühmt. Die
Kaiserbiographen berichten, dass sie von dunklem Teint, grossem,
wunderbar schönem Wuchs und fascinierenden Augen gewesen sei.
Mit dem Liebreiz ihrer Gestalt und mit einem bezaubernden Wesen,
das jeden, hoch und niedrig, für sie einnahm, verband sie eine seltene
Bildung. Ihr Lehrer war vor allem Cassius Longinus, einer der grössten
Philosophen seiner Zeit. Ausser ihrer Muttersprache und dem Egyp-
tischen beherrschte sie das Griechische; sie konnte sich mit ihren römischen
Beamten und Offizieren und mit den Beduinen der Wüste, vielleicht auch
mit Persern in deren Sprache verständlich machen. Ihr Hof vereinigte
persischen Pomp mit griechisch-römischem Raffinement. Sie umgab sich
mit Künstlern und Gelehrten. Die Zünfte und Gilden der Stadt blühten,
wie überhaupt das geistige Leben Palmyras unter ihrer Herrschaft seinen
Höhepunkt erreichte.
Zenobia scheint vom ersten Augenblick ihrer Regierung an ihrem
früheren Lehrer Cassius Longinus grossen Einfluss eingeräumt zu haben.
Ein in Emesa geborner Syrier, gehörte er einer als antidynastisch
bekannten Familie an, seine Studien hatte er in Athen, Rom und
Alexandrien gemacht, seine philosophische Richtung war ausgesprochen
heidnischer, reaktionär neuplatonischer Tendenz. Longinus bestärkte die
junge Königin in ihrem Selbständigkeitsgefühl. Im Innern seines Herzens
ein Feind Roms, scheint er die römischen Beamten von Palmyra nicht
besonders begünstigt zu haben, und mit der Möglichkeit rechnend, auch
gegen Rom kämpfen zu müssen, suchte er mit dem Hofe des Sassaniden-
Königs Sapor Beziehungen anzuknüpfen
Gleich in den Beginn der Herrschaft Zenobias fielen kriegerische
Verwicklungen. Auf die Nachricht von Odenathos' Tode sandte Gallienus
*) Verjjl. Pater Ronzevalle, 2Sainab (iz Zabbä') malikat Tudmur, d. h. Zenobia (die
Langhaarig^e) Königin von Palmyra, in der Zeitschrift il Maschri^, Berüt 1898, Heft 10 ff.
•) Hist. Aug. Triginta Tyranni, Zenobia § 30.
Kap. VIII. Zenobias Sieg über den Geg^en- Kaiser Probatus. — Kaiser Aarelian. 295
ein Heer gegen Sapor. Vielleicht trieb ihn die Furcht, dass Palmyra
unter der Führung eines unmündigen Knaben und einer Frau nicht mehr
im Stande sein würde, eine immer wieder erwartete Ueberflutung der
asiatischen Provinzen durch die Perser abzuwehren, vielleicht auch fühlte
er sich gedrungen, wenigstens einen Versuch zur Befreiung seines Vaters,
der damals noch in schimpflicher Gefangenschaft gelebt haben muss,
zu machen. Nicht unmöglich aber ist es, dass Gallienus das Verschwinden
des starken Odenathos, dessen Ermordung sogar auf das Anstiften des
Kaisers zurückgeführt worden ist, benutzen wollte, um den Osten wieder
in grössere Abhängigkeit von Rom zu bringen und die reichen Einnahmen
aus den Steuern und Zöllen des römischen Orientes, die seit geraumer
Zeit nach Palmyra flössen, in die kaiserlichen Kassen zurückzuleiten. Wie
dem sei, die römischen Truppen unter Heraclianus wandten sich gegen
Zenobia, allem Anscheine nach durch unzufriedene römische Beamte
direkt hierzu angerufen. Zenobia aber war siegreich und vernichtete
das römische Heer. Seitdem vermochte es Gallienus nicht mehr, Zenobia
in den Weg zu treten, ebensowenig wie sein Nachfolger Claudius II.
(268 — 270).
Da stand in Plgypten Probatus *) als Gegenkaiser gegen Claudius auf.
Durch den Egypter Timagenes herbeigerufen, entsapdte Zenobia sofort
ihren Feldherrn Sabba^) (Zabdä) gegen ihn (268 — 269). Zenobia kämpfte
wieder im Namen Roms und seines rechtmässigen Kaisers, besiegte Pro-
batus in der Nähe von Kairo und nahm fortan auch die Verwaltung
Eg>'ptens in die Hand.
Im Jahre 270 gelangte zu Rom Aurelianus auf den Thron, ein
richtiger Soldatenkaiser. Unter ihm sollte sich das Schicksal Palmyras
wenden. Zunächst bestätigte er Zenobia bezw. deren Sohn als Statthalter
des Orients. Uns sind in Alexandrien geprägte Münzen aus dem Jahre 270
erhalten, welche das Bild Wahballäts als Imperator und dasjenige
Aurelians als Augustus tragen '*). Aber schon ein Jahr später begann der
Kampf zwischen dem Kaiser des Westens und der Königin des Ostens.
Wohl war das Auftreten des, starken Odenathos und seiner Gattin für Rom,
dem er in Zeiten der Not das vordere Asien gegen den Sassanidcnkönig
zurückerobert hatte, segensreich gewesen; und die natürliche Folge davon
war es, dass dem treuen Vasallen die Selbständigkeit gewährt und ihm
der Schutz der asiatischen Gebiete Roms übertragen worden war. Nach-
dem aber der Palmyrener seine Hand auch nach Egypten ausgestreckt
hatte und ein thatkräftiger, seines Heeres sicherer Kaiser wieder an die
*) Von andern ProbuB (renannt, ver;,'!. v. Sallet, I>ie Fürsten von l'almyni unter
Ciallienus, Claudius und Aurelian, Berlin 1866, S. 44.
'; VerjjL TrebeUius Pollio ^Claud. 11. und Vogüe a. a. <). S. 34.
'} Vergl. V. Sallet si- a. O. .S. 13 ff. und S. 71.
29«
Kap. yUL Niedoiafcc Zenobiu 1d E^yplen.
Spitze des Reiches getreten war, musste der Konflikt zwischen Rom und
Palmyra ausbrechen, wenn ersteres nicht seiner östlichen Besitzungen
dauernd verlustig gehen wollte. Zenobia nahm den Fehdehandschuh auf und
Verweigerteden Gehorsam. Aus dem Jahre 271 kennen wir Münzen, auf
welchen sie für ihren Sohn geradezu den Kaisertitel Augustus usurpiert hat.
In Egypten erlitt die Fürstin ihre erste Niederlage. Der römische
Feldherr Probus '} vernichtete das palmyrenische Heer im Nil-Delta.
Aurelianus selbst zog langsam über den Hellespont durch Kleinasien.
Dem wohlgeschulten grossen Heere, das er mit sich führte, ergab sich
Ancyra (Angora), Tyana musste belagert werden und wurde genommen.
In kluger Vorsicht Hess der Kaiser überall Milde walten, selbst gegen
*^#ter
Münikubinett zu BerÜD
mdrieii ^C|>r3i;l aus <lem Kcl- Milntkabinett in Berlin'.
Tyana, das Widerstand geleistet. Kr erkannte an, dass Zenobia wie ihre
Voi^änger im Namen Roms die asiatischen Provinzen beherrscht hatte,
und verzieh allen denen, die gelobten, in der Zukunft von der RebeUin
sich abzuwenden und ihm Gehorsam zu leisten.
Zenobia licss sich durch den Abfall Kleinasiens und den Verlust
Egyptens nicht erschrecken. Mit grosser Energie betrieb sie persönlich
die kriegerischen Vorbereitungen, sie überwachte selbst die Abrichtung
der Beduinen zum Kampfe gegen die römischen Legionen. In drei
Lagern sammelten sich bei Palmyra die nomadisierenden und die sess-
haftcn Araberstamme der Syrischen Wüste *), welche mit ihren Last- und
Reittieren die eigentlichen Träger des damals in höchster Blüte stehenden,
durch Palmyra gehenden Handelsverkehrs waren und sich in grosser
■ Der iweilc Nachfolger Aurelians als Kaiicr von Rom (276—182).
') ^'"e^- Wright, An «cconnt of Palmyra snd Zenobia with tnTcU and ■dvenrare«
in Baiban nnd the deiert. l.ondon, 1895, S. 139 IT.
Kap. VIII. Die Schlacht in der Ebene von *AmV. 207
Anzahl zur Verteidigung ihrer Brotherren einfanden. Die Stämme des
Hamäd hatten ihr Lager im Südosten der Stadt, die Beduinen der Steppe
von Karjeten lagerten in der Ebene gegenüber dem Brunnen von Abu
*1 Fawäris, und die nördlichen und nordwestlichen Stämme bei der Quelle
des Marbit 'Antar, jenseits des Höhenzuges, welcher von Palmyra nach
Hom? hin.streicht. Unermüdlich war die Heldenkönigin. Täglich ritt sie,
umgeben von dem Stabe ihrer Offiziere, von Lager zu Lager, bis sich
endlich die Scharen in Bewegung setzten, um dem Kaiser den Weg nach
Antiochia abzuschneiden. In der nördlich vom Orontes gelegenen Ebene
'Amk, unweit von Immac, kam es zur ersten Schlacht. Zenobia, in
glänzendem Panzer, feuerte selbst ihr zahlreiches Heer zum Kampfe an.
Aber die erprobte Kriegskunst des römischen Feldherrn und die ruhige
Tapferkeit der westländischen Legionen gewannen den Tag. Der Schlacht-
bericht schreibt den Sieg Aurelians einer Kriegslist zu. Durch eine
Scheinflucht Hess sich die Palmyrenische Kavallerie, die Kerntruppe der
Zenobia, deren Reiter schwere Rüstung trugen, zur Verfolgung der
leichten römischen Reiter verleiten, bis sie, vollständig ermattet, von der
in einem Hinterhalte am Orontes bereit gehaltenen Infanterie überrascht
und niedergemacht wurde ^).
Die Königin warf sich mit ihren geschlagenen Truppen nach
Antiochia, das sie aber noch in derselben Nacht verliess. Um die lun-
wohncr der Stadt zum Widerstände zu bewegen, hatte ihr P'eldherr
Zabdä die List ersonnen, einen dem Kaiser ähnlichen Mann als Kriegs-
gefangenen durch die Strassen zu führen. Aber Antiochia öffnete Aurelian
die Thore. Der Kaiser übte auch hier Milde und erreichte damit seinen
Zweck wie in Kleinasien: die anderen syrischen Städte scheinen ihm
keinen Widerstand entgegengesetzt zu haben. In den weiteren Kämpfen
fochten bereits Asiaten auf seiner Seite, und gewiss werden die aus
früherer Zeit verbliebenen römischen Truppen, welche Zenobia bisher in
den syrischen Garnisonen gedient hatten, sofort zu dem siegreichen
Kaiser übergegangen sein.
Bei Daphne, heute Bct il Mä, scheint das fliehende palmyrenische Heer
Stand gehalten zu haben, jedoch ohne Erfolg. Nun forderte Aurelian
die Königin auf, sich zu unterwerfen. Diese aber sandte die stolze Antwort,
bis jetzt habe er nur ihre Römer besiegt, noch nicht ihre Asiaten, und
sie erwartete den Feind bei Emesa (Hom.s) zur entscheidenden Schlacht.
Zenobia hatte neue Reiter erhalten. Die römische Kavallerie unterlag
vollständig, aber abermals entschieden des Kaisers Legionen den Sieg-).
Die unglückliche Königin musste an schleunigen Rückzug nach Palmyra
^) ^'^^1- Zosimus, Geschichte, I. Buch, Kap. 50.
*) Zosimus a. a. O. Bd. I, S. 53 sagt, data die Fld||||H|W mit Keulen und Prügeln
gegen die mit Erz und Eisen bepanzerten PalmjrreiMr llJ^^^^^Hlpd dieser Umstand den
2q8 ^P* VIII. Zenobiaa Flacht. — Die Belajrening Palmjns.
denken. Noch hoffte sie, hinter den festen, durch alle Mittel der Kriegs-
kunst geschützten Mauern ihrer inmitten der Wüste gelegenen Vaterstadt
dem Kaiser Trotz bieten zu können. Aber so überstürzt und rasch war
ihre Flucht, dass sie ihren Kriegsschatz in Emesa zurücklassen musste.
Der bequemeren Verwendung wegen scheint sie ihre Schätze von Palmyra
dorthin in die Hut der Landsleute ihres Beraters Longinus gebracht zu
haben, die wie dieser heftige Gegner der römischen Herrschaft waren.
Mit Homs fiel die reiche Beute an Edelsteinen, Gold, Silber und Seide
in die Hand der Sieger. Dieser Umstand sollte in der Folge für das
Geschick Palmyras besonders verderblich werden.
Auf ihrem Rückzug nach Palmyra hatte Zenobia die Brunnen der
Syrischen Wüste, die in damaliger Zeit die Passierung der mehrere Tage-
reisen betragenden Strecke selbst für die grössten Heere leicht gemacht
hatten, zerstört. Aber durch das in Homs vorgefundene Gold liessen die
Bewohner der Steppe sich bewegen, die Armee des Kaisers auf dem
Marsche, der gefährlicher war als eine Schlacht, mit Proviant und
Wasser zu versehen. Die die Truppen beunruhigenden Beduinen wurden
abgeschlagen. Ohne wesentliche Verluste erlitten zu haben, bezogen die
Kömer dieselben Lager an denselben unversiegbaren Wasserstellen,
welche die Streitkräfte der Königin vor dem Ausmarsch des palmy-
renischen Heeres inne gehabt hatten, und erschienen bald vor den
Thoren Palmvras.
Sofort begann die Belagerung, und abermals forderte der Kaiser
Zenobia zur Unterwerfung auf. In beleidigend herausfordernder Weise
wurde auch dieser Brief beantwortet. Unermüdlich leitete die Fürstin
selbst die Verteidigung, immer noch hoffend, dass der Kaiser aus Mangel
an Unterhalt die Belagerung aufgeben werde. Sie verliess sich auf die
Stärke ihrer Mauern und die Ausdauer ihrer Palmyrener, die für ihre
Existenz kämpften. Die Stadt muss damals weitere Wasserstellen gehabt
haben, die wir heute nicht mehr kennen, ohne Frage aber hatten die
einzelnen Häuser eigene Reservoirs, in welchen das Regenwasser sich
sammelte. Mit Proviant war das reiche Palmyra auf Monate versehen.
Die Wurfmaschinen der Mauern warfen Steine und Feuer auf die Be-
lagerer, und die Palmyrener selbst verrichteten Wunder der Tapferkeit
bei der Abweisung der erbitterten Angriffe und Erstürmungsversuche
der Römer.
Aber die Hoffnung der Königin, dass der Feind abziehen würde,
erfüllte sich nicht. Mit ihren eigenen Schätzen, die er in Hom§ genommen,
gewann der Kaiser die Beduinen, welche ihm Zufuhr brachten. Der
Ausschlag: zum Sict^e ß^ab, weil die Palmyrener durch diese bisher nie geg^en sie an^wendeten
Waffen bestürzt wurden, ßekannüich sind noch heutzutage Holzkeulen und schwere eichene
Stöcke die gewöhnlichen Waffen der palästinensischen Bauern.
Kap. VIII. Der Fall Palmynis. 2QQ
Angriffe der Stämme, welche der Königin treu geblieben, erwehrte
er sich leicht Die weitere Erwartung Zenobias, Hilfe aus Armenien
und Persien zu erhalten, ward zu nichte. Die sassanidischen Quellen
ergeben noch nicht mit Sicherheit, ob damals der grosse König Sapor*)
noch gelebt oder ob ihm bereits sein Sohn Hormizd I. gefolgt ist, oder
aber ob zur Zeit der Belagerung Palmyras schon Hahräm I.*), welcher
der Nachfolger des kaum mehr als ein Jahr regierenden Hormizd war,
auf dem Thron sass. Jedenfalls waren die Beziehungen Zenobias zu
dem sassanidischen Hofe in der damaligen Zeit vortreffliche. Rs muss
eine Art von Bundesgenossenschaft zwischen Palmyra und Ktcsiphon be-
standen haben, deren Spitze zweifellos gegen Rom gerichtet war. In-
folge der Siege des Kaisers aber zauderten die Perser, ihren Verpflich-
tungen nachzukommen. Wohl werden persi.sche Truppen unter denen
erwähnt, gegen welche Aurelian im Jahre 273 in der Nachbarschaft von
Palmyra zu kämpfen hatte ^), aber die gesandte Hilfe war belanglos.
Auf die Unterstützung der Armenier war nicht mehr zu rechnen, auch
sie waren durch des Kaisers Gold gewonnen.
Als Zenobia sich überzeugen musste, dass der Ansturm der Römer,
anstatt an Gewalt abzunehmen, immer stärker wurde, und dass die Zahl der
Feinde stetig wuchs, entschloss sie sich, im Einverständnis mit ihren Rat-
gebern das letzte zu wagen. Mit wenigen Getreuen brach sie in der Nacht
durch die Reihen der Belagerer, und auf einer Kamelstute durchzog sie
die in gewöhnlichen Zeiten fünf Tagesmärsche betragende Strecke durch
die Wüste nach dem Euphrat, um persönlich Ersatz aus Persien herbei-
zuholen. Aber der Ausbruch der Königin wurde bemerkt, und gerade
im Augenblicke, als sie am Euphrat anlangte und bei Der ez Z()r das
rettende Boot besteigen wollte, das sie auf das gegenüberliegende Ufer
bringen sollte, wurde sie von den nachgesandten Reitern Aurelians
ergriffen. Der Kaiser scheint ihrem heroischen Mute Achtung bezeugt
und sie selbst vor der W^ut der Soldaten, die ihren Tod forderten,
geschützt zu haben.
Als die Bürger von Palmyra die Gefangennahme ihrer Königin er-
fuhren und so ihre letzte Hoffnung vereitelt sahen, iibi-rgabcn sie gegen
Ende des Jahres 273 die Stadt. (Jetreu .seiner hi^IuMi^n'ii Politik licss
der Kaiser auch ihr gegenüber Milde walten; er Ici^le c'uyc kleim» Be-
satzung in die Citadelle und beliess den Palrnx friirm :o.i:n ihn- nlton
Freiheiten. An den Ratgebern der Kf»nigin .»Nn n^tr .« r-n ^timyr^
Gericht Zenobia, welche bis zum letzten Au^mmiMIi Ki tnü .». « I -^i ••:•»* r\ur<i
I.. ' • . . *•■•.'• .'.-M»
*) Nöldeke, Tabari-Ucber»etzunp, r^Mdcn i*<7'), S. \i\. «^-t • ».
I4-Sept.272. VerghdajreRen Kawlinfion a.a.O. S. tvt. ili-t ilm »." ■ • • •• » 1 *'■ .. j: - '^ -■
*) VcTjfL RawlioAon a. a. O. S. loi ff
j Verjfl. VopiscQs, Hwt. Aug. Vit. Aurclifin
H -•
Kap. VIII Neuer Anfatand der Palmyreaer.
Mannes die Vcrlcidigiini^ ihrer Vaterstadt geleitet hatte, machte, ge-
fangen vor den Kaiser gebracht, die Rechte der Frau geltend und bat
iini Gnade. Sic sclieint fjcstanden xu haben, dass Lon^'inus der eigent-
liche Urheber des letzten beleidigenden Schreibens an den Kaiser gewesen,
und mit mehreren anderen der aiitie.-ehensten Palmyrener wurde der
römerfeindliche l'iiilosoph in seiner Gcbiirtsstadt Homs enthauptet. Mit
dem Perserkönig niiiss eine Verständigung stattgefunden haben. Er hatte
eine Gesandtschaft mit reichen Geschenken an Aurelian gesandt, welche
dieser annahm. Darauf verliess das römische Heer Syrien, um auf dem-
selben Wege, den es gekommen, die Rückkehr nach der Heimat anzutreten.
Aber noch bevor der Hellespont erreicht war, traf die Nachricht
von einem Aufstand der l'almyrener ein. Sofort kehrte der Kaiser um. In
unerwartet kurzer Zeit erschien er wieder vor den Mauern Palmyras.
nahm die Stadt und zerstörte sie diesmal von Grund aus. Die Mauern
wurden ge.sclileift, die Häuser verstört und selbst die Tempel der Götter
zertrümmert. Alles Wertvolle, das in Palmyra sich fand, wurde nach Rom
geschleppt'). Die l'runk.stücke des herrlichen BelTempels von Palmyra
schmückten in der Folge das neue, an seiner statt in Rom für die
t dürften »
; Kapiliile au» Goldbroncc, die
nUssen, weci^ebracht worden le
Kap. \1II. Zenobias Demütigimg wid Ende. 2OI
Gottheit der Sonne des Ostens errichteten Heiligtum *). Ein gründliches
Beispiel war statuiert. Jetzt, nach der gänzlichen Vernichtung Palmyras,
konnte der Osten als ruhig und für Rom wieder gewonnen angesehen
werden. Abermals zog der Kaiser nach dem Hellespont, und während
er über die Meerenge setzte, Hess er alle palmyrenischen Geiseln ertränken.
Nur Zenobia und ihren Sohn schonte er. In dem Triumphzuge, den
er in Rom im Jahre 274 abhielt, musste sie barfuss und barhäuptig,
mit ihren Juwelen behangen und mit Goldketten um Nacken und Hände
vor seinem Siegeswagen herschreiten.
Diese Erniedrigung der unglücklichen Königin blieb nicht ohne
Widerspruch in dem civilisierten Rom, und damals entstand jener bereits
erwähnte Brief, den Aurelian zu seiner Entschuldigung an den Senat
schrieb und der die beste Anerkennung des Wirkens der heldenhaften
Frau ist. Ucber das Ende Zenobias ijehen die Nachrichten aus-
einander. Die bestbeglaubigte scheint diejenige zu sein, nach welcher
sie auf einem Landgute unweit Roms, das ihr der Kaiser geschenkt,
als Matrone, vermählt mit einem vornehmen römischen Senator, gestorben
sei. Nach einer anderen Nachricht soll sie Speise und Trank verweigert
und sich hierdurch selbst das Leben genommen haben-). In späterer Zeit
sprachen die Historiker von Nachkommen der Zenobia. die in Italien
als vornehme römische Bürger gelebt haben, ohne zu sagen, ob diese
von des Odenathos Sohn, Wahballal. abstammen oder auf die römische
Ehe Zenobias zurückzuführen sind.
Mit dem Sturz der Familie der Odenathen verschwindet Palmyra
aus der Weltgeschichte. Das Monopol der palmyrenischen Karawanen-
führer hörte mit dem Zusammenbruche ihrer Macht und der Zerstörung
ihrer Stadt auf. Die Warenniederlagen von Palmyra wurden nach anderen,
der Küste und der unmittelbaren römischen Herrschaft näher gelegenen
syrischen Orten verlegt. Die Strasse über Palmyra verödete, und der
Handel vom Mittelmeer mit dem fernen Osten dürfte tortan wieder be-
sonders über Antiochien gegangen sein**).
Immerhin Hess sich die Wichtigkeit von Palmyra in seiner stets
mit Wasser versorgten Oase mitten in der Wüste zur Niederhaltung der
zu allen Zeiten turbulenten Beduinen, sowie auch als Stutzpunkt gegen
' Fl:i\-ius Vopiscus berichtet, d;iss Aurelian später th'ii Hefehl iral», «len Soiinen-
tempel von Palmyra wiederherzustellen. Ob und in wclclicr Weise dieser lU*fehl ausgeführt
wur«Ie, ist schwer zu ersehen.
■■ Zosimus. JJd. I, S. 59, lässt Zenobia nach der ersten Kinn.ihme \on Palmyra auf
dem Marsche sterben, ^'entweder an einer Krankheit oder weil sie keine Speise /u sich nahm^.
' Ein direkter Verkehr von Ho^rä be7.w. dem im Ilauran emporblühenden sabäischon
Staatswesen nach Ktesiphon und dem Persischen Golf wird erst nach <lcni Uotl
Palmyra entstanden sein ;verpl. Spren^^er, Die alle Geographie Arabiens, Uern
302 Kap. VUI. Pulmyra witJ chri»llich.
mächtigere Feinde, die im Osten hausenden Perser, nicht verkennen.
Es ist nicht unmöglich, dass schon damals die gewaltigen Aussen-
mauern des Sonncntempcis als Citadelle für die kaiserlichen Truppen
verwandt wurden, jedenfalls wird in byzantinischer Zeit der Sonnentempel
von Falmyra ausdrücklich ab Festung genannt.
Aurehan starb bereits zwei Jahre nach seinem Triumphe über Zenobia.
Unter Diocletian {284 — 305) scheint die Stadt neue Mauern — aller-
dings in weit geringerer Ausdehnung als zu ihrer Glanzzeit — erhalten
zu haben. Die Notitia Dignitatuni ') führt Palmyra als Sitz des Stabes
der ersten illyrischtn Legion an. Aber das Schicksal der Stadt war be-
siegelt. Ihre politische und militärische Selbständigkeit hatte sie endgiltig
verloren. Sic kam unter direkte römische Verwaltung, und wie Truppen
aus westlichen Provinzen in Palmyra standen, dienten palmyrenische
Truppenteile in cntfürntcn anderen römischen Provinzen.
Inzwischen war Palmyra christlich geworden'). Die Stadt, deren
letzter leitender Staatsmann ein Vertreter des strengsten reaktionären
; Not. Hiutl. cii. Setk, S. 67.
.Aus dt-r '/.tic der Selbsiiindigltcil l'almyras ist noch keine Inschrift gefanden
weicht d.irauf schlicsseti liesse, dass damals schon das Christentum dort Eini^Uie
[1 habe. l)cr Kampf des LTiristeiilums K'geti dag Heidentum ist einer der leitenden
;ii in \VtlbrandIs .Schauspiel >.I>er Meisler von Paliiiyra<..
Kap. VIII. Kaiser Jastinian. 903
Heidentums gewesen, war Bischofssitz geworden. Im Jahre 325 wird unter
den Vätern des nicänischen Konzils ein Bischr)f Marinus aus Palmyra')
erwähnt. Weitere Bischöfe von Palmyra werden im Jahre 451, sowie
457 und im Anfang des 6. Jahrhunderts genannt. Kai.scr Justinus I. ver-
bannte 518 bei seinem Regierungsantritte den Bischof Johannes von
Palmyra wegen seiner monophysitischen Ketzerei^).
Der grosse Kaiser Justinian wandte Palmyra .seine besondere Auf-
merksamkeit zu*); er Hess die öffentlichen Gebäude und Kirchen wieder
herrichten und die Mauern der Stadt, allerdings in noch bedeutend
engeren Grenzen wie zur Zeit Diocletians, wieder aufbauen. So eng
wurden die Mauern gezogen, dass man nicht einmal die ^ros-^e Quelle
Ephka in dieselben einbegritt. Prokop führt an, dass Justinian ausserdem
Palmyra eine Wasserleitung gab*). Die Notwendigkeit dieser Mass-
nahme giebt ein Bild von dem Verfall der einst so blühenden und mit
Wasser reich versorgten Stadt. Justinian legte eine ständige Garnison
nach Palmyra, das zu einer der hauptsächlichsten Grenzfesten des asia-
tischen Römerreiches bestimmt wurde ''). Auch soll damals der dux
orientis in Palmvra installiert worden sein**).
Von der Zeit Justinians bis zum Auftreten des Propheten Muhammed
hören wir wenig von Palmyra. Die christlich byzantinischen Quellen
erwähnen die Stadt nicht, und wir sind auf die arabischen Legenden an-
gewiesen, welche die im IJaurän und in IJira entstandenen sabäischen
Reiche behandeln. PLs ist wahrscheinlich, dass nach dem Nicilcrgang
der römischen Reich.sgewalt in Syrien die genannten beiden arabischen
Schwesterstaaten die Suprematie über die Beduinenstämme des l.lamäd
sich streitig gemacht") und wohl mehr als einmal vor den Mauern von
' Vergl. Monliiiiann, Neue lJcitr:it»e zur KudiIc Palmyras, München 1S75, S. Si.
Le Quicn, (.)rieDS Christ. T. II, S. S45.
- Vergl. Assemani, Hi])Ui)theca orienlalis, H.l. II, l>iss. de Monophys, und Le (Juien
a. a. ().; Mordtmann a. a. ( >. S. S2.
» Verirl. Ritter, \U\. XN'II, 2, 1503 (die Chronographien von 'rheoi>hanes und Malala' ;
Prokop. de hello l'crsico II, 5.
*' Frokop, de ae<liticiis II, II. In WirkUchkeit wird wohl nur der aus der Cilanz-
zeit Palinyras stammende machlif;c Ai[uädukt wicderherj^cstcUt worden sein.
•'•' I)ie Notitia tliirnitatum ^yieht uns nicht das Bild der riMnischcn (Garnisonen ru
einer ganz bestimmten Zeit, sonilern ist eine Zusammenstelluni: der verschiedenen lömischen
Garnisonorte und der 'rrui>])en, die /u verschiedenen Zeiten in tlensell^en unterj;el>raehl
waren; vielleicht ist die oben erwähnte illyri.sche Legion erst unter Justinian naeli Palmyra
gelejjt wonlen.
•• Vergl. Ritler a. a. ()., Hd. XVII, 2. S. 1503.
" Aus der Krwühnung des Namens M.i*n in jialmyrenischen In.schriften gelammt
Sprenger zu der Vermutung, dass die Ma'n, welche er zu den '}•'» rechnet, die von Taima
nach Palmyra führende Strasse beherrschten (Sprenger, Die alle Geograph ie .Arabiens § 3
S. 223, 217;. Die Ma*n (vcrgl. Kap. IV dieses Werkes S. 143 ff/- gehorten jedoch la
304 ^P- ^^l^L L)cr Einzuj^ des Islam. — Die Zerstöning Palinjrras durch Menrän.
Palmyra mit einander gekämpft haben. Abulfcda^) berichtet, dass der
Rassanide Aiham II., der Sohn Ciebeles, die Araber der Palmyrene
regierte und in Palmyra selbst residierte. Diese Mitteilung betrifft die
Zeit unmittelbar vor dem Auftreten des Islam.
Dem Vordringen der muhammedanischen Glaubensstreiter hat Pal-
myra nicht den geringsten Widerstand entgegengesetzt. Chälid Ihn
Walid*) gewann auf seinem Siegeszuge durch Mesopotamien und Syrien,
von Hira kommend, im Jahre 12 d. H. (634 n. Chr.) die Oasenstadt (ur
die neue Religion.
Während der Kämpfe, welche der endgiltigen Verdrängung der
Omaijaden Dynastie durch die abbasidischen Chalifen in Syrien vorher-
gingen, empörte sich Palmyra mit anderen Städten gegen Merwän IL,
den letzten Chalifen aus dem Hause der Omaijaden. Merwän nahm die
Stadt nach tapferer Gegenwehr*) ein, verwüstete sie und Hess ihre
Mauern schleifen (745 n. Chr.).
Der Geograph Jaküt*) berichtet uns von einer merkwürdigen Legende,
die mit der Zerstörung Tudmurs durch Merwän in Verbindung gebracht
wird. Als die Mauern niedergelegt wurden, so schreibt er, wurde eine
Felsenöffhung frei, welche in eine Höhle führte. In dieser Höhle fand
Merwän eine Frau, die auf dem Rücken lag und 70 Schmuckgegenstande
trug. Ihre Fussgelenke waren mit ihren langen Haaren zusammen-
gebunden, ihre Stirn war mit einer Platte von Gold geschmückt, auf der
sich die folgende Inschrift befand: Ich rufe Deinen Namen an, o Gott,
ich bin Tudmur, die Tochter Hassans, möge der Niedergang den treffen,
der es wagt, in meine Behausung einzudringen.« Darauf fühlte sich
Merwän genötigt, ohne den Schmuck der Frau anzutasten, schleunigst
den Ort zu verlassen, nachdem er den Fingang der Höhle wieder mit
dem Felsblock geschlossen, den er abgehoben hatte. Jäküt sagt weiter,
dass Merwän bald darauf ermordet wurde und mit ihm die Dynastie der
Omaijaden zu Grunde ging. Thatsächlich wurde Merwän im Jahre 750
getötet, und damit machte die Dynastie der Omaijaden den Abbasiden
Platz. Nach Jäkut war Tudmur der Name der Tochter Hassans, des
Sohnes Odeinas, des Sohnes is Sumeida's, des Sohnes Mazjads, des Sohnes
Kabi*a-Stäinmen und somit zu den Nord-Arabern. Der Stammesname der sUdarabischen
Tai ist vielfach von den Aramäern auf alle Araber ausgedehnt worden (vcrgl. Jacob, Studien in
arabischen Dichtern, Heft 3: Altarabisches Beduinenleben, 2. Ausgabe, Berlin 1897, S. 37, 38^
Der in den palmyrenischcn Inschriften vorkommende Name Ma'n dürfte ein Personen- und
kein Stammesname sein.
') Abulfeda, Historia anteislaniica, S. 130, 131.
'•' Vergl. Al-Beladsori, Liber expugnationis regionum, ed. de Goejc, Leiden 1866, S. iii.
•'* Vergl, Weil, Geschichte der Chalifen, Berlin 1846, Bd. I, S. 686.
» ' a. a. (). Bd. I. S. S28.
Kap. VII I. Palmyra bei den arabischen Geographen des Mittelalters. ^05
Amliks, des Sohnes Loths, des Sohnes Sems, des Sohnes Noahs. Ob
in dieser Legende nicht das Andenken an die damals (Jäljiüt starb 1229)
gewiss bereits sagenhaft gewordene Königin Zenobia zu suchen ist, die
ja einer Lokal tradition zufolge von den Benu Sumeida* abstammen sollte?
In der muhammedanischen Zeit fuhren zahlreiche arabische Geo-
graphen des Mittelalters Palmyra auf, während andere die Stadt nicht
nennen, ein Beweis, dass sie jedenfalls aufgehört hatte, zu den bedeuten-
deren Orten Syriens zu zählen. Ibn Churdädbe^) (zwischen 854 u. 857
gestorben) führt Tudmur an als den Bezirk der Provinz Hom§, in welchem
Datteln gebaut wurden, und I$tachri^ (um 950 gestorben) nennt in seiner
Beschreibung Arabiens Tudmur in Verbindung mit Salamja als zu dem
Gebiete von Hom§ gehörend. Auch Ibn HaukaP) (um 976 gestorben)
und Moljaddasi ^) (985 gestorben) erwähnen Tudmur als eine Stadt des zu
Syrien gehörigen Bezirks von Hom§. Von Ibn il Atir wissen wir, dass
Tudmur im 12. Jahrhundert seine Abgaben an die Eijubiden von
Damaskus zu leisten hatte, im Jahre 113 5 aber von dem Emir von Hom^
gegen Uebergabe seiner eigenen Residenz erworben wurde. Anscheinend
glaubte der Emir in der Oasenstadt ruhiger und unabhängiger leben zu
können, als in dem an der grossen Heerstrasse gelegenen Hom§^). Das
Erdbeben, das im Jahre 11 57 in ganz Syrien furchtbare Verwüstungen
anrichtete, hat allem Anscheine nach auch Palmyra übel mitgespielt*).
Der Rabbi Benjamin von Tudela, dessen Angaben allerdings recht über-
trieben klingen, will immerhin um das Jahr 1173 in Palmyra noch
2000 kriegerische Juden gefunden haben, welche mit Nur id Din, dem
Statthalter von Damaskus, in Kämpfe verwickelt waren '). Wenn das zu-
träfe, müsste damals noch eine stattliche Bevölkerung in Palmyra sich
befunden haben.
Die Anarchie, welche nach dem Zerfall des abbasidischen ChaHfen-
Reiches, den Kämpfen der Kreuzfahrerzeit und dem Ansturm der Mon-
golen in dem grossen Gebiete zwischen dem Mittelmeere und dem Persischen
Golf herrschte, war gewiss nicht geeignet,' der Oasenstadt wieder zu neuer
Blüte zu verhelfen. In Syrien befehdeten sich die Herren der ver-
schiedenen Städte, und in der Wüste rauften sich die Beduinenstämme.
^) Ibn Khordadbeh, Le livre des routes et des provinces, cd. Barbier de MejTiard,
Paris 1865, S. 199.
'^ I^tachri, Das Buch der Länder cd. Mordtmann, Hamburg 1845, ^- 5» verp^l- auch
S. 40. Karte von Syrien Xo. 36.
'} Sprenjfer, Die Post- und Reiserouten des Orients, Leipzig 1864, S. 99.
*) Ed. de Goeje S. 17.
'-') Venjl. Ritter a. a. O. S. 1504.
^] Verf^L Quatremere, Ilistoire des Sultans Mamlouks, Bd. III, S. 255.
^) Vcrgl. Voyaj^es du Rabbi Benjamin de Tudele, übersetzt von P. Baratier, Am^gJMm
1734« B^l- Im Kap. XI, S. 124.
Frhr. v. Oppenhdoit Vom Mittelmecr zoin Pcniicheii GoVL
306 Kap. VIII. Palmyra bei den arabischen Geographen des Mittelalters.
Abulfeda*), welcher 1331 starb, bezeichnet Tudmur auch nur als eine
kleine Stadt in der Provinz Hom?, die mit einer Mauer umgeben sei und
eine CitadcUe einschliesse, ohne Frage den zur Römerzeit in eine Citadelle
umgewandelten Sonnentempel. Der grössere Teil ihres Territoriums sei
von Salz -Sümpfen bedeckt und mit einigen Palmen und Olivenbäumen
bestanden, und imposante Monumente von hohem Alter mit Säulen und
riesigen Steinblöcken befänden sich in der Stadt. Er verweist auf den
älteren 'Azizi (996 n. Chr.), der die fliessenden Wasser, die Fruchtbäume
und bebauten Felder Palmyras hervorhebt. Interessant ist die Be-
schreibung der Burg von Palmyra in dem Index Geographicus*) nach
Abu *Obeida, der vor dem Jahre 11 60 lebte '^). Hiernach wäre diese
Burg mit einer Steinmauer umgeben gewesen, deren Thore aus steinernen
Flügelthüren bestanden hätten. Man wird hierbei unwillkürlich an die Bauten
der sabäischcn Hesiedler des Haurän erinnert. Die Steinthüren stammten
vielleicht aus der Zeit, da die Rassaniden Palmvra besetzt hielten und
hätten den späteren Zerstörungswerken ebenso widerstanden, wie wir es
noch heute in den Hauränstädtcn sehen. Der Index Geographicus
erwähnt weiter Turmbauten aus alter Zeit, es sind wohl zu Hefestigungs-
zwecken herangezogene alte Grabtürme gemeint.
Ibn Hatiita (gestorben 1377*) spricht in seiner Reisebeschreibung
nur von der Legende der Erbauung Palmyras durch Salomo, während
er bei der Beschreibung Suchnes länger verweilt. Ibn Chaldün*) beschränkt
sich auf die Nennung des Namens Tudmur. Ja'kubi*^) sagt, Tudmur
sei eine alte Stadt mit wunderbaren Bauten, die vom König Salomo
gegründet sei. Bemerkenswert ist seine Angabe, dass die Palmyrener
Kelbiten seien; daraus würde hervorgehen, dass damals Nordaraber in
und um Palmvra hausten.
Die furchtbare Völkerwanderung der Tataren, welche ganz Syrien
verwüstete, hat auch Palmyra nicht verschont. Timur schickte, nachdem
er Damaskus im Jahre 1401 erobert hatte, eine Abteilung seines
Heeres gegen Tudmur, woselbst sich damals ein Teil des turkmenischen
Stammes Zulkadr (Du il Kadr) festgesetzt hatte. Der Erfolg war der-
.selbe wie im übrigen Vorderasien: die Stadt und ihre Umgebung wurden
gründlich ausgeplündert').
» Ver«:!. M. Kenaud, Geographie (l'Abulfeda, Paris 1S4S, Bd. II. S. I18— 119.
-' Index ( ieographicus in \'itam Saladini ed. Schultcns s. v. Tadmora.
3 Verjjl. Ritter a. a. O. S. 1 506.
* Voyaire dlbn Batout:ih ed. Defremery et Sanguinetti. Paris 1S79, S. 315.
*^ Prolegoniines d'Kbn Khaldoun par (^>uatreniere ^Nutices et extraits des manuscrits
de la bihliotht<iue Imperiale Bd. XIX; 1S62, S. 132.
•* Jacubi ed. de Gocje .S. 324..
^ Vergl. Ritter a. a. O. S. 1506; ferner Quatremere, Histoire des Sultans Mamlouks,
Bd. III, S. 255.
Kap. VIII. Wiederenldcckung Palmyras. — Die Ma'n in der Palmjrrene. 307
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte abermals eine Neu-
befestigung Palmyras, ein weiterer Beweis für die vorzügliche Lage der
Oase. Den ersten europäischen Wiederentdeckern von Palmyra, eng-
lischen Kaufleuten aus Aleppo, die, angezogen durch die Erzählungen
von der in Trümmer ge.sunkenen Wunderstadt, in den Jahren 1678 und
1691 eine Explorationsreise dorthin machten, wurde an Ort und Stelle
die Mitteilung gemacht, dass Man* Ogle (d. i. Ma*n orlu), Fürst der
Drusen, unter der Regierung Murads III. eine die Stadt beherrschende
Burg auf dem Bergrücken gebaut habe, der das Stadtgebiet von Palmyra
von der Ebene von Karjeten trennt. Robert Wood, der im Jahre 1751
die Ruinen von Palmyra aufsuchte und in seinem Prachtwerke die ersten
ausführlichen Schilderungen derselben entwirft, giebt an^), dass die
Araber den Bau der Burg dem aus dem Hause der Ma*n stammenden
Drusenfürsten Fachr id Din zuschrieben, »welcher sie errichten Hess,
damit sie ihm als Zufluchtsstätte dienen sollte während der Zeit, dass
sein Vater sich in Europa aufhielt«. Wood meint, dass keine dieser
Angaben mit der Geschichte der Drusen in Einklang zu bringen sei.
Thatsächlich hatten, bevor der Kampf zwischen den Osmanen und Fachr
id Din zum Ausbruch kam, die Ma'n ihre Herrschaft weit über den
Libanon hinaus ausgedehnt, und es ist sehr wohl möglich, dass sie sich
auch in Palmyra festgesetzt haben, um die Beduinen der Syrischen Wüste
im Zaume zu halten, oder auch, um sich für alle P^'älle eine Zufluchts-
stättte mitten in der Wüste zu sichern*). Heute noch wird die gedachte
Burg Kal*at ibn Ma'n^) genannt. In den Kämpfen des siebzehnten
Jahrhunderts, in denen die Pforte den Ausbreitungsgelüsten der Libanon-
fürsten ein für alle Mal ein Ende machte, wird auch die heute noch
als trotzige Ruine erscheinende Burg von Palmyra zerstört worden sein.
Ob die aus späterer nachrömischer Zeit stammende Thorburg des alten
Sonnentempels ebenfalls von einem Ma*n gebaut worden ist oder einer
früheren Periode des arabischen Zeitalters angehört, ist noch nicht
festgestellt worden.
Der türkische Reisende Ewlijä, welcher nach seiner eigenen Angabe
41 Jahre lang die verschiedensten muhammedanischen Gebiete bereist
und seine Reisen anscheinend 1670 abgeschlossen hat, führt Tudmur in
Gemeinschaft mit Saidä und Bcrüt als eine der drei Salianeh der osmanischen
Provinz Damaskus auf, d. h. als einen der Bezirke, welche angeblich
*; Vergl. Wood, 'l'he niins of Palmyra, otherwise Tadmor in the desert, London 1753,
No. 27, S. 13 und 31.
'; Vergl. Kap. IV dieses Werkes S. 146.
'1 Diener, Libanon, Grundlinien der phjiiachen Geographie ond Geologie von Mittel-
syrien, Wien 1886. S. 360, nennt die Barff ¥alaN|!yM|Mt||L.
20*
308 Kap. VIII. Zustände in der Palmyrene in unserem Jahrhundert.
eine jährliche »Allowance« erhalten*). Hag^i Chalfa giebt in seiner
1145 d. H. in Konstantinopel u. d. T. öihännuniä erschienenen Geo-
graphie einen Bezirk Tudmur an, der einst zu Hom§ gehört habe
und jetzt seinen eigenen Gouverneur besitze. Er teilt zum ersten
Male mit, dass der Salzsumpf von Palmyra fiskalisch ausgenutzt
werde *).
Die erwähnten englischen Kauf leute aus Aleppo fanden von sesshaften
Bewohnern nur einige wenige arabische Familien, welche innerhalb des
Sonnentempels in elenden Hütten wohnten*). Selbst räuberischer Gesinnung
und zu jeder Plünderung bereit, konnten diese Pal my rener sich nur mit Mühe
gegen die grossen Beduinenstämme der Syrischen Wüste halten. Dieselben
Verbältnisse werden uns immer wieder von allen Reisenden, welche in
der Folge bis in die jüngste Zeit Palmyra besucht haben, berichtet. Im
17. Jahrhundert verdrängten wohl die *Aneze die damals in der Palm>Tene
allmächtigen *Amrir-Beduinen, von denen sich Ueberreste bis auf den
heutigen Tag am Gebirgsrande der nach dem Euphrat zu streichenden
Ausläufer des Antilibanon erhalten haben*).
Der Besuch Palmyras war bis zur Mitte dieses Jahrhunderts ein
gewagtes Unternehmen. Es mussten zunächst verhältnismässig hohe
Summen für den Durchgang und eine entsprechende Begleitmannschaft
an die Schcchs der zu passierenden Ortschaften, sowie an die *Aneze
und an den Schcch von Palmyra gezahlt werden. Trotzdem kamen An-
griffe und Beraubungen nicht selten vor. Auch die englischen Besucher von
Palmyra im 17. Jahrhundert wurden bei ihrer ersten Reise (i. J. 1678)
gänzlich ausgeplündert und konnten nur mit Mühe ihr Leben retten. Seit
der mit Ende der 60er Jahre beginnenden Neuordnung der Dinge in der
Syrischen Wüste und in Mesopotamien sind diese Verhältnisse anders ge-
worden, und gegenwärtig ist der Besuch Palmyras, solange man sich auf
den gewohnten Karawane nstrassen hält, keine besonders gefährliche Reise.
Vollständig sicher ist die Umgegend des Ortes allerdings auch heute
noch nicht.
\' Vergl. Kvliya Effendi, Narrative of travels in Europe, Asia, and Africa in the scventecnth
centun', translated from the Turkish by Hammer, London 1850, Vol. 1 S. 93; verg^l. für
diese Zeit die weitere Notiz Quatremeres a. a. O., Bd. III. S. 256.
' Vergl. ^lihännumä, Oeographia Orientalis, a. d. Türkischen übersetzt von Nor-
berij, Lund 1S18, Bd. II, S. 335.
•\ Die Berichte, die zuerst in den Philosophical Transactions, London 1695, S. 83 — iio,
125— 137, 138—160, erschienen, sind im Jahre 1890 vom Palestine Exploration Fund nea
herausgegeben.
*^ Zu Abulfedas Zeit sollen die Tai bei Palmyra nomadisiert haben ^vergl Ritter a. a. O.
S. 1507'. Gegenwärtig sind die Ueberreste dieses einst so mächtigen Stammes an den
nordöstlichen Wüstenrand Mesopotamiens gedrängt. Vergl. Kap. XI dieses Werkes.
Kap. VIII. Die Ruiaen von Palmyra. — Die Säulenalleen,
309
Die uns erhaltenen Reste') des alten Palmyra sind ausser-
ordentlich zahlreich und machen auf den Beschauer einen überwältigenden
Eindruck, besonders auch deshalb, weil sie so ganz unvermittelt in der
Wüste ihm entgegentreten. Von der mehrere Kilometer langen Säulen-
halle, welche einst die ' Stadt in ihrer ganzen Länge durchzog, giebt
gegenwärtig noch eine stattliche Anzahl Säulen Zeugnis. Gekreuzt wurde
diese Säulcnallee von mehreren anderen Strassen, die gleichfalls von
Säulenreihen eingefasst waren. Die Säulen zeigen etwa in drittel Höhe Kon-
solen, welche in früherer Zeit die Statuen berühmter Männer getragen haben,
'von denen heute jedoch keine einzige mehr steht oder intakt zu Tage ge-
fördert worden ist. Die Säulen-Kapitale sind in einem eigenartigen, mit
dem korinthischen verwandten Stil gehalten. Ein prachtvolles Thor im
südöstlichen Teil der Stadt öffnet seine Hauptbogen einer unter rechtem
Winkel die Säulenallee kreuzenden Querstrasse, während durch zwei
'; Vergl. Seiff, Reisen in der asiatiachen TUrkei, Leipzig 1875; Socin-BäJeker a, b. ü,
.S. 3S0 St; Wrighi, An Account of Palmyra and Zenobia; das Kussische Prachlwerk des Fürsten
Abainelek-Lasarew , Archaeolo^ische Untersuchungen, l'elersburi; 18S5. .\eltere Litleratur
bei Ritter a. a. (). Bd. XVII. .S. 1508 ff. Wood Hiebt in seinen Tafeln in The ruins
of Falmyra othcrwise Tadmor in the Desert, London I753, vorzüf:liche Rekonstruktionen und
Zeichnungen einielner Bauteile und (Irnamenie, von welchen hier verschiedene wjeder-
U^egeben sind. Ohne Zweifel mus» zur Zeit seines Uesuches, im Jahre 1751, noch weit
mehr von den Ruinen erhalten {gewesen sein, was schon aus Vergleichen mit seiner Skizze
der via trinmphalis hervorgebt.
Aus den Ruinen
Kap. VIII. Uai Baum.
kleinere Bogen zwei Nebenstrassen Tuhren, die im spitzen Winkel die
via triuniphalis schneiden. Sämtliche Bauten von Palmyra bestehen aus
einem wenig widerslandsfahigen weissen Kalkstein'), der vielfach eine
{»eibliche Farbe angenommen hat. l^ie aus diesem Material hergestellten
Säulen haben in ihrem unteren Teil vielfach durch Erosion stark gelitten
und dadurch das Aussehen von angefaulten Baumstämmen erhalten.
Höchst auffällig treten dazwischen einige Granitsäulen hervor, deren
Herkunft ungewiss ist'}.
■; Nicht Marmor, wie es io m:
Talmyra vcrwemleleo KalksIelDi soIUd
* Von fachmänoischer Seile i
nordea. Thomson will .-illerilingB diese
an <ler Ostseile des ("lebel il A'ln bei .'^
achen Ruisebüchern heisst. Die Steinbrüche dei in
sich im Giebel il Abjai} befinden.
t Granit bisher in Syrien noch nicht nachgewieMD
;ieinirt um (';cbel il AVn' und Drake Homblendegnnil
Jimja ccfiinden haben >erj;l. Blinckenhorn, Gnmd-
iflge r
r Geologie und physikalischen Geographie
ird-S>Tien S, 9 und aj).
%f^ ^ ^ tür M vi^ $9^
Deckenstacke tat Palmyra (nach Wood).
Kap. VIII. Der SoDnentempel.
n Palmyra (nach Woc
Am Südende der Hauptstrassc steht der grosse Tempel, welcher
der Lokalgottheit von Palmyra, dem Sonnengotte Bei. geweiht war. Das
Tempelgebäude hatte einen gewaltigen Umfang. Es stand auf erhöhter
Terrasse und war mit Mauern umgeben, die 15— i6m hoch waren und
von denen jede einzelne auf der inneren Seite eine Länge von 235 m hatte ').
Heute ist der von den Mauern eingeschlossene Raum ein Konglomerat von
Trümmerresten,- aus denen aber noch ganze Säulenreihen, welche mit
Architraven geschmückt sind, emporragen. Auch sind noch mehrere
Deckenplafonds und VVanddekorationen erhalten. Ueber hundert Hütten
Deckenstücke
des modernen Palmyra haben in dem Tempel Platz gefunden. Sic sind
auf dem Schutt, der den Hoden oft mehrere Meter hoch bedeckt, er-
richtet oder malerisch zwischen herrlichen Bögen und Säulen eingebaut.
Als Material sind oft die wunderschönen Säulen, Kapitale und reich-
geschmückten Steine des alten Tempels verwendet. Ganze Strassen
ziehen sich bergauf bergab im Innern des Riesenbaues hin. Ein kleiner
', Ver;;). Socin-Büileker a. .
scheiat eiae t^ruBse Aehnlichkeic z
Bona et Flandin, Vojage en Pei
.U.S. 381. Der Grundriss des S
hibcD mit demjcai);m dei Tempel«
IC, Bd. I, PI. 23 und
ipd*
. V«El.
3'2
Kap. VIIL Der SonncDtempel.
Teil des Tempels muss in alter Zeit schon zu einer Moschee umgewandelt
worden sein, wir linden hier eine Sure des Korans in kußschen Buch-
staben, und da, wo vielleicht in alter Zeit ein Altar gestanden, sind jetzt
Gebetnischen für die Gläubigen angebracht'). Die am schönsten er-
haltenen Ruinenreste finden sich in dieser Moschee und deren nächster
Umgebung. Hier sieht man noch wunderliche Plafonds und Wand-
dekorationen mit Benutzung des Tierkreises und geometrischer Figuren,
die an orientalische Motive erinnern, femer zierliche Blumenguirlanden,
)' 1
1
v;i
die im Zeitalter dos reinsten Louis XVI entstanden sein könnten, Kapitale,
Reliefs und Dekorationen der mannigfaltigsten Art, deren buntes Durch-
einander an die strengen Formen der alten Klassik, die Muster des
Empire-Stils und die verschiedensten Formen der mittelalterlichen und
modernen Renaissance gemahnt. Die F'ronten einzelner Bauteile besitzen
eine auffallende Achnlichkeit mit manchen Fassaden unserer europäischen
Grossstädte. Auf der anderen Seite zeichnen sich die Aussen-Mauem
durch ihre gewaltige Einfachheit aus. Modernen Baumeistern wurde
Palmyra gewiss ein ergiebiges Feld lehrreicher Studien sein.
Vei^l. V. Kre
. MiUel-'iyrien und Daniaslcns S. :
Kap. Vni. GrablOmic.
313
Deutlich lassen sich die Spuren der späteren Umbauten der Tempel-
mauem erkennen, die nach der Bezwingung der Königin Zenobia immer
wieder als Festungswerke benutzt wurden. Die in muhammedanischer
Zeit errichteten Mauerteile bilden infolge ihrer weit roheren AusHihrung
einen lebhaften Gegensatz zu den Resten aus der alteren Zeit Das
heutige grosse Eingangsthor stammt aus der Periode des Islam. Es ist
mit einer langen arabischen Inschrift versehen. An der Stelle der einst
35 m breiten Treppe fuhrt heute eine holprige Strasse durch dieses Thor
in das Innere. Weit im Norden des Sonnentempels, fast am Rande des
hier vom Gebirge begrenzten riesigen Ruinenfeldes, ist noch ein anderer,
zierlicher Tempel in gutem Zustande erhalten.
Eine charakteristische Eigentümlichkeit von Palmyra bilden die
zum Teil reich mit Ornamenten ausgestatteten viereckigen Grabtürme,
Am den Ruinen von Palmyra (nach Wood".
welche die Erbbegräbnisse der vornehmen palmyrenischen Familien
darstellen'). Sie finden sich In dem Pass, der den Eingang zu Palmyra
von Westen her bildet, aber auch an der nördlichen und südwestlichen
Peripherie der Stadt. Die Türme sind mehrere Stockwerke hoch und
haben im Innern Kammern, die zur Aufnahme der Särge oder Aschcn-
urncn dienten. Wright*} hat eines dieser Grabgebäude, das •■Ka.'^r eth
Thuniyeh«, gemessen, es war iii engl. Fuss hoch und hielt unten 33' a,
oben 25,8 Fuss im Geviert. Der Turm hatte 6 Stockwerke und Ab-
teilungen für 4S0 Tote. Innerhalb der Kammern sind Darstellungen der
i; Vergl. Ritter n. .i. (>. Ttd XVII, ^. S. 1538 ff. und Wrighl a. n. O. S. 74 IT. Uebcr
weitere niedrigere und Säulen neschmUckte Grttl)dcnl(inäler, die vielleicht pymniideimrli|te
Anfiälze trugen und an die Dubese bei Rofta erinnern, vergl. Sucbiia u. s. O. S, 40.
»;■ a. >. o. s. 34.
3>4
Kap. V|[I. Grabtürme.
dort bestatteten Personen im Hochrelief angebracht, gewöhnlich mit In-
schriften, welche den Namen und das Todesjahr der Verstorbenen nach
der seleucidischcn Aera enthalten. Der Kunstwert dieser Reliefs —
meistens sind es Büsten — ist nicht besonders hoch, immerhin sind sie
von grosser Wichtigkeit für die Kenntnis des Typus und der Trachten
der alten Palmyrener, Bedauerlicherweise sind diese Büsten und Statuen
.\iis Jen kuiiieii vod l'almyra >ach Wooj;.
ein Hauptartikcl des orientalischen Antikenhandels in Syrien gewordeti.
Behufs leichteren Transports werden sie gewöhnlich zerstückelt und ver-
stümmelt und so in alle Welt 7,erstreut. Heutzutage findet sich kaum ein
einziges der Kcliefs noch an seiner ursprünglichen Stelle vor. Neben den
m
w
^
W
»
W\
m
f
r
p
p
^
r
E
p
e
:
w
p
p
p
r.
F
p
#
w
r
p
w
— 1 "-L_~S^^
Locoli mit BUitCD.
Grabtürmen liegen noch zahllo.se weniger monumentale Gräber verstreut.
Wright') fand u. a. eine nntcrirdischc oder im Schutt gelegene Gruft von
60 Fuss Lange, 27 hWs Breite und 7 -S I-'u.-^s Hohe mit je 9 Abteilungen für
Tote nuf beiden Längsseiten und 5 Abteilungen auf einer der Schmalseiten.
iJie andereSchnialseite scheint soinerZeichnung nach eineThüre aufgewiesen
Kap. VIII. PolmyrcDische Mumien. — Das Kal'at ibn Ma*n. 7 i r
ZU haben. Die Abteilungen glichen in ihrer Länge und den allgemeinen
Dimensionen den loculi der Grabtürme; sie waren jedoch an den Seiten
cementiert, und jede hatte 5 Gestelle (»shelves«) von hart gebackenem
Töpferwerk, welche in die Abteilungen hineinpassten und cementiert
waren. Auf diese Gestelle waren die einbalsamierten , mumifizierten
Leichen gelegt, derart, dass die Schädel mit Cement an der Wand
befestigt und die Füsse nach aussen gerichtet waren. Mumien sind
noch anderweitig in den Gräbern von Palmyra gefunden worden,
auch Reste von Haarflechten und Gewandstücken. Wright^) beschreibt
eine Mumie, welche sorgfältig in viele Lagen von Stoff gewickelt war,
dessen Gewebe und Farbe dem heute in Palmyra gebrauchten ähnlich
sah; eine einer Mumie angehörige Haarflechte, welche Wood'^) mit
nach England brachte, soll derselben Art gewesen sein, wie die Araberinnen
zu seiner Zeit ihr Haar trugen. Die Art der Behandlung der Mumien,
der dazu verwendete Balsam und der Stoff erinnerte Wood an die Ein-
wicklung und die Präparierung der egyptischen Mumien. Ein von Wright
gefundener, den palmyrenischen Tesserae in Farbe und Form sehr ähn-
licher Terrakotta- Scarabaeus trägt den Namen des egyptischen Königs
Tirhaka und die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Scara-
baeus ein Beweis dafür sei, dass die Eroberungen Tirhakas sich bis nach
Palmyra ausgedehnt hätten^). Vielleicht werden die Funde von Tel-
Amarna auch Licht in die vorrömische Geschichte Palmyras bringen.
Auf einer Bergspitze im Norden des Gräberthaies von Palmyra
ragt das mächtige Kastell KaVat ibn Ma*n auf, das, wie bereits
envähnt, die Lokaltradition einem Drusenfürsten zuschreibt. Ersichtlich
stammt der Bau in seiner gegenwärtigen Gestalt nicht aus der alten
palmyrenischen Zeit, sondern aus dem arabischen Mittelalter, wenn
nicht aus einer noch jüngeren Periode. Von der Höhe dieser Burg,
die sehr schwer zugänglich ist, da sie von einem 10 m tiefen, in
den Felsen gehauenen Wallgraben umgeben ist, über den seiner Zeit
eine Zugbrücke führte, geniesst man eine grossartige Aussicht über das
Ruinenfeld von Palmyra und die östlich von der Stadt sich aus-
dehnende Wüste, während nach Westen hin bei gutem Wetter die
höchsten Punkte des Antilibanon zu erkennen sein sollen. Gegen Ende
der sechziger und Anfang der siebenziger Jahre diente das Kastell
einer türkischen Besatzung als Kaserne und Lazareth.
Seine Existenz in der Wüste verdankt Palmyra zwei mächtigen
Quellen. Einige hundert Schritt südlich des Ausgangs des Gräberthaies
n a. a. O. S. 82.
*) a. a. O. S. 21 und 23.
") Vergl. Wright a. a. (). S. 87—89, und Birch in den Transnctions of the Society of
Biblical Archeology, vol. VII, S. 208.
ai6 Kap. Vin. QneUcD and BnmneD.
bricht aus einer tiefen Felsenhöhle ein Bach hervor, dessen warmes und
stark schwefelhaltiges Wasser man trinkbar macht, indem man es in
einem Gefass eine Zeit lang stehen lässt und dann nur den oberen Teil
vorsichtig wegschöpft Eine zweite Quelle mit besserem Wasser ent-
springt nördlich vom Sonnentempel, umtliesst den Bau auf der Nord- und
Ostseite und vereinigt sich im Osten desselben mit dem ersten Wasserlanf.
Diese beiden Bäche bewässern einen die Ruinenstadt im Süden und Osten
umgebenden Kranz von Gärten, deren üppig grünende Vegetation selbst
die Gluten der Sommersonne nicht versengen können und die inmitten
der Wüste mit ihren hohen Granaten, Feigen und Weinanpflanzungen,
zwischen denen sich malerisch einige Dattelpalmen geltend machen, einen
bezaubernden Findruck hervorrufen. Den Gärten schliessen sich Ge-
treidefelder an, die nach Siidosten sich etwa 20 Minuten weit hinziehen.
Für die Bedürfnisse des alten Paimyra genügten diese beiden
Quellen samt den zahlreichen Brunnen, von denen noch heute mehrere
erhalten sind, jedoch nicht. Damals war eine Wasserleitung angelegt
worden, die aus einem Stauwerk Quell- und Regenwasser der Stadt
zuführte und deren Spuren sich durch das Gräberthal bis in das Gebirge
nach Nordwesten hinauf verfolgen lassen; ausserdem dürfte jedes Haus
eine Sammelstelle für den Regen besessen haben.
Die Triimmcr von Paimyra sind bisher nur sehr wenig durchforscht,
weil die alte Stadt von einer vielfach mindestens 3 m hohen Sand- und
Trünimerschicht bedeckt ist. Wenn schon auf der Oberfläche so zahl-
lose, höchst wertvolle Inschriften und Haureste gefunden sind, so lässt
.sich mit Sicherheit schliessen, dass rationelle Ausgrabungen der Wissen-
schaft reiches Material liefern würden,
gerade weil sehr bald nach der Zer-
störung die ausgedehnten Trümmer sich
mit Sand bedecken mu.ssten und weil seit
nunmehr über 15 Jahrhunderten hier und
in der nächsten Nähe keine grössere An-
siedelung gestanden hat. Allerdings dürfte
der Wiederaufbau unter Justinian schon
viele antike Monumente vernichtet haben,
und auch die gegenwärtig sich vollziehende
Vergrösserung des Ortes wird den zu Tage
stehenden Bauresten ohne Frage grossen
Schaden thun; sind doch neue Ansiedler,
welche die antiken Reste als Baumaterial
und zum Kalkbrennen verwenden, die
gefährlichsten Feinde der archäologischen
Forschung. Desto wünschenswerter ist es.
Schech MutniDTncl 'Abdallnh
II
Kap. Vin. Das moderne Tudmur. ßlj
dass die unter dem Sande schlummernden Schätze nun bald in ziel-
bewusster Arbeit aufgedeckt werden. Der grosse Wohlstand der alten
Stadt bürgt dafür, dass neben Steininschriften, Papyros u. s. w. auch
Gegenstände des täglichen Gebrauches und des Kunstgewerbes zu Tage
gefördert werden würden, welche von der Geschichte und dem Kultur-
zustand der merkwürdigen , an der Grenze der griechisch - römischen
unjl der orientalischen Civilisation gelegenen Oase sichere Nachrichten
geben würden.
Die heutigen Bewohner von Palmyra sind sesshaft gewordene
Beduinen verschiedener Stämme. Dem geringfügigen Karawanenverkehr
in der Syrischen Wüste, der gegenwärtig von Damaskus über Palmyra
geht, um in Der ez Zör den Euphrat zu erreichen, stehen die Palmyrener
fern, höchstens sind sie an den Transporten des Salzes urid der Pott-
asche in der Nachbarschaft der Oase beteiligt. Im übrigen bebauen
sie die im Südosten der Stadt gelegenen Aecker und arbeiten an der
Ausbeutung des Salzsees. Die Mehrzahl der Einwohnerschaft wohnt auch
heute noch innerhalb der schützenden Mauern des Sonnentempels. Vor
einigen Jahren ist zur Erhöhung der Sicherheit eine grosse Kaserne —
aus antikem Material — vor dem Nordwestende des Sonnentempels er-
richtet worden. Seitdem hat sich der Ort nach Osten und Norden, zumal
aber nach der Westseite zu, nicht unerheblich vergrössert. In diesem
letzteren Stadtteil befindet sich eine Schule mit einigen 20 Kindern, ferner
das Haus des Schcch Mohammed 'Abdallah Ibn *Arük^), welcher durch
seine Begleitung verschiedener europäischer Reisenden bekannt geworden
und zu grossem Wohlstand gelangt ist. Gegenwärtig soll die Einwohner-
zahl Palmyras wieder auf etwa 1500 Seelen gestiegen sein. Zu meiner
Zeit bestand die Besatzung der Kischla nur aus wenigen Zaptije mit
einem Lieutenant. Die türkische Autorität wurde durch einen Mudir
repräsentiert, der dem Mutesarrif von Der ez Zör unterstand. Palmyra
soll vor einigen Jahrzehnten trotz der damals noch geringeren Anzahl
seiner Einwohner ein lebhafter Markt gewesen sein, auf welchem die
Beduinen der Wüste ihre Bedürfnisse deckten; in letzter Zeit hat der
Ort jedoch seine Bedeutung als Handelsplatz an das mehr und mehr
aufblühende Der ez Zör verloren. Der gegenwärtige kleine Bazar mit
einem halben Dutzend Läden dient nur den lokalen Bedürfnissen.
^' Der Ortsbezirk von Palinvr:i hat zwei anerkannte Schechs.
^
IX. KAPITEL.
Von Palmyra durch die Syrische Wüste
zum Euphrat.
Aufbruch von Palmyra. — Der Salzsee. — Der liainäd. — Höhenzüge im Hamäd. — Erek. —
Suchne. — II Mubetir. — Eine Karawane in der Steppe. — F.itu Morg-ana. — II Gabäi»ib.
— Ankunft in Der ez Zur am Euphrat. — Der ez Zur einst und jetzt. — Der Ver\vahunirs-
bczirk von ed Der. — Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mutesarrif Sälib Pascha.
Na'ura und (iird.
Am Nachmittage des 27. Juli brachen wir von Palmyra auf, um auf der
durch die früher erwähnten Chane markierten Karawanenstrasse nach Der
ez Zor weiter zu marschieren. Während unsere Lastkarawane direkt ostwärts
zog, machte ich mit meinen berittenen Begleitern zunächst einen Ab-
stecher nach Südsüdosten, um dem in einem grossen Halbkreis sich um
die Stadt herumziehenden Salzsee (arabisch Sabcha A?fc--j oder Mam-
laha <Pt!L/) einen Besuch abzustatten. Xach einem Ritte von einer halben
Stunde durch Gärten und Felder, und dann fast ebensoweit über Steppen -
boden, gelangten wir an den Rand des Sees, der hier etwa einen Kilo-
meter breit war, während seine Gesamtlänge 7 — 8 km betragen dürfte.
Der Salzsumpf von Palmyra ist eine ganz flache Einsenkung zwischen dem
Stadtgebiet und dem namentlich nach Süden zu etwas ansteigenden
Wüstenterrain. Dergleichen Salzseen giebt es in Syrien und Mesopo-
tamien eine ganze Anzahl, doch werden nur wenige auf das Sak
ausgebeutet, in Syrien nur die Seen von Gerüd, Aleppo und Palmyra.
Die Salzgewinnung ist in der Türkei Staats- Monopol. Am Rande
des Sees waren flache Gruben angelegt, in denen sich das sehr stark
mit Salz gesättigte Wasser sammelt. Die Soole wird, nachdem sie
eine Zeit lang sich selbst überlassen geblieben ist, mit Eimern heraus-
Kap. IX. Der Salzsee von Palmyra. — Der Hamäd. 5 IQ
geschöpft und auf die feste Erde gebracht, wo das Wasser bei der
grossen Sonnenhitze rasch verdunstet. Das so gewonnene Salz ist aus-
gezeichnet. Die Arbeit wird von den Fellachen von Palmyra verrichtet.
Am Ufer des Sees befinden sich mehrere kleinere Wachthäuschen, in
welchen im ganzen 15 bis 20 tscherkessische Soldaten stationiert sind,
um die Ausbeutung durch Unberechtigte zu verhindern. Diese Posten
stehen durch Patrouillen mit der Besatzung von Palmyra in Verbindung.
Wir zogen am Rande der Sabcha entlang, bis wir, nach halb-
stündigem Marsche in NO. -Richtung, die nördhchsten, schmalen Aus-
läufer des Sees durchreiten konnten, wobei unsere Pferde an einzelnen
Stellen noch bis an die Kniee in den sumpfigen Grund einsanken. Kindlich
hatten wir wieder den festen Boden des Hamäd unter den Füssen.
Die Bezeichnung »Wüste< trifft nicht den eigentlichen Charakter
des Hamäd. Der arabische Name bedeutet vielmehr eine Steppe, die,
wenn ihr das nötige Wasser zugeführt werden könnte, in vielen Teilen
der Kultur zugänglich wäre. Die Anbaufähigkeit des Hamäd wird be-
wiesen durch den reichen Graswuchs, der im Frühjahr überall dort spriesst,
wo genügendes Wasser vorhanden ist, sowie durch die oasenartigen Gärten,
die in der Nähe der wenigen Quellen entstanden sind. Nur da, wo der
den Untergrund bildende Gips- oder Kalksteinboden zu Tage tritt, oder
wo Sand übergelagert ist, bleibt die Syrische Wüste dauernd steril.
Im allgemeinen senkt sich der Hamäd von Westen nach Osten
zum Euphrat hin, stellenweise, namentlich im nördlichsten Teile, dacht
er sich nach Süden hin ab; nach dieser Richtung hin führen die
zahlreichen Regenschluchten, von denen er durchfurcht ist und die
ihm häufig ein wellenförmiges Aussehen geben. Eine starke Tagereise
vor dem Euphrat steigt das Terrain wieder plöt/.hch an, um dann
dicht am Flusse jäh in die Thalebene abzufallen. Das Wasser der zahl-
reichen Regenschluchten sammelt sich teils in grossen, natürlichen, teich-
artigen Mulden (Radir j JiP), in welchen es jedoch bald wieder verdunstet
teils vereinigt es sich zu grösseren Regenbächen, wie dem Wädi Rarra
S^ (3'^^J und dem Wädi Haurän '^J^ e^^^J» welche ihr Wasser dem
Euphrat zuführen.
Im Winter und Frühjahr, während und nach der Regenzeit, wenn
die Steppe von grünender Vegetation überzogen ist, finden sich dort
zahlreiche Beduinenlager und Gazellenherden; sobald jedoch der Pflanzen-
wuchs verdorrt, ziehen die Beduinen an den Steppenrand in die Nähe
bebauter Gegenden oder an den Euphrat, wo sie auch während des
Sommers W'asser und Futter für ihre Kamele und Schafherden finden,
und ihnen folgen die Gazellen, ein Verhältnis, welches auch arabische
120 Kap. IX. Höhenzüge im Ilamäd.
Sprichwörter bezeichnen. Der Hamäd wird dann zur Einöde, zur »Wüsten-
steppec, in welcher nur an einigen wenigen besrimmten Orten in künstlich
geschaffenen Cisternen, Ziehbrunnen oder in einer kleinen Anzahl von
spärlichen Quellen Wasser zu finden ist. Wegen des W^assermangels
und aus Furcht vor den Kazu der Beduinen, die ebenfalls auf die
wenigen Wasserstellen angewiesen sind und denen daher kaum aus-
gewichen werden kann, wird der Hamäd im Sommer selten von Kara-
wanen durchzogen.
Der Charakter der Syrischen Steppe als Ebene wird unterbrochen
durch grössere und kleinere Erhebungen, deren bedeutendste der Höhen-
zug ist, welcher das von Damaskus nach Palmyra sich erstreckende
Gebirge nordöstlich bis zum Euphrat fortsetzt. Unweit südlich dieses
Gebirgsrückens, welcher sich auch jenseit des Euphrat in Mesopotamien
noch eine Strecke weiter fortsetzen soll und in seinen einzelnen Teilen
verschiedene Namen trägt, führt die Damascener Karawanenstrasse nach
Der ez Zör. Zwischen Palmvra und Erek hat diese Höhenreihe den Namen
Ciebel il 'Amur, so genannt wohl nach dem Beduinenstamm der 'Amur
j^>^, die seit langer Zeit in der Syrischen Wüste zu hausen scheinen
und von den 'Aneze in diese Gebirgsgegend verdrängt worden sind.
Um 4^2 Uhr hatten wir nach unserem Abstecher zu dem Salzsee
die Karawanenstrasse wieder erreicht und nun zu unserer Linken den
Gebel il KotUir jlkAM U>., einen Teil des (lebel *Amür. Direkt süd-
lieh von uns erblickten wir in grösserer Entfernung den Teil il F'irä
\ ,£^ t, hinter welchem in noch weiterer Ferne der (iebel il Ruräb
K^\ jMü^ U>- sichtbar wurde, der nicht weit von der direkten Wüsten-
postStrasse Damaskus-Bardäd liegt und bereits von Huber passiert wurde.
In der Nähe des (^ebel il Ruräb, jedoch mehr südwärts, soll sich eine
*Ain il 'Ulewijat Ol ^-U^ 'ap genannte Quelle befinden.
Um unsere Karawane, die in der einsamen Steppe immerhin Ge-
fahren ausgesetzt war, einzuholen, mussten wir ihr in beschleunigter
Gangart folgen, so dass die Strecke nach Erek in verhältnismässig kurzer
Zeit zurückgelegt wurde. Um S Uhr IG Min. hatten wir zur Linken eine
Einscnkung des Gebirges, hinter welcher die Quelle *Ain il Kottär
(^Tropfquelle-^) liegen soll. Nördlich davon wurde eine weitere Quelle
genannt: *Ain il Malluh -^jU^ j/s^ (»Salzquelle«). Im Süden erschien
ein Plateau, dessen dunkle Farbe sich von dem Grau weiss des
Kap. IX. Erek. 32 1
Hamäd auffallend abhob; östlich davon ragte der Gebel i<J Dob*
AJUtf)\ lx>- (»Hyänenberg«) aus der Ebene hervor.
Die Fortsetzung des Gebel il Kottä** wurde von 5 Uhr 20 Min. an
als tiebel it Tuletuwäh dl^^iil^l Ja>- bezeichnet, hinter dem eine Parallel-
kette, Gebel Abu 'd Duhür Jj^\ y\ Ja> (»Rückenberg«) genannt,
sichtbar wurde. Bald darauf passierten wir ebenfalls links eine am Fusse
des Gebirges gelegene Chan-Ruine, das Ka§r il Ahmar y^ii\ y-a^ (»das
rote Schlosse). Von demselben sind nur mehr die Reste der Grundmauern
vorhanden, welche ein im Vergleich zu anderen Chanen nicht sehr be-
deutendes Viereck bilden. Nachdem wir drei ausgetrocknete Wädis über-
schritten hatten, langten wir gegen 7 Uhr 15 Min. in Erek iJjl an.
Die Hauptrichtung des Marsches von Palmyra nach Erek war zunächst
ONO., zuletzt ganz östlich gewesen.
Das Dörfchen Erek liegt in einem kleinen, von niedrigen Höhen
umgebenen Thalkessel und enthält gegenwärtig 15 bis 20 von Fellachen-
familien bewohnte Häuser. Wenige Minuten nordöstlich steht auf einer
kleinen Anhöhe eine Kischla, in der einige Zaptije stationiert sind. Da
die westlich von dieser Kischla gelegene Quelle, die einzige des Ortes,
wenig wasserreich ist, so hat die Ansicdlung niemals gross sein können.
Das Wasser ist schwefelhaltig, aber nicht in dem Masse wie das der
Quelle von Palmyra. Peinige »Karm«, Weinfelder, und kleine Flecken
Ackerland sind alles, was an Kulturland zu sehen ist. Mehrere un-
bedeutende Ruinen zeugen davon, dass schon im Altertum hier
eine Niederlassung bestanden hat. Ptolemäus, Tabula Pcutingerana
und Notitia dignitatum kennen bereits den Ort als \A6aya (statt
14^a;|ra), Harae (statt Harac) und Anatha oder Aratha (statt Aracha)*).
In neuerer Zeit wird Erek zum erstenmal erwähnt von Halifax und seinen
Begleitern, Mitgliedern der englischen Ilandelsfaktorei von Aleppo, welche
anlässlich ihrer Expedition nach Palmyra im Jahre 1691*) auf ihrem
Rückweg die von mir gewählte Route bis Suchne eingeschlagen haben.
Der Name wird von ihnen Yarecca geschrieben, das den Reisenden
an Ort und Stelle merkwürdigenveise dahin erklärt wurde, dass es von
einem Siege der Türken über die Mamluken sich herleite. Nach diesem
*) VerjTl. Moritz a. a. (). S. 26; ferner Inschrift No. 634 in Stcrrett, The Wolfe
Expedition, Papers of the American school of classical studies nt Athens, Vol. III 1884/ 1885.
^) Verjrl. Kap. VIII dieses Werkes S. 308; Ritter a. a. O. Bd. X, S. 1095. Bd. XVII, 2.
.S. 144 1; Palestine Exploration Fund 1890 S. 295 ff.
Frhr. v. Oppenheim, Vom Mittelmeer ^um Pertischen Golf. 21
^22 Kap. IX. Zwischen Erek und Suchne.
Bericht mussten die wenigen Einwohner damals die Summe von 300 Dollars
an Assyne-abasse (jedenfalls Husen *Abbäs), den »König der Araber<,
zahlen. Leider haben die Reisenden verabsäumt, sich nach dem Namen
des Tribut heischenden Stammes zu erkundigen, so dass nicht zu ent-
scheiden ist, ob mit diesen Arabern schon die *Aneze gemeint sind,
deren Einwanderung in die Syrische Wüste damals begonnen haben
muss, oder ob es noch die alten Beduinen des Hamäd waren. Wir
selbst fanden ein Zeltlager von Benu *Amür bei der Kischia von Erek
aufgeschlagen.
Am folgenden Tage um 7 Uhr 40 Min. morgens traten wir
den Weitermarsch in NNO. -Richtung an und hatten um 8 Uhr
den Rand des Thalkessels erstiegen, in welchem Erek liegt. Unsere
Marschrichtung blieb von jetzt bis zum Sonnenuntergang NO.
Um 8 Uhr 40 Min. lag die Ruine des Chan it Tumcd JU%i)\ j\i
links von der Strasse, gleichzeitig überschritten wir einen Wädi gleichen
Namens. Um 9 Uhr 10 Min. ging es über den Wädi ir Ramämil
|u^U^^ ^^Ij, während links in einiger Entfernung der Höhenzug des
öebel il Läbide iJü^Ul L>- sichtbar wurde M.
Um 1 1 Uhr 5 Min. fanden wir zu unserer Linken ein rechteckiges
Wasserreservoir von 7 : 10 m, daneben einen Schutthaufen, sowie die
Grundrisse von Häuserruinen und zahlreiche Gräber; Umstände, die auf
eine «grössere Niederlassung aus muhaniniedanischcr Zeit schliessen
lassen. Darauf deutete auch die Form des (irabschmuckes hin, welche
dieselbe war, die noch heute in vielen muhammedanischen Städten des
Orients üblich ist: zwei aufrecht stehende Steinplatten am Kopf und am
Küssende, und eine dritte, zwischen beiden auf dem Grabe liegende
ähnliche Platte. Im vorliegenden Falle waren diese Platten von dunkler
Farbe. Um 11 Uhr 40 Min. rasteten wir in der Steppe am Abhang
einer kleinen, rechts von uns beginnenden Anhöhe. Von hier aus
konnten wir am Fusse des links von uns sich hinziehenden Gebirgs-
zuges deutlich mehrere grosse Bäume erkennen, die uns als Butm
(Pistacia terebintus) bezeichnet wurden; im Westen wurde in einiger
Entfernung der Oiebel Dabbäs . t^l^ L>- sichtbar.
Um 3 Uhr 55 Min. brachen wir von unserm Lagerplatz wieder auf,
und um 4 Uhr 15 Min. hatten wir den Chan il Kuleilät O^^J^'^ o'^
V Cernik, Technische Studien -Expedition durch die Gebiete des Euphrat und
Ti$^ns in Pctcrmanns Mittcilungenf Ergänzunp^sheft 44, 45« verzeichnet hier einen OebeL L£bdi.
Kap. IX. Suchne. ^23
ZU unserer Rechten. Kurz darauf passierten wir eine kleine verfallene Kubbe,
nach welcher der rechts von uns bis nachSuchne streichende, schon erwähnte
Höhenzug Tulül il Kubbe <Ju\ J^ genanntwird. Die zu unserer Linken sich
hinziehende Höhenkette wurde uns hier als öebel id Däbik ciA>.UÄ)\ L>.
bezeichnet, ein Name, der für das Gebirge bis über Suchne hinaus bei-
behalten wird. Hinter 'dem öebel id Däbik erblickten wir den
öebel il Mul^eibra SjjuÜl L>- (»Berg mit kleinem Kirchhof«). Um 5 Uhr
30 Min. überschritten wir den Wädi il Kebir j)Si\ (^^\j und langten
kurz vor 6 Uhr in Suchne AliJl an.
Suchne, »die Heisse«, hat seinen Namen von den in nächster
Nähe des Ortes entspringenden warmen Schwefelquellen, deren Wasser,
nachdem es längere Zeit gestanden hat, freilich von schlechtem Geschmack,
aber dennoch trinkbar ist. In der Nähe der Quellen haben sich Tümpel
gebildet, die den Bewohnern des Ortes zum Baden dienen^). Bereits in
alter Zeit hat hier eine Stadt bestanden, Namens Cholle^). Im Jahre
1850^) sollen die Leute von Suchne im Stande gewesen sein, 400 Flinten
ins Feld zu schicken. Der deutsche Arzt Bischof*), der im Jahre
1873 auf seiner Reise von Aleppo nach Palmyra Suchne berührte, giebt
an, dass die Einwohnerzahl noch für den Anfang der sechziger Jahre
auf 1200 bis 2000 zu schätzen sei, während er selbst nur noch 600 bis
700 Menschen vorgefunden hat. Seitdem ist die Einwohnerzahl noch
mehr zurückgegangen, und man versicherte mir, dass die Aus-
wanderung, die sich mehr und mehr nach den grossen syrischen Städten
Aleppo, Hamä und Hom§, aber auch nach Der ez Zör hinwendet,
weiter fortdauere. Das moderne Dorf dürfte etwa 100 Häuser umfassen;
auch von diesen steht eine ganze Anzahl leer. Die heutige Einwohner-
schaft lebt in überaus dürftigen Verhältnissen, kaum dass das dem eigenen
Bedarf genügende Getreide angebaut wird. Der Rückgang des Ortes ist
wohl vor allem dem Emporkommen von Der ez Zör zuzuschreiben, in
welchem sich jetzt der Handel der ganzen Wüste koncentriert, während früher
Suchne ebenso wie Palmyra ein Markt für die Beduinen gewesen ist.
*) Der Tümpel, in welchem meine Pferde ß^etränkt wurden, muss eine grosse Anzahl
▼on Blutegeln enthalten haben, die sich im Rachen der Tiere weiter entwickelt und fort-
gepflanzt zu haben scheinen. Jedenfalls fanden sich seit unserer Abreise aus Suchne bei
mehreren unserer Pferde wochenlang im Munde diese E^el vor.
'} Verjjl. Kitter, Erdkunde, V. Teil, 3. Buch, Berlin 1843, S. 1091 und die Aus-
führungen von Moritz a. a. O. S. 27.
■) Verjjl. V. Kreracr, Mittelsyrien und Damaskus, S. 200.
*) Verj^l. Bischof, Reise von Palmyra nach Aleppo, pnbliciert von Prof. Sachau im
Globus, Bd. XL, No. 23, S. 363.
TB?
324 Kap. IX. Straisen von Suchne durch die Wüste.
Eine grosse befestigte Kischia mit ziemlich starker Garnison schützt
Suchne gegen feindUche Razu.
Im Norden Suchnes haben in römischer Zeit nach dem Euphrat
hin verschiedene kleinere und grössere Städte bestanden; auch in der
Zeit des arabischen Mittelalters war die nördliche Palmyrene zum Teil
von einer sesshaften Bevölkerung bewohnt. Gegenwärtig dürften hier
nur mehr die Ruinen der früheren Niederlassungen anzutreffen sein.
Von Suchne aus zweigen sich verschiedene Strassen ab. Die eine, welche
Dr. Bischof begangen hat, führt durch die von verschiedenen Höhenzügen
unterbrochene Steppe in NW.-Richtung nach Aleppo, eine zweite, unlängst
von Oestrup*) erforschte, geht direkt nördlich nach it Taijibe und weiter
über ir Resäfe A3\^j\ zum Euphrat nach Rakka, während die dritte, von
uns benutzte, in nordöstlicher Richtung den Euphrat bei Der ez Zör erreicht.
Nachdem wir mit dem schlechten Schwefelwasser den Wasser\-orrat
in unseren Schläuchen ergänzt hatten, traten wir am 29. Juli um 8 Uhr
morgens den zweitägigen Marsch nach der nächsten Wasserstelle Bir
Kabäkib (ausgesprochen Gabägib) ^^\i jm an. Rechts öffnete sich als-
•
bald der Blick nach Süden in den unendlichen Hamäd, während auf der
linken Seite der (iebel icj Dähik, der stellenweise ziemlich steil zur Ebene
abstürzt, uns weiter begleitete. Um 9 Uhr 5 Min. hatten wir den Teil
il Maijaliit O^ vJL^ t zu unserer Rechten. Gegen 9 Uhr 40 Min. be-
gann links beim Weg eine lange Hügelreihc, (icbcl id Duwebik
st\^ ya^\ L>- genannt, die in ONO.-Richtung verläuft und sich in zwei
Höhen scheidet. Das Ende der ersten, die von weisslichem Ansehen
ist, erreichten wir um 11 Uhr 30 Min., das der zweiten, welche rötlich
schimmert, gegen 12 Uhr 5 Min. Um diese Zeit machten wir Mittags-
rast bis 3 Uhr 35 Min. Um 4 Uhr lag rechts weit ab in der Steppe
der (iebel in Negib ..^..^tl'^ L>-, bei welchem sich ein um diese Jahres-
zeit ausgetrockneter Brunnen befinden soll; 4 Uhr 40 Min., gleichfalls
rechts, der debel il Huweb ^^' «J^ L>-. Um 5 Uhr 45 Min. entfernte
• ^^
sich das Ciebirge zur Linken mehr und mehr von der Strasse und nahm
hier den Namen Gebel il Hi.schri ^^.Jji^ L>- an; dieser Höhenzug stösst
*' VergL ( >estrup, Historisk topogratiske Bidra«; til Kendskabet til den syriske Örken,
Kopenhai^en 1S05 Schriften der Kgl. ninischen Wiss. Ges. ö. Reihe, Hist.-phiL Abteüunj^ IV, 2>.
Die Ergebnisse einer Reise, die Professor Ilartmann in die Palmyrene untemathm und aber die er
bisher nichts publiciert hat, sind in der diesem Werke beiire^ebenen Kiepertschen Karte
Ka|>. I\. II Mubiiti
325
eine Tagereise nördlich von cd Der tin den Kuplirat und soll sich jenseits
des Stromes in Mcsoj>otamien bis zum 'Abd el "A/iz fortsetzen.
Um ft Uhr 40 Min. lant,rten wir in il Miilitifir yLsi* an. Der Xame
bedeutet den lOrt, wo (irabungen voffjenommcn worden sind«. Hier,
etwa halbwegs zwi.schcn Suchne und Kabal>ib, hat die Regierung vor
einigen Jahren in einer Uodensenkung den nach 60 m tiefen Bohrungen
noch erfolglosen Versuch gemacht, einen ßnmnen ku graben, um den
Karawanen die Möglichkeit zu geben, auf dieser gefiirchteten Strecke
Das Was
Wasser -m nehmen. Das ISohrloi
einer anderen Minscnkuiig Radu' ii
W'a.-sc
lag etwa eim- -Stinide hinter
IVr ^\ jJS. ( VogeltiimpeU).
welche in der Regenzeit viel \\'a>ser halten soll, sich aber zu cneiner
Zeit in keiner Weise von dem übrigen .Stej>]ienteirain llnl^■r^chied. .An
beiden Stellen sollen sich in fnilicrcr Zeit Itrunnen befunden h;ibcn,
welche offenbar versehiittet worden und jel/t nicht mehr jviiftindbar sind.
Wir marschierten an diesem Tage bis ;■ Uhr 30 Min, abenils und
lagerten dann in einer ausgedehnten llin-enkung mitten in der Wiiste,
in der Nähe einer gro.s.scn, von '.Xgel g(-fuhrten liandclskaraivanc, die
etwa 120 Kamele zählte und von Hardäd mit Teppichen nach liiima-^tvvs
^
226 Kap. TX. Eine Karawane in der Steppe.
angeblich bereits seit 40 Tagen unterwegs war. Sie marschierte nur
nachts wenige Stunden und rastete während des Tages. Die *Agel
w-aren ergraute Karawanenleute; mit den hier gewöhnlich streifenden
Beduinen waren sie gut bekannt, sie zahlten Chüwe an sämtliche
Stämme, denen sie begegneten. Ihr Lager war derartig aufgeschlagen,
dass die wallartig zusammengeschichteten Ballen eine Seite eines Recht-
ecks ausmachten, während die Kamele, deren Vorderbeine am Knie zu-
sammengebunden waren, zwei andere Seiten bildeten. Die Tiere standen
mit den Köpfen der Innenseite des Lagers zugewendet und empfingen so
ihr abendliches Futter. In der Mitte des Lagerplatzes hockten die *Agcl
um ein Feuer, an welchem sie ihr Brot gebacken hatten und ihren Kaffee
kochten. Mehrere Wachen (Nätür jj^\)) umkreisten unausgesetzt den
Lagerplatz und Hessen von Zeit zu Zeit den allen Wüstenreisenden be-
kannten leisen und feinen Pfiff hören. Noch stundenlang sass ich mit
ihnen am Feuer und hörte ihren Räuber- und Pferdegeschichten zu, den
beliebtesten Themen aller Karawanenführer. Kurz vor Mitternacht brach
die Karawane auf. Lautlos wurden die Tiere beladen und ebenso lautlos
setzte sich der ganze grosse Zug gespensterartig in Bewegung. Die
Kamele waren aneinandergebunden und zogen einzeln hintereinander
her. Trotz der mondhellen Nacht waren sie schon nach wenigen Minuten
unseren Blicken vollständig entschwunden.
Um 6 Uhr 35 Min. verliessen auch wir unsere Lagerstätte, und zwar in
nordöstlicher Richtung. Zu unserer Rechten lagen in grösserer Entfernung
der öebel il Hcl L>.^ L>. und der öebel il Murabba* ^ 1\ L>-. Um
8 Uhr 45 Min. befanden wir uns auf der Höhe einer leichten Terrainwelle und
sahen in weiter Ferne die Kischla von Gabägib vor uns liegen. Getrennt
von ihr waren wir durch eine mehrere Stunden lang sich hinziehende
Thalmulde, Namens il Fcdät OIJa.oM, in die wir jetzt hinabstiegen, so
..
dass uns die Aussicht auf die Kischla bald wieder entzogen wurde.
Auch der Cebel il Bischri war von dem vorenvähnten, hochgelegenen
Punkte aus wieder gut sichtbar geworden, und dahinter erschien ein
ihn überragender Berg, der deshalb den Namen Gebel in Näzira
Ä^iiu\ [^ (»der Ueberragende«) führte. Um 9 Uhr passierten wir den
wasserlosen Wädi id Dafajin JfliJ^ c5^^ J » ^^ welchem sich links vom
..
Wege ein Ziehbrunnen Bir il Kutebät OLxiXJ^ »m befinden soll, und
zwar in der Schlucht des gleichnamigen Berges, auf dem der Wädi ent-
springt.
Kap. IX. Fata Morj^^a. — II Gabaf^b. 327
Wiederholt hatten wir während unserer Wanderung durch die
Wüstensteppe Luftspiegelungen, verursacht durch die intensive Sonnen-
glut, erblickt: Die niedrigen Terrainwellen erschienen als gewaltige
Gebirgsrücken, die kleinen, kümmerlich gedeihenden Wüstenstauden als
breitwipfelige Bäume, ausgetrocknete Tümpel als blinkende Teiche und
Seen. Besonders deutlich war die Fata Morgana an diesem Tage, als
wir um 9 Uhr 30 Min. den tiefsten Punkt der Fedät erreicht hatten: Eine
längliche Hügelkette schien sich vor uns zu spalten und den Ausblick
auf ein dahinterliegendes Thal mit einer grünen Oase zu eröffnen. Als
wir die Terrainwelle weiter emporstiegen, verschwand das leckende
Trugbild.
Um 9 Uhr 45 Min. befanden wir uns an dem ausgetrockneten Wädi
Sch*aib id Dafajin (jvijjl .„^^^.^ <^^^J» ^o Uhr 20 Min. hatten wir
das Ende der Thalmulde erreicht und begannen auf das Plateau hinauf-
zusteigen, das sich von hier bis an das Euphratthal erstreckt. Am
obersten Rande erhebt sich die Kischla von Bir Gabägib, bei der wir um
12 Uhr 55 Min. ankamen. Der Boden besteht hier meist aus Gips, der zum
Teil in glänzenden Kristallen zu Tage tritt. Diese Formation setzt sich
durch das ganze nördliche Mesopotamien bis zum Tigris hin fort.
Wenige Schritte von der Kischla entfernt liegt der Brunnen, der
sehr alt sein muss, denn in seine Steinumrandung haben die Seile
der Schöpfeimer besonders starke Rillen eingeschnitten. Die Tiefe des
Brunnens beträgt über 20 m. Das Wasser ist zwar infolge des Gipsbodens
bitter, schmeckt aber doch viel angenehmer als das schwefelhaltige
Wasser von Suchne. Gabägib (Kabäkib) wird schon von alten
Historikern, z. B. Abulfeda, als Brunnen genannt, es war damals die
letzte Station auf dem Wege von Syrien nach Rahaba. Etwa eine Stunde
westlich sollen sich die Reste einer alten Wasserleitung befinden, die zu
einem Sammelbecken in der Ebene il Chabra ij^\ führte ^) Die
Kischla von Gabägib ist ein kleines Gebäude mit engem Hof und
bietet höchstens einem Dutzend Soldaten Unterkunft. Zu meiner Zeit
befanden sich nur drei Mann dort, der Proviant wird ihnen wöchentlich
von ed Der zugeführt.
Neben dem Bir sahen wir ein lahmes, verschmachtendes Kamel
liegen, welches als nicht mehr marschfähig von einer Karawane hier
zurückgelassen worden war. Die dienstuntauglichen, hilflosen Tiere werden
sich selbst überlassen und oft noch bei lebendigem Leibe von Geiern
oder Schakalen zerfleischt. Es gilt als Sünde, den gequälten Wesen
den Gnadenschuss zu geben.
^ Vergl. Lady Anne Blaut, Bedouin tribes of the Euphrates, London 1879. Bd. II, S. 33. ^^
9 28 Kap. IX. Das Terrain vor dem Eaphrat.
Am nächsten Morgen verliessen wir um 6 Uhr 40 Min. Gabägib und durch-
zogen die nach dem Euphrat sich langsam abdachende Hochebene, zunächst
in ONO.-, dann in O.-Richtung, bis wir 9 Uhr 10 Min. zum Kabr in Na^räni
^\ -äI!^ ji^ gelangten. Dieser Punkt hat seinen Namen davon, dass hier
vor einiger Zeit ein von seiner Karawane abgekommener Christ, der auf
seinem Pferde eingeschlafen war, sich in der Wüste verirrte und verdurstete.
Alle Nachforschungen nach ihm waren vergebens. Dergleichen Unglücks-
fälle sind durchaus nicht in das Bereich der Märchen zu verweisen, sondern
kommen in der Wüste thatsächlich oft genug vor; besonders gefürchtet
ist die Strecke von Suchne nach ed Der, weil hier auf dem zumeist harten
Hamäd-Boden die Wegespuren sich an vielen Stellen sehr leicht verwischen,
und der Reisende, der den Brunnen von Gabägib verfehlt, unrettbar ver-
loren ist.
Um io\2 Uhr machten wir bei dem Wädi il Rirr ^'\ ^^ i Halt,
in dessen Nähe auf dem Hutzel gleichen Namens, zwischen zahlreichen
glänzenden Gipskristallen, kleine, kaum wahrnehmbare Ruinenreste standen,
die offenbar von einem befestigten Chan herstammten, einem weiteren
GUede in der Reihe der bisher von mir erwähnten Chane. Sonstige
Trümmerreste habe ich von hier auf der Route nach Der ez Zör nicht
finden können, auch keiner meiner Begleiter erinnerte sich, hier Ruinen
gesehen zu haben.
Wir rasteten bis 3 Uhr 45 Min. und kamen um 4 Uhr 30 Min. zum
Wädi il Mälha i^li^ ^^^^j; um 5 Uhr 5 Min. und 5 Uhr 15 Min.
überschritten wir zwei weitere Wädi, die sich links von unserem Weee
vereinigten. 6 Uhr, 6 Uhr 5, 6 Uhr 15 Min. wurde je ein Wädi passiert.
^ ^ j
der letzte Wadi il Ku.seijibe Ax^^^tall iA^\ i genannt. Die Vermutung,
dass hier links am Wege gutes Wasser zu haben sei, erwies sich als
irrig. Dagegen fanden wir in östlicher Richtung, in einer Einsenkung^
des Wädi unweit einer leichten Erhebung, Namens Teil Dimme i/*i |i»,
mehrere Lachen, deren Wasser sich jedoch infolge der starken Verdunstung
als sehr salzhaltig erwies und zum Trinken nicht geeignet war. Hier
sollen sich nachts die Gazellenjäger auf den Anstand begeben.
6 Uhr 20 Min. begann ein breites Thal, abermals il Mälba iLlll
(»die salzige Quelle) genannt, in welchem sich sämtliche Wädis ver-
einigen, die im Winter aus der ganzen Umgebung dem Euphrat Wasser
zuführen.
Kap. IX. Ankunft in Der ci Zör am Eaphrat. 329
Um 7 Uhr hatten wir den Rand des Plateaus erreicht, das steil in
das Stromthal des Euphrat abstürzt. Die grünen Gärten von ed Der, die
Häuser der Stadt und dahinter die gelben Fluten des Euphrat wurden
sichtbar. Es ist unmöglich, die Empfindungen zu schildern, welche
dieser Anblick in mir hervorrief. Freudiger können die Griechen mit
ihrem Ruf Tn^äXarra, ödkarrat die blauen Wogen des ewigen Meeres
nicht begrüsst haben, als wir nach dem längen furchtbaren Ritt durch
die wasserlose Wüste den segenbringenden und Erquickung verheissenden
Strom. Von der verderblichen Glut der Sonne hatten zahlreiche Skelette
von Pferden und Kamelen gezeugt, die unseren Weg von Suchne bis
nach ed Der kennzeichneten. Wir selbst hatten wenige Stunden, bevor wir
das Ziel erreichten, eines unserer besten Pferde verloren. Jetzt wirkte
der Anblick des Euphratthalcs mit seiner üppigen Vegetation wahre
Wunder auf die Spannkraft der Menschen und Tiere.
Fern in Mesopotamien tauchte in der Steppe ein isolierter Hügel,
Namens Teil Hug^cf el Gezire Ij ^\ ^ju^t>' t auf, oberhalb von ed Der
auf dem syrischen Euphratufer wurde eine ähnliche Erhebung sichtbar,
Hug^ef esch Schäm auJ^ ^Ja^j/o- genannt. Wir kamen an einigen
Ruinenresten vorbei, dann wandte sich unser Weg nordwärts, und um 8 Uhr
30 Minuten hatten wir ed Der oder genauer Der ez Z()r erreicht. Unser
Lagerschlugen wir im Norden der Stadt, in unmittelb.'irer Nähe des Flusses, an
einer von blühenden und grünenden Gärten umgebenen Stelle auf. Nie werde
ich das Frohgefühl vergessen, mit dem ich am anderen Morgen das Hild des
Stromes in mir aufnahm, der von zahlreichen, aus aufgeblasenen Schaf- und
Ziegenhäuten hergestellten Flössen belebt war, auf welchen die Bewohner
der oberhalb ed Der gelegenen Dörfer Wassermelonen heranbrachten. Mit
Behagen fröhnte ich jetzt auch dem seit Wochen entbehrten Genüsse eines
Bades, — hatte sich doch in der Wüste infolge des Wassermangels
unsere Toilette manchmal darauf beschränkt, dass wir uns etwas Wasser
in die Hände schütteten und damit das Gesicht bespritzten, um dann
noch die zurückfliessenden Tropfen, die nicht verloren gehen sollten,
begierig aufzutrinken. Jetzt ergaben wir uns auf einige Tage einem
wohligen Genussleben, und es traf sich gut, dass in einem uns benach-
barten Garten ein Cafetier seine Bude aufgeschlagen hatte, der uns mit
seinem duftigen Getränk oder mit einem Nargileh erquickte, ohne da-^s
meine Leute sich darum zu sorgen brauchten.
Der bedeutet »Kloster«, und thatsächlich mag hier früher ein Kloster
gestanden haben. Die ältere Geschichte der Stadt ist in Dunkel gehüllt,
ebenso wie ihr eigentlicher früherer Name *). Grössere Schutthaufen
\' H. Kiepert setzt im Atlas Anti({uus das Birtha des IHoleinaeus an die SteHe von cd Der«
9JO ^^P- I^> ^^r ^' '^^^ cii^Bt und jeut.
und Mauerreste, die sich namentlich unterhalb des gegenwärtigen
Stadtbezirks befinden, sprechen dafür, dass in früherer Zeit hier eine
Niederlassung bestanden hat, die dem heutigen ed Der gewiss nichts nach-
gegeben hat. Ein grosser, langgezogener, dem Euphrat parallel laufender
Damm, der jetzt eine Strasse des modernen ed Der bildet, sowie die Reste
anderer Stauwerke geben Zeugnis davon, dass in früherer Zeit das Euphratthal,
welches gerade bei ed Der eine grosse Ausbuchtung bildet, wohl bebaut
gewesen sein muss. In der armenischen Kirche des heutigen ed Der haben
Kapitale und andere Ueberreste vormuhammedanischer Kunst Ver-
wendung gefunden. Die erste Ewähnung von ed Der scheint in Abulfedas
Chronik unter dem Jahre 1331 vorzuliegen, woselbst von einer Zerstörung
des Dammes von Der Basir durch den übergetretenen Strom die Rede
ist. Der deutsche Arzt und Hotaniker L. Rauwolff*) berührte den Ort
im Jahre 1573 auf seiner denkwürdigen Euphratfahrt von Bire^k
ctA>-^ nach Felluga. Damals war ed Der eine dichtbevölkerte, von Mauern
umgebene Stadt, welche von den Reisenden einen Zoll erhob. In
späterer Zeit muss sie sehr zurückgegangen sein, ihre nominelle
Selbständigkeit scheint sie aber bis in unser Jahrhundert hinein sich
bewahrt zu haben. Chesney fand auf seiner Expedition im Jahre 1837
noch keine türkischen Hehörden dort vor, vielmehr wurde die Stadt
von einem Schcch verwaltet, der allerdings einen jährlichen Tribut an
den Sultan abführte.
Er^t 1867 wurde eine direkte türkische \'erwaltung in ed Der einge*
führt, als *Omar Pascha auf seinem Zug von Aleppo nach Bardäd auch am
Euphrat festen Eu<s fasste und ed Der nach einer regelrechten Belagerung
und Erstürmung in Besitz nahm. Bis zu dieser Zeit war infolge der Höhe
der Durchgantyszöllc, welche die Beduinen von den Reisenden und
Karawanen forderten, ein regelmässiger Verkehr auf der Euphratstrasse
fast unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, dass durch die Zahlung
dieses Tributs die Sicherheit nur so lange gewährleistet war, wie der
Reisende sich in dem Machtbezirk des betreflenden Wüstenstammes
befand. Der Verkehr zwischen Damaskus und Bardad bezw. Aleppo und
Bardäd machte deshalb den grossen Umweg durch Nordmesopotamien über
L'rfa A3j\ Mardin /r^J^» Ciezire, Mösul l^ A\ und Kerkük. Noch
jetzt wird dieser Weg, der ausserhalb des l^ercichs der Beduinen li^^,
von manchen Bardad-Karawanen vorgezogen. In jüng-^ter Zeit erfreut sich
jedoch die Strasse Aleppo —Bardad, welche von Meskene bis Felluga
auf dem rechten Euphratufer fuhrt, einer verhältnismässig grossen Sicher-
' 1-. Rauwolff, Ai£jentlicht' IJjschreibunj; der Reiss. so er in die Morgenländer voll-
bracht. Au^sburp; 1582. S. 1Ü2H.
Kap. IX. Der Verwallungsbezirk y
.Syrischei
heit, dank den kleinen, mit Zaptije besetzten Kischlas, welche die ganze
Strecke in Abständen von einigen Stunden besetzt halten.
Der heutige Verwaltungsbezirk von cd Der, der ein wichtiges Glied
zwischen Syrien und Mesopotamien bildet, ist sehr umfangreich. Seine
Grenze ist im Westen Karjeten, im Norden das St.idtchen Käs il 'Ain, im
Nordwesten läuft die Grenzlinie dicht unterhalb Kakka und im Südosten
etwas oberhalb 'Ana. An der Spitze des Distriktes steht ein Mutcsarrif, der
direkt von dem Ministerium des Innern in Konstantinopel ressortiert. Ihm
fällt vor allem die Aufgabe zu, die Beduinen in Schach zu halten. Zu diesem
Zweck befindet sich in ed Der eine ziemlich starke und leicht bewegliche
Militärmacht, nämlich ein Bataillon regulärer Infanterie, das auf Maultieren
beritten ist, sowie eine grössere Abteilung Zaptije zu I'ferde. Infolge dieser
Jahre hindurch fortgesetzten Machtentfaltung hat Der ez Zör einen rapiden
Aufschwung genommen, der begünstigt wurde durch die glückliche Lage der
Stadt, die gegenwärtig den Knotenpunkt der beiden Hauptkarawanenstrassen
des nördlichen Arabiens, von Habylonicn nach Nordsyrien und von Nord-
mesopotamien nach Siidsyrien, bildet'). In römischer Zeit, wie auch wohl
in der (ilanzzeit der arabischen Chalifate lag dieser Knotenpunkt nur eine
Tagereise stromabwärts bei der Mündung des Chäbür in den Kuphrat.
! Zör is. jelit
ijch Telegraphen
^^2 ^^'^P- I'^' Strassen, Kirchen, Chane. — Der Mutetiarrif Silib Paschiu
Der ez Zor ist gegenwärtig der Hauptmarkt für die Bedürfnisse
nicht nur der durchziehenden Karawanen, sondern auch der Beduinen eines
grossen Teiles der Syrischen und Mesopotamischen Steppe geworden.
die hier die Gegenstände, welche sie selber nicht verfertigen, gegen ihre
eigenen Produkte, vor allem Tiere und Wolle, einhandeln. In den
letzten Jahren sind in ed Der breite und gerade boulevardartige Strassen
angelegt worden, welche sogar Petroleumbeleuchtung haben. Allerdings
entsprechen die in grösseren Zwischenräumen errichteten Häuser noch
nicht diesen Strassenanlagen. Die älteren Hütten der Stadt liegen an
kleinen krummen Gässchen, hauptsächlich in der Nähe des erwähnten
alten Dammes. Der ez Zor hat zwei Moscheen, deren jüngste erst vor
einem Jahr vollendet war, sowie zwei christliche Kirchen. Die Be-
völkenmg, etwa 6000 bis 7000 Muhammedaner und 700 Christen, ist
in stetem Zuwachs be^^Tififen. l'nter den Christen findet man die ver-
schiedensten Hekenntnisformen: unierte Svrier, Alt-Svrier, orthodoxe
Griechen, katholische Griechen und Armenier.
Dem starken \'erkchr dienen grosse geräumige Chane. Die Bazare
der Stadt sind reichlich versehen, und man findet hier sogar europäische
LuxuNgegensthndc. Die Hemerkung des englischen Touristen Swainson-
CowperM, der aufzählt, was er hier alles nicht gefunden hat — es sei ihm
in ed Der nicht möglich gewesen, einen Napoleon zu wechseln, einen Fisch
zu kaufen oder einen Korb oder eine Blechbuchse sich zu verschaffen —
klingt sehr merkwürdig und mag auf die von ihm selbst eingestandene
Unfahii:^keit, sich auch nur seinem Dragoman verständlich zu machen,
zurückzufuhren sein. Ich seihst habe mir in ed Der durch die Vermittelung
i\cir> Mutesarrif von einem syrischen Christen 200 blanke Napoleons,
einen für die dortii^^Mi \'crhaltni>>e gewiss sehr hohen Betrag, auszahlen
lassen kennen, für die er sich hei einem Geschäftsfreund in Urfa decken
wollte, auf welchen mein von der Firma J-ankhänel ^v: Schittner in Damaskus
ausgestellter Kreditbrief lautete.
Ich besuchte den Mutesarrif wiederholt in seinem Serai, das am
Südostende der alten Stadt hart am luiphrat lag. Das Serai besteht aus
einem weitliuulgen lief und den nach dem Fluss zu belegenen Räumen
der Verwaltung; zu dem Cxebaudecomplex gehörte eine kleine Moschee.
Der Mutesarrif Salih Pascha machte den lundruck eines energischen und
wohlorientierten Mannes. Mehrfach nahmen wir an seinem Frühstück
im Regierungsgebäude teil. Die obersten Beamten des Bezirks waren
dauernd seine Ciäste, der Rest der Mahlzeit ging an die Unterbeamten.
Die Speisen waren sehr schmackhaft nach türkischer Art zubereitet.
F\ir uns war es ein besonderer Genuss, jeden Tag frisches Fleisch
' Vrr^l. Swains«>n-(.'<)vv]>er. riirki>h-Aral)ia, I.uiiilon 1S94, S. 164.
I
f
1'
Kiip. IX, Kä'i
333
und frisches Gemüse und sogar Obst verschiedener Art auf die Tafel
zu bekommen.
Dem heutigen ed Der gerade vorgelagert ist eine grosse lang-
gestreckte Insel, durch welche der majestätische Euphral kurz oberhalb
der Stadt in zwei Arme gespalten wird. Die Verbindung mit der Insel
wird bei dem Serai durch eine hölzerne, feststehende Brücke, der ersten
und letzten auf dem liuphrat von Meskene an, hergestellt. Die Insel
ist wohl angebaut und wird von mehreren Wasserschöpfwerken, Nü'ura
äjjct und Cikd 2j>-. bewässert.
Die Xfriira sind unseren Haggcrniaschineu ähnlich, mit einem in
dem Fluss befindlichen Rade, das von der Strimiuntj selbst getrieben
wird. Die an dem Rade befestigten Thongcfasse entleeren sich in eine
Rinne, welche das Wasser landeinwärts führt. Um den Wasserdruck zu
verstärken, ist gewöhnlich ein Steindamm stromaufwärts in den l'"luss
hineingebaut. Die Nä'iira von ed Der sahen gebrechlich aus, weil die
hier wachsenden ra]>pe!n und 'ramariskon kein geeignetes Bauholz liefern.
Obgleich der grosstc Teil des Wassers bei den Umdrehungen dieser
primitiven Schöpfwerke \crlorcn geht, bevor es sich in die Rinnen ent-
leert, ist ihre Leistung eine ziemlich beträchtliche. Sie .stehen gewohnlich
Tag und Nacht in Betrieb, haben aber den grossen Uebelstand, dass
sie zu arbeiten aufhören, sobald das Niveau des Flusses unter die
334
Kap. IX. Gird.
Peripherie des Rades tällL Mit der Erbauung dieser Schöpfwerke be-
schäftigt sich eine eigene Klasse von Einwohnern, deren Kunst sich vom
Vater auf den Sohn vererbt. Die geschicktesten Handwerker sollen in
Syrien leben, wo diese Wasserräder stellenweise riesige Dimensionen er-
reichen'). Viel primitiver noch sind die Gird, galgenartige Gerüste,
über deren Querbalken ein oder mehrere Stricke laufen, durch welche
Gird,
mit Was-ier ^'cfullte Gef.issc von Tieren emporgczogen werden, die eine
schiefe Kbene hinub.-icli reiten. Eine andere Art des Wasserschöpfens ist
am unteren TifTri.-; gebräuchlich; dieselbe besteht darin, dass zwei Arbeiter
gemeinschaftlich ein flaches, schiisselartiges Gefäss an einem Stricke takt-
mä-f<ig in das Wasser tauchen und den Inhalt ausschwenken. Pumpen
sind in Syrien und Mesopotamien fast noch ganz unbekannt; nur in
Hardäd sah ich spater ein paar Dampfpumpen im Gebrauch.
r .S(.-i,lt Ilsn
sich
in lolches \V«i»erTad lon Ober
i